Altern oder reifen?

Danke für eure spannenden und offenen Antworten zum gestrigen Beitrag; ich musste an mich halten, nicht auf alles gleich zu antworten, aber sonst wäre es vermutlich unübersichtlich geworden. Wer also “einsteigen” will ins Thema – und das tun wir am Tage unserer Geburt 😉 – der möge sich zunächst die Kommentare durchlesen und danach zurück kommen. Und wie immer habe ich den zwar das Bedürfnis, weiter zu schreiben, habe aber noch keine Ahnung, wohin es mich führen wird …

Interessant fand ich einen Aspekt, den Tailor Maid und Melleni benannt hatten – und den ich hoffentlich nicht falsch interpretiere und/oder wiedergebe: das Problem mit dem Älterwerden sei vielleicht weniger belastend, wenn man immer schon aus dem gängigen Schönheitsideal herausgefallen sei. Hmmm … das ist ein interessanter Ansatz, bei dem zwar erst einmal mein Widerspruchsgeist angestachelt wird, aber der dann weiter in mir arbeitet. Widerspruch deshalb, weil sich mein durch klassische Filmschönheiten geprägtes Ideal spätestens mit Eintritt ins Berufsleben extrem erweitert hat (da fällt nich mehr viel heraus) und zum anderen weil ich mich selbst ja auch immer als abseits von Schön und Hübsch und Ideal gesehen habe. Und dennoch – wie drücke ich mich aus? – bin ich nicht sehr entspannt, wenn es um mein Altern geht. Was erstaunlich ist: bei anderen finde ich es gar nicht so schlimm 😛
Aber die Frage bleibt: ist es leichter, das eigene Altern zu erleben, wenn man – platt gesagt – weniger zu verlieren hat als eine Frau, die ihrer Schönheit wegen berühmt ist? Das Altern bzw. das Ergebnis dessen ist nicht vorher zu sagen. Wie oft habe ich schon alte Frauen kennen gelernt (ich spreche hier von Frauen von 86 an aufwärts), die so attraktiv waren, dass ich mich fragte, welch eine umwerfende Schönheit sie wohl gewesen sein müsse. Da das oft Frauen waren, die als Kundin regelmäßig bei mir waren und Gespräche meist sehr persönlich waren, bekam ich auch ehrliche Antworten darauf, in Form von Bildern oder Beschreibungen. Sehr oft war die junge Version dann keineswegs umwerfend oder auch nur nach den üblichen engen Maßstäben attraktiv. Doch es gab auch andere, bei denen es umgekehrt war – das muss sicherlich der härtere Weg gewesen sein. Aber wie heißt es: irgendwann hast du das Gesicht, dass du dir verdient hast. Ein mieser Charakter steht einer Zwanzigjährigen längst nicht so ins Gesicht geschrieben wie der siebzigjährigen Ausgabe. Wie hart also muss es sein, wenn das späte Spiegelbild einem Selbsterkenntnis aufzwingt? Wird von uns natürlich keine je erfahren, wir sind alle lieb 🙂

Als nächstes fiel mir auf, dass es in der Tat zweigeteilt ist, wie man mit dem eigenen Altern umgeht: nimmt man es an und beobachtet es – vielleicht sogar wohlwollend? – oder hat man das Gefühl, ein Nichtstun wäre ein Sich-Gehenlassen? Die Einen beispielsweise färben ihre Haare, weil es zu ihnen gehört und weil sie sich von der bloßen Zahl auf einem Dokument nicht vorschreiben lassen, was nun angemessen wäre und was nicht. Die Anderen betrachten gerade das Nichtfärben als eine Form von Freiheit: vielleicht auch ein frei bleiben vom Zwang, sich so jugendlich wie möglich zu erhalten? Das Schöne ist, dass ja beides möglich ist und jede das finden wird, was zu ihr passt – was will man als sogenannte reife Frau wohl mehr denn je, als das “Ganz ich selbst sein”.
Wer sportlich war und ist, wird sicher länger durch eine straffere Kontur belohnt werden; wer sich mühsam in ein Studio quält in der Hoffnung auf Lohn an der Schönheitsfront, wird wahrscheinlich bald wieder aufgeben. Dass Bewegung – regelmäßige und gezielte! – nötig ist, um all die zu erwartenden Zipperlein in Maßen zu halten – wir wissen es wohl alle und versuchen, uns ran zu halten. Gesundheit und Beweglichkeit sind den meisten sicherlich wichtiger als ein strammer Oberschenkel, den wir eh nicht jedem zeigen wollen 😉

Der deutlichste Unterschied aber, den ich bemerken konnte, war derjenige zwischen den noch vor der 40 Stehenden und denjenigen darüber. Als ich 30 wurde, gab es wirklich viele in meiner Umgebung, die schon mit dieser Zahl allergrößte Probleme hatten – mein Bruder beispielsweise rief mich am Abend vor seinem 30. an und befand sich in einer Sinn- und Lebenskrise. Die ich nicht nachvollziehen konnte. Ich fand 30 toll; irgendwie war ich wohl mein ganzes Leben schon ein Wesen in seinen Dreißigern. 35 fand ich noch besser und eigentlich kam mir die 40 noch weit hin vor. Nun hatte ich aber auch das große Glück, von meinem 19. Lebensjahr an mit und an Frauen zu arbeiten, die mich an ihrem Leben und ihren Erfahrungen teilhaben ließen: jede, wirklich jede über 40 bis hin zu der 98jährigen versicherte mir, die Dreißiger seien die allerbesten Jahre. Ich war also sehr positiv geprägt und würde heute sagen: sie hatten recht. Endlich wird man ernst genommen, man hat schon was erlebt, sieht besser aus als in den Zwanzigern, weil selbstsicherer, es gibt keinerlei Einschränkungen, vom Altern merkt man noch nicht viel und wenn, ist es eher lustig.
Leider, leider beinhaltet der Satz “Die Dreißiger sind die besten Jahre” auch die Aussage: danach ist es weniger gut … aber ich hatte genügend Kundinnen um die 40, die sich optisch von den Jüngeren nicht unterschieden, oft nur mehr mit sich im Reinen waren, ihren Stil rundum gefunden hatten und auf mich einen sehr vorbildlichen Eindruck machten (“So will ich auch werden, wenn ich mal groß bin” 🙂 ) Als ich dann vor fünf Jahren meinen 40. hatte, lud ich alle Freunde ein mit Kind und Kegel, den Sonntag von früh bis spät bei uns zu verbringen und es war ein toller Tag mit Essen, Reden, Lachen. Und vom Altern spürte ich nichts, null, nada. Da war auch nichts. Angefangen hat es mit dem 44. – das war der allererste Geburtstag, bei dem mir flau war, der sich seltsam anfühlte – diese Zahl und mein Innerstes waren nicht mehr deckungsgleich. Und keine vier oder fünf Wochen später sah das eine oder andere an mir irgendwie, also, nun ja – ähm, weniger frisch aus? Und schaue ich mir die Antworten an, dann zeigt sich dieser Unterschied auch bei den Antworten – entspannter und lässiger gehen diejenigen mit dem Thema um, die noch davor stehen. Weniger erfreut sind diejenigen, die sich nun eben anpassen müssen an das, was da geschieht. Auf einmal ist die Gesichtskontur weicher, zeigen sich eigenartige Dellen an der Hüfte, winkt der Oberarm – all die Dinge, von denen man vorher nur wußte, sie kommen auf mich zu, sind nun da. Und viel wichtiger dabei ist: wir wissen, dass sie Zeichen der eigenen Endlichkeit sind, dass es mehr werden wird.

Sicherlich: aus der Sicht einer 80jährigen bin ich nach wie vor jung und sie fände es zu recht albern, jammerte ich nun über Zipperlein, verlorene Jugend und Schönheit und meinte, das Leben sei vorbei. Das ist gar nicht Sinn meiner öffentlichen Gedankenspielerei. Ich denke aber, dass die Jahre zwischen Anfang 40 und 50 deshalb mit die schwierigsten sind, weil sie ebenso wie die Pubertät kein schleichender Übergang sind, sondern einer, der oft mit abrupten Veränderungen einher geht – die noch zu erwartende Menopause soll ja auch kein Zuckerschlecken sein. Wenn ich überlege, dass ich die körperliche Entwicklung meiner Jungs von der Geburt bis heute nur auf Bildern wirklich wahrnehmen kann – so “unsichtbar” verlief sie im Alltag und wenn ich dagegen mein Erleben der letzten anderthalb Jahren am eigenen Körper stelle – ja, da gab es Entwicklungen, die sich innerhalb einer Woche vollzogen haben. So, hier hast du dein Knitterknie, so ist das jetzt, komme bitte sofort damit klar. Ist das etwa nett? Mir kommt es so vor, als müsse ich jetzt, in diesem Jahrzehnt, die geistigen Weichen stellen, wie ich mit dem, was danach kommt, umgehen werde. Und auch da fühle ich mich bestätigt durch das, was ich früher an meinen Kundinnen beoabachten konnte: es sind die ersten Veränderungen, die den meisten zu schaffen machten – nicht das, was danach kam. Da zeigte sich bei den meisten Frauen das, was ak-ut so schön beschrieben hat:”… mir wird täglich bewusst, wie sich mein körper und mein geist ver­ändern: der körper wird schwächer — in jeder hinsicht — der geist jedoch ver­ständ­nis­voller, tole­ranter und emp­fäng­licher, besonders für die noch älteren, denen ich auf einmal so viel näher bin — und auch gegenüber den jüngeren, denn meine jugend lebt mit all ihren glück­lichen und unglück­lichen momenten so stark in mir, als wäre es gerade gestern gewesen…”

Nun habe ich also einen körperlichen Status quo erreicht, der morgen schon Vergangenheit sein kann – Vergänglichkeit ist eben das Thema, das hinter all dem steht. Damit befasst man sich ja nicht allzu gerne. Muss auch nicht täglich sein. Die andere Frage, die sich (mir?) stellt: warum eigentlich ist das optische Altern solch ein Problem? Ist es wirklich das oft berichtete Unsichtbarwerden, vor dem wir uns fürchten? Dass andere uns anschauen und denken, das ist ja mal ein altes Huhn, sollte die nicht besser in beige herumlaufen? Was genau macht unsicher und ängstlich? Wir haben schon festgestellt – Arlett hat es formuliert, Christel erlebt es an sich – dass wir keine 20 mehr sein wollen. Ich möchte es auf keinen Fall noch mal sein. Aber die Zeit ein wenig festhalten, jetzt, wo man endlich gelernt hat, sich so zu akzeptieren, wie man nun mal ist, innerlich wie äußerlich – das wäre mir schon lieb. Denn ich erlebe eine andere von Unsicherheit, die ich schwer in den Griff bekomme. Zu der das Selbermachen von Kleidung sehr beigetragen hat: relativ spät bin ich dazu gekommen, mir das über den Leib zu ziehen, was mir gefällt und ich frage mich, wie lange werde ich in dem, was ich mag, noch gut aussehen? Wird man mir in fünf Jahren auf der Straße hinterher grinsen, wenn ich mit meinem geblümten Kleidchen durch die Straßen ziehe? Werde ich mich irgendwann entsetzlich lächerlich machen? Wird sich meine Figur einmal so sehr verändern, dass das Anpassen eines Schnittes über meine bescheidenen Fähigkeiten geht? Es ist albern, sich damit die Gegenwart zu belasten, aber irgendwie … diese Gedanken sind einfach da.

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15 thoughts on “Altern oder reifen?”

  • ich weiß nicht ob das altern für Frauen die nicht dem Schönheitsideal entsprechen leichter ist. Ich hätte es gerne ;-), aber mir fällt das nicht so leicht wie ich es mir erhofft habe. Ich denke es liegt auch daran dass es an Vorbildern fehlt. Und doch an Akzeptanz, die Gesellschaft erwartet von mir dass ich jung bleibe – zumindest fühlen sich viele angegriffen wenn ich mich als “alt” bezeichne (bin im Dezember 40 geworden, aber das “alt” hat nichts mit dem Geburtstag zu tun, denn ich fühle mich seit mindestens 15 Jahren “alt” ).Viele – inklusive meiner Mutter – legen mir nahe die Haare zu färben. Ich war wie Eva rothaarig, bin aber nicht rechtzeitig auf dem Scheiterhaufen gelandet ;-). Es ist weniger schön als bei blondem Haar, denn plötzlich passen die Farben der Haut und des Haars nicht zueinander. Viele der Alterserscheinungen könnte ich bestimmt verlangsamen, wenn ich mehr schlafen würde und ruhiger wäre … Was aber für mich viel schlimmer ist, sind die inneren, psychischen Zeichen. Man wird langsamer – auch im denken. Ich muss mich mit dem neuesten Handy nicht auseinandersetzen, mehr noch ich will es gar nicht haben, der technische Fortschritt hat mich überholt und ich will mir keine Mühe geben Schritt zu halten. Und in den 40 Jahren bis hierher habe ich viele Illusionen und Perspektiven verloren, aber keinen Gegenwert dafür erhalten. Der Ausblick in die Zukunft ist beunruhigend und beängstigend, außer der Hoffnung auf Enkelkinder sehe ich keine möglichen Highlights. Das ist für mich wesentlich schlimmer als die Falten, graue Haare und die eventuelle Aufregung über ein Blümchenkleid den Frau meines Alters nicht tragen sollte (das letzte – warum denn nicht?).
    Was ich noch glaube – äußerlich ist es bestimmt einfacher zu altern, wenn frau sog. Klasse hat. Nur – ich habe sie nicht ;-).
    LG.

    PS. noch zum Zitat von gestern – ich versuche mir einzureden dass sowohl das altern als auch das an Gewicht zuzunehmen Privilegien sind, denn wäre ich z.B. in Bangladesch geboren, hätte ich diese Möglichkeiten nicht (wie auch viele andere). Es funktioniert, meistens.

  • Gestern hatte ich auch ein paar Gedankenspielereien zum Älter werden, ich werde sie mal als Post zusammen fassen. Interessant wie unterschiedlich das Älter werden aufgefaßt wird.
    viele liebe Grüße Rubinengel

  • 20 möchte ich auch auf gar keinen Fall mehr sein. Die 30er fand ich toll, genug Erfahrungen gesammelt und wissen, wer man ist, körperliche Zipperlein waren Fremdworte für mich. Meinen 40. habe ich auch noch richtig groß gefeiert…aber jetzt mache ich mir schon auch so meine Gedanken (ein klitzekleines bisschen).

    Die Optik ist doch auch nur eine Seite der Medaille. Klar möchte ich auch mit fortschreitendem Alter gut aussehen. Was ich dann für mein Alter “angemessen” empfinde, werde ich dann entscheiden, wenn es soweit ist. Ich denke, dass das ganz einfach sein wird, denn wir werden das tragen in dem wir uns wohl und schön fühlen.

    Für mich ist wirklich das absolut Entscheidende die innere Einstellung. Positives Denken und Offen sein, das geht natürlich viel einfacher, wenn man gesund ist. Ich habe schon Monate voller Schmerzen erlebt, in denen meine Lebensqualität gleich null war, rate mal, wie ich mich da angezogen habe und ob ich mich geschminkt habe…Deshalb ist die Erhaltung meiner Gesundheit mein Hebel. Denn wenn es mir gutgeht, kann ich auch mit Spaß und Schönheit (?) reifen. Wie Du schon schreibst, die innere Einstellung bzw. der Charakter gräbt sich ins Gesicht. Die Falten kommen und bleiben, aber dann bitte Lachfalten.

    Viele Grüße
    Luzie

  • Oh weih, da lese ich mal 2 Tage nicht und Du schlägst so ein Thema an, harter Tobak. Ich bin 43, seit September 2012 sind die Haare ab, erst 6mm jetzt ca. 4cm und zum ersten Mal seit der Jahrtausendwende UNGEFÄRBT !!! Scheisse, ich bin grau an den Schläfen, meine Naturfarbe ist Achblond also eher Mausblond. Fällt nicht wirklich auf, aber ich habe mir doch wieder eine Packung Farbe gekauft. Mal gucken was wird. Meine Mutter sagte immer “man ist so alt wie mal sich fühlt”. Mmmhhh, am Mittwoch beim Orthopäden waren es dann 100 Jahre als ich das Röntgenbild von meiner Lendenwirbelsäule gesehen hab und dann noch der Machospruch ” eine Frau in Ihrem Alter muss sich sportlich betätigen” Arrg, ich habe in 6 Monaten 15kg abgenommen reicht das nicht für den Anfang ? Nö, Sport ist trotzdem nötig. Ist Zumba was für eine Frau in meinem Alter ???
    Ich ertappe mich aber immer wieder dabei, das ich erzähle und dann sage eine Frau in meinem Alter und im nachhinein ist die dann so Mitte 30. Habe ich ein verzerrtes Weltbild, oder fühle ich mich einfach nur jünger als ich bin ?
    In dem Sinne, liebe Grüße Deine nachdenkliche Janine

  • Ein Tag ohne Blogrunde und beinah verpasst , was hier so heftig diskutiert wird ! Ich kann ja auf das Jahrzehnt , das Du beschreibst schon zurückblicken : Ich hab grad mal nachgedacht und stimme Dir absolut zu , wenn Du sagst , dass es eine Zeit der Veränderung ist , in dem frau Zipperlein beginnt zu spüren ,Gewebefestigkeit und Kräfte beginnen nachzulassen und ja auch die Menopause bringt ziemliche Veränderungen . Das Positive : Das Jahrzehnt ab 50 ist ein bischen wie zum zweitenmal die 30er . Noch ein bischen erwachsener , toleranter in den Gedanken , entspannt zurückgelehnt aber nicht tatenlos . Also so hab ichs erlebt , dass das 10 richtig gute Jahre waren .
    Mir fällt grad noch etwas ein, was eine Freundin sagte : Wir machen uns soviel Gedanken um das Äussere des alten Kopfes , dabei ist das Altern IM Kopf viel wesentlicher- und da helfen nur Gelassenheit und vor allem der Versuch, offen für alles mögliche zu sein und die grauen Zellen ordentlich zu füttern und ihnen was abzuverlangen
    LG Dodo

  • Huch, ich hatte mir eineige Gedanken gemacht und sie zu einem Post zusamengefasst, da sehe ich noch den hier folgenden . Muss ich auch gleich nochml dazu verlinken. Danke für das Thema! Und hier eine paar ergänzende Gedanken von mir:
    Herzliche Grüße, Sabine

  • Pingback: Altern kommt später? | masasleben
  • Ich bin seit langem eine stille Leserin deines Blogs, bin mit 54 Jahren auch schon deutlich älter als viele derjenigen, die schon kommentiert haben. Ich weiß (eigentlich wissen es alle) dass das Altern dazugehört. Ich habe viele graue Haare und trage deshalb jetzt völlig andere Farben als zuvor, aber ich finde diese Farben zu mir richtig schön. Körperlich kann ich nicht klagen, klar, vor 30 Jahren war ich natürlich leistungsfähiger, der Körper ist auch nicht mehr so straff, der Kopf tut sich manchmal schwerer und das Leben fordert seinen Tribut – aber das ist einfach normal. Denkt doch an schöne alte Sachen, vielleicht ist eine Ecke abgestoßen, vielleicht glänzt etwas, was vorher nicht geglänzt hat oder die Wandfarbe ist ausgebleicht – das alles hat doch seinen ungeheuren Charme und ist oft viel gefühlvoller, als das ganz neue. Vielleicht ist das das, was als “gereift” bezeichnet wird und was, wie bei Dodo, einfach schön ist. Die ganzen “körperlichen Mängel” die in vielen Kommentaren beim Älterwerden auffallen, sind doch das geringste Problem für`s Älterwerden. Ich arbeite in einem Altenkreis mit. Da drohen später ganz andere Kaliber wie wirkliche körperliche oder geistige Probleme verbunden mit Einsamkeit und Hilflosigkeit. Deshalb finde ich es einfach schade, wenn wir uns durch die “Alterserscheinungen” unter Druck setzen lasen und etwas machen, was uns persönlich eigentlich gegen den Strich geht, nur weil wir nicht älter erscheinen wollen. Wer es gerne macht, warum nicht und wer sich so wohlfühlen will, wie er ist – es sei ihm/ihr gegönnt. Die “Reife des Älterwerdens” kann dazu helfen. Das einzige, was mir leid tut ist, dass ich früher, als ich das entsprechende Alter + Figur hatte, nicht so selbstbewusst in der Kleidung aufgetreten bin, wie ich das jetzt tue – aber da habe ich es mir nicht getraut.
    Viele Grüße, Annette

  • Ich habe das Älterwerden aufgeteilt. Verlust an Attraktivität, Verlust der Gebärfähigkeit, Zunahme von Gewicht und körperlichen Beschwerden. Zum Verlust der Attraktivität kann ich die These, wer diese schon früher verloren hat, dem fällt es später nicht mehr so schwer, nur unterstreichen. Ich war sehr eitel und auf mein Aussehen bedacht. Bis ich zum ersten Mal schwanger wurde. Mit der zweiten Schwangerschaft wars dann vorbei mit der Figur und mit dem Geld für eventuelle Aufhübschungen (nein, keine OPs!!). Meine Figur habe ich nicht wieder zurück und das wird auch nichts mehr aber so allmählich fange ich an, mich wieder etwas mit mir anzufreunden, was durchaus auch ein Vorteil des Älterwerdens sein kann. Keine Kinder mehr haben zu können ist für mich kein Problem, ich habe 2, das reicht mir persönlich. Ich bin auch immer noch mit dem Vater meiner Kinder verheiratet (seit 22 Jahren) und wir wollen uns in dieser Hinsicht auch nichts mehr beweisen. Mit dem körperlichen “Verfall” habe ich große Probleme. Ja, ich habe Angst davor Alt zu werden, wenn es mit körperlichen Einschränkungen verbunden ist. Und keiner kann sich vorstellen, wie ich mich gefühlt habe, als mir im Rahmen einer Zystenentfernung am Eierstock mitgeteilt wurde, ich bekäme auch noch eine Ausschabung. Auf meine Frage warum, erklärte man mir, das mache man bei Frauen meines Alters routinemäßig, ich war 47! Das Schlimmste am Älterwerden aber ist für mich persönlich die Erkenntnis, dass es für vieles einfach zu spät ist. Wenn man 20 ist denkt man oft, das kann ich ja dann später noch ändern. Ich lebe heute in einem schönen Haus auf dem Land. Ich würde aber auch gerne in einer Stadtwohnung leben oder in einem Haus in einer Kleinstadt. Ich weiß aber, dass ich wohl nichts mehr an meiner Situation verändern kann (ich weiß, viele Therapeuten sehen das jetzt ganz anders), das ist realistisch und macht mich oft traurig. Oft frage ich mich, was wohl gewesen wäre, wenn ich manche Abzweigungen im Leben anders genommen hätte. Das sind die Momente, in denen ich mich alt fühle. Nächstes Jahr werde ich 50. Ich werde das nicht feiern (im Übrigen hasse ich Geburtsfeiern schon seit meiner Kindheit) aber auch nicht in Tränen ausbrechen. Weiter heißt die Devise, mal sehn was noch kommt, vielleicht hat das Leben ja auch noch Spannendes (nicht nur Probleme) für mich im Gepäck.
    Liebe Grüße und danke für diesen Blogeintrag

  • Das mit dem ” nicht unter Druck setzen lassen von den Alterserscheinungen” ist leichter gesagt, als getan, wenn einem z.B.der bisher sehr sportliche Rücken plötzlich derart schmerzt, dass man nachts nicht schlafen kann. Da muss man sich einfach entscheiden, ob man das jetzt ( schon) so hinnehmen will und den Rest des Lebens mit Schmerzmitteln verbringen will, oder ob man versuchen will, den Rücken mit mehr oder anderem Sport davon zu überzeugen, dass unser gemeinsames Leben noch lang sein wird und wir auch weiterhin nähen und ohne Schmerzen im Arm stricken möchten.
    Meine Lendenwirbel haben es sich noch mal anders überlegt ( im Grosssen und ganzen) und seit 6 Wochen rede ich der Schulter gut zu, denn ich sage Euch, nichts lässt Dich ” so alt aussehen” wie Schmerzen. das es später noch ganz anders kommen kann und wird, ist jetzt noch kein Argument dafür, das so hinzunehmen.

    Viele Liebe Grüsse
    Andrea (56)

  • Liebe Michou, ich bin normalerweise auch eine stille Leserin, aber melde mich hier zu Wort – auch ich dachte mit 44 zum ersten Mal, oha, da tut sich was. Das Kinn hängt. Von der Seite im Spiegel angeschaut habe ich auf einmal Konturen, in denen ich die Konturen meiner 30 Jahre älteren Mutter wiedererkenne. Und die meiner mittlerweile verstorbenen Großmutter, die mit 96 genau diese Konturen noch weiter entwickelt hatte. So fühlt es sich an: ich habe den ersten Schritt auf diesem Weg gemacht und nun wird es Schritt für Schritt weitergehen.

    Was ich deutlich merke: Ich bin keine junge Frau mehr, ich kann mich nicht mehr so beschreiben (auch wenn ich mich offenbar unbeirrbar innerlich als Mitte 30 fühle). Ich bin auch keine ältere Frau, sondern irgendwas mitten drin.

    Welche Konsequenzen ziehe ich daraus? Ich vermeide kleidungstechnisch möglichst alles, was mädchenhaft aussieht, auch wenn es im Kopf zunächst verführerisch scheint: ich fühle mich letztlich und faktisch unwohl darin. Und ich sortiere nach und nach alles aus dem Kleiderschrank aus, was ich vor 20 Jahren als “sportlich” bezeichnet und gern getragen habe. Ich muss akzeptieren, dass ich mich wohler fühle in guten, hochwertigen Materialien, es darf fließen, es darf die eh nie wirklich vorhandene und nun komplett dahinschwindende Taille verhüllen, die Oberarme auch, ich gehe nicht mehr schulterfrei zur Arbeit. Zum Glück kann man, wenn man strickt und näht, ja selbst mehr oder weniger erfolgreich dazu beitragen, dass man die Kleidung trägt, die man tragen möchte. Ich entwickle mittlerweile ein Kleidungsideal und hoffe, ich kann es, wenn ich dann mal 50 und 60 bin, wie Dodo und manche andere hier umsetzen: elegant, voller Understatement, Leinen, Seide, fließende, schöne Formen, bewegte Konturen, nichts kneift, alles schmeichelt.
    Ich merke, wenn ich Schnittmuster im Internet anschaue, dass ich dieses Ideal noch eher theoretisch ist, noch kostet es mich doch einige Disziplin, nicht irgendein tailliertes Sommerkleidchen nähen zu wollen, in dem ich mittlerweile aber ganz sicher nicht mehr überzeugend aussehen würde. Elegant zu werden, das ist doch auch ein Ziel, und in allen Altersphasen möglich.
    Danke für diese Posts, die ich mit Freude lese!

  • Hmmm, ich glaub, was den scheinbaren Verlust der Attraktivität ausgleicht, ist die Erfahrung, die schön macht. Schön ist für mich nicht jung, dünn, glatte Haut – was weiss ich. Schön ist, wenn ich eine Frau anschaue und mehr schauen möchte, das hat an sich nicht wirklich was mit Aussehen zu tun. Eben mit Charakter. Und davon hat man, wenns gut läuft, mit 40 viel mehr als mit 20. Also: so what? Mit 50 wirds noch mehr sein.

  • Ich bin auch seit vielen Monaten stille Leserin Deines Blogs – ich liebe Deinen Stil und worüber Du schreibst. Dieser Post hat mir besonders gut gefallen, darum MUSS ich jetzt einfach mal aus der Deckung.

    Ich bin 41, einerseits kokettiere ich mit den einsetzenden Anzeichen des Älterwerdens und reiße Späße darüber, andererseits gibt es Tage, wo es mich deprimiert, dass ohne spitzensportlermäßiges Training die Schwimmreifen wachsen und das Kinn immer doppelter wird. Noch öfter ertappe ich mich aber bei dem Gedanken, was ich wohl werden möchte, wenn ich mal groß bin. Ich habe nach wie vor das Gefühl, noch so viel Zeit zu haben und Möglichkeiten, Neues zu entdecken. Ich genieße es, nicht mehr jeden Quatsch mimachen zu müssen, ich muss mir nicht mehr Gedanken machen, was andere über mich denken, weil es mir egal ist. Ich habe mit meinen Liebsten und mir selbst meine Mitte gefunden und muss niemandem mehr etwas beweisen, außer mir selbst. Derzeit stelle ich an mir fest, dass für mich diese Aspekte auch zeitweises Verzweifeln mit verknitterten Augen, Besenreisern und entgleisender Figur noch wettmachen. Ich stelle fest, dass mir die Schönheit von Frauen mitten aus dem Leben, von Frauen wie Dir und den vielen anderen bezaubernden Blogs viel besser gefällt als die der plastikgepimpten zugeschminkten Shoppinggirlies. Ich weiß, dass ich mich auch nicht die nächsten zehn Jahre auf jedes graue Haar (wobei, ich bin zum Glück blond, da sieht man es nicht so) und jede Falte freuen werde, dass ich manchmal hadern werde und nörgeln und bocken und trotzig dagegen angehen wollen. Aber dann werde ich mich hoffentlich erinnern und so feinfühlige, beeindruckende und vorsorglich gespeicherte Texte wie Deinen hier lesen.

    Vielen Dank für Deinen tollen Blog und
    liebe Grüße aus Österreich

    Andrea

  • Liebe Michou,

    dass mit deinem Post ganz viele stille Leserinnen (wie ich auch) aus der Reserve kommen zeigt, wie sehr dieses Thema jeden beschäftigt – egal zu welchem Schluss man dabei kommt. Frei nach Karl Valentin ist mein Motto: “Ich freue mich auf das Älterwerden, denn wenn ich mich nicht freue, werde ich trotzdem älter”. Eine große Inspiration für Älterwerden mit Stil (und Spaß) ist übrigens dieser tolle Blog: http://advancedstyle.blogspot.de/ Sieht Ruth auf dem Bild vom 30. Mail mit ihren 101 Jahren nicht ganz toll aus in ihrem schwarz-roten Outfit? Da sind wir noch nicht mal halb so alt…
    Liebe Grüße
    Veronika

  • Danke für die schönen Texte! Diese wohlformulierten Blogeinträge und die zahlreichen Posts sind eine spannende Lektüre und treffen mich genau zwischen die Augen. Ich bin 45 Jahre alt und hätte früher nie gedacht, dass ich älter werde als ungefähr Mitte 30. Wilde Parties, ausufernde Nächte, Alkohol, Rauchen (ich habe nicht aufgegeben) und noch einiges mehr haben sicherlich kräftig mitgeholfen, um meine Optik zu verändern. Der Blick in den Spiegel ist morgens manchmal eine wahre Herausforderung, und beim Schminken habe ich schon mehrfach überlegt, ob ich eventuell auf Feinspachtel umsteigen sollte. Die hier so häufig beschriebenen Zeichen von Reife oder mehr Ausgeglichenheit konnte ich bei mir auch noch nicht beobachten. Allerdings habe ich immer wieder festgestellt (und da stimme ich offenbar mit Audrey Hepburn überein): Glückliche Mädchen sind die schönsten. Wenn es mir gutgeht und ich mich wohlfühle, mit meiner Umwelt und mir in Frieden bin, dann gefalle ich mir auch, und zwar trotz hängender Kinnlinie und all den Sorgenfalten auf der Stirn. Das geht mir bei anderen Menschen ebenso. Wenn jemand frisch verliebt ist oder sich vielleicht gerade einen lang ersehnten Wunsch erfüllen konnte, dann wird der ganze Ausdruck dieses Menschen ins Strahlende, Glückliche verschoben, und das finde ich wirklich am allerschönsten. Wenn man Schmerzen hat, unglücklich ist oder lange Zeit viel Schlimmes erdulden musste, dann lässt dies den Menschen älter, kraftloser und müder wirken, unabhängig vom eigentlichen Alter. Es gibt ja sogar Kinder, die schon wirken wie alte Menschen, wenn sie nicht die Möglichkeit hatten, sich unbeschwert und spielerisch auszuleben und sich zu entfalten, sondern überfordert werden oder unglücklich sind. Wir kommen leider nicht drumherum um das Altwerden, wenn wir nicht frühzeitig abtreten wollen. 😉 Und es ist nicht leicht. Ein Arzt hat vor einigen Jahren mal zu mir gesagt (als ich mich über meine Nackenschmerzen und Lendenwirbelprobleme beschwert habe): Wenn Sie über 40 sind und morgens ohne Schmerzen wach werden, sind Sie höchstwahrscheinlich tot.
    Darf ich noch ein Zitat zum Thema anbringen? George Bernhard Shaw wird dieser Satz zugeschrieben: “We don’t stop playing because we grow old. We grow old because we stop playing.” Ich finde, das trifft den Nagel auf den Kopf. Also Mädels, hört nicht auf zu spielen, neugierig zu sein und die Welt mit offenen Augen zu betrachten. Das macht schöner und jünger als jede teure Creme oder der sorgenzerfurchte Blick in den Spiegel auf der Suche nach dem jugendlichen Gesicht von früher.

    Liebe Grüße von Claudia

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