2019 also …

Nun ist es schon bald drei Wochen alt, diese neue Jahr, und hurra! – wie viel Freude, Hoffnung und Frohsinn bringt es mit sich …

Ähm, ja, äh, ha, nö. Irgendwie nicht. In zwei Tagen werde ich 51 und hätte man mich vor dreißig Jahren oder meinethalben vor fünfen gefragt, wie ich mir die Welt und mein Leben dann denke, ja heidewitzka, was hätte ich prächtig daneben gelegen!

Schön ist, dass ich damals höchstens leise und schüchtern gehofft hätte, ich schriebe Romane, und dass das nun wahr ist. Da ich mir nie Ruhm und Reichtum erhofft hatte (und auch wirklich nicht wüsste, wie man damit umgeht), kann ich zufrieden sein: Bin nämlich weder reich noch bekannt, sondern habe eine sehr kleine, aber dafür eben besonders feine Leserinnenschaft gefunden – ich bin einfach nicht vor die große Welt gemacht.

Und das hätte ich eben nie gedacht: Dass die große Welt auch nicht für die große Welt gemacht ist, sondern in Wirklichkeit nichts weiter ist als ein muffiges Kuhdorf von drei oder vier beschränkten Familien, die sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, nachdem sie sich inzestuös zu scheinbarer Größe aufgepimpt haben. Sieht alles nicht gut aus für die anderen, die sich wundern, wie die dämlichsten Mitglieder dieser Familien nun an der Spitze von Große-Welt-Staaten stehen und weiterhin nichts anderes wollen, als Köpfe einzuschlagen. Nun ja, um jetzt den Bogen zu schließen, beende ich diesen Vergleich mit der Tatsache, dass meine Leserinnen ganz offenbar nicht aus diesem Kuhdorf kommen und darin meine Hoffnung begründet liegt. Und jetzt denke ich, dass ich vielleicht in der echten großen Welt doch zu Ruhm und Reichtum käme, weil dann alle so klug und liebenswürdig wie eben jene Leserinnen wären. Mehr Kompliment geht nicht, oder? Also für die Leserinnen, die ich kennengelernt habe, nicht für mich, ich gerate da nur zufällig hinein.

Das Verrückte aber ist, dass ich vermutlich deshalb zehn und mehr Stunden am Tag mit dem Schreiben und Korrigieren und Planen von Romanen verbringe, weil ich irgendwie Angst habe, nicht mehr alle Bücher schreiben zu können, die ich im Sinn habe. Weil das dämliche Kuhdorf die große Welt kaputtschlägt. Und das setzt bei mir zumindest zweierlei frei: Viel schreiben, arbeiten, wegflüchten und irgendwie das alte Kinderspiel in mein Tun umsetzen: Kennt ihr das noch, wie man früher zu Schulzeiten – gerne im Winter – auf den Bus wartete und der kam nicht? Wie man irgendwann dazu überging, sich Prophezeiungen einfallen zu lassen, die ihn herbeizaubern sollten? “Der dritte Wagen, der um die Ecke kommt, ist mein Bus.” “Wenn jetzt ein Hund bellt, dann kommt der Bus.” “Wenn das nächste Kennzeichen aus Köln aus, dann kommt auch der verdammte Drecksbus!!” Ja, hat immer vorzüglich geklappt und wenn man es konsequent eine halbe Stunde weiterspielte, kam zumindest der Bus danach noch an …

Ja, und so scheine ich zu glauben, dass solange auf der Welt nicht noch Schlimmeres passiert, solange ich Ideen habe und weiterschreibe. Vielleicht wollt ihr mal sehen, wie viele Cover ich bereits gebastelt habe zu Büchern, die nur als Idee existieren und dich am liebsten alle zugleich schreiben würde? Weil: Sollte es mir gelingen, sie alle zu schreiben, dann passiert uns allen nämlich garnichts, dann ist der Fluch aufgehoben! (Ja, hallo, jetzt nicht wundern: Ohne Fantasie kann man nun wirklich nicht schreiben und bitte, hier ist sie!!)

 

 

Ich stelle eben fest, dass vier Cover sogar noch fehlen …

Natürlich gibt es auch Ideen, die noch kein Cover haben, wenn also mein Kinderspiel sich als ernstzunehmende Prophezeiung erweisen sollte, dann kann ich euch mitteilen: Ihr seid sicher! Das packe ich! Wir können entspannen! Also ihr, ich nicht, ich muss schreiben!

Aber ich will auch nähen und stricken und unternehme beständig kleinere Versuche, da hinzukommen. Hey, ich suche nach Stoffen im Netz, ich wühle mich durch Anleitungen, ich habe Ideen – und bestimmt geht es demnächst wieder los. Aber ich habe ja nun die Rettung der Welt auf meinen Schultern und da muss man verstehen, es geht nicht so leicht und flott.

Was diese Kuhdorf-Welten-Gedöns bei mir aber auch angerichtet hat: Es bleibt anderes auf der Strecke. Haushalt war ja nie mein Ding, aber hier im Hause müsste eine Menge getan werden, mal wieder streichen, anders einrichten, Dinge reparieren und all das. Aber ich kann mich nicht aufraffen und der Gatte ebenso wenig, seit er im neuen Job nur noch ackert. Wir stören uns am drumherum und können es dennoch nicht angehen, weil ganz manchmal wir den Eindruck haben: Lohnt das noch? Sollte man sein Geld nicht besser zusammenhalten für Notfälle? Käme man in der heutigen Welt an dieses digitale Geld aber überhaupt noch ran? Alles so Fragen, von denen ich vor dreißig oder fünf Jahren nicht gedacht hätte, sie mir ernsthaft zu stellen.

Andererseits aber bin ich doch ebenso Schaf wie die meisten: Ich will all das nicht mehr sehen, nicht mehr hören, will glauben, so blöde können wir doch gar nicht alle sein und schwanke zwischen ‘Du musst etwas tun! Halte Reden, schreibe Briefe, werde laut! Zeig denen (jene ominösen Dene, die an allem schuld sind), wie wir uns alles selbst herbeireden in einer kranken Lust am eigenen Untergang!’ und ‘Radio aus, TV aus, Nachrichten aus, Höhle bauen’. Eine Lösung habe ich nicht.

Außer eben Nähen planen, Stricken planen und viel schreiben. Es hat schon seinen Grund, weshalb ich mir die Weimarer Republik als Schauplatz ausgesucht habe; da kann ich doch vieles von meinem Frust und meinen Sorgen unterbringen und dennoch eine Welt erschaffen, die irgendwie gnädig handelt. Kein Wunder auch, dass ich eine Fantasygeschichte angefangen habe, die andere Welten beinhaltet, die irgendwie besser sind. Und auch wieder nicht. Oder dass ich mich in eine Jane-Austen-Gesellschaft hineindenke. Oder eine Stummfilmdiva so entspannt und klug mit Albernheiten handeln lasse, wie ich es gerne könnte. Ja, Flucht. Ganz klar. Aber hey, wenn ich damit eben diese Handvoll Leserinnen glücklich machen, die mir mit auf derselben Welle surfen, dann finde ich das absolut gerechtfertigt!

Wieso ich das jetzt hier runtergeschrieben habe, kann ich aber nicht sagen. Ein Bedürfnis war es wohl.



3 thoughts on “2019 also …”

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