Die Aliens sind unter uns! Und sie sprechen Deutsch!

Ja, mit dem Thema habe ich es, es tut mir leid. Und nachdem Ingrid heute vormittag das Thema ansprach und auch einen so hübschen Button gebastelt hat, hat es mich wieder gerissen, es muss raus, mein Unbehagen. Es geht um kopflose Blogs. Deutsche Blogs vornehmlich. Also eine typisch deutsche Befindlichkeit? So auf die Schnelle habe ich keinen amerikanischen, britischen oder japanischen Blog gefunden, der durchgängig kopflos erscheint. Aber hier bei uns werden es immer mehr und mehr und mehr. Und ich mag es nicht.

Ich sage nicht, es sei häßlich. Ich sage nicht, das geht nicht. Ich sage: ICH mag das nicht. Diese Diskussion hatten wir ja schon und meine Einstellung hat sich nicht geändert, sie hat sich eher verhärtet. Mittlerweile entstehen nahezu täglich neue Blogs zum Thema Nähen und Stricken. Und fast alle kommen ohne Kopf daher: entweder brutal abgeschnitten (was ja nicht wirklich ästhetisch ist – weder aus Sicht eines Fotografen noch aus Sicht des Philosophen und Menschenfreundes 😉 ) oder mit Scheiben, Dreiecken und Herzen vor dem Gesicht (was immerhin einen Blick zulässt auf die Proportionen der Bloggerin und die Kleidung im Verhältnis Kopf-Fuß zeigt). Und ich bin mir noch nicht sicher, welche Variante ich entmenschlichter finde: die Geköpfte oder den seelenlosen Alien …

Es geht mir gar nicht darum, böse zu sein, es geht mir eigentlich auch nicht mehr darum, das verstehen zu wollen – die Argumente sind ja noch die Gleichen, gerne wird da etwas von Anonymität gemurmelt: wer Cookies bei Amazon zulässt oder sie bei google nicht löscht, gibt mehr von sich preis als im Blog seine Nase. Denn mit den ersteren Daten verdienen andere ihr Geld, in dem sie dir maßgeschneiderte Produkte anbieten anhand der Spuren, die du im Netz hinterlässt. Mit deinem Gesicht ist kein Geld zu machen und wenn doch, dann bist du wahrscheinlich schon hochbezahltes Model 😉
Der Fakt, dass du anhand deines Gesichtes von einer Kollegin, einer Nachbarin oder einem Exfreund erkannt werden kannst, besteht natürlich; das Problem dahinter will sich mir jedoch nicht erschließen: wenn du nicht gerade Frau Merkel bist – die nicht den Eindruck erwecken will, jede Debatte nur anhand komplizierter Strickmuster überstehen zu können oder pro Tag mehr Stunden an der Nähmaschine als am Schreibtisch zu verbringen – welche Konsequenzen sollte es haben, dass dein Chef nun weiß: die Frau ist in ihrer Freizeit kreativ? Wenn wir uns einer Gesellschaft anpassen, die von uns nur Leistung und Arbeitseinsatz erwartet – werden wir sie jemals ändern können?

Dann kommt der Einwand: ich blogge ja schließlich über meine Kleidung, nicht über mein Leben – da hat meine Nase nichts mit zu tun. Auch selbst hergestellte Kleidung zählt zur Mode und ich kenne keinen Modeblog, der auf das Gesicht der Modeträgerin verzichtet. Hätte der Sartorialist Erfolg mit abgeschnittenen Bildern? Kaum. Kaufen wir Mode im Katalog, wenn das Model nur von Fuß bis Hals zu sehen ist? Glaube ich auch nicht. Kleidung wirkt nur im Ganzen, im Detail bleibt es eben das: ein Detail.

Von Zeit zu Zeit entbrennt die Diskussion um Schönheitsideale und um die Reduzierung der Frau auf ihre Körperlichkeit und wie schrecklich wir das finden. Vollkommen zu recht! Die Vorstellung, dass meine Söhne damit aufwachsen zu glauben, zu einem Glas Bier gehöre ein Frauentorso in Spitzenwäsche, behagt mir gar nicht. Aber schaue ich durch die Blogs, so reduzieren sich viele ganz freiwillig darauf: Auf Busen, Beine, Bauch und Po. Ich fühle mich unbehaglich, wenn ich auf einem Blog lande und denke: “Hier war ich doch schon mal …? Ja, den Busen kenne ich!” Und weil ich weiß, dass dieses Thema mißveständlich ist und vielen auf die Zehen tritt, sage ich deutlich: Ich glaube NICHT, dass das die Intension der Bloggerin war. Aber es ist ja fast so, als gäbe es ein ungeschriebenes Gesetz für die deutsche Bloggerin: schneide deinen Kopf ab. Das geschieht wohl automatisch.

Warum mich das nun aber so stört, dass ich schon wieder darüber schreibe? Weil es da so einige Blogs gibt, von denen ich mir noch einiges an Anregung und Entwicklung erhoffe. Die von Bloggerinnen kommen, bei denen ich ein Gefühl von Sympathie aufgrund ihrer Schreibe, ihrer Haltung oder ihrer Schnittauswahl habe. Und die ich gerne verlinken würde. Was mir meine Prinzipientreue verbietet: ich linke nur zu Frauen, die ich vor mir sehe 😉 Von denen ich eben so viel sehe, wie sie von mir. Das fällt mir manchmal ganz schön schwer – da denke ich an Susi, Ernchen und Schnitte des Todes, beispielsweise 🙂

Warum ich das aufschreibe? Weil ich die leise Hoffnung habe, dass die eine oder andere Schneiderin sans tête einfach so in die Kopflosbloggerei hineingerutscht ist und nur einen kleinen, liebevollen Schubs braucht, um sich zu zeigen. Weil ich aus Erfahrung weiß, dass Frauen sich oft nicht hübsch genug finden und zu wenig Zutrauen haben. Und ich sagen kann: “Liebelein, das ist Blödsinn. Es gibt mehr schöne als wirklich häßliche Frauen und ich kennen Keine :-)” Weil die meisten doch auch bloggen, um ihre eigenen Werke stolz zeigen zu können und weil ein Kompliment, das wirklich auf mich bezogen ist, doch gut tut. Ich höre lieber, mir stünde eine Farbe gut zu Gesicht, als dass mir jemand sagt: “Deine Oberweite kommt aber ordentlich zur Geltung in dem Kleid.” Wenn es also “nur” Angst davor ist, jemand könne etwas Böses über meine Nase sagen, dann ist das eine unnötige Angst – schön sind wir doch eigentlich alle 🙂

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