Ach bitte, sag doch einfach Du.

Ich möchte voraus schicken, dass mir die Trennung zwischen privatem Blog und meiner kosmetischen Existenz sehr wichtig ist: ich möchte meinen Blog nicht zu einem Werbeinstrument verkommen lassen. Aber genau so wenig möchte ich diesen Teil meines Lebens komplett, zwanghaft nahezu, ausschließen müssen und nach dem heutigen wunderbaren Nachmittag (Danke, liebe Ellen, fühle mich noch immer beschenkt!) liegt mir eines auf der Seele und das möchte ich jetzt loswerden.

Schaue ich auf meine Statistik und vergleiche sie mit den mir bekannten Bloggerinnen/Freundinnen und regelmäßigen Kommentatorinnen, dann ist die Kluft – zahlenmäßig – riesig. Ganz klar gibt es eine sehr große Anzahl mir von Aussehen, Stimme, Herkunft, Neigung und Charakter unbekannter Frauen, die andersherum durchaus das Gefühl haben und es zu Recht haben, mich irgendwie zu kennen. Und mehr als einmal habe ich diese mir Unbekannten, von denen immer wieder einmal Eine aus dem Schatten heraus tritt, in einem Sonderbeitrag gelobt, mich bedankt und gefreut.

Ein neues Phänomen sind nun diejenigen, die mich bloggend kennen und sich nicht mit einem Kommentar, sondern mit einem Termin bei mir zu erkennen geben – für beide Seiten, so stellten wir fest, ein sehr neues und aufregendes Gefühl. Bislang aber auch ein erfreuliches: ich zumindest durfte feststellen, dass die Frau, die ich mir beim Schreiben als Gesprächspartnerin schemenhaft an meine Seite setze, in der Realität genau das ist, was ich mir wünsche. Alle, die ich durch diesen Blog habe kennen lernen dürfen, waren besonders, waren Persönlichkeiten. Sie waren witzig, warmherzig, schnell, kritisch, interessiert, lebendig und dazu attraktiv, innen wie außen – und damit meine ich nun nicht nur diejenigen, die ich in meinem Studio begrüßen durfte, sondern auch jede andere, die ich jemals habe treffen können. Man kann ja von mir sagen, was man will, aber für tolle Frauen habe ich ein Händchen. Wäre das bei Männern auch immer so gewesen, wäre das Eröffnen einer Partneragentur wohl auch eine Option für mich.

Und wie ich nun all das so denke und schreibe, ungereimt, ungeordnet und bislang noch ohne echtes Ziel vor Augen, geht mir auf, wieviel Glück ich wirklich bei meiner Berufswahl hatte. Sicherlich nicht gemessen an den üblichen Werteparametern, die vielen so wichtig sind: als Kosmetikerin verdienst du nicht wirklich genug, um davon leben zu können, du gehörst mit Sicherheit nicht zu denjenigen, denen man Verständnis, Wissen, Bildung oder auch nur den Funken von Intelligenz zutraut, du wirst niemals eine große Karriere hinlegen, nie an Einfluß und Macht gewinnen – es sei denn, du nimmst in jungen Jahren die in dieser Branche doch sehr häufigen Angebote älterer, reicher und mächtiger Männer an (achja, Prinzipien und Moral werden auch nicht sofort mit diesem Beruf assoziiert) – und niemals wird dieser Beruf vom Großteil der Bevölkerung ernst genommen werden. Du wirst immer wieder herablassend behandelt werden, als Tussi angesehen werden – insbesondere von Frauen, die mit Kosmetik nichts weiter als gängige Klischees verbinden (also Propagierung eines künstlichen und unerreichbaren Schönheitsideals, Unterwerfung unter gängige Normen ohne eigenständige Hinterfragung des Systems oder gar in dir die Sklavin des Patriarchats sehen und was es nicht noch alles gibt und es gibt viel und ich habe alles gehört). In bestimmten Kreisen wird schon grundsätzlich jede Meinung, die ich vielleicht zum Thema Frausein vertrete, abgelehnt, weil ich müsse das oder das ja so sehen, ich könne das nicht wirklich überblicken, mir fehle da die Einsicht etc. Alles geschenkt, mittlerweile amüsiert es mich gar prächtig.
Aber all das sind die Dinge, die eben nicht rufen: Das muss doch ein toller Beruf sein. Sicherlich hat mir geholfen, dass ich nicht dumm bin, dass ich mich schon immer für vieles interessierte, dass ich lese, seit ich drei bin, dass ich Männer zwar liebe, aber Frauen bewundere, dass Geschichte und Geschichten für mich Lebensinhalt sind. Und von da aus ist es zum Glück mit meinem Beruf, in meinem Beruf gar nicht mehr so weit.

In den letzten 28 Jahren habe ich Frauen kennen gelernt. Frauen aus jeder Ecke Deutschlands. Frauen der unterschiedlichen Länder. Frauen mit einem niedrigen und mit einem hohen Bildungsniveau. Sehr schöne Frauen und Frauen, deren Schönheit versteckter war und zwei Frauen, an denen aber auch wirklich gar nichts Schönes war. Frauen, die mutig waren und Frauen, die ängstlich waren. Sehr witzige, sehr ernste, sehr traurige, sehr schüchterne, sehr offensive Frauen. Ganz, ganz Junge und ganz, ganz Alte. Frauen, die alles erlebt hatten und Frauen, die von allem frei blieben. Selbstständige, Angestellte, Freiberufliche, Arbeitslose, Mütter. Witwen und Waisen. Frauen, die prominent sind und Frauen, von denen man nie gehört hat.

Und alle, alle haben irgendetwas hinterlassen bei mir: da gab es die mittlerweile nicht mehr unter uns weilende Professorin für katholische Theologie, die mir Dinge über die Kirche erzählte, die meinen Blick vollkommen verändert haben (und nein, es ist nicht diejenige, die vor Jahren jeder kannte :-D). Es gab die Ärztin, die mir meinen Körper klar machte, wie es jeder Arzt irgendwann für einen tun sollte. Die Stammkundin, die mir jedes Jahr zwei neue Patiencen beibrachte. Die Ägyptologin, die mich ganz traurig machte, weil das nicht nur in meiner Einbildung, sondern dann auch in ihrer Feststellung mein zweiter Traumberuf hätte sein können. Da gab es Maßschneiderinnen, Dermatologinnen, Fünffachmütter, Boutiquenbesitzerinnen, Politikerinnen, Schauspielerinnen und von jeder ist mir noch ein Satz, eine Weisheit, ein Blick in ein anderes Leben präsent. Da gab es die Ballerina, die mir eine Übung für den Rücken zeigte, die mich in stressigen Zeiten eine halbe Stunde länger durchhalten ließ. Die Bonnerin, die mich mit NLP vertraut machte, die Hauptschullehrerin, die mein Vertrauen in unser Bildungssystem für alle Zeiten zerstört hat, die Juristin, die ein äußerst unvermutetes Doppelleben dank diverser arabischer Scheichs führte. Die Köchin, die mir mehr als nur einen Trick verriet, die Tchibo-Einkäuferin, die mir das Preissystem verständlich machte.
Es gab auch die Schwerkranken, die Genesenden und die Frauen, deren Lebensgeschichte kurzfristig in die Boulevardpresse geriet, Geschichten, die traurig machten, wütend, verständnislos und ärgerlich. Geschichten, die filmreif waren, unheimlich, romantisch, besonders. Und jede dieser Frauen hat mir einen Blick gestattet in ihre Seele, ihren Charakter, ihre Ängste und Wünsche.
Was tat, was tue ich im Gegenzug und tue es gerne? Ich lasse es gleichermaßen zu. Ich verwöhne, erkläre, berate, höre zu, erzähle, lasse alles an mich ran, verstelle mich nicht und bin da und fühle mich unendlich beschenkt, denn ich liebe diese Arbeit sehr. Und weil ich zwar meinen Blog privat halten möchte, aber bei der Arbeit nie nur Pflegeprofi, sondern ganz aufrichtig auch immer Freundin bin, also privates in das Geschäftliche einlasse – genau deshalb erlaube ich mir heute diesen sicherlich etwas gefühlsseligen Beitrag. Aber in den letzten Monaten, trotzdem es natürlich noch ruhig ist, was das Arbeitsaufkommen anbelangt, habe ich so viel schönes erlebt und frage mich, wie ich es so lange ohne all das habe aushalten können.

Und ach doch, was ich wohl noch habe sagen wollen, gezielt gerichtet an all die, die mich wo und wann auch immer treffen oder treffen möchten: ich duze euch hier und das ist nicht gestellt oder gespielt. Wenn es also so weit ist, dann sag doch einfach du. Denn irgendwie kenne ich meine Leserin doch 🙂



27 thoughts on “Ach bitte, sag doch einfach Du.”

  • Sehr spannend, sehr schön geschrieben und sehr persönlich.
    Das finde ich ganz wunderbar. Aber ein bisschen Werbung ist es schon, denn ich würde jetzt gerne mal kommen und mir anhören was du sonst noch interessantes zu erzählen hast.
    Liebe grüße,
    Ella

    • Sehr persönlich … hmm, ja das bin ich immer, da komme ich nicht über mich hinweg 🙂 Und wenn Werbung so ist, dass man sich gerne kennen lernen möchte, dann habe ich auch gar nichts dagegen.

      Wenn du um die Ecke bist, dann meld dich einfach, ich freue mich!

    • Danke dir – solange ich zwischendurch noch übers Nähen und Stricken schreiben darf, tue ich dir gerne den Gefallen, mich immer wieder einmal persönlich auszulassen 😀

  • Sehr schön geschrieben, hat mich sehr berührt. Wer sich so mit dem Leben und dem Thema Schönheit auseinandersetzt, dem kann man nur voller Bewunderung zuhören.

    lg
    Anja

  • Seit 1 Jahr schaue ich bei Dir regelmäßig vorbei. Ich bin die stille Leserin und wollte Dir einmal Danke sagen. Deine vielen persönlichen Berichte mit viel Esprit geschrieben. Manchmal leidet man mit Dir, wenn die Passform nicht stimmt und manchmal freut man sich mit Dir über das tolle Ergebnis. Du bist eine tolle Frau! Ändere Dich bloß nicht ! Und Du inspirierst, denn ich werde mich jetzt auch mit dem Thema Schnittkonstruktion beschäftigen, ein Thema, das auf deutschen Seiten viel zu kurz kommt und über das man nur sehr wenig Material bekommt. Leider muss man auf die englischsprachige Literatur zurückgreifen.
    Ich freue mich schon auf viele weitere Berichte….
    Liebe Grüße
    Andrea

    • Das würde mich nun besonders freuen, wenn sich zu dem Thema mehr täte – ich fühle mich manchmal ganz schön verloren und hilflos und wenn nun du auch beginnst, dich mit Schnittkonstruktion zu beschäftigen, dann kann ich vielleicht bald auch mit mehr Anregung und Hilfe rechnen – freu, freu, freu 🙂

    • Soll ich dir eine Wohnung suchen? 😀 Aber wer weiß, wenn du mal in der Gegend bist, dann freue ich mich, dich kennen zu lernen – ob bei Tee oder Creme ist ganz egal 🙂

  • ekhm, frau muss nicht in Bonn wohnen …. es lohnt sich auch von weitem zu kommen (wenn 75 km “weit” sind) – soviel Werbung muss sein 🙂

    Ich muss Dir Michou aber doch widersprechen -erstens – ich denke dass dieses Schubladendenken nicht immer gilt (es sind nur hohnasige und hochmutige Menschen die alles was nicht Manager ist abwertend behandeln). Und ich denke wohl dass man auch Karriere und zwar richtig machen kann – wenn man es denn unbedingt will (was aber natürlich viele Abstriche bedeutet … m.E. ist es besser keine “Karriere” zu machen und die Arbeit zu geniessen anstatt vor lauter Expansion nur Stress zu ernten, wenn den die Konzerne und manche Institutionen das verstehen würden! )

    • Nein, du hast natürlich völlig recht und das habe ich vielleicht nicht klar genug ausgedrückt: dieses sofortige Zuknallen einer viel zu engen Schublade, das Reduzieren auf den Beruf – das kommt natürlich von Menschen, deren Denken um ganz andere Dinge kreist. Bei diesem Thema ist es immer mehr die eigene Agenda, die da spricht.

      Karriere ging mal in den 90ern – heute werden auch in dieser Branche gut bezahlte Stellen von Menschen besetzt, die wissen, wie man Geld ausgibt und Leute entlässt. Wirkliches Wissen über das, was die mit den Produkten arbeitende Kosmetikerin so tut, ist da nicht mehr gefragt … aber Karriere hat mich noch nie interessiert. Langweilig … 😀

  • Das hast du sehr schön auf den Punkt gebracht. Du hast eine Art auf Menschen zu zugehen und einzugehen die sehr besonders ist. Ein Schatz würde ich sagen.
    Liebe Grüße
    Arlett

    • Bei Punkt muss ich grinsen, das klingt immer so schön straff, knapp und würzig – ganz wie mein Beitrag 😀 Ist doch straff, wenn man unter zwei Seiten Länge bleibt, oder??

      Aber rot werde ich, wenn ich über den Punkt weiter lese, du bist ja lieb!

  • Liebe Andrea,
    auch ich bin die stille Mitleserin.
    Irgendwann bin ich auf Deinen Blog gestoßen,ich glaube durch das Lesen bei Simone(auch eine tolle Frau,genau wie Du!).
    Ich bin immer ganz neugierig,was es Neues bei Euch gibt.
    Als ich heute morgen Deinen Post las,hatte ich Pipi in den Augen – SO schön und ergreifend was Du geschrieben hast!!!
    Bitte bleibe so wie Du bist,es ist immer wieder eine Freude bei Dir zu lesen und zu schauen,was Du Tolles nähst!
    Liebe Grüße,Carmen

    PS:Ich wohne praktisch bei Dir um die Ecke…hihi

  • Liebe Andrea,
    es ist schön, das hier zu lesen, was ich insgeheim schon lange denke. Es ist egal was man macht, egal ob man Gärtnerin ist, Lehererin oder Schuhputzer, das Wichtigste ist es, das was man macht mit Liebe zu machen. Alles andere macht krank und unglücklich. Es ist auch schön in Deinem Blog zu lesen.
    Herzliche Grüße aus Borkwalde bei Berlin nach Bonn und ein schönes Wochenende wünscht Dir
    Martina

    • Sehe ich genauso, wobei es schon für manche leichter wären, sich glücklich zu fühlen, wenn sie von ihrem Job auch leben könnten 🙂

      Ein schönes Restwochende auch dir!

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