1930 – II. Schritt

Im allerletzten Moment, die Schere schon in der Hand, entschied ich mich um und schwenkte von einem steifen, gewiß knitteranfälligen Leinen-Baumwoll-Stoff in hellgrau-melange um zu einem ebenfalls recht steifen, eher knitterresistentem Stoff unbekannter Zusammensetzung und Herkunft in dunkelblau-strukturiert. Wenn ein Stoff wie wild knittern will, dann sollte ich auf etwas schmal sitzendes verzichten, da würde mich meine Rückseite ganz schnell ärgern und ins dunkle Zimmer jagen. Leinen knittert, das möchte ich mal sagen, kein bißchen edel, sondern vollkommen undiszipliniert. Bei einem weiten Rock kann ich damit leben, aber sonst …

Ich habe also den blauen Stoff zugeschnitten und damit den – was? – den 5.? 9.? 12. Stoff in Folge erwischt, der franst, franst, franst. Ursprünglich wollte ich morgen vormittag nach langen Wochen das erste Mal wieder in die Innenstadt fahren und dort so tun, als hätte ich Zeit, Geld und Muße, zu flanieren und zu schauen. Allerdings kann ich es nicht riskieren, diesen Stoff länger als nötig alleine zu lassen. Ich bin mir nicht mal sicher, dass ich zu Bett gehen darf: er löst sich sonst auf. Vorsatz also ist: morgen vormittag endlich einmal flott, flott, flott zu nähen. Aber wer braucht schon Vorsätze? Oder genauer: wer hält sich schon daran? Soo spießig kann man doch gar nicht werden. Hmm, ich stelle mir da gerade selbst ein Beinchen. Nicht weiter darüber nachdenken.

Dieser mir vollkommen unbekannte Stoff, der mutmaßlich ein Restcoupon von Karstadt war, höchstwahrscheinlich eine Polymischung, durch die mal ein oder zwei Schafe getrampelt sind – so zumindest riecht es beim Bügeln – und der eine wirklich seltsame Struktur hat, dieser Stoff nun also soll bitteschön ein gelungener Rock werden. Wie ich so da stand und Falten bügelte, dabei feststellte, dass dieser Stoff (er heißt ab nun nur noch: DIESER Stoff wie in DIESE Person …) das in Form bügeln nur mäßig enthusiastisch mitmachte, kam mir in den Sinn, dass er sicher an Strümpfen kleben würde und im Sommer zu warm würde. Futter ist nicht genügend vorhanden, will ich auch nicht drin haben. Ein Frühjahrsrock also für die ersten Tage mit bloßen Beinen. Und was gefällt mir dann immer besonders? Maritimes. Was also tun? Weiß absteppen, was die Linien des Rockes betonen würde und einen leichten art déco – Einfluß darstellen könne. Schönreden kann ich mir ja vieles 🙂

img1162

Vorderseite ist nun fertig, die Rückseite wird vollkommen schmucklos, könnte schnell gehen, morgen vormittag, theoretisch.



6 thoughts on “1930 – II. Schritt”

    • Sagst du mal wieder so leicht: überall, wohin ich trete, will ich auch hin.Vielleicht sollte ich mal mit mir einig werden, bevor ich ständig weiter über meine Füße stolpere 😀

    • Ruhe? Interessante Vokabel; habe ich schon einmal irgendwo gehört. Ich gehe nachher gleich mal die Bedeutung nachschlagen. Jetzt schlafe ich noch ein wenig – Tom hat die ganze Nacht in meinem Zimmer umhergeröchelt – und dann mache ich mich an die Rückseite.

      • Röcheln hatte ich hier letzte Woche. Zwei Nächte habe ich den Atem des Kindes bewacht und kaum geschlafen. Und die kleine Lady war trotz allem morgens ab 7 Uhr Putz munter.

        Jetzt schlaf noch ein bisschen und dann frisch ans Werk.

  • Ich drück dann mal die Daumen, dass sich der Rücken über Nacht nicht aufgelöst hat 😉
    Beim Betrachten der Fotos dachte ich: Oh wie schön! Moment, mit einer ähnlichen Schnittführung hatte ich mal eine Hose. Aus dunklelblauem Crepe mit weisser Zierstepperei. Und ich habe sie geliebt! 😉

    Gute Besserung an den jungen Mann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Einverstanden

Please leave these two fields as-is:

Protected by Invisible Defender. Showed 403 to 547.411 bad guys.