Die Ausnahme bestätigt die Regel.

Hier jedoch bringt die Regel die Ausnahme: Den heutigen Tag werde ich größtenteils mit Tee und Magnesium auf dem Sofa verbringen; elegant in grau gewandet. Es ist eben der eine Tag im Monat, an dem ich zu nichts zu gebrauchen bin. Sollte ich hier nun Unsinn von mir geben, nehmt es einfach nicht ernst!

Um aber meine Kleiderschlange nicht zu unterbrechen, habe ich meine Schneiderpuppe um Hilfe gebeten. Welche sie mir nun widerstrebend erteilte, denn unsere Wege haben sich in den letzten Monaten rein figürlich getrennt: während sie mir obenherum (eigentlich über obenherum) über war, war unsere Taillenweite identisch. Und die zwei Zentimeter, die sie um die Hüfte herum weniger hatte – na, da konnte ich drüber hinwegsehen 🙂 Als ich ihr nun aber meine heutige Zusammenstellung überstreifte … hmmm, räusper, ich habe mal kurz geschluckt.

So sollte der Pulli eigentlich sitzen: Hochgeschoppt. Aber die Puppe hat erstaunlicherweise einen kürzeren Oberkörper als ich und bei mir ist der Pulli dafür zu kurz. Ein Grund, weshalb ich so lauwarm für ihn empfinde. Ich habe ausnahmsweise nach dem Bündchen weder gerade hochgestrickt noch an den Seiten langsam zugenommen, sondern in der ersten Reihe gut zugegeben, um den blusigen Effekt zu erzielen.

So muss ich ihn tragen. Und mit einem Gürtel festhalten, weil der Bund nicht für meine Schmachthüften gemacht und gedacht war.

Den Rock habe ich vor etwa drei Wochen genäht und massive Schwierigkeiten gehabt. Meiner Standardschnitt verhält sich zu unterschiedlichen Stoffen nämlich extrem unberechenbar. Die einfache, offensichtliche Gleichung “fester Stoff – schmale Nahtzugabe, dehnbar, weicher Stoff – normale Nahtzugabe, elastischer Stoff – breitere Nahtzugabe” stimmt nur selten:
Insgesamt ist der Rock in Größe 10 zugeschnitten, was mir mittlerweile eigentlich zu klein ist. Ich bin brauche eher etwas wie eine 10 in der Taille, eine 12 zur Hüfte mit leichten Tendenzen zur 14. Aber wie immer, wenn ich versuche, es richtig zu machen – es geht schief. Ich habe diesen Rock mit sehr festem Stoff genäht und musste ihn enger nehmen. Ich habe ihn mit elastischer Baumwolle genäht und musste ihn auslassen. Wo ist da die Logik? Und ich habe definitiv zugenommen (dazu nachher mal mehr, könnte wieder lang werden, lenkt mich von den Krämpfen ab und ihr habt doch nichts vor, oder?) und so habe ich diesen Schnitt auf 12 vergrößert und mehr NZ zugegeben. Der Stoff ist ein sehr dicker, elastischer Baumwollstoff, der offenbar aus einer Alliance zwischen sehr elastischem Denim und weicher Polsterware hervorgegangen sein mag: kaum knitternd und relativ robust. Aber während er verarbeitet wurde, wandelte er sich: er wurde weich, nachgiebig, fast schon fliessend für ein solch kräftiges Material. Muss sich wohl um eine ideale Verbindung handeln, dass er sich so verändert . Nun sind echte Kerle uns ja besonders lieb, wenn sie ihre sanfte Seite hervor kramen, aber doch nicht, wenn er meine Hüften im Zaum halten soll … !
Langer Rede, kurzer Sinn – das Ding, das ich gerne Rock genannt hätte, war ein Sack, der mir ohne Bund von der Hüfte rutschte. Also von meiner Hüfte rutscht so schnell nichts, das dürft ihr glauben. Dann mal schnell den provisorischen Bund dran getüftelt. Der dann auch zu großzügig berechnet war. Irgendwie scheine ich meine Maße immer zu über- oder unterschätzen. (Dazu nachher mehr.)

Insgesamt habe ich hier 2,5 cm NZ auf jeder Seite. Das ist ein Rekord. An der Taille ist es immer noch ein wenig weit, aber im Vergleich zu meiner Schneiderpuppe nicht der Rede wert:

Das ist im übrigen das Ergebnis, das ich mit einem Burdaschnitt ohne Änderung erreiche …

Der Vorteil der Puppe liegt heute darin, dass ich mir die Zeit genommen habe, den Pulli im Detail abzulichten, um euch meine Schwierigkeiten zu zeigen.

Ursprünglich wollte ich einen Rollkragen, der kelchförmig (im Stil der späten 50er/frühen 60er) sich nach oben öffnet und sich aus einem tiefen Ausschnitt heraus bildet. Aber obwohl der Effekt da war, war es das nicht wirklich – ich hätte dazu die Haare immer sehr kunstvoll hoch stecken müssen. Betonung liegt auf kunstvoll. Mehr muss ich wohl nicht sagen. Das Ribbeln war nicht so leicht und die nun nötigen Abnahmen vor allem hinten habe ich nicht richtig berechnet – da steht immer noch zu viel ab:

Vorne soll eigentlich noch ein Knopf hin, um so ein Vierzigerjahre-Guckloch zu schaffen. Kann mich nur nicht motivieren.

Dann hatte Eva ja vor kurzem gefragt, wie das Schnittkonstruktionsbuch denn im Gebrauch wohl so sei – ich kann noch nicht viel dazu sagen, denn so richtig heran gemacht habe ich mich noch nicht. Kommt aber noch. Wie aber schon erwähnt, hat mein Göttergatte mich vermessen und das eine oder andere Mal war ich verwundert. Es wird wirklich Zeit, mich selbst neu kennen zu lernen. Dazu passt die immer wieder kehrende Feststellung eurerseits, dass mein Oberkörper kurz sei. Hmmm, jein. Das Problem liegt eigentlich tiefer 😉

Ich finde, dass ich nach wie vor eher schmal wirke – und zwar im Vergleich zu meinen Zahlen. Mit den Daten würde ich beim Blick auf die Person eine andere Figur erwarten. Was nur beweist, weshalb das Erstellen von Schnitten auch nach den eigenen Daten nicht immer das erwartete Ergebnis bringen wird.

Ok, jetzt seid ihr definitiv an dem Punkt diesen Posts angelangt, an dem es zu lang wird – nur wer sich selbst noch maßtechnisch sucht, mag vielleicht weiterlesen. Im Grunde bin ich hier an diesem Punkt, an dem ich schreibe, um mir Dinge klar zu machen.

Meinen Maßen nach bin ich also immer noch 1,73 m groß – was bedeutet, dass ich Schnitte an irgendeiner Stelle verlängern muss.

Mein Oberkörper hat die allgegenwärtige Durchschnittslänge von 41 cm – was dafür spricht, dass ich die Größe aus meinen Beinen heraus mitbringe. Was sich mit meinen Erfahrungen und euren Beobachtungen zu decken scheint.

In der Tat verbrauche ich 116 cm, um vom Boden zur Taille zu gelangen. Von dort zurück zu den Knien benötigt 66 cm – kein Wunder, dass ein Rock von 72 cm bei mir niemals an der Wade enden kann.

Von da aus den Quermaßen:

Brustumfang ist neuerdings 90 cm, Unterbrustweite unverändert 74 cm – damit komme ich auch bei BH-Rechnern hoch offiziel zur 75 C, die auch am besten passt. Ich staune immer noch.

Taille misst im Schnitt 70 cm – das bestätigt meinen fast geraden Brustkorb. Schnitte habe ich bislang so geändert, dass ich oben herum eine kleinere Größe hatte und einen fast geraden Strich zur Taillengröße gezogen habe. Da die Schnitte allerdings auch auf B-Körbchen ausgerichtet sind, geht das nicht mehr so ohne weiteres. Bei den letzten Oberteilen – die aus schultertechnischen Gründen daneben gegangen sind, habe ich hier nur noch eine Größe verwendet, was mir schon ausgereicht hat.

Meine Hüfte bzw. ihre Höhe war die nächste Überraschung – denn der breiteste Punkt von satten 100 cm liegt zum ersten Mal in meinem Leben über meinem nicht flachen, sondern tiefen Po. Und das sind 22 cm von der Taille aus. Und obwohl meine Hüfte sich recht energisch von der Taille wegschwingt, erklärt das auch die Beulen leeren Stoffes, wenn ich Schnitte meiner hohen Hüfte entsprechend ändere. Da muss ich gedanklich und mit Händen noch basteln.

Insofern war das Buch schon mal nützlich, als das ich mich nicht nur stückchenweise, sondern einmal komplett mit diesen Zahlen befasst habe.
Dann habe ich mich noch einmal hingesetzt, und meine Proportionen mit einem Bildprogramm genauer erfasst.

Die Absätze habe ich abgeschnitten und dann alles in Achtel, meiner Gesichtslänge, unterteilt und mit den Idealbildern einer gut proportionierten Figur verglichen.

Der erste Abschnitt wird durch die Gesichtslänge vorgegeben, die Körperlänge ist dann im Regelfall diese Länge mit 7,5 oder 8 multipliziert. Bei mir kam es mit der 8 genau hin.

Der zweite Abschnitt reicht vom Kinn bis unter die Achsel – hier entspreche ich also der Norm und ich dürfte von der Länge her keine Schwierigkeiten mit diesem Bereich eines Schnittes haben. Gilt natürlich nicht für Burda, denn mittlerweile weiß ich, dass die Ausschnitte hier oft sehr tief sind. Bei den Amis habe ich hier in der Tat noch nie ein Problem gehabt.

Von der Achsel geht es dann zur Taille und hier macht das Bild eine kleine Schwierigkeit – und eine macht es offensichtlich: der schwarze Gürtel sitzt auf dem Bild NICHT in der Taille, sondern ein wenig darüber. Im Bereich der vorderen Mitte trifft die Achtelteilung meine Taille so gerade eben mit etwa einem Zentimeter Unterschied (an mir, nicht am Bild gemessen) – nicht aber an den Seiten. Meine hohen Hüften lassen meinen Oberkörper kürzer erscheinen. Diese Hüften sind allerdings ein wenig von meinem Gewicht abhängig: wenn ich zunehme, beginnt das immer rundum zwischen Bauchnabel und Hüftknochen. Nehme ich weiter zu, dann verteilt es sich, bis alles wieder eher im Lot ist, dann geht das Spiel von vorne los. Mit dem Momentangewicht bin ich eben deshalb etwas unzufrieden, weil zuviel an dieser Hüfte sitzt 😉
Die Erfahrung zeigt, dass ich hier bei Schnitten nichts ändern muss – es hat nur einen Schnitt gegeben, bei dem der Oberköper zu lang war. Da meine Länge im Unterkörper liegt, passt diese Erkenntnis.

Von der Taille geht der nächste Abschnitt bis zur Schrittlinie und da wird es dann offensichtlich: zusammen mit Zentimeter, der mir an der Taille fehlt, liegt hier der Teil, der geändert werden muss. Bei Röcken lässt sich das einigermaßen problemlos (hahaha) an der Seitenlinie ändern, aber bei Hosen muss es ziehen und kneifen. Insbesondere, da ein tiefes Gesäß im Gegensatz zum flachen mehr Länge braucht in der Kurve (was nicht ausschließt, dass es dennoch Änderungen in der hinteren Mitte brauchen kann, da dreht sich mein Köpfchen noch immer). Hier ist wohl der größte Teil meiner Körperlänge eingebaut. Und erklärt mir auch, weshalb ich, ändere ich einen Burda-Normalschnitt in einen Längenschnitt nach deren eigener Anleitung, nicht wirklich hinkomme: hierbei sollen nämlich jeweils 2 cm in Ober- und Unterschenkel und nur 1 cm in den Torso eingebaut werden. Betrachte ich dazu noch die Burdahose für Langgrößen, die ich ja einigermaßen erfolgreich genäht habe, dann glaube ich nicht, dass sie sich an die eigene Anleitung gehalten habe, denn der Torsoteil ist schon recht lang …

Die beiden nächsten Unterteilungen sollen zusammen gefasst vom Schritt zur Kniemitte gehen und dabei kommt heraus, dass meine Oberschenkel eher kurz sind – hatte ich auch immer vermutet.

Von den Knien bis zum Boden habe ich dann wieder eine Mehrlänge zu verzeichnen – kein Wunder, dass ich nichts auf die Waden bekommen kann, davon ist einfach zu viel Länge zu bestücken 😉

Hat mir das jetzt weiter geholfen? Irgendwie schon, die nächsten Versuche werden es vielleicht zeigen. Hat das irgendjemandem sonst geholfen? Das sollte mich wundern …

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7 thoughts on “Die Ausnahme bestätigt die Regel.”

  • Ich fand das Vermessen bei mir auch sehr erhellend. Es macht durchaus Sinn wirklich alle Maße mal genau zu beurteilen.
    Den Pulli finde ich an deiner Puppe besser als an dir gestern. Bitte nicht böse sein.
    Die LMB ist heute angekommen und wird jetzt gleich bei einem leckeren Milchkaffee genau studiert.
    Danke nochmal und liebe Grüße
    Arlett

  • Seid doch nicht immer so streng mit dir! Kein Mensch hat die Figur einer Schneiderpuppe oder von Standard-Kleider-Groessen. Ich habe Teile von Groesse 36 bis 42 im Schrank und die passen alle. Insofern koennen wir froh sein, dass wir uns die Sachen passend machen koennen.

    • Lieb von dir 🙂 Ausnahmsweise war ich aber doch gar nicht so streng – ich habe erstaunt festgestellt, dass ich mehr zugenommen habe als gedacht 😉 (Aber lecker war’s)

  • Hallo Michou,

    Deine Maße bringen es quasi an den Tag. Es ist einfach schwierig von einer schmalen Taille auf ausgeprägte Hüften zu kommen, nicht umsonst sehen doch Modells aus wie Bohnenstangen, da kann man leicher den Stoff drumherum drapieren. Meine Schneiderlehrerin ist so nett und macht mir ab und an Rockschnitte nach meinen Maßen, und auch sie tüfelt immer wieder, wie man von Taille 72 auf Hüfte (eher Oberschenkel…) 103 cm kommt. Und Hosenschnitte sind eine Wissenschaft für sich. Da habe ich bei Peggy Morgenstern mal eine ganze Woche verbracht, um mit einem Hosengrundschnitt nach meinen Maßen nach Hause zu gehen. Und der war letzten Endes auch nicht 100% perfekt. Also auch hier kein Wunder, wenn Dir ein Hosenschnitt nicht auf Anhieb gelingt. Gute Besserung und weiterhin viel Spass beim Schnitte austüfteln 🙂

  • Liebe Michou,

    nach der Hälfte habe ich gedacht, es wäre unverschämt, dir nur kurz zu schreiben. Kurz nach untengescrollt, um zu schauen, ob deine Drohung “siehe weiter unten” zutreffend ist. Nun habe ich mich entschlossen, Morgen wieder zu kommen. Versprochen.

    Denn zum Thema Größenwanderung kann ich eine Menge beitragen (-:

    Wärmende Grüße für die zwickendenden Regionen
    Sabine

    Edit von Michou: Liebe Sabine, ich habe mir mal erlaubt, deinen Kommentar zu editieren – Arlett ist ein anderer Blog ;-)) Komme auch schon den ganzen Tag durcheinander, viel zu viele Blogs zum Gucken ;-)))

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