Auch mal ein kleines Mai-Projekt – nur für mich.

Die halbe Nähwelt versammelt sich zum Me-Made-May wie seit Jahren und als ich gestern – wieder einmal – sehr früh und müde im Bett lag und mein Blick auf den Kleiderschrank fiel, fragte ich mich, ob ich noch mal wieder an den Punkt kommen werde, an dem das Selbstgenähte das Gekaufte überwiegen würde …

Anfang letzten Jahres stellte sich die Frage gar nicht: außer einer Turnhose, der Wäsche und den Strümpfen war alles selbsthergestellt. Da gab es keine Bluse, keinen Rock, keinen Mantel, kein gar nix, das nicht von mir gestrickt oder genäht worden wäre. Das war ein sehr befriedigendes Gefühl. Bis auf die kleine, störende Tatsache, dass ich mich immer weniger wohl in die Kleidungsstücken fühlte. Zunächst nur deshalb, weil die Wechseljahre nicht nur eine Gewichtszunahme (die ich jetzt halbentschieden wieder abbaue), sondern vor allem Gewebeverschiebungen mit sich brachten. Wie nannte es die wunderbare Frau Jahnke in ihrer Pantheon-Ehrenpreis-Dankesrede: Dementes Gewebe. Kenne ich. Habe ich auch.

So schiebt es sich ungefragt im Sitzen in die Taille, um im Stehen sonstwohin hinunter zu plumpsen und in Bewegung wahllos durch die Gegend zu hüpfen. Was für einen Rock mit engem Bund in der Taille bedeutet: aua! So wurde er duch das demente Gewebe sitzend bis unter die Brust geschoben, von wo er stehend wieder abgeholt werden musste. Oder der Bund musste diskret geöffnet werden, bevor ich Platz nehmen konnte. Versuche, den Bund einfach etwas weiter zu nähen, waren doppelt frustrierend: so weit, dass ich darin hätte sitzen können, wurde er erst gar nicht, denn schon lange davor sauste mir der Rock um die Taille und Richtung Hüfte, wenn ich stand. Eine Messung ergab: das können schon mal 10 cm sein, die sich plötzlich breit machen.

Es war, ich sagte es, frustrierend. Sowohl beim Nähen und Trennen und Nähen und Trennen selbst, als auch bei den Anproben oder im Alltag. Und so ganz langsam schlich sich noch etwas anderes ein: Überdruß und Langeweile. Ich konnte all die Röcke und Pullis einfach nicht mehr sehen. Nach wie vor schaue ich mir Modebilder der 20er-40er gerne an, bin für die Ästhetik und die Schnittführung nicht verloren. Es ist nur einfach nicht mehr meines. Ich weiß, ich erzählte das bereits.

Und was tut man dann? Ich begann wohl, zeitloseres und moderneres zu konstruieren und auch einmal probe zu nähen, stand mir dabei aber meist selbst im Weg, weil ich viel zu oft um die Ecke dachte, viel zu sehr in Raffungen, Schnittlinien und Aufteilungen dachte und dabei unglaublich viel Mühe hatte, den vorhandenen Vintageblöcken moderne Weite und Lässigkeit einzugeben. Und zu dem Zeitpunkt viel zu unlustig war, komplett von vorne zu beginnen. Noch mehr Frust also.

Die Lösund war eine Einkaufstour mit dem Gatten, der geduldig in der Filiale einer französischen Kette enge Hosen, kurze Hosen, weite Blusen und hohe Schuhe herbei brachte und sichtete und mich dann beschenkte – ich denke, die kurzen Hosen trugen ihr Teil zu seiner Großzügigkeit bei. Ich schaute in den Spiegel und fand mich endlich einmal wieder nach den drei miesen Jahren zuvor mit Verlust und Schmerzen und Depressionen. Der Einkauf hatte Freude gemacht (trotz meines Wissens um die Zustände, unter denen diese Kleidung womöglich hergestellt wurde – das trübte und trübt bis heute mein Gewissen sehr) und hat mir Druck genommen. Druck, den ich mir selbst unbewußt auferlegt hatte, nämlich alles und jedes selbstgemacht haben zu wollen, sollen, müssen.

Nun ist es aber auch so, dass das leichte Kaufen und die Freude darüber, sich neu wieder zu entdecken (womit ich noch lange nicht durch bin, so steht zu befürchten) mir auch den Schwung zum Nähen nahm. Ich habe festgestellt, dass ich aber auch nicht die geringste Lust habe, Hosen mit fünf Taschen zu nähen und erst am Ende zu sehen, ob ich noch was hätte ändern müssen; ganz abgesehen davon, dass die Lust, dafür einen Grundschnitt zu erstellen, noch geringer ist. Und weshalb sollte ich auch, da ich – bleibe ich bei den engeren, hüftigeren Hosen – keine Schwierigkeiten habe, einigermaßen passendes zu finden. Will ich weitere Modelle, die höher sitzen, so lassen sich Simplicity und Knip für meine Figur relativ gut anpassen. Problem gelöst.

Nichtsdestotrotz will ich nähen und mich dabei auf Kleider, Röcke und Oberteile konzentrieren – reines Lustnähen, weil mein Kleiderschrank einigermaßen gut gefüllt ist mit allem, was mir Spaß macht. Endlich kann ich durchs Stofflager streiche(l)n, ohne zu denken: diesen oder jenen Stoff musst du unbedingt ganz schnell vernähen, du brauchst dringend dies oder das für dann und dann. Und nach nun über drei Wochen Krankheit und nach wie vor großen Schwierigkeiten, etwas zum Anziehen zu finden, das nicht schmerzt, bin ich richtiggehend heiß darauf, schönes und praktisches herzustellen. Oder auch nur umzuändern und anzupassen. Und um mich zu motivieren und mir selbst zu zeigen, in was ich mich wohlfühle und was ich wirklich trage, knipse ich mich nun auch täglich. Also vielleicht. Ich habe es vor … und zwar in allem, was ich trage ohne Rücksicht auf gekauft oder genäht. An manchen Tagen gibt es vermutlich zwei Beiträge: den einen für mich mit dem Getragenen (jetzt brauche ich noch eine Überschrift, damit das erkennbar ist und niemand darauf klickt, der ganz anderes bei mir sehen will) und einen Beitrag fürs echte Bloggen, wenn es mich mal wieder reißt, ich etwas fertig habe, eine Geschichte erzählen will oder einfach nur laut meckere.

Heute morgen also Sonnenschein und milde Temperaturen und ein kurzer Einkauf:

 

0667

 

Wenn man im Bett liegt, wieder klar denken kann und sich entsprechend langweilt, ist ebay gefährlich-verführerisch. Eine Jeansjacke wollte ich schon lange wieder einmal, irgendein weites Riesending, das über alles drüber passt, wenn es nicht warm, nicht kalt, windig, aber nicht stürmisch ist. Nun gut, man kann ja mal schauen. Und oh: hier ist eine von  Benetton in Größe M, die noch 2 min läuft und kein einziges Gebot hat. Nur mal schauen, woran denn das wohl liegt – Löcher? Schimmel? Steht nichts negatives da, hmmm. Gib halt einfach ein schnelles kleines Gebot ein – 3,33 € als Einsatz für ein Spiel, das nicht unbedingt gewonnen werden muss, das macht doch Laune. Wenn dann aber zwei Minuten später die Mail kommt, man habe den Artikel erworben und das für einen Euro … dann hält sich meine Freude in Grenzen, weil ich mir so schofelig vorkomme. Bis ich daran denke, wieviele gute Dinge ich für die gleiche Summe weggegeben habe. Als die Jacke dann am Samstag ankam und genauso aussah, wie ich mir das dachte – na, da habe ich mich doch gefreut. Nun hätte ich vielleicht gerne noch eine, die etwas kürzer und schmäler ist. So ist das mit dem Habenwollen: es zieht immer noch mehr Wünsche hinter sich her und deshalb muss diese eine Jacke ausreichen. Punkt.

 

0670

 

Zuhause natürlich ohne Jacke, aber mal mit Schmuck. Ich versuche immer wieder einmal, mich daran zu gewöhnen; bei anderen sieht das schon nett aus. Bis jetzt habe ich die Kette noch an.

Auch hier nichts Selbstgemachtes, aber Pläne, eine ähnliche Bluse zu konstruieren. Zählt auch. Irgendwie.



1 thought on “Auch mal ein kleines Mai-Projekt – nur für mich.”

  • Schick, die neue Kombination! Ach, wer sagt denn, dass frau alles selber machen muss? Den Jagdtrieb auszuleben und sich über schnelle Beute zu freuen ist doch nichts Unmoralisches.
    Schön, dass Du so langsam wieder obenauf bist!
    Viele Grüße
    Ursula

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Einverstanden

Please leave these two fields as-is:

Protected by Invisible Defender. Showed 403 to 541.646 bad guys.