Liebe Brigitte …

Bis ich zwölf Jahre alt war, führte meine Mutter einen Schreibwarenladen, in dem es Unmengen an Zeitschriften gab. So bin ich vom Kindergarten bis zu diesem Zeitpunkt mit Magazinen und Comics groß geworden. Die Brigitte war immer um mich herum. Mögen tue ich sie allerdings schon seit langem nicht mehr allzu sehr. Sowieso kann ich mit den meisten Magazinen nicht mehr viel anfangen, was mich – leider, leider – nicht davon abhält, sie zu kaufen. Offenbar empfinde ich das Blättern in diesen Blättern als Inbegriff der Ich-Zeit, der Entspannung und des Luxus. Ich weiß es besser, aber das ändert nichts. Aber ärgern kann ich mich im Grunde nur über die Brigitte, die sicherlich (nach außen hin?) den höchsten Anspruch an sich stellt: Politisch interessiert, sozial engagiert, modisch solide, ökologisch verantwortungsbewußt. Leider kommt bei mir vieles als pseudotiefsinnig, bevormundend und verzweifelt anders sein wollend vor.

Dass das lediglich meine Meinung ist und ich niemandem von euch zu nahe treten will, der die Brigitte gerne liest, versteht sich, nicht wahr? Vielleicht bin ich zu mäkelig? Ich habe keine Schwierigkeiten mit den anderen Zeitschriften, die genauso oberflächlich wirken wollen, wie sie sind – genau deshalb entspannt mich das Blättern darin wohl. Gegen die eine oder andere nützliche Info habe ich nichts, aber wirklich wichtig sind sie mir nicht; denn wirklich Wichtiges hole ich mir anderswo. Die Brigitte nun will aber keine oberflächliche Zeitschrift sein, möchte eine Persönlichkeit darstellen – nun, das tut sie wohl, sie wäre nur im wahren Leben nicht die Person, dich ich gerne öfter um mich hätte. Zu streng, zu sehr darauf bedacht, alles richtig zu machen, ziemlich humorlos – nö, danke.

Auch diese “Wir-verzichten-auf-Models-Geschichte” empfinde ich als zweischneidig: Wenn denn mal Frauen mit nicht perfekten Proprotionen in kleine Kleider gesteckt werden, kann man nur selten mehr als einen Ausschnitt oder einen Zipfel unter einem Mantel sehen. Immer öfter aber erscheinen Frauen, die wohl nicht glatt genug, nicht jung genug oder nicht groß genug für den Modelberuf sind, dafür aber immer noch deutlich schlanker und attraktiver sind als die Frau, der ich beim Bäcker begegne. Dass Leserinnen für Bewerberinnen voten können – diese also einer Art Schönheitswettbewerb unterzogen werden, finde ich sogar entschieden geschmacklos. Auch wage ich zu behaupten, dass viele der jüngeren Bewerberinnen insgeheim hoffen, dadurch “entdeckt” zu werden. Inwieweit diese ganze Aktion nun wirklich etwas am Magermodelsterben ändert … hätte man das alles ernst genommen, so sähen die Aufnahmen in der Brigitte mehr aus wie Seiten aus der Knipmode oder der Ottobre. (Was ich ja gar nicht so mag: ich will nicht sehen, wie ein Kleid an einer sehr Kleinen oder einer sehr Dicken aussieht – ich will es sehen, wie es sich der Erfinder dachte. Vorstellen, wie das bei mir ist, kann ich mir mittlerweile ganz gut. Egal, ich verquatsche mich schon wieder!)

Nun gab es in der vorletzten Brigitte einen Artikel zum Thema jünger aussehen, der auch online zu finden ist und aus dem ich diesen Teil mal zitiere:

Geheimnis Nr. 3: Jugendliche Mode macht nicht jünger
Manchmal ist die Wahrheit hart, aber trotzdem gut zu wissen: Nur wer sehr jung ist, kann alles anziehen. Wer älter ist, sollte auswählen. Jeder kennt das Bild von der Teenager-Mutter, die ihrer Tochter nacheifert. Auf der Hüfte sitzende Jeans, bedruckte T-Shirts und Kapuzenpullover stehen aber nur sehr wenigen Müttern. Diese Art von Sportswear macht die Mehrheit der Frauen nicht jugendlicher, sondern bewirkt eher das Gegenteil.
Dabei braucht man lediglich einige einfache Regeln zu beachten, um auszusehen, wie man sich fühlt – eben doch ein kleines bisschen jünger, als man tatsächlich ist….
* Understatement: Weniger ist mehr. Das heißt, wenn man ausgefallene Teile wie eine Hippie-Bluse trägt, sollte man sie mit einem schlichten Gegenstück kombinieren. Grundsätzlich lieber auf Purismus setzen – gerade geschnittene Basics lassen Sie strahlen.
* Akzente setzen: Das kann man zum Beispiel mit tollen farbigen Ohrringen, einem Ringelshirt oder rotem Lippenstift – solche Details erfrischen den gesamten Look.
* Vorsicht bei Vintage: Seit die Mode ohne Retro nicht mehr vorstellbar ist, erkennt man sein Alter auch daran, wie oft man eine Mode schon mitgemacht hat. Die jetzt wieder aktuellen Schluppenblusen, Schleifen und Puffärmel sehen sicher entzückend aus – wenn die Trägerin unter 35 ist. Alle anderen laufen Gefahr, dass man Englands “Eiserne Lady” Margaret Thatcher für ihre Stil-Ikone hält.
* Mut zur Farbe: Viele Frauen verfallen ab einem gewissen Alter der Ton-in-Ton-Taktik – der Pullover passt zur Haarfarbe, passt zur Hose, passt zu den Schuhen, zur Handtasche… Und so verschwindet man langsam, aber sicher im Nichts. Grau, Beige oder Braun sind an sich ja keine hässlichen Farben, ganz im Gegenteil. Aber sie freuen sich durchaus über attraktive Begleitung in Knallfarben. Da genügt schon ein einziges Teil: Rote Ballerinas, ein gelber Gürtel oder ein auffälliger Schal heben die Laune und geben jedem Outfit mehr Originalität.

Zum Einen empfinde ich diese Tipps als sehr allgemein und dazu ist kein einziger davon wirklich neu. Was mich aber stört, ist der Gedanke dahinter. Sicherlich möchte jeder für jünger gehalten werden, egal ob Männlein oder Weiblein. Klar gibt es die Dinge, die älter wirken lassen und andere, die frischer machen. Aber das ist eben auch bei jedem anders bis auf einige Ausnahmen: Ledermini, bauchfrei und durchsichtige Tops mag ich an keiner Frau über Fünfzig sehen. Allerdings auch an keiner darunter….
Nur: drucke ich derlei in einem sehr einflussreichen Frauenmagazin ab, dann gebe ich damit doch auch zu verstehen, dass frau sich bitteschön Gedanken über ihr Alter zu machen habe. Oder sehe ich das falsch? Klar könnte Brigitte nun kontern, dass sie frau einfach ein altersloses Rundumwohlgefühl verschaffen möchte. Aber dann bleibe doch bitte konsequent bei dem, was du sagst.

Im ersten Absatz erzählst du mir also, dass Hüftjeans, Kapuzenpullis etc. doch nichts mehr für mich sind (mit mich meine ich einfach die “ältere Frau” – für MICH ist das sowieso nichts 😉 ). In der aktuellen Ausgabe jedoch geht es Stil und vier oder fünf Frauen werden vorgestellt, die sich unterschiedlich kleiden – ja, Brigitte feiert immer wieder gerne massenverwertbaren Individualismus, hurra :-)! Unter anderem findet sich eine Fünfzigjährige, die ausgesprochen sportlich ist und einen männlich-lässigen Stil pflegt, der angeblich unglaublich weiblich rüber kommt: mit Herrenanzügen, Herrenschuhen und – wie unpassend, macht doch so alt! – mit hüftig sitzenden Jeans, ärmellosen Tops über Bikinioberteilen und bedruckten T-Shirts. Ja, liebe Brigitte, hast du die Gute denn nicht mal beiseite genommen, um ihr ein paar von Deinen Tipps zukommen zu lassen? Ja, ich bin pingelig, aber das stört mich, denn eine Freundin, die mir in der einen Woche dieses und in der nächsten jenes erzählt, die nehme ich nicht mehr ernst. Da ich über dich aber auch nicht lachen kann, ärgere ich mich wider besseren Wissens.

Und klar, darauf wartet ihr doch ;-): der Teil mit “Vintage ist was für Frauen unter 35” (was, ich gebe es zu, die gemeine Kurzfassung deiner Aussage ist) ist komplett daneben. Nicht nur, weil ich es wagte, NACH dem Lesen dieses Artikels zwei Schluppenblusen zu zeigen, sondern auch weil ja bald nicht mehr vieles übrigbleibt, was du mir an Kleidung gönnst. Andererseits meine ich mich daran zu erinnern, dass du schon Frauen über siebzig in dekolletierte, weitschwingende Fünzigerkleider gesteckt hast.

Liebe Brigitte, ernsthaft: wenn du eine Linie verfolgst, dann bleibe ihr treu. Ansonsten trägst du – ausgerechnet du – noch mehr dazu bei, Frauen zu verunsichern.

Gut, mit Brigitte habe ich nun genug geredet. Was meint ihr? Muss ich von heute an – da nicht mehr unter 35 – auf weite Röcke, Schluppenblusen und Sanduhrsilhouetten verzichten? Alles etwas formloser, dafür hübsch bunt? Bin ich Margaret Thatcher? Oder geht ihr ernsthaft davon aus, ich hätte die Mode der Dreißiger schon im Original getragen? Und welche Kleidungsstücke gibt es, die NICHT an eine frühere Dekade erinnern? Fragen über Fragen …



7 thoughts on “Liebe Brigitte …”

  • Herrlich! Ich mußte jetzt wirklich lachen! Ich oute mich mal, ich lese die Brigitte wirklich gerne, wahrscheinlich aus dem gleichen Grund, wie du, weil ich das mit einer Tasse Kaffee sehr entspannned finde.

    Aber über diese Serie bzgl. jüngeren Aussehens habe ich mich auch ein wenig, naja, gewundert! Ich werde in diesem Jahr ziemlich genau zwischen 40 und 50 stehen und noch ein Jahr mehr, dann sind die 50 näher als die 40. Und ganz ehrlich, das sieht man natürlich auch.

    Aber in meiner Naivität habe ich in meiner Freizeit Kapuzenpullis getragen, passend zu Jeans, und die sind auch hüftig, weil ich es eng am Bund in der Taille nicht mag, ich habe nämlich kaum Taille und dann kneift es da oben.
    Aber so unförmig, dass es gerade geschnittene Basics sein müssen, naja, das bin ich dann auch wieder nicht.

    Das mit den Vintagesachen und die Aussage dazu ist wirklich sehr seltsam. Ich bin ja jetzt in einem Alter, in dem ich den ersten Modestil den ich als Erwachsene erlebt habe als Retro mitmachen könnte, nämlich den der 80er und da werde ich einen Teufel tun, den zu wiederholen, das wird durch nochmal machen nicht besser.

    Aber grundsätzlich ist es schon so, dass ich mich frage, was ich so jetzt am besten trage, so in der Mitte des Lebens. Ich selbst fühle mich ja gar nicht so alt, wie ich aussehe. Aber tatsächlich ist es ja so, dass bestimmte Dinge einfach nicht mehr gehen. Man muss wohl doch immer wieder seinen eigenen Stil finden und dann die Brigitte einfach als das nehmen, was sie ist, entspannende Lektüre bei einer Tasse Kaffee. Oder man kauft die Brigitte Woman….

    Du siehst auch bei mir Fragen über Fragen…

    Gruß Ute

  • Brigitte ist die einzige Frauenzeitschrift die ich regelmäßig kaufe (Strickzeitschriften und Burda zählen für mich nicht dazu – und “regelmäßig” ist das falsche Wort in Bezug auf diese Gruppe von Zeitschriften).
    Ich mag sie sehr gerne – es ist die einzige Frauenzeitschrift in der es was zu LESEN gibt, nicht nur zum gucken.
    Ich gebe aber auch zu dass die Seiten mit Mode und Schönheit werden von mir nicht sehr ernst genommen – ich erwarte es auch nicht mehr (mich hat da Thema “Sonnenschutz” ziemlich umgehaun) dass man da eine Linie und Konsequenz reinbringt. Die Qualitäten von Brigitte sind für mich alle übrigen Seiten – nicht immer meine Meinung abet interessant. Der klassisch “weibliche” Teil nehme ich als ein “muss” – obwohl die Aktion “ohne Models” finde ich nett, vor allem wenn ab und an wirklich tolle Frauen weit über 50 gezeigt werden. Hätte mir häufiger gewünscht, aber vielleicht bin ich eh im Alter in dem ich Brigitte Woman kaufen sollte?!
    Und ich mag tatsächlich nicht wenn Mode auf idealen Wesen gezeigt wird, mir ist viel lieber wenn es echte Menschen sind die sie zeigen (Haute Couture darf von mir eine Ausnahme bilden, weil es Kunst ist, aber das was unter die Menschen soll ist für mich keine Idee sondern Ware).
    Als ich den Teil über was uns jünger macht gelesen habe, habe ich es einfach nur gelesen. Eine von vielen Meinungen, ich habe eine andere. Ich mag nicht nur dezente Farben zu tragen, ich mag gerne Vintage und mag auch mich verkleiden. Ich habe viele Frauen jeneseits von 40 gesehen die übelst in – laut Brigitte – altersgerechten Klamotten aussahen und einige die sich ruhig Kaputzenjacke, Turnschuhe und hautenge Hose hüllen können. Und vice versa natürlich auch (leider häufiger).
    Es ist alles Frage des eigenen Geschmacks (und fremden), des Stills und nicht des Alters.
    Aber vielleicht bin ich eh etwas komisch, weil es mir NIE daran lag modisch zu sein, ich wollte eher gut in den Klamotten aussehen (und das kann ich in z.B. Karottenhose nie)

  • Ich lese die Brigitte schon seit jahren nicht mehr. Und dieses vorgeschreibe, nicht nur in der Brigitte, was man mit 20, 30, 40 oder 50 (älter gibts es dann nicht mehr !!) zu tragen hat , ist einfach lächerlich.
    Authentisch sein, seinen eigenen Stil haben und sich wohlfühlen finde ich viel wichtiger und dann kommt auch kein Kleidungsstil, egal in welchem Alter komisch rüber. Ich habe für mich gemerkt, das ich den Retro 40er Jahre Stil liebe, ihn aber nur sehr sparsam tragen sollte … Ich bin doch mehr Jeans und T-Shirt, als ich wahrhaben wollte.
    LG Eva

  • Ich kann bei Eva nur unterschreiben: Authentizität, eigener Stil und sich schliesslich auch noch darin wohlfühlen sind für mich die wichtigeren Kriterien als was “man” wann und in welchem Alter zu tragen “hat”. Ich denke, dass bei den meisten von uns, die sich mit dem Nähen beschäftigen, ohnehin eher zuviel als zuwenig an Selbstkritik vorhanden ist 😉 Man schult doch mit der Zeit ein wenig seinen Blick. Auch ich merke natürlich bei bestimmten mir einst lieb gewesenen Kleidungsstilen, dass sie nicht mehr so gut aussehen wie vor 10-20 Jahren, aber was solls? Ich modifiziere ein wenig und entdecke Neues für mich. Solche Empfehlungen wie “gerade geschnitten”, die für alle gelten sollen, halte ich für völlig daneben, es gibt doch die unterschiedlichsten Körpertypen. Lass dich nicht verunsichern, ich finde z.B. das die Schluppenblusen dir hervorragend stehen. An mir sähen sie eher unvorteilhaft aus, und das hat absolut nichts mit dem Alter sondern mit ganz anderen Faktoren zu tun!
    LG, berry

  • Ich mag Brigitte überhaupt nicht, vor allem aus dem Grund, weil mir das Frauenbild, das da als erstrebenswert gezeichnet wird, nicht gefällt.
    Die Brigitte-Frau ist: modisch, politisch, sozial engagiert, glückliche Mutter mit glücklichen Kindern und hat einen anspruchsvollen Job, den sie perfekt erledigt. Sie wohn in einer modisch-trendig durchgestylten Wohnung (mit ebensolchem Garten) und hat den perfekten Partner. Ah ja, ich vergass: sie ist natürlich auch schlank, sportlich und fit, denn sie lebt ja nach der Brigitte-Diät und ernährt sich gesund, vitaminreich und isst nur Bioprodukte und kauft nur auf dem Markt ein. Sport macht sie natürlich regelmässig, logisch.
    Das bin ich nicht und will es auch nicht sein und solche Trugbilder führen nur dazu, dass Frauen mit sich und ihrem Leben unzufrieden sind und zu hohe Anforderungen an sich selbst stellen. Wer sagt denn bitte, dass man in allem perfekt sein muss?
    Ich hab die 35 auch schon länger überschritten und mag Vintage-Mode, aber mit Margaret Thatcher hat mich bisher noch keiner verwechselt. Vielleicht muss ich noch meine Frisur entsprechend anpassen 🙂 .

  • Das ist genau das Frauenbild, das Brigitte zeichnet. Damit könnte ich zur Not noch leben – also nicht mit dem Bild an sich, sondern damit, dass Zeitschriften sich das so vorstellen. Aber ausgerechnet diese Brigitte ist es ja, die meint, sie sei quasi eine Emma für die männerliebende Frau 😉 und schlimm finde ich auch, dass so etwas wie Humor und Selbstironie da nicht zu finden sind.

    Da sind wir wohl Schwestern im Geiste 🙂

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