Aus der Zeit gefallen

zeitfall

Üselich ist es heute da draußen und diese kaltnasse Ungemütlichkeit scheint auch ins Zimmer hinein schwappen zu wollen. Und bevor ich weiterschreibe, brauche ich eine Tasse sehr warmen, sehr süßen Tees. Da Feen und Mäuse und Vögel hier nicht arbeiten, werde ich das selbst erledigen müssen. Es ist traurig. Sehr. Zum Trost noch einen Lebkuchen. Danach nie wieder Zucker. Gut.

Als ich eben diese Üselichkeit nicht nur hinter Glas beäugen durfte, sondern in sie hinaus musste, konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, man nähme mich erstaunt war. Weder positiv noch negativ, die Bonner an sich sind ja nicht nur Rheinländer (“Jede jeck is anders” und “Levve und levve losse”, s. auch et rheinisch Jrundjesetz), sondern sie sind durch die letzten gut 2000 Jahre ob unter Römern, Franzosen, Preußen oder Politikern recht gelassen geblieben – so schnell wundert sich hier niemand mehr. Heute aber hatte ich das deutliche Gefühl von Anderssein, von einem Aus-der-Zeit-gefallen-Sein.

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Gut, außer mir sah ich nur Menschen, Männlein wie Weiblein, in Winterkleidung, mit der man auch sehr schön zelten oder wandern gehen könnte. Irgendwo kurz vor Tibet. Farblich bin ich ja Kummer gewohnt, sofern man von Farben sprechen mag in all dem Taupe und Olive und Sand und Schlamm. Ein klares Schwarz oder ein Mantel würde mich schon erfreuen. Aber bevor ich mich nun in endlose Betrachtungen und Vergleiche vertiefe – ein bißchen unzeitgemäß sehe ich wohl schon aus:

Vielleicht wurde mein Gefühl aber auch nur durch eine sehr alte Dame hervorgerufen, die im Drogeriemarkt sehr klein und zierlich neben mir stand. Wie eine Meißner Porzellanpuppe sah sie aus, so hell und durchscheinend. Sie zupfte mich am Ärmel und bat mich, ihr bei der Auswahl eines Shampoos zu helfen, dann streichelte sie über meinen Mantelärmel und meinte, so einen Mantel in einer ganz ähnlichen Farbe hätte sie kurz nach Kriegsbeginn als junge Frau vom ersten Geld gekauft; der habe lange gehalten. Ich kann euch sagen, mir war ganz weihnachtlich zumute …

Was ich heute aber eigentlich verbloggen wollte, ist – natürlich – das Pflaumenkleid. Und jajaja, ihr bekommt Bilder, aber erkennen lässt sich überhaupt nichts. Weder trage ich schwarze Strümpfe und Gürtel, noch ist das Kleid so hell oder der Faltenwurf so dramatisch. Vor Frühling wird das nichts mehr mit “richtig zeigen”.

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Sitzt auf den Bildern am Hals auch nicht ganz richtig, denn ich hatte – man kann es sehen – den Reißverschluss nicht bis oben hin geschlossen. Gute 20 Bilder habe ich geknipst, versuchte sogar, die Kamera mit meinen mentalen Kräften zu beeinflußen, was aber außer einem “Ich bin ein böses Mädchen”-Bild nichts einbrachte. Es stimmt mich ein wenig traurig, dass ich endlich ein wirklich schönes, wirklich gut sitzendes Kleid genäht habe und es nicht zeigen kann. Nicht einmal die figurschmeichelnde Wirkung will sich auf den Bildern zeigen; nein, ich bin jetzt grummelig. Passt gut zu üselich.

Aber dafür habe ich gar keine Zeit, ich sollte mich zusammen reißen, denn ich muss ganz, ganz schnell entscheiden, ob ich ein zweites Kleid ähnlicher Art nähe, dessen Schnitt schon fertig ist oder ob ich mich an einen neuen Schnitt mache – dieses Bild hat es mir angetan:

bluseneinsatzkleid

Und noch einmal halt, stopp, ich wurde ja gebeten, mehr über den Konstruktionsprozess zu schreiben, was ich heute nicht schaffe – soll ich noch einmal zeigen, wie ich es angehe?

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15 thoughts on “Aus der Zeit gefallen”

  • Hui, wie chic!!!!!!!!!
    Worüber ich mich eigentlich noch mehr freue: dass DU zufrieden bist mit Deinem zauberhaften Kleid :-*
    Vielleicht mag Dich einer Deiner Mitbewohner nochmal fotografieren? Ich hab bei den Selbstauslöserfotos (ohne Fernbedienung) immer das Problem, dass der Apparat beim Auslösen auf was-auch-immer scharf stellt und ich selbst dann verschwommen bin. Weißte, was ich meine??

    Deine Beobachtung, in welch eintönigen Jacken sich ein Großteil unserer Mitmenschen draußen bewegt, teile ich. Wobei ich schwarz keinen Deut besser finde als taupe, olive, …

    Umso wunderbarer das Kompliment der älteren Dame. Ich hoffe, Du freust Dich noch lange daran! Und stehst über “Aus der Zeit gefallen” – Blicken. Ich bemerke diese Blicke auch und werte sie ganz unbedingt als bewundernde Blicke. Alles andere ist nicht erlaubt ;o)

    Rock ist übrigens fertig. Pleiten, Pech, Pannen und Fotos gibt es demnächst.
    Jetzt muss ich gerade noch ein wenig arbeiten…

    Viele liebe Grüße

    Katharina

    • Nach bald einem Jahr mit mehr Miß- als Erfolg gönne ich mir das Zufriedensein auch mal so richtig 🙂
      Meinem Mann habe ich das Mich-Fotografieren verboten: er führt sich auf wie ein Modefotograf der Vogue, bosst mich umher, stöhnt und seufzt verzweifelt, schlägt Posen und Haltungen vor, die von einem nicht vorhandenen Grundwissen in Anatomie zeugen und das Ergebnis ist so schauderhaft … da kann ich nur verlieren 😀

      Aber von Pleiten, Pech und Pannen will ich aber nichts hören – was ist denn schiefgegangen??

      • Dann musst Du eben jemand anderen für’s Fotoshooting rekrutieren. Das bringt für den Fotografen bestimmt auch Pluspunkte beim Weihnachtsmann ;o)

        Ach, der Rock…. Ich schreib’s heute Abend. Bestimmt.

        • Phh, Punkte … sooo gut kann gar keiner sein 😀

          Jetzt bin ich aber unruhig, den können wir bestimmt noch retten. Den Rock, keinen Weihnachtsfotografen.

  • Da habe ich grad noch gesagt ich warte brav auf Fotos mit dir und da sind sie schon! Auch wenn man kaum Details erkennt, der Sitz ist perfekt!
    Und so eine schöne Geschichte mit der älteren Dame. Wirklich schade dass bereits klassische Wollmäntel eine vom Aussterben bedrohte Art sind. Ich werde auf der Arbeit von den meisten Kolleginnen ja schon bewundert, dass ich so oft Rock trage (in der heutigen Sprache “Hast du dich wieder schick gemacht”, als wenn das schwerer wär als Jeans anzuziehen.
    Katharina erwähnt ein Problem, dass meine Kamera auch hat, beim Selbstauslöser stellt sie den Hintergrund scharf. Manchmal stell ich meine Schneiderpuppe als Platzhalter auf, was einem aber natürlich noch weniger Platz zum hinstellen gibt, wenn man das blöde Ding erst zur Seite schubsen muss. Und mit dem Gatten als Fotograf klappt es bei mir, seitdem ich ihn zu Serienaufnahmen verpflichtet hab. Man bewegt sich zweimal vor-zürück, einmal im Kreis und am Ende hat man 30 Aufnahmen von denen 25 Müll sind, aber auch 5 akzeptable. Das ist es mir wert 🙂

    • Das böse Wort “perfekt” – das rächt sich sofort. Nachdem ich nun seit zwei Stunden an einem Schnitt sitze, verzieht sich die Schulter etwas. Das mag zum Einen dem Stoff und der nach vorne gebeugten Arbeit geschuldet sein, aber sicherlich ist der Sitz auch noch nicht so, wie ich mir das denke 😀
      Obwohl: es könnte auch ein Fehler beim Raffen der Armkugel und beim Kragen sein. Was auch immer: es passt und sieht doch gut aus.

      Und genau das meinte ich: Mäntel scheinen auszusterben. Eines der selbstverständlichsten Kleidungsstücke eines Erwachsenen – das hat mich echt geschafft.

  • 🙁 es gibt viellerlei praktische Gründe die gegen einen Mantel sprechen (so eine verdreckte S-Bahn Nr. 6 zum Beispiel, die spricht auch ganz klar gegen helle Farben zu jeder Jahreszeit, was bei waschbaren Kleidungstücken sich prima ignorieren lässt) … was nichts daran ändert dass die Strßen und die Menschen auf diesen Straßen zunehmend trauriger und grauer aussehen
    ich bin leider ein Teil der Menge – und möglicherweise leidet gar nicht so kleiner Teil von ihr an der Tatsache praktisches über schönem gestellt zu haben – so wie ich ;-).

    Ich wusste es dass Dein Kleid an Dir noch 100mal besser als auf der Puppe aussehen wird! Und wenn dass schlechte Fotos sind dann dürfte die Wirklichkeit noch besser als 100mal sein.
    Ist der Stoff ein crepe? Sah zumindest auf den Fotos für meine alten Augen kreppartig aus …

    • Die Diskussion hatten wir zwei ja schon mal: Wunsch und Realität klaffen gerne auseinander 🙁 Aber dass es mittlerweile so schlimm ist – nur noch dieses häßliche Zeug und das an einer Altersgruppe, die vor 10 Jahren noch Wert auf ein gepflegtes Äußeres gelegt hat? Traurig.

      Zum Kleid sage ich gleich noch was 🙂

  • hallo liebe Michou
    Der Mantel hat Stil und KLasse.Das KLeid steht dir ausgezeichnet ,bin beeindruckt.Die Geschichte mit der älteren Dame hat mich sehr berührt.Da war doch dein Tag nicht mehr so Üselich oder?
    sei lieb gegrüßt

    • In der Tat war der Tag gleich weniger üselich, sondern einfach nur noch winterlich und vorweihnachtlich 🙂
      Danke für das Kompliment, ich werde es dem Mantel gerne ausrichten.

  • Ja, das finde ich auch. Dein Kleid steht dir ausgezeichnet!
    Und auch ja, bitte nochmal zeigen wie du es angehst.
    So und nun schön in das weihnachtliche Gefühl einkuscheln und genießen .
    Liebste Grüße
    Nina

  • Dein Portrait finde ich stimmungsvoll, du bist darauf verträumt und etwas melancholisch. Das hat was.
    Sehr schöner Mantel und sehr schönes Kleid, die beide ganz wunderbar zu dir passen. Ganz dickes Kompliment!!!
    Du hast Stil. Und du bist unabhängig von dem, was die Bekleidungsindustrie so anbietet – in Form und in Farbe.
    Derzeit gibt es kaum “richtige” Mäntel zu kaufen. Ein “richtiger” Mantel hat für mich mind. Knielänge, wobei ich eine deutlich kniebedeckende bis Wadenlänge bevorzuge. Was heute als “Mantel” bezeichnet wird, ist nach meinem Sprachgebrauch eher eine lange Jacke oder allenfalls ein Kurzmantel. Sind die Teile aus synthetischem Obermaterial, dann sind es für mich Anoraks. Und was die Farben anbelangt, die sind genau so trübe, wie du es beschrieben hast: oliv, taupe, schlamm … Wenn es mal richtig “bunt” kommt, dann in bordeaux, marine oder petrol – und das ist dann schon richtig toll.
    Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als in den Geschäften eine breite Farbpalette an Wintermänteln hing, aber das ist lange her.
    Schön, diese kleine Geschichte mit der älteren Dame. In meiner Teenagerzeit, als 1967/68 die Midimode aufkam, habe ich einen schönen blauen Wollmantel von meiner Mutter übernommen, mit richtig glockigem Rockteil, Reverskragen, Stoffgürtel, Ärmelumschlägen …, der von 1949 stammte.
    Hattest du auch über das Innenleben deines Mantels geschrieben? Welche Teile haben eine Einlage bekommen. Hast du Vlieseline verwendet oder eine Baumwolleinlage?
    Liebe Grüße

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