Curvo

Verreisen ist ja, bin ich ehrlich, nicht so mein Ding: Stundenlange Autofahrten oder überfüllte Züge erfüllen mich mit Horror, von Flügen ist gar nicht zu reden – nach jahrzehntelanger Flugverweigerung musste ich dann auf viel zu vielen Flügen feststellen, dass die Wirklichkeit noch viel schlimmer ist als meine Furcht. Soviel zu den Sprüchen all derer, die mir immer sagten, ich müsse es einfach einmal versuchen, danach hätte ich keine Angst mehr. Ha! Eben so gelogen wie alles andere von “Nach dem ersten Kind ist die Akne weg!” oder “Nach dem Stillen gibt es keine Regelschmerzen mehr!” Oder das Kind benimmt sich schwierig und ist unerträglich? Wir können uns sicher sein, dass das nur eine Phase ist … hahaha. Aber ups, wollte ich hierhin? Wollte ich nicht. Also zurück zum Reisen und dem Guten, was damit verbunden ist. Im Falle meiner letzten Reise – über Ostern spießig-bürgerlich in den Center Park an der Nordsee ist das Positive das Wiedererwachen meiner Stricklust.

Gut, sie erwachte weder lustig noch freiwillig; es war die Tatsache, dass wir endlose acht Tage in einem Ferienhaus mit Kamin drinnen und sicherlich Sturm, Regen und Kälte draußen verbringen würden und was fällt den meisten von uns sofort ein – wenn die Nähmaschine ein Riesentrumm ist und die Hunde den Kofferraum belegen? Eben. Stricken. Fast schon manisch-panisch durchwühlte ich meine Wollvorräte und Strickanleitungen, packte irgendwie von allem das Falsche ein und verbrachte dann eine halbe Nacht am Laptop, um doch noch eine passende Anleitung für Wolle, Nadelstärke und Maschenprobe zu finden. Gefunden habe ich Curvo von Sachiko Burgin. Da ich eine von Ingrid geschenkte Dropswolle in einem kräftigen Fliederton hatte, die diesem und diesem Farbton ähnelte, fand ich es reizvoll, einen Pulli zu stricken, der eine Mischung der anderen beiden ist – also in diesem Fall quergestrickt und am Saum nach unten gebogen.

Was kann ich sagen? Es ist kein perfekter Lieblingspulli geworden, da das Garn sich auch nach dem Waschen noch etwas steif und wenig schmiegsam zeigte. Ich denke, Curvo sähe deutlich besser mit einem dünneren Garn aus, das betont locker verarbeitet wird – so, wie der Pulli jetzt ist, schafft er etwas, was sonst wenige Oberteile schaffen: Ich sehe oben glatt breiter aus als unten. Außerdem kratzt er. Was mich aber nicht abhielt, ganz besonders gelungene Bilder zu schießen – also wie immer eigentlich …

 

 

Frohgemut also stellte ich mich vor die Kamera und es ging auch recht gut los. Es lässt sich erahnen, was mich an dem Schnitt anzog und es lässt sich erkennen, was mir am fertigen Werk nicht gefällt – beispielsweise die vollkommen alleine stehenden Ärmel.

 

 

Schön zu sehen, was mir besonders wenig gefällt – was der Wolle und nicht der Anleitung zuzuschreiben ist bzw. meinem Fehler bei der Kombination von Wolle und Schnitt: So wie die Ärmel steif vom Arm abstehen, so voluminös ist auch die Partie zwischen Schulter, Achsel und Brust. Wäre es ein Kleid aus Webstoff, so wäre das die Menge, die unbedingt in den Brustabnäher geschoben werden müsste. Ich könnte es einmal mit einem anderen BH testen, der anders formt. Aber kratziger Pulli und pushender BH klingt nach wenig Komfort.

 

 

Immerhin ist die Saumkurve hübsch und der Pulli fällt erstaunlich tailliert für einen geraden Sack. Und irgendwie dachte ich, dass ich vielleicht Bilder hinbekäme, die mir den Pulli in einem lieblicheren Licht erscheinen lassen könnten und knipste weiter. Das mit der Lieblichkeit hat irgendwie funktioniert …

… denn die Tiere trafen ein. Momo begab sich an den Napf und vermied es, in die Reichweite der Kamera zu geraten. Max tigerte vor der Türe auf und ab und warf mir flehentliche Blicke zu. Micky allerdings stürmte herein und Minusch folgte ihm auf dem Fuße.

 

 

Also mit Minusch zusammen finde ich den Pulli äußerst entzückend und ihr ist das leicht Kratzige äußerst genehm. Eigentlich sprang sie mir nur in die Arme, weil ihr das Durcheinander aus bettelndem Micky und flehendem Max zuviel war – letzteren hatte sie fest im Blick während der Aufnahme, doch dann entdeckte sie des Pullis Haptik und entschied: Halt mich, kraul mich, lass mich einschlafen. Einige Minuten hielt ich stehend mit dem immer schwerer werdenden Katzentier und dem immer unerbittlicher juckenden Pullover durch, dann gab ich auf. Und während ich das hier schreibe, liegt Momo rechts von mir auf der Fensterbank und überwacht die Straße, Minusch schläft auf der Nähmaschine, Micky liegt neben meinem Stuhl und Max auf meinen Füßen – mit Tieren lässt sich Idylle erstaunlich leicht erreichen; mit den Söhnen nur, wenn sie Zugang zu digitalem Gerät haben. Hmmm.

Wie auch immer, ich habe nach laaaanger Zeit wieder einmal etwas für mich gestrickt und sitze am nächsten. Und weil wieder einmal Dienstag ist, trage ich mit damit gerne beim Creadienstag ein.

Diese Beiträge könnten dich interessieren:



11 thoughts on “Curvo”

  • Die Farbe steht Dir ausgesprochen gut, aber kommst Du mit der Haptik des Teils zurecht?
    Mit einem kratzenden Pullover kann ich mich mein Lebtag nicht anfreunden. Leider besitze ich zwei von der Sorte. Einer selbst gestrickt, mit einem extrem aufwendigen Zopfmuster, der andere selbst gekauft. Beide sind nur mit langärmeligem Untendrunter zu (er-)tragen.

    Deine Minouch erinnert mich an meine Kitty. Tiere lockern so ein Shooting ordentlich auf und schmückend wirken sie außerdem! <3

    • Eigentlich bin ich – was kratziges anbelangt – schon viel entspannter als noch vor einigen Jahren. Und eigentlich fühlt sich der Pulli, liegt er vor einem, superweich an. Aber der kribbelt ständig am Hals und das ist brrrrr.
      Ich lasse ihn jetzt einmal bis zum Herbst liegen und dann schaue ich, was passiert. Er ist kein Liebling und eigentlich ist mir die Farbe einen Ticken zu knallig, wie Lavendel auf LSD – aber sie liegt in meinem Farbbereich und tut gerade heute, wo ich noch immer rumkränkele, echt was für mich – “Altefrauenfarbe” hin oder her 😀

  • Wer entscheidet denn, was eine “Altfrauenfarbe” ist? Trag was Dir gefällt, mich juckt es auch nicht, wenn andere meinen, irgendeine Farbe würde mir nicht stehen. Solange es mir gefällt, steht es mir! Punkt. *lach*

  • hmm… Lavender auf LSD kann niemals Altefrauenfarbe sein ;-).
    Und tatsächlich steht Dir diese Sorte Flieder ausgezeichnet.
    Aber mich kratzt die Wolle schon alleine wenn ich die Fotos ansehe – obwohl ich wette, dass sich ebendiese Wolle angenehmst verstricken lies …
    Dennoch – der Pulli hat es nicht verdient im Schrank zu enden. Vllt. gönnst Du ihm einen Bad mit etwas Haarconditioner? (oder welche Tricks man so benutzt um Wolle weicher zu machen, außer ganz radikalen Versionen wie meine – nicht kaufen)
    Oder, wenn es wirklich gar nicht geht, vielleicht schenkst Du ihn Minusch? Ihr steht die Farbe auch? Allerdings bin ich mir ziemlich sicher dass sie den Pulli nur mit Dir drin so liebt …

    • Ich habe auch schon überlegt, ob ich den nochmal und nochmal und nochmal wasche, ob er dann weicher wird. Normalerweise leiern Dropswollen ja ganz gut … Aber ich brauche ihn gerade so gar nicht 🙁

      Und glaubst du es, ich stricke gerade ein nichts mit Mohair, da bin ich ja mal gespannt …

  • Ist doch nicht so schlimm!
    Sollte sich die Wolle nach mehrmaligem Waschen immer noch als störrisch und kratzig erweisen, gibt der Pullover bestimmt noch eine super Auspolsterung für das Katzenkörbchen ab! 🙂
    LG,
    Viola

Schreibe einen Kommentar zu Viola Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Einverstanden

Please leave these two fields as-is:

Protected by Invisible Defender. Showed 403 to 537.465 bad guys.