Des Fazits zweiter Teil

Nun denn, das Haus ist gesaugt, die Kinder gesättigt, Hausaufgaben überprüft, Küche geputzt – für heute reicht es erst einmal. Wie geht es weiter? Mit einem Unterpunkt zum Thema Bedarf, denn neben der Tatsache, dass mir nichts, nichts, garnichts passt, egal, ob gekauft oder nach Fertigschnitt genäht (eine Tatsache, die meist nur subjektiv eine Tatsche ist und durch zu geübtes Nähauge negativ verstärkt wird), mag es auch sein, dass es nichts gibt, was mir gefällt. Das liesse sich als

DER WUNSCH

betiteln – bessere Überschriften können gerne erfunden werden. Sei es nun, dass ich unbedingt eine Pumphose mit Trägern, einen Minirock mit 10-m-Schleppe oder – schlichter – genau DAS Kleid haben möchte, dass Catherine Deneuve vor 50 Jahren auf einer Gala trug: es wird schwierig sein, dieses Schnittmuster in meiner Größe, in meiner Preisvorstellung oder von meiner Wunschmarke zu finden. Die meisten von uns sind schon lange so weit, dass sie frankensteinen und von diesem Schnitt jenes und vom anderen dieses Teil nehmen; auch das Konstruieren von Kleinteilen wie Bubikragen, Bindegürtel und Besätzen ängstigt kaum eine erfahrene Hobbyschneiderin. Aber wie immer kann es hier zu ungeahnten Unfällen führen: da passen Ärmel und Armloch nicht so gut zueinander wie angenommen, da gerät der Kragen ein wenig zu eng, da werden wieder Kompromisse geschlossen, weil kein Schnittteil genauso aussieht, wie die Vorstellung es will – aber näher ran komme ich eben nicht. Auch schön, wie kostbare Schlafens-/Nähzeit damit vergeudet wird, etsy und ebay nach eben jenem Vierzigerjahrekleid, Dreißigerbluse, Sechzigerhängerchen, Fünfzigerbolero, Siebzigeroverall und – ähm, nein, 80er und 90er muss nicht sein! – zu durchforsten. Endlich taucht das Gewünschte auf und ich bin zurück auf Start, denn Bust 28″ oder Waist 46″ oder 48$ oder incomplete oder was auch immer jetzt noch meinen Traum zerstören kann – ich will es so nicht haben! Natürlich kaufe ich es dann doch, nachdem ich weitere zwei Stunden geklickt habe oder ich erlebe, wie jemand anderes es mir wegschnappt – was immer auch passiert: es ist sowieso nicht richtig.

Mein Wunsch – das wissen die meisten wohl noch – war das Besitzen zumindest knielanger, schmaler Röcke, die nicht auf der Hüfte hingen, damit ich sie zu meinen Vintagepullis tragen konnte. Zu finden war ein solcher Rock vor vier Jahren NIE! Aber siehe Punkt eins: gepaßt hätten sie eh nicht 😉

Nun muss ich, um ein Kleidungsstück nach meiner Vorstellung zu fertigen, schon einiges wissen und können. Das geht nur mit zwei Dingen:

DER MUT

ist mal das erste. Denn jetzt mal ehrlich: wieviele von euch schreien sofort: “Hier! Mache ich, ich lege sofort los, kann ich bestimmt!” Mich zumindest hält die Angst vorm Scheitern sehr oft zurück. Ich habe ein Jahr lang hin und her überlegt, ob ich mir eine Nähmaschine zulege. Ich kann ja nicht mal einen Knopf annähen, das ist doch bestimmt schwierig, ich habe keine Zeit für einen Nähkurs, was soll ich überhaupt nähen etc. etc. etc.
Dann habe ich eine alte Viktoria für 20,-€ ersteigert und mit ihr herum gerattert. Dass mir dieses Schrottteil nicht sofort all meine Befürchtungen bestätigt hat, sondern mich nur dazu brachte, sie innerhalb einer Woche zu verschenken und mir die passend bei Tchibo aufgetauchte Maschine zu kaufen – es ist erstaunlich, der Wunsch nach Hausschneiderei muss stärker in mir gebrannt haben, als ich wahrnahm. Als ich mir diese Maschine übrigens aus dem Laden holte, kam ich mir wie eine Hochstaplerin vor!
Auch das erste Kleidnähen, die erste Änderung (statt einer Größe ein Kleid aus zwei Größen zu nähen – welch ungeheures, aufregendes Wagnis!), die erste Hose, die erste echte Schnittanpassung – alles Dinge, zu denen ich mich etwas überwinden musste, weil ich sie mir nicht zutraute und gar nicht genau wissen wollte, dass ich es wirklich nicht kann. Aber immer die Überlegung: ich bin nicht glücklich mit dem Ergebnis – werde ich wirklich unglücklicher, wenn ich weiß, dass ich es nicht besser kann? Oder lebe ich danach mit dem Erreichten zufriedener? Sagen wir so: ich bin glücklich, dass ich die Antwort darauf nicht kenne, denn ich habe mich weiter getraut und fühle mich riesig 😉 Haut mich, wenn ich zu selbstzufrieden werde. Aber nicht so dolle!

Nicht unterschlagen werden sollte ein weiterer wichtiger Faktor:

DIE ZEIT

Klar, ich kann mich hier hinstellen und sagen: ein halbes Jahr und ihr näht ein Kleid, das von vorne bis hinten nur von euch ist (vorausgesetzt, ihr habt ein Baumwollfeld, eine Herde Schafe und Polytierchen im Garten und Spinnrad und Webrahmen im Turmzimmer – aber da wir unsere Kinder gerne in den Ostflügel verbannen, reicht es auch, wenn ihr die Oberherrschaft über das entsprechende Personal habt; meines übrigens hört auf die Namen Internet und Karstadt…). Wir nähern uns hiermit verdächtig dem Thema Lebensinhalt – wer erinnert sich? 😉 Ich habe nun das große Glück (hmmm, ich habe mir das mal anders vorgestellt, aber 43jährige Mütter kleiner Jungs haben mit gewißen gesellschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen und da ich klug bin, mache ich das Beste daraus) – ich habe also das GROßE GLÜCK, nicht vollzeit berufstätig zu sein und stattdessen die selbe Tasse zweimal täglich aus der Spül- und dieselbe Jungswäsche dreimal wöchtenlich aus der Waschmaschine fischen zu dürfen.
Der Gatte hoffte wohl einmal, dass das eine Aufgabe sei, aus der ich eine perfekte Show machen würde – selbstgebackenes Brot zum Frühstück, jeden Nachmittag frische Waffeln, gebügelte Socken, glänzendes Parkett zu jedes Tages- und Nachtzeit und eine Zeitlang habe ich all das fast vor mir sehen können. Aber ehrlich: da wirste blöd! Welch ein Glück, dass frau so kreativ und begabt ist, dass sie noch etwas anderes finden kann, um die Aufzucht der männlichen Brut zu ertragen 😉 Nun kann auch ich nicht von morgens bis abends pfeifend am Nähtisch sitzen – oft sind es die Viertelstündchen und die Nachtstunden, die ich mir nehmen kann. Aber ich tue es eben auch. Und ich sitze an einem Wochenende auch lieber alleine in Ruhe zu Hause, anstatt den dreien beim “Wir-sind-Kerle-Ausflug” hinterher zu japsen. Es gibt Nachmittage, an denen der Haushalt auch mal erledigt ist und die Jungs lieb miteinander spielen – wenn ich Stunden hintereinander Zeit habe, gerate ich in eine Art Rausch, die erstaunlicherweise von allen dreien toleriert wird. Bis schon mal jemand vor mir steht und klagt, er sei ja sooo hungrig … ups, schon halbsieben! Armes Kind, ich komme sofort! Sofort! Nur noch schnell diese eine Naht …. 😉

Es ist aber nicht nur die Zeit, die sich in Stunden messen lässt, die ihr braucht – ihr müsst unbedingt langfristig denken. Denn bis ihr den wirklich perfekt passenden Oberteilschnitt habt – ich sage nur: bei mir waren es 20! Bei Nummer 3 war ich schon zufrieden und es waren nur Kleinigkeiten, die ich anpassen wollte. Aber ich wollte eben auch sicher sein und habe jeden einzelnen veränderten Schnitt genäht. Und oft etwas anderes gefunden oder einfach zu viel angepasst. Dann muss der Schnitt sich beweisen: ein Grundschnitt, der eng am Körper sitzt, aber auch nicht jede Kurve ideal abformt – was nur mit gewölbten Abnähern geht, die ein Grundschnitt zur Weiterentwicklung aber nicht haben darf – der sieht schnell schon mal ideal aus, vor allem, wenn er ohne Ärmel getestet wird. Erst mit Ärmel aber zeigt sich, ob auch die Schulter richtig sitzt. Ist das geschafft, kommt die erste Schnittweiterentwicklung: hier müsste – ist denn alles perfekt – der gute Sitz auch erhalten bleiben, wenn der Abnäher verlegt oder aufgelöst wird, wenn es Kräuselungen oder Falten statt dessen gibt oder wenn Weite eingefügt wird. Müsste …

Ich kann euch sagen, es ist höchst aufregend, den ersten “richtigen” Schnitt zu testen und es ist entsprechend vernichtend, wenn das daneben geht – da beult und zieht es auf einmal, der Arm lässt sich nicht heben und Atmung wird ja eh überschätzt. Und wieder einmal tobt das Rumpelstilzchen! Wieder einmal rattert das Kopfkino, wieder einmal stehe ich verheult vorm Spiegel: verbaut, hässlich, dumm und untalentiert! Die Welt ist so gemein! Niemals werde ich es schaffen, NIEMALS! Zeit kann lang sein, vor allem, wenn sie so gefüllt wird. Schön, wenn Freundinnen dann im rechten Moment vorbeischauen, sich all das Gejammere bei einer Tasse Ostfriesentee anhören, einmal gucken, die Probleme auch sehen, aber eben auch sagen können: “Aber kannst du dich an deinen Burda-Maßschnitt erinnern? Wenn du sowas produziert hättest, dann wäre es wohl hoffnungslos, aber hiermit – da geht doch noch was!” Und während ich noch alle Fehler aufzähle, erkenne ich schon, was getan werden könnte. Kommt dann noch ein “Ich bewundere das ja sehr, wie hartnäckig du bleibst – ich hätte schon längst aufgegeben.”, dann merke ich schon, wie der kleine Widerspruchsgeist in mir den Kopf hebt. Aufgeben? Ha! Kommt ja gar nicht in die Tüte! Wäre doch gelacht! Ich krieg dich schon noch, ich krieg dich noch!! (Wer oder was im übrigen das von mir in solchen Momenten angesprochene Du, Dir, Dich ist – ich kann es nicht sagen. Vielleicht ein Mitglied jenes Verschwörungstrupps, gemeinhin nur als “Die (da oben)” bekannt?)

Tja, und so seltsam das klingen mag: das sind im Grunde die Punkte, die ihr erfüllen müsst, um eure eigenen Schnitte zu konstruieren. Ob ihr dann das nötige Talent habt, zu sehen, wo welche Linie für euch verlaufen sollte, welche Schnitte gut nähbar sind – das ergibt sich von alleine. Sollte es sich dann zeigen, dass es nicht weiter als bis zum passenden Grundschnitt reicht, dann habt ihr aber ein Mittel an der Hand, das euch die Anpassung gekaufter Schnittmuster erleichtern kann. Ich für mich bin sehr glücklich, bis hierher durchgehalten zu haben: ich kann etwas, was ich mir niemals zugetraut hätte, ich habe Spaß daran – mehr als zuvor beim Nähen und kann Ideen verwirklichen, die mir sonst schleierhaft geblieben wären. Ich weiß auch um meine nähtechnischen Beschränkungen, die sich aber sehr schön mit meinen figürlichen Beschränkungen decken: so hasse ich es, spitze Teile aneinander zu friemeln und ich kann es auch nicht, basta. Aber hurra, sie stehen mir auch nicht. Dagegen leicht geschwungene Kurven – die ja auch nicht sooo leicht zu nähen sind 😉 – sehen schön an mir aus und nähen kann ich sie auch. Manschetten mit Knöpfen: sehen bei mir elend aus, aber wann benutze ich jemals den angebrachten Knopf? Nie! Warum ihn also mühsam einplanen? Bin ja auch kein Schmuckträger, da brauche ich auch keine unnützen Details am Kleid. Ein Teil meines Erfolges führe ich also auf das Anerkennen meiner Grenzen zurück. Schönreden kann ich mir das auch noch … 😉

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1 thought on “Des Fazits zweiter Teil”

  • 😉 🙂 🙂 – und ausgerechnet DU (Perfekt-Streberling) bist mit einem Australier verheiratet?!
    Jemanden aus einem Land, wo “she’ll be alright” und ” it will do” 3 x taeglich mind. Alltag sind. (Beides grob uebersetzt/angewandt fuer: “passt schon in etwa; wer braucht schon 100 % Perfektion”)

    Wenn DAS nicht Liebe ist, weiss ich auch nicht!!!

    Liebe Gruesse,
    Gerlinde
    (aber auch ab und zu mit gestraeubten Haaren bezueglich dieser obigen Devise. Zum Teil ist das ja oft wirklich ausreichend und ein ‘nicht-mehr-Zeitaufwand’ oefter auch sinnvoll; aber: WO doch besser auf 100 % hinarbeiten und WO ‘ausreichend’, da haben wir manchmal wirklich ein kleines Problem – sorry. ALLERDINGS: nobody and nothing is perfekt, hey?!

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