Des Fazits erster Teil

Vor etwa einem halben Jahr kam es über mich: das ewige und ewig erfolglose Anpassen von Schnitten – dazu noch das sehr unterschiedliche Anpassen, abhängig von Hersteller, Alter, Passformklasse und Schwierigkeitsgrad des Schnittes! – ist die Hölle. Egal, wie sehr ich maß und verglich und rechnete, es war nie und nie und niemals das, was ich wollte. Es schien Glückssache zu sein, ein gut sitzendes Kleidungsstück zu produzieren. Und natürlich lag der Grund dafür bei mir: ich war figürlich und geistig ungeeignet, dieses Ziel zu erreichen. Damit erfüllte ich Punkt eins auf dem Weg zur Herstellung der eigenen Schnitte:

DER BEDARF

Es ist logisch: nur, wenn ich nicht finden kann, was ich brauche, werde ich mich an das zeitraubendere Selberzeichnen der Schnittmuster begeben. Oder aber ich höre auf zu jammern. Oder zu nähen. Habe ich kurz überlegt, aber nach einem Besuch örtlicher Filialen der üblichen Ketten und einigen frustrierenden Minuten in den dortigen Umkleidezwingern erschien mir die Idee, die dort gebotene Kleidung in meine Höhle/Hölle zu schleppen grausiger als das mich Durchbeißen beim Selber machen. Einige Nächte lang habe ich in Kleinstarbeit das Pepinbuch gespeichert, kopiert, bearbeitet, angepasst und dann ausdrucken und binden lassen. Einige Tage lang habe ich darin geblättert und mit mir gerungen: Los, trau dich, stell dich nicht so an, dein Gejammene ist doch das Letzte. Der Gatte sah das ein und opferte einen halben Nachmittag, um mich erneut zu vermessen – ich habe ihn zusätzlich damit locken können, dass ich zum Vermessen ja in Dessous vor ihm stehen müsse. Seine Enttäuschung war groß, als ich nicht in den erwarteten Spitzenhöschen vor ihm stand – ja, hallo? Natürlich nicht, die schneiden an einer ungünstigen Stelle ein und verfälschen das Meßergebnis. Damit konnte ich zwar nicht den Mann, aber doch den Ingenieur im Gatten glücklich machen: es wurden genaue Meßergebnisse erwartet! Ha! Ich kann sagen, dass ich nicht jedes Maß so genau wissen wollte, aber da sind wir schon beim zweiten wichtigen Punkt, wenn ihr euch auch an die SCHNITTKONSTRUKTION wagen wollt:

DIE EHRLICHKEIT

Und zwar im positiven wie im negativen Sinne. Die Maße, die ihr zum Konstruieren verwenden werdet, müssen stimmen – so genau wie nur was. Denn sonst entsteht wieder nur ein Durchschnittsschnitt. Habe ich in etwa Brustweite 90 cm, so werde ich einen Schnitt verwenden, der dafür Platz bietet – das können schon mal ein oder zwei Zentimeter zu viel oder zu wenig sein. Messe ich nun und stelle fest: ups, ist nur noch 88 oder hach, es sind ja 91 – das kann eine Menge ausmachen. Auch im Kopf: war ich bislang stolz auf 96 cm Brust und auf eine Hüfte von nur 88 cm (also das sind niemals meine Maße gewesen, das sind nur Beispiele!) und stelle nun fest, dass ich geschrumpft und gewachsen bin – und zwar in die Richtung, die mir nicht gefällt – dann kann das schon mal schwierig zu schlucken sein. Bei einem fertigen Schnitt, der ja etwas mehr Spielraum bietet, kann ich darüber hinwegsehen. Will ich aber einen Schnitt nur für mich konstruieren … tja, da muss ich eben nicht nur schlucken, sondern auch verdauen. Und es akzeptieren. Ist erst mal nicht so schön, aber nach einiger Zeit ist es wieder gut 🙂

Ich muss aber auch ehrlich im Guten sein: die meisten von uns neigen dazu, den Fehler erst einmal bei sich zu suchen – das Ergebnis ist, dass sich vollkommen normal gebaute Frauen auf einmal als birnenförmig bezeichnen, einen wohlgeformten Busen als zu klein oder zu tief betrachten, sich als Zwergin oder Riesin fühlen und sowieso komplett verbaut sein müssen. Nicht, dass mir so etwas jemals geschehen wäre … Theoretisch wissen wir, dass ein fertiges Schnittmuster nur ein Kompromiss ist. Und Kompromisse müssen manchmal sein, schmecken tun sie uns nur selten. Natürlich gibt es die Glücklichen, die mit zwei, drei kleinen Strichen einen solchen Schnitt passend bekommen. Genauso gibt es Manche, die nur meinen, alles passe gut – ist auch ok. Aber für diejenigen, die auch mit viel Änderung am Kaufschnitt nicht glücklich werden, bleibt nur das Selbermachen – nicht, weil sie eine Problemfigur hätten, sondern weil Änderungen in einem Kompromiss nicht wirklich eine Verbesserung für sie bringen. Ja, jetzt kann man stöhnen und denken: “Kann ich nicht!” Oder: will ich nicht. Trau mich nicht! Habe keine Zeit! Vollkommen in Ordnung, aber dann wäre es besser, seinen Frieden mit den Kompromissen zu machen, ansonsten macht dieses wunderbare Hobby bald keinen Spaß mehr.

Für die anderen aber, die nun denken: “Stimmt, ich sollte diesen Weg endlich nutzen.” gilt ab nun erst einmal:

DIE GEDULD

Yepp. Die Geduld tritt außerdem unter dem Namen Ausdauer, Verbissenheit und Durchsetzungswille auf – auch ein “Und jetzt fange ich noch mal bei Null an …” ist erforderlich. Im Nachhinein kann ich sagen: so lang und schrecklich war der Weg bis hierher nicht (nicht, dass ich schon am Ende wäre, ich weiß kaum ein Drittel von dem, was ich wissen sollte!) – ich habe irgendwann im Juni begonnen und bis hierher etwa 20 Oberteilgrundschnitte genäht, geändert, verworfen, verbessert. Schön war das nicht, hoffnungsfroh habe ich mir nur selten gefühlt, aber dieses Nicht-Klein-Beigeben-Wollen drängte mich voran. Klingt viel zu harmlos, in Wirklichkeit stand ich mehr als einmal in jedem Zimmer dieses Hauses, habe wie ein Rumpelstilzchen auf den Boden getreten, gehämmert und gestampft und lautes Geheul und üble Flüche ausgestossen, von denen der harmloseste sinngemäß den Tag verfluchte, an dem diese elend verdammte Schnapsidee mein komplett verblödetes Hirn durchfuhr. Von da an wurde es meist noch weniger schön; Dame sein und Dame bleiben ist von der Situation bestimmt … die Herren des Hauses saßen meist still und schweigend in einer Ecke, von der sie wünschten, sie mache unsichtbar. Ja, ich sage es nochmal: schön war das nicht und die Geduld wird von allem und jedem verlangt! Heute aber können meine Söhne und der Gatte Mama gefahrlos loben, denn jetzt sitzt es endlich.

So, nun muss ich los. Der zweite Teil folgt demnächst mal irgendwann …



1 thought on “Des Fazits erster Teil”

  • Muss Deine Beharrlichkeit bewundern!

    Fuer mich selbst muss ich gestehen, wuerde es wenig helfen, mich ‘Ingenieursmaessig’ vermessen zu lassen, da ich innerhalb eines Monats bis zu 3 kg Gewichtsschwankungen habe.
    Da ist ‘Beduinen-Style’ wirklich toleranter; ansonsten braeuchte ich Klamotten passend fuer jede einzelne Woche des Monats.
    Wahrheits-Akzeptanz hier ist: keine Lust zum Aufhaengen deswegen; besser die ‘Verpackungs-Industrie’ biegen als mich selbst mind. 3 Wochen eines jeden Monats.

    Kopf hoch weiterhin bei Deinen Bemuehungen, schoene Weihnachten und ein gutes (und erfolgreiches 😉 !) Neues Jahr fuer Dich (+ Familie).

    Liebe Gruesse,
    Gerlinde

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