Zwischen Sack und Pelle

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Bevor ich Bilder vom zuletzt beendeten Rock zeige, wird es lang und ausführlich. Nehme ich an; wer weiß schon, wohin es mich schreibend treibt …
Im Augenblick treibt mich – wieder einmal – die Besessenheit. Die Besessenheit, ein gut sitzenden Rockgrundschnitt zu erstellen. Klingt erst einmal nicht dramatisch. Aber es gibt Kriterien, die ich erfüllt sehen will. Eigentlich habe ich keine Lust, daran zu arbeiten, ich möchte nur das Ergebnis, das gerne vom Himmel in meine Hände falllen darf. Wo liegt die Schwierigkeit, was will ich ich haben?

Ich will einen Rockgrundschnitt, der für Röcke, nicht für Kleider gedacht ist – diejenigen, die sich mit Konstruktion befassen, wissen, dass es da einen Unterschied gibt: Kleiderröcke sind vor allem an das Oberteil angepasst, müssen andere Bewegungen mitmachen – beispielsweise das Heben der Arme. Sie sind meist etwas figurumspielender. Ein Rock-Rock ist entsprechend enger, häufig liegt auch die Seitennaht weiter vorne.

Das wäre ja noch nicht sooo dramatisch (obwohl: mir reicht das schon. Im Grunde. ) Aber ich will nun endlich einen Grundschnitt, der NICHT modern ist – sprich: keinen Abnäher im Vorderteil, nur einen im Rückenteil. Eigentlich auch kein Problem, denn ich habe ja hier die passende Anleitung aus dem Harriet-Pepin-Buch.

Aber weil ja zwei Kriterien irgendwie albern sind, um sich davon in den Wahnsinn treiben zu lassen, will ich noch einen dritten Wunsch erfüllt bekommen: ich möchte natürlich absolut umwerfend darin aussehen …

Nun. Also. Tja. Die Maße nehmen, den Grundschnitt zeichnen und einmal probenähen – das war ja nicht das Ding. Wie üblich bei diesem 40er-Grundschnitt stellte ich fest: das darf ein bißchen weniger spack sitzen. Aber ebenfalls wie immer, wenn man einen ersten Proberock nach den eigenen Maßen trägt, gibt es diesen Moment von “Hallo!” – nach wie vor stehe ich begeistert-fassungslos vor dem Spiegel und vergleiche das noch nicht richtig gute mit dem vor Jahren nach fertigen Schnitten genähte und stelle fest: das ist schon nun um Längen besser.

Aber dann geht es los: hier ein bißchen mehr Weite, hier ein bißchen was weg, hier einen Zentimeter höher, dort vier Millimeter runter – mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Irgendwann siegen Unlust, Faulheit, Zufriedenheit und Langeweile und ich entscheide: so ist es gut, besser wird es nicht. Und dann schnappe ich mir einen nicht zu geliebten Stoff (so noch einer vorhanden ist) und wandle den Grundschnitt in ein gewünschtes Modell um und nähe. Und probiere. Es steht dann gerne 50:50. Entweder es ist alles wunderbar und wie berechnet. Ober aber es zeigt sich nun in der Abwandlung der übersehene Fehler des Grundschnittes.

Ist alles wunderbar, so wird der Grundschnitt auf Pappe gebannt und als Schablone für die nächste Abwandlung verwendet. Die meist auf dem Fuße folgt – von wegen ein Erfolg jagt den nächsten, hahaha. Manchmal aber zeigt erst das zweite Modell, wo es hakt. So war es auch in der letzten Woche. Vor zwei Wochen erstellte ich den neuen Grundschnitt, werkelte immer mal wieder an den Probemodellen, erstellte die erste Variante und nähte sie montags in der Nacht – der Vorteil eines dienstreisenden Gatten liegt in diesen nächtlichen Rattereien. Der Nachteil, das sei pflichtschuldigst erwähnt, liegt darin, dass die Kinder grundsätzlich dann krank werden und mich anstecken, wenn der Gatte nicht da ist.

Nun gut, Modell eins sollte ein ganz schlichter, aber sehr typischer Mittdreißiger-Rock werden: wadenlang, sehr schmal und mit mäßig schwingender Weite am Saum; in diesem Fall ausschließlich in der VM. Dazu fand sich ein Romanit-Crêpe (oder Crêpe-Romanit?) in dunkelblau. Schnell genäht, schnell getestet, einen kleinen Fehler gefunden – doch zuviel Länge in der HM-Taille weggenommen, lässt sich mit leben. Aber ein unglaublich bequemer Rock mit schöner Bewegung, durchaus stilecht, wenn ich denn einmal auf farbige Strümpfe verzichten würde und passende Blusen nähte. Ja, ich war sehr angetan. Ha!

Ja, ha! Denn im nächsten Schritt wollte ich die Vierziger auch einmal etwas stilechter nachbauen: dadurch, dass der hintere Abnäher tiefer und schmäler ist als bei meinem Rock auf moderner Grundlage, blieb er auch nach dem  Zulegen der Abnähers und Aufschneiden des Saumes deutlich schmäler als es all meine anderen weiten Röcke sind. Das war schon mal ein Erfolg. Dass ich aber beim Ändern des Vorderteils ein wenig verloren dastand – weil ja kein Abnäher da war und sich die Hüftkurve bei allen möglichen Möglichkeiten sehr veränderte, aber egal, DAS führt nun wirklich zu weit, bitte streichen – half nicht, den Fehler sofort zu erkennen. Den bemerkte ich dann, als ich den Rock anzog: die Silhouette (kürzer als sonst, schmal in der Hüfte, leicht ausgestellt mit sanftem Schwung) stimmte und ich wollte schon jubeln. Was so ein mieses Kellerlicht doch alles bewirken kann. Als ich allerdings die Details – also die unwesentlichen Dinge wie RV und Passform – im oberen Stockwerk betrachtete, war ich eher geschockt als glücklich: das verdammte Ding saß doch sehr, sehr körpernah. Bzw. säße es, wenn es nicht von der Hüfte weg als Wulst auf meine Taille geflohen wäre.

Da saßen wir nun: der Rock auf meiner Taille und ich in der Bredouille. Denn in meiner jubelnden Erfolgsarroganz hatte ich auf breite Nahtzugaben verzichtet, die bei meiner Hüftrundung doch nur Ärger machen würden. Mehr als einen halben Zentimeter auf jeder Seite konnte ich nicht rauslassen. Aber immerhin, das hätte reichen sollen. Und so begab ich mich zurück an den Arbeitstisch – da ich mir vor einiger Zeit vornahm, Projekte nur dann liegen zu lassen, wenn sie absolut und vollkommen hoffnungslos verloren sein sollten. War es nicht und der Stoff, eine wirklich edle Woll-Seiden-Mischung, gehörte zu den geliebten Schätzen. Also trennte ich. Sogar den Bund. Und da sprang er mir in die Augen, der ganz, ganz große Fehler, der sich bei bundlosen Proberöcken und weichen Romanitstoffen verstecken konnte: die VM lief leicht spitz nach oben. Irgendwo, irgendwann, irgendwie hatte ich die Taillenformung falsch ausgeschnitten, abgemalt oder sonstwie verdorben. Und da war er dann, der Moment, der mich zwang, erneut alles zu überdenken und mit Proberöcken zu beginnen.

Und wieder legte ich los: Freitag bis in die Nacht und gestern steppte ich, trennte ich und probierte ich. Ganz dumm übrigens, sowas freitags spät in der Nacht zu tun, nur um dann verzweifelt zusammen zu brechen, weil der Bauch immer größer zu werden schien. Am nächsten Morgen wußte ich: das tat er wirklich; 9 Stunden lang am Tisch zu sitzen und dabei immer wieder Nüsse, Lakritze, Brote und Nudeln mit Käse in sich hinein zu stopfen ist einfach keine gute Idee, wenn man gleichzeitig eine anständige Rockpaßform erarbeiten will. Der Rock, den ich nachts um 23:35 mühsam schließen konnte, sauste am nächsten Morgen an mir herunter. Und das war das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, ich müsse mich wohl zwischen Sack und Pelle entscheiden.

Was ich nicht will, ich will ja die perfekte Balance zwischen beiden. Im letzten Jahr, als ich mich monatelang mit dem neuen Grundschnitt befasste, befassen musste, hatte ich irgendwann entschieden, ich ginge nun den leichtesten Weg. Der Rücken will sich einfach nicht gut anpassen lassen: dann mache ich ihn einfach kürzer und lasse ihn über meiner Taille enden, basta. Nun saß er glatt und der Rock musste sich fügen. Was ich dann dort weitertrieb und die Hüfte so weit machte, dass mein sich nach unten wegwölbender Bauch perfekt überspielt wurde. Dass ich die beiden “engen” Röcke danach nur noch zum Putzen und bald gar nicht mehr trug – es waren einfach Säcke, die mich auf Bildern, vor dem Spiegel und wahrscheinlich auch im wahren Leben einfach nur breiter und formloser machten als nötig.

Die Alternative allerdings – so ich ein wenig mehr Form zeigen will – scheint immer nur die Variante zu sein, bei der ich mehr zeige, als mir gefällt. Diesen Punkt zwischen beiden Extremen zu finden … ich bekomme es nicht hin. Und so habe ich das Gefühl, ich müsse mich entscheiden, was mir besser gefällt und/oder was mich mehr stört. Die körpernähere Variante gefällt mir als Silhouette frontal betrachtet deutlich besser, die weitere ist von der Seite schöner. Was nun?

Ja, ich habe gewarnt, es wird lang! Aber nun doch noch schnell zum Montagsrock. Nur für euch habe ich mich um größtmögliche Stilechtheit bemüht und da ich keine Feinstrumpfhosen im Hause habe, stand ich nackten, kalten, frierenden Beinen im Wohnzimmer und habe die neue Kamera bemüht. Sechs Bilder habe ich geknipst, sechs Bilder kann ich euch zeigen! DAS ist mal ein Erfolg 😀 Fühlt sich doch gleich wieder ganz anders an.

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Mit der Weite/Enge, die ich bei diesem Rock erreicht hatte, könnte ich gut leben – liegt aber vermutlich nur am Romanit, dass es sitzt, wie es sitzt. Seufzend werde ich mich nun in die Küche begeben, um das Mittagsraclette vorzubereiten. Hach, ne …

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