Arrogant

So werde ich bald hier auftreten. Stünde zu befürchten, wenn sich nicht noch Knopflöcher in meinem Weg stürzten … 😉 An ein zweites Kleid bzw. den Schnitt dazu wollte ich mich setzen, so erzählte ich euch. Im Nachhinein muss ich sagen: das war gelogen. So eine rechte Idee fehlte, wohingegen mir eine zumindest vage erkennbare Idee für einen Kurzmantel vor den Augen tanzte. Ich bin so leicht zu verführen!

Auf dem letzten Godesberger Stoffmarkt hatte ich einen dunkelblauen Wollfilzcoupon von etwa 1,80 m für 6,-€ erstanden; sehr dicht gewebt, sehr dunkelblau, etwas kratzig – eine Herbstjacke sollte er mal werden. Mit einer anständigen Fütterung könnte auch ein Winterjäckchen entstehen, aber dazu hätte ich noch einmal in Richtung Stadt gemußt. Also bleibt es bei der einfachen Fütterung.

Nun weiß, wer mich kennt, dass das Füttern von Kleidung zu meinen ungeliebten Aufgaben gehört. Irgendwie rutscht immer was, irgendwie franst immer was, irgendwie fehlt immer was und vor allem: irgendwie passt es nie zueinander und irgendwie musst immer etwas mit der Hand gestichelt werden, was bei mir nie, NIE; NIEMALS anständig aussieht (und auch nie hält. Nähen an sich gehört nicht zu meinen Fähigkeiten, ich muss es gestehen.)
Natürlich weiß ich, dass es Methoden gibt, die ohne Handstiche auskommen; ich habe davon gehört, ich habe darüber gelesen und ich habe es in Kaufkleidung selbst billigster Provenienz gesehen. Nur wie genau das gehen soll, war mir ein Rätsel, ein Geheimnis, ein ewiges Enigma. Aus wenigstens drei Gründen:

Vor drei Jahren besaß ich an Nähliteratur nur das Burdahandbuch – und ha, welch ein Witz: wer daraus eine neue Technik erlernen will, darf des Deutschen nicht mächtig sein. Eine dermaßen verschwurbelte und gewundene Aneinanderreihung von Fachwörtern, falscher Kommata, Banalitäten und landläufigem Irrsinn will sich mir nicht erschließen. Durchlesen und verstehen OHNE das passende Schnittteil greifbar vor sich zu haben, geht gar nicht. Verblüffend, dass es MIT Schnittteil nicht minder unverständlich, dafür aber hoffnungslos wird. Nur: die Erkenntnis, dass das Nichtbegreifen vielleicht an den Burdaredakteuren und nicht an meiner Fähigkeit, abstrakte Texte zu verstehen, liegt – diese Erkenntnis ist erst spät, langsam und zaudernd gereift.

Dann gibt es im Netz eine Unmenge an Anleitungen dazu, besser gesagt: tausende an Tutorials in vornehmlich amerikanischen Blogs. Aber immer, immer wieder kam ich in der Beschreibung an den Punkt, an dem ich mir meines Englisch nicht mehr sicher war (und der australische Gatte sich wundernd über den Text beugte und meinte, das Wort gäbe es nicht, bedeute etwas anderes oder mache sowieso keinen Sinn) und/oder die dazugehörigen Bilder alles andere als selbsterklärend, sondern weiter verwirrend waren. Ihr dürft an meiner Intelligenz und meiner Auffassungsgabe zweifeln, aber ich behaupte, ein dritter Grund spielte eine Rolle:

Ich habe nämlich zu viel darüber nachgedacht. Ha! Schön, wenn man das so ausdrücken kann, nicht wahr? In den meisten, wenn auch nicht allen Anleitungen zum Füttern ohne Handstichelei, wird das Futter auf der Saumumbruchslinie des Oberstoffes abgeschnitten. Darüber kam ich nicht hinweg; ich meinte, dass da doch zumindest eine NZ dran gehören müsse, da doch sonst der Saum zu hoch rutschen müsse – und nach wie vor kann ich die Tatsache, dass das Füttern funktioniert, wenn das Futter genau bis zur Bruchkante geht, nicht rational verarbeiten. Besser also, nicht darüber zu grübeln. Es geht, gut ist!

Egal, da stand ich nun mit der Idee – schmal, oberschenkellang, angeschnittener, abgerundeter Stehkragen, Teilungsnaht vorne, mit obligatorischem Gürtel (kann ich Mantel oder Jacke ohne Bindegürtel?) – und einem eher kratzigen Stoff. Ohne Futter nicht tragbar. Traue ich mich ran? Grübel, grübel, ich mache mich erstmal an den Schnitt.
Schnitt ist fertig, Gedanken kreisen, ich traue mich nicht. Doch schnell ein Kleid? Nein, los, stell dich deinen Ängsten, dumme Nuß, du wirst demnächst 44, worauf noch willst du warten? Eben. So habe ich Sonntag nacht noch den Stoff ausgeschnitten und muss auch hier klein beigeben: zwei Lagen sehr festen Wollfilz zu schneiden ist kein Vergnügen, ich fühlte mich schwach, entsetzlich schwach … vielleicht sollte ich nachts mal schlafen anstatt hier herum zu nähen? Aber bis Weihnachten will ich wenigstens noch ein Kleid schaffen und zu Silvester noch eines. Nicht, dass wir etwas vorhätten und ich eine festliche Robe benötigte 😉 Aber feste Zeitrahmen und der künstlich erschaffte Druck erzeugen einen Kreativitätsschub bei mir, zur Zeit wenigstens. Nagelt mich nicht fest, sonst muss ich demnächst erneut zu Kreuze kriechen.

Der Montag – wie üblich in Viertelstundendosen, mal hier, mal dort über den Tag verteilt – erlebt das Zusammennähen der äußeren Hülle; spannend wie immer, nervenzerfetzend trifft es besser, das Nähen und Einsetzen des Ärmels. Denn ganz klar: ich hatte den dazugehörigen Grundschnitt in einer stark abgewandelten Form beim Kleid verwendet – eine erneute Abwandlung in weiter und tiefer muss da ja nicht an einem Probemodell getestet werden. (Ich bewundere gerade Berry sehr wegen ihrer Sorgfalt und Perfektion!). Nahein, ich teste den neuen Schnitt gleich am Original – kein Wunder, dass ich nervös bin 😉 Sagt nichts, klüger werde ich nicht mehr, 44, da ist es zu spät!

Irgendwann gegen 22.00 Uhr der erste Weg zum Spiegel mit einem rechts eingehefteten Ärmel … diese neuen Lichtspender benötigen ja verteufelt viel Anlaufzeit, bevor sie das Erkennen und Wahrnehmen der Umwelt zulassen, ganz zu schweigen von einem dunkelstblauem Jackenärmel. ABER – lasst mich jubeln, lasst mich übermütig werden, bezichtigt mich der Arroganz: das Ding sitzt besser als all die abgeänderten Vogue, Burda und Simplicitydinger. Gerade eben noch müde, galoppiere ich nun die Treppe hinunter und sitze grinsend und summend an der Nähmaschine 🙂

Dienstag, gestern, die Kinder sind bei Oma, hätte ich viel Zeit, aber ich zögere das Futterverarbeiten unnötig heraus, so dass ich mittendrin unterbrechen, Kinder holen, Abendbrot machen und Mister X spielen muss (darf!), bevor ich erneut die Nacht zum Nähen verwende. Todmüde, aber unnachgiebig arbeite ich mich durch alle möglichen Anleitungen und füttere. Und es ist soooo simpel! Weshalb sagt einem das nie jemand? Warum wird das immer als die absolute Profiarbeit dargestellt? Weshalb geistert nur immer die Mär von der wertvollen Handstichelei durch die Hobbyschneiderwelt? Ja, wenn ich einen Stich wie den anderen setzen könnte, kostbarstes Seidengarn verwendete und ich mir tagelang Zeit nähme – dann mag das zutreffen. Aber als Notbehelf etwas mit Blindstichen genervt anzusticheln, weil die Maschine nicht drankommt oder ich nicht weiß, wie es vermeiden kann, die Nähnadel zu schwingen?
Also ganz laut für alle, die auch Angst vor dem Füttern mit der Maschine haben, nicht gerne mit der Hand nähen oder sich zu wenig zutrauen: das Füttern eines Mantels oder einer Jacke ist gar nicht schwer! (das akkurate Zuschneiden der Teile allerdings ist schon nötig, da muss ich mich arg zusammen reißen)

So, wie immer habe ich viel zu lange geschrieben, geredet, geschwafelt, sollte eigentlich heute nur eine Zeile werden plus zwei Bilder, aber ich bin offenbar zu voll mit all dem – es musste raus 🙂

Schön auch, wie dunkel und nass es heute da draußen ist … wenn ich das nächste Mal einen Mantel nähen sollte, möchtet ihr Bilder vom Füttern haben? Versprechen, dass es bei mir verständlicher sein wird als bei Burda mag ich aber noch nicht 😉 So, jetzt ab in die Sauna mit den Jungs, draußen gewittert es ohne Ende, da wollen wir kuscheln!

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5 thoughts on “Arrogant”

  • Oh, ich danke sehr für deine Bewunderung! Ich meinerseits bewundere wiederum dich, dass du dich traust, so einfach loszunähen und es dann auch noch was wird. Bei mir klappt das leider so gut wie nie. Manchmal fühle ich mich wie eine Pingelliese – aber gerade musste ich schon wieder Lehrgeld für zu flottes Arbeiten zahlen, deshalb werde ich wohl weiter pingelig bleiben müssen… Dein Mantel sieht vielversprechend aus!
    LG, berry

  • Hahaha 😀 Wie du siehst, hätte ein Testen sicherlich zu einem besseren Ergebnis geführt 😉 Aber so lernt man eben auch und mich macht die Probenäherei nicht immer sicherer …

    Lehrgeld? Wieso? Steht schon was in deinem Blog?

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