Der Bleistiftrock

Immer schon fand ich, DAS ist das weiblichste Kleidungsstück überhaupt: ein schmaler Rock, der die Knie bedeckt und nach hohen Absätzen schreit. Theoretisch leicht zu nähen – wenn der Schnitt passt. Und bis der passende Schnitt gefunden oder abgeändert ist, kann viel Zeit mit viel Frust verplempert werden. Meine Mecker- und Nörgeleien gehen zu einem Großteil auf Kosten der unpassenden Bleistiftrockschnittmustermonster. Schon bald, nachdem ich mit dem Nähen begann, liebäugelte ich mit den Anleitungen zum Selbererstellen eines Schnittes, die in meinen 50-60 Jahre alten Nähbüchern enthalten waren – eines hatte ich sogar gezeichnet. Ein Disaster, das musste ich nicht erst nähen, um das zu sehen. Heute weiß ich, dass für mich eine Zugabe von 16 cm an der Brust – wie verlangt – ein schlechter Witz ist. Überhaupt habe ich in den letzten drei (stimmt das?) Jahren einiges gelernt, was mir nun beim Selberkonstruieren hilft. Bis ich es wirklich kann, wird es noch lange dauern, aber ich neige zu Verbissenheit, da wird es wohl werden. Irgendwann …

So gut diese Lehrzeit war, so sehr ärgere ich mich doch, dass ich mich nicht früher zumindest an einen Rockgrundschnitt gewagt habe – so schwer ist es nicht. Ich sage es immer wieder: wenn ich das kann, dann können das andere auch. Ihr nämlich, die ihr es noch nicht versucht haben. Für mich hat sich das Harriet Pepin Buch als ideal erwiesen; das richtige Buch zu finden, muss leider jede für sich selbst schaffen. Für den Rockbau hier greife ich aber auf “Modern Pattern Design” zurück. Wer mitmachen mag, sollte folgende Dinge bei der Hand haben:

  • Seidenpapier, einmal mit Zentimeterraster, einmal uni
  • Fotokarton – gibt es beispielsweise in 50×70 und 70×100
  • Ein Handmaß
  • Ein durchsichtiges Lineal – das muss kein teures Schneiderlineal sein, im Schreibwarenhandel gibt 50cm für unter 2,-
  • Ein Kurvenlineal – es gibt “feste”, die nicht günstig sind, und Flexible, die um die  8,- kosten. Für die Flexiblen sollte man aber schon ein gutes Auge haben, um eine schöne Kurve damit zu zeichnen.
  • Einen weichen Bleistift, eventuell Buntstifte für die NZ und Abnäher – das sieht viel hübscher aus 🙂
  • Ein Maßband
  • Einen vertrauensvollen Vermesser
  • Gut wäre ein vorhandenes, gut und eng sitzendes Oberteil, vorzugsweise selbstgenäht
  • Einen festgewebten Reststoff
  • Ein wenig Geduld, Ausdauer, Zeit und Spaß
  • Und ganz wichtig: eine Kamera, um Bilder für mich zu knipsen!

Gehen wir einmal davon aus, alles liegt bereit, dann geht es nun an das Maßnehmen. Und diesmal ohne Schummelei! Ich neigte dazu, entweder viel zu weit zu messen – da, wo es immer zu eng zu sein schien – oder aber zu eng zu ziehen – da, wo ich mich immer als sehr schmal empfunden hatte. Solange ich mit fertigen Schnitten gearbeitet habe, neigte ich außerdem dazu, mich den vorgegebenen Größen irgendwie anzpassen; nicht von oben bis unten, aber doch mehr als klug gewesen wäre. Auf eines musst du nämlich vorbereitet sein: der eigene Schnitt kann vollkommen anders aussehen als diejenigen von Vogue, Burda oder Simplicity. Das muss nicht heißen, dass du etwas falsch gezeichnet hast oder komplett verbaut bist – es bedeutet nur, dass du keine Barbiepuppe bist. Das Erstellen eines eigenen Schnittes hat so auch etwas Befreiendes, denn du vergleichst dich nicht mit der Idealfigur eines kommerziellen Unternehmens und schon ist nicht mehr so wichtig, ob deine Taille noch in Größe 36 oder nicht mehr in Größe 46 passt. Aber genug der philosophischen Betrachtungen, es geht an das ehrliche Maßnehmen, das noch nie so wichtig war wie heute 🙂

Gemessen wird immer in der Unterwäsche, die doch auch sonst trägst und gut wäre, wenn du ein eng sitzendes Oberteil dazu trügest. Denn bei MPD werden Vorder- und Rückseite getrennt gemessen. Das Oberteil zeigt die, wo deine Seitennähte sitzen; diese nimmst du als Anhaltspunkt für die Taillen- und Hüftmaße. So paßt der Rock auch problemlos an deine Oberteile.

Für Taille und Hüfte bindest du ein Gummiband zusammen und markierst damit die schmalste und die breiteste Stelle – eben Taille und Hüfte 😉 Von Seitennaht zu Seitennaht werden nun die Maße genommen; in der Regel ist das Vorderteil breiter.

Von Gummiband zu Gummiband ermittelst du die Hüfthöhe; sollten deine Hüften eher hoch sein, bietet es sich an, ein Zwischenmaß zu nehmen – etwa dort, wo die Hüftwölbung sich deutlich ausprägt. Auch bei sehr geraden Hüften bietet sich das an.

Danach wird die Länge von der Taille zum Boden gemessen: einmal in der vorderen Mitte, einmal in der hinteren und dann über die Hüften an der Seite. Ein nützliches Maß ist auch die Entfernung zwischen Taille und Knie – hier wird der Rock eingestellt und so lässt sich auch leichter bestimmen, an welcher Stelle er enden soll. So habe ich zum Beispiel fest gestellt, dass meine Knie 66 cm von meiner Taille entfernt sind, weshalb sämtliche Kaufröcke immer zu kurz waren: als überknielang wird hier schon eine Länge von 62 cm angegeben. Meine Röcke sind seit einiger Zeit grunsätzlich 76 cm lang – eine Handbreit unter dem Knie, was ich persönlich am elegantesten finde und was meine eher breiten Hüften am besten ausgleicht.

Ebenfalls messen läßt sich die Länge des hinteren Abnähers: von der Taille bis zur rundesten Stelle des Pos. In der Anleitung ist das gleichgesetzt mit der Hüfttiefe, genauer wird es aber so. Dazu wird der Punkt am Taillenband markiert, der genau unterhalb des Schulterblattes liegt – das Maß von Schulterblatt zu Schulterblatt wird ebenfalls benötigt.

Die Maße hat dein Helfer fein säuberlich und bitte gut leserlich notiert, bedanke dich mit einem Kuß, drück ihm die Kinder in die Hand und schicke sie alle für ein paar Stunden hinaus in die Natur.
(Ok, ich gehe vom Gatten als dem dazu genötigten Helfer aus … versprich ihm alles, Hauptsache, du erhälst die Maße und bekommst deine Ruhe für die große Aufgabe. Übrigens sollte er dazu angehalten werden, gleichmäßig und nicht mal zu locker, mal zu fest zu messen – welch eine Hilfe soll das sein, wenn sich dabei nicht angestrengt wird, nicht wahr? Ich schweife ab, das ist meine Schwäche …)

Tja, und damit kann das Aufstellen des eigenen Rockgrundschnittes – ach, nein, ich bleibe beim Rockblock – und damit kann das Aufstellen des eigenen Rockblocks beginnen!



1 thought on “Der Bleistiftrock”

  • Hui, du bist aber flott. Bis auf die Maße, den Gatten zum messen und das Buch habe ich alles hier. Des weiteren fehlt noch Zeit, den morgen geht es erst einmal für`s Wochenende zu meinen Eltern. Aber danach kann`s los gehen.
    Liebe Grüße
    Arlett

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