1930 – Ha!

Ich nehme an, müsste jemand anhand dieses Blogs beschreiben, welche Charaktereigenschaften ich besitze, so kämen zwischen hoffentlich einigen schönen auch solche Begriffe zur Sprache: pingelig, perfektionistisch, ungeduldig, verbissen, selbstkritisch und unzufrieden. Das wird zumindest immer mal wieder kommentiert und ich sage mal: unrichtig ist das nicht, wobei ich bei pingelig und perfektionistisch sofort ein Schuldgefühl größeren Ausmaßes verspüre – denn das sind ja in meinen Augen Ehrentitel, die ich wahrlich nicht verdiene. Ist etwas nicht willig, so wird es in die Tonne befördert. Muss ich mehr als zwei halbe Nähte trennen oder einen Reißverschluss öfter als dreimal einnähen, dann kommt es in die Schublade. Manches findet seinen Weg dort nur hinaus, um in besagter Tonne zu landen, oft nicht, ohne vorher einige schmerzliche Experimente durchleiden zu müssen. Am Körper anpassen noch und nöcher – gar nicht mein Ding. Einen Stoff unbedingt retten wollen – ich bin die falsche Adresse. Ein Innenleben schaffen, dass auch außen getragen werden könnte – wenn es sich so ergibt … (tut es bislang nicht, seltsam). Mich von Kurs zu Kurs schleppen und belehren lassen – welch eine Hölle, denn da sind ja Menschen in Ansammlungen! Alles über vier weitere neben mir sind Massendemonstrationen, in denen ich mich unwohl fühle. Ich bin unbedingt ein Einzelgänger, eine Katze, achwas, eine Tigerin auf ihrer einsamen Jagd. Eine allerdings, die sich liebend gern mit anderen dieser Rasse unterhält, sich gerne kümmert, gerne hilft und gerne schenkt. (Ich sage das jetzt mal, damit sich keine der sehr lieben Leserinnen genötigt fühlt, meiner Negativliste weiter oben eine Positivliste meiner Eigenschaften hinterher zu schieben 😀 )

Nun stelle ich mir die Frage – ihr euch auch – was zum Henker möchte ich gerade sagen? Ach, was weiß ich, wer hierher kommt, weiß ja mittlerweile, was ihr so blüht, wenn ich Zeit und Schreiblust habe: blubberblubberblubber. Was mir in den Sinn kommt, mir auf die Zunge springt (meist das Herz), das muss raus und ich kann nichts dagegen tun.

Aber ach doch, ja, es fällt mir wieder ein: ich wollte mal was positives über mich sagen. Eine innere Sperre verhindert, dass ich das einfach so tue, das kommt mir einfach nicht über die Lippen – vorher muss ich mich erklären, muss klar machen, ich meine das ja gar nicht so. Ich bin schon stolz, was ich mir in den letzten Jahren so durch Selbststudium und Sammelwut angeeignet habe, auch, dass ich trotz all des Frustes, Ärgers und meiner Ungeduld nicht aufgegeben habe. Ich trage bis auf Wäsche, Strümpfe, Schuhe und einer Sporthose seit Jahren nur Selbstgemachtes und nun stammen auch die Schnitte dazu schon einige Zeit lang nur von mir. Doch ja, darauf bin ich schon ein wenig stolz.

Und nun wollte ich ja aus meiner Kuschelzone heraus und eine völlig neue, für mich neue, Silhouette testen. Ich bin ja figürlich nicht ganz leicht mit meinen Proportionen und von daher ist das wirklich ein großer Schritt. Gleichzeitig wollte ich mich ausnahmsweise auch um Authenzität bemühen. Das ging gründlich schief und wenn ich ganz ehrlich bin: ich bin gar kein so großer Freund von seitlichen Verschlüssen, von Druckknöpfen oder verdeckten Reißverschlüssen. Nähe ich nicht gerne, trage ich nicht gerne, sieht auch nicht wirklich gut aus an mir. Verbissen, wie ich aber manchmal bin, habe ich es versucht und es war ein Ringen epischen Ausmaßes zwischen dem “richtigen” sprich originalen Weg oder meinem eigenen. Nun bin ich froh, mich für meinen Weg entschieden zu haben, so dass ich mich um Paßform und Authenzität nicht mehr kümmern muss, sondern nur die Linie im Auge haben kann.

Da kommt nun endlich der Punkt, an dem ich stolz bin auf mich: ich denke, das habe ich geschafft. Ich habe die für mich richtige Rocklänge und -weite gefunden, die deutlich frühe 1930er ruft. Der Rock sitzt nahezu perfekt, was ich den Abnähern danke. Auch die Höhe der Taille ist genau richtig, hier habe ich gemerkt, dass ich mich und meine Maße und Proportionen mittlerweile gut kenne – die ursprüngliche Höhe wäre für mich zu hoch gewesen und hätte den Eindruck der richtigen Linie verdorben.

(So viel Vorrede, nur um einmal sagen zu dürfen: DAS habe ich richtig gemacht!)

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Ok, fotografieren kann ich gar nicht und während ich sonst 6 Bilder knipse und gut ist, stand ich heute eine halbe Stunde vor der Kamera. Schöne Motive habe ich in unserer Wohnstatt auch nicht, draußen ist kalt und sowieso … ich lebe damit, dass diese Bilder auch meine Nichteignung zur perfekten Hausfrau dokumentieren. Denn hey, ich habe es geschafft – der Rock ist genau, wie er sein sollte. Zwei kleine Fehler gibt es: der linke Abnäher knubbelt sich ein wenig mit dem Sattel, weshalb die Steppnaht auf manchen Bilder wellig erscheint. Und ich hätte die Falten tiefer nehmen sollen anstelle der angegebenen 4 cm, dann würden sie schöner fallen. Aber auch mehr Stoff verbrauchen und von daher stimmt es dann doch wieder, war ja keine Zeit des Überflußes für alle.

Zur Bluse: da zeigt sich, dass ich eben null pingelig oder perfektionistisch bin (es aber gerne wäre, wenn es weniger Aufwand bedeutete). Diese Bluse ist noch nach einem fertigen Schnitt genäht vor drei Jahren oder so. Armloch ist viel zu tief und viel zu breit, die Taillenweite enorm und trotz der Weite nimmt nichts in diesem Schnitt Rücksicht auf meine Oberweite. Nun mag ich sie gerne, trage sie nur kaum. Lange, lange habe ich mit mir debattiert, ob ich sie öffne und anpasse. Siehe da, ich habe dazu keine Lust. Was also tue ich? Ich kneife das Armloch an unauffälliger Stelle um 2 cm zusammen und steppe das ab und setze eine kleine Falte an die vordere Taille – gerade eben, kurz vor der Fotosession. Nicht schön, aber schnell. So ist das mit mir …



18 thoughts on “1930 – Ha!”

  • Super! Ich finde den wirklich richtig gut! Art Déco schon von Weitem und die Passform ist echt klasse – die Länge mag ich auch sehr an Dir. Das hast Du goldrichtig gemacht 🙂

    Das einzige, was mir aufgefallen ist, aber das ist dann wohl mein eigener Perfektionismus, ist das plötzliche Ende der weißen Ziernaht in der Seitenaht – das mag ich insgesamt immer nicht so und wurde das wohl weiterzieren..

    • Habe ich auch drüber nachgedacht – aber mir dann gesagt, dass ich keine Lust habe, im Rückenteil mit Sattel zu arbeiten – da muss dann so vieles aufeinander treffen und das Geknubbele mit dem RV dann. Und so bin ich dann beim Original geblieben. Ich bin ja sonst auch so ein Rundumsymmetrie- Freak 😉 Aber da ich meine Rückseite auch möglichst nicht betone, bin ich erstaunlich happy.

      Vor allem finde ich, es steht mir erstaunlich gut, trotz totalen Spießeralarms. Bin mal neugierig, ob ich damit in Bonn nicht doch mal auffalle …

  • ich find die Form sehr schön und für Dich optimal – ich kurzer Knubbel hab jetzt für mich entschieden, dass bei mir einfach eine italienische Länge (wer kennt den Ausdruck noch?) und eine gerade Rockform optimal ist… weil klein + rund + langer Rock + ausgestellt = Kügelchen 😉

    • Italienische Länge kenne ich auch noch 😀 Aber du müsstest mal experimentieren, da könnte was spannendes bei rauskommen. Wir könnten uns ja mal treffen – also bevor ins gemeinsame Altenheim ziehen und uns dort zufällig kennen lernen 🙂

      • Sollten wir – bevor mein Arbeitgeber meint, mich nach Erfurt umstapeln zu wollen. So jung (und so dicht) kommen wir nie wieder zusammen – sagt schon meine Oma immer *lach*

  • Die Linie sitzt perfekt und schreit nach 1930. Auch die Kombination mit der Bluse steht Dir ausgesprochen gut. Perfektionismus ist eh was für Leute die es nicht leisten können Spaß zu haben 😉
    Ich mag diese geraden Linie der 1930 sowieso lieber als weite Fluff-Petticoats aus den 50iger. Irgendwie haben die 30iger eine sehr elegante und erwachsene Mode. Ich bin 1,80 m und süß und fluffig wirkt bei mir nicht.

    Weiter so und bleib wie Du bist!

    • Da sprichst du ja gelassen etwas aus, was ich auch denke: 50er sind so gar nicht meines. Durchaus gibt es viel schönes und Bleistiftröcke, Twinsets und sogar mäßig weite Röcke, Teekleider und Caprihosen – ja, gerne, mag ich alles. Aber diese übliche 50er-Verwurstung mit wahnsinnig viel Fülle, viel Gerüsche und vor allem viel eingeschnürten Fleisch – ne, da sträubt sich bei mir alles.

      Für mich stehen die 20er für eine vollkommen neue Freiheit und Leichtigkeit, für eine perfekte Mischung zwischen viel Deko und sehr schlichter Linie, für eine gewiße Alterslosigkeit.
      Die 30er sind eine deutlich erwachsenere, femininere Fortführung dieser Linie, für eine klare Haltung.
      In den 40ern musste es praktisch und weniger feminin sein und im Grunde ist die Mode dieser Zeit diejenige, die sich am leichtesten in unseren Alltag übertragen lässt, ohne verkl.eidet zu sein.
      Und die 50er? Da schreit das meiste: Frauen, zurück an Herd und Heiratsfront. Schnürt euch ein, verändert euch, seid auf gar keinen Fall anders …

  • Wunderbar! Das hast du richtig toll hin gekriegt. Ich glaube den Umweg über das Kleid hast du einfach gebraucht um zu diesem Ergebnis zu kommen.
    Die Länge finde ich richtig toll an dir.
    Liebe Grüße
    Arlett

    PS: Oberteilgrundschnitt ist gezeichnet, werd ihn morgen mal Probe nähen.

    • Oh, du bist ja richtig fleißig, da bin ich gespannt, was du dann zu zeigen haben wirst.
      Und Umweg übers Kleid, ja, ich denke, du hast recht. Ich habe richtig Lust, einen weiteren verrückten Rock zu bauen und dann zu schauen, wie das mit dem Kleid weiter gehen wird. Aber jetzt habe ich erst mal einige Tage keine Zeit dazu 🙁

  • Ich finde den Rock ganz wundervoll, mit der Bluse ein schönes Ensemble!
    Da kannst du wirklich stolz auf dich sein!!
    Liebe Grüße, Bettina

    PS: Ich nähe gerade für mich, habe aber keine Zeit zum Bloggen … ab März gibts dann wieder was zu sehen. Allerdings habe ich gerade der Perfektion den Rücken zugedreht: Ich finde immer was zum Meckern und wenn es eine schiefe Naht ist. Aber: Solche Sachen trage ich dann tatsächlich – im Gegensatz zu den Perfekten, die muß ich ja schonen!!

    • Das wurde aber auch Zeit, dass du wieder für dich nähst – du hast so tolle Kleider genäht, alles saß so toll und passte so gut zu dir; ich gebe zu, das habe ich schon einige Male vermisst. Jetzt freue ich mich aber sehr, sehr, sehr 🙂 Bis März werde ich noch so gerade aushalten können …

    • Vielleicht müssen wir diese Art der Anpassung einfach umformulieren: nicht huschhusch und unschön, sondern genial einfach und sicher in der Anwendung durch überragende Erfahrung 😀

  • Ein toller Rock und er steht dir wirklich ausgezeichnet.
    Ich bin zugegebenermassen aber auch ein Fan von assymetrischen Schnitten, also allein schon damit hättest du mich geködert 😉
    Mag die Rocklänge der 30er sehr gerne an anderen, kann sie mir, die ich nicht einmal die 1,60 erreiche, aber selber nicht wirklich leisten, ohne wie ein Gnom auszusehen, bzw. muss sehr aufpassen was Schnitt und Schuhwerk angeht, um diesen Effekt zu vermeiden.
    Und auch wenn sie da in der Seitennaht enden, die kontrastfarbigen Steppnähte sind super, noch so ein kleines Sahnehäubchen auf einem sowieso schon sehr feinen Kuchen.

    • Ich bin da immer sehr hin- und hergerissen, wenn es um bestimmte Kleiderformen für bestimmte Körperformen geht. Sicherlich denke ich auch oft, wenn ich andere Frauen betrachte: na, das könnte sicherlich schmeichelhafter gestaltet werden. Auf der anderen Seite gibt es einige Grenzen, die ich als solche nicht so eng setzen würde.

      Ins Ideal der Zeit passe ich mit meinen ausgeprägten Hüften ja auch nicht, aber dennoch meine ich: geht und wirkt auch – das Ziel, besonders schlank und groß zu wirken, wird erreicht.

      Klein zu sein ist ja etwas, was vor allem in Kontrast zu anderen stattfindet – von vorneherein zu sagen, lang geht nicht, finde ich zu einengend – wobei das ja eine “Regel” ist, die uns seit Jahrzehnten vorgebetet wird. Aber jetzt kann ich mich immer weiter verrennen, denn das ist ein Thema, das mir seit einigen Tagen durch den Kopf spukt – vielleicht wäre es mal wert, darüber zu schreiben und Meinungen und Erfahrungen auszutauschen 🙂

      • Und jetzt habe ich doch noch mal bei dir geschaut und du bist so zart und zierlich – ich kann mir das an dir sehr gut vorstellen, vielleicht einfach in einer weicheren Variante 🙂

  • Wunderbar! Beides total schön, der Rock ist dir wirklick gut gelungen. Ich muss grade schmunzeln über deine Söhne, weil ich stelle mir das so vor: “Nein, Mama, der Rock macht WIRKLICH nicht alt und auch nicht dick, kannst du jetzt mal aufhören uns zu nerven …”

    • Ich dachte, du wärest in Moskau gewesen und nicht in meinem Wohnzimmer??

      Bin aber immer erstaunt, was ihnen gefällt und was nicht. Ich fragte sie vor einiger Zeit mal, ob ich auch Jeans tragen müsse wie all die anderen Mütter – beide schauten total angewidert 😀

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