Der Hundenazi

Zwei Dinge: ich werde altersmilde und auch im Hundeland ist nicht alles eitel Sonnenschein. So!

Seit neun Wochen ist Maxi nun bei uns, seit acht Wochen spaziere ich immer schnelleren Schrittes mit ihm durch die Derle. Und jeden Tag begegnen wir anderen Hunden samt menschlichem Anhang. Immer ist es nett, lustig, aufregend für Hund wie Mensch. Einigen begegnen wir bald täglich, anderen alle paar Tage und gehen wir einmal zu einer anderen Zeit los, so treffen wir gar unbekannte Hunde und Menschen. Es ist übrigens so, dass wir alle recht schnell die Hunde kennen – wie sie heißen, was sie mögen und was sie dürfen – die (meist weiblichen) Menschen erkennen wir eher auf den zweiten Blick. Bis auf Ausnahmen. Immer wieder wird ein Spaziergang länger, weil die witzige Besitzerin vom Riesenhund mitläuft oder kürzer, weil gar niemand unterwegs ist. Ein Paradies für Hunde und entspannungssbedürftige Inspirationssuchende.
Deutlich weniger Herren als Damen sind mit ihren Hunden unterwegs und die meisten Herren huschen schnell vorbei, wagen kaum ein “Guten Morgen” zu murmeln. Mit manchen wiederum lässt sich wunderbar diskutieren; eine erstaunlich hohe Anzahl unter den Diskutanten bekennt sich klar zu Tierschutz und Feminismus. Man lese und staune und freue sich. Aber es ist wie immer: einer schlägt quer und aus der Art.

Bislang und zum Glück begegnete mir der Hundenazi nur dreimal: ein eher großer, wuchtiger Mann mit grobem Gesicht und entflohenem Haaransatz, irgendwo zwischen Endfünfzig und Anfangssiebzig. Zwei Hunde hat er dabei, immer, immer, immer an der kurzen Leine (und eigentlich lassen wir alle unsere Hunde innerhalb des Parks frei laufen, was man ja auch nur tut, wenn man sich auf ihn, den Hund, verlassen kann).
Der eine seiner Hunde ist groß und wuschelig, eine Mischung aus Berner Sennenhund, Rottweiler und etwas anderem massigen, so vermute ich. Selbst ich als ehemalige Hundeangsthäsin und nur mässig erfahrener Halterin (aber hallo, was lernt sich Hundeliebe und -verständnis flott in der Hundegemeinschaft) erkenne, dass dieser Hund einen sanften Charakter und großes Interesse an Freundschaft mit anderen Hunden hat, alles an ihm will Streicheleinheiten und Hundeküsse.
Der andere ist ebenfalls ein rotbraun-schwarzer, doch viel kleiner – hier ist wohl Dackel und Terrier mit Teddybär verschmolzen. Er macht sich noch kleiner und unsichtbarer und hechelt brav mit.
Kommt einem nun dieses Trio entgegen, so entflicht dem Herrn sicherlich kein Gruß, kein Blick – er ist damit beschäftigt, seine brav laufenden Hunden von jeder Abweichung links oder rechts abzuhalten. Hier ist kein Schnüffeln, kein Bummeln oder Tändeln erlaubt. Zeigt einer von beiden nur das geringste Interesse, weil der Wind weht, ein Rotkehlchen singt oder ein Blatt raschelt, so zerrt der Hundenazi an den Leinen, brüllt “Aus!!”, “Nein!!” und “HIIIIERRRRR!!!” im Stakkato heraus. Er zerrt mit mehr Kraft als bei einer kleinen Kopfbewegung nötig wäre, so dass beide Hund nach hinten gerissen werden.
Als wir ihm das erste Mal begegneten, war Maxi an der Leine. Maxi ist anderen Hunden gegenüber sehr aufgeschlossen, immer freundlich und rücksichtsvoll. Wird er geärgert, so knurrt er und stellt sich neben mich. Natürlich wollte er sofort den Größeren der beiden begrüßen, schrak aber bei dem schon in zehn Meter Entfernung einsetzenden Gebrüll panisch zusammen, machte sich ganz klein, klebte an meiner Wade fest und löste sich erst, als wir an den Dreien vorbei waren. Dann setzte er sich vor mich und strahlte mich so breit an, dass klar war, was er dachte: “Mönsch, was habe ich für ein Glück!”

Nun gehöre ich zu den naiven Menschen, die immer schon der Meinung sind, dass Mitmenschen, die Tiere schlecht behandeln und quälen, mit ihren Artgenossen nicht viel besser umgehen. Was kann ich sagen? Ich habe recht. In aller Unbescheidenheit. Denn als ich soeben durch das Örtchen wandelte, um Brötchen fürs kranke Kind und Garn für den zu nähenden Mantel zu besorgen – ersteres ein Erfolg, letzteres grrrrrr – nahm ich den besten meiner Hunde mit. Und auf dem Rückweg kam uns der Hundenazi samt seinem Gespann entgegen.
Das Örtchen ist nicht groß, aber verfügt über eine weitestgehend autofreie Einkaufszone mit links und rechts den Gehwegen von etwa 2,5 m Breite und der gepflasterten Straße, die zwei Fahrbahnen Platz bietet. Knapp ausreichend also für all die Menschen- und Hundeströme, die hier entlang fließen. Wenn sie denn mal flößen …

In etwa 5 m Entfernung von Maxi und mir blafft der Hundenazi unvermittelt los: “Gehen Sie mal nach rechts aus dem Weg!!!!”
Zu meinem Erstaunen zeigte sich meine Altersmilde, denn ich spürte vor allem den unwiderstehlichen Drang zu lachen, milderte das aufsteigende Gelächter jedoch zu einem Lächeln ab. Ich bemühte mich gar, jeglichen Unterton von Ironie zu unterdrücken und sprach – und ich wundere mich noch jetzt- gar strahlend-sanft: “Aber das könnte man doch auch nett und höflich sagen? Sehen Sie, ich antworte Ihnen freundlich: Guten Morgen, das tue ich doch gerne für Sie.”
Damit ging ich die 17 cm, die mir rechts noch blieben, beiseite.
Er ist auf meiner Höhe angelangt, läuft puterrot an – vor Wut und Hass, nicht vor Verlegenheit! – und brüllt spuckend los: “Da sagt man doch nix!!! Da hält man das Maul, wenn man noch ganz richtig im Kopf ist!!! Da tut man, was verlangt wird!! Unverschämtheit!”

Ich muss nun doch lachen, was gut ist, denn eigentlich hatte ich ihn fragen mögen, ob er mich wohl schlagen wolle. Das wäre wahrscheinlich sehr unklug gewesen. Mittlerweile passiere ich den ersten besetzten Tisch des kleinen Bistros, an dem ein älterer Herr sitzt und verwundert fragt, was denn geschehen sei. Er kann nur den Kopf schütteln und sich wundern, denn so spräche man ja nicht mit Damen. Eigentlich mit niemandem. Während wir uns unterhalten, sehe ich dem Hundenazi hinterher, der – wer hätte es gedacht? – den gesamten Bürgersteig einnimmt und eine alte Frau mit Rollator auf die gepflasterte Straße zwingt. Sollten seine Hunde ihn dereinst kaltblütig eine Treppe hinunterstoßen, so sei es ihnen verziehen. Ich sage es mit meiner humanistisch-pazifistischen Grundeinstellung nicht gerne, aber es gibt Menschen, die die Welt nicht braucht.

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