Ein Kleid entsteht

Sieben lange Monate ist es her, dass ich zuletzt ein Kleid nähte; ich hatte fast vergessen, wieviel mehr Spaß das Kleider nähen im Vergleich zu Röcken oder Blusen oder Mänteln ist.

Wie geht es bei mir zu: das Entstehen eines Kleides?
Erstaunlicherweise schwirren keine hellblauen Feen, zwitschernde Vögel und puschelige Mäuschen trällernd und pfeifend durch mein Turmzimmer, keine Sternchen und kein Glitzerstaub schwirren durch die Luft. Und nein, auch kein Heer an weißbekittelten und bebrillten Damen arbeiten sich die Finger an endlosen Metern weißen Stoffes wund, um meine im Stakkato hervorgebrachten Anweisungen zu befolgen, nachdem ich mich von geheimen Gärten und verwunschenen Parks habe inspirieren lassen. Enttäuschend, ich weiß, aber leider, leider – ich muss alles selbst erledigen und das geht nicht immer glatt.

Diesmal aber bin ich – zumindest gestern im Halbdunkel – so zufrieden wie seit langem nicht gewesen und spürte schon kleine Tränen der Freude und Rührung aufsteigen. Was mir aber doch zu übertrieben erschien, so dass ich sie auf ihren Platz zurück verwies; sie werden schon noch einmal ihren Auftritt haben.

Ich warne einmal noch vor: das hier mag lang werden, da ich 20.000 Dinge im Kopf habe, die für mich gerade wichtig und interessant sind und die ich mir alle merken möchte.

Betonung

 
Im Laufe dieses Jahres habe ich mir – erzwungen durch Gewichtszu- und -abnahmen – viele Gedanken darüber gemacht, was mir jetzt noch steht, worin ich mich wohlfühle, was ich im Alltag brauche und was mich nähtechnisch reizt. Letzteres bedeutet eher, welchen Herausforderungen ich lieber aus dem Weg gehe, um ehrlich zu sein. Wenn ein Effekt durch eine einfache Schnittführung ebenso zu erzielen ist wie durch eine komplizierte Wuselei, entscheide ich mich für die einfache Lösung.

An meiner Frontalsilhouette hat sich nicht so viel geändert, wobei ich mich nun als etwas ausgewogener empfinde als in den letzten Jahren – minimale Verschiebungen im Verhältnis von Hüfte zu Taille und in der Hüfthöhe führten dazu, dass ich meine Grundschnitt neu aufstellte und mich nun ein klein wenig liebevoller im Spiegel betrachte.

Ich fühle mich zwar zu geradelinigen und schlichten Schnitten hingezogen, mag mich  in solchen Kleidungsstücken aber nur bedingt; sie betonen das Strenge an mir und das erscheint mir fremd. Ebenso ziehen mich Raffungen und Kräuselungen an, aber zuviel davon wirkt an mir übertrieben mädchenhaft und kitschig. Also die Mischung muss es sein.

Betrachte ich meine Figur und überdenke ich meine Erfahrungen, so komme ich auf eine eher schmale Silhouette: mäßig ausgestellte Saumweiten, hohe Halsausschnitte und immer eine betonte Taille. Dazu leicht gepuffte Ärmel – ob an der Schulter oder am Saum. Und um all das nicht zu streng und zu langweilig erscheinen zu lassen, darf der obere Mittelteil sich mit Falten, Kräuseln, Raffungen, Schleifen, Jabots und Farbspielen ausleben. So weit die Theorie.

Mit diesen Vorgaben landet die Liebhaberin vergangener Modejahrzehnte automatisch in der Zeit von 1930 – 1956 bzw. ich in meiner nun auch zu Recht bevorzugten Periode von 37-43 – was mich lange in Gewissensbisse trieb: klingt ja erst einmal nicht so positiv. Für mich habe ich entschieden: ich rette wunderbare Kleidung aus grauenvollen Zeiten. Nicht immer ganz leicht, mir nicht frivol, dekadent oder gefühllos vorzukommen. Aber derlei moralische Überlegungen führen selbst mich heute zu weit.

Vor zwei Wochen habe ich mich denn hingesetzt und endlich wieder einmal Kleiderschnitte konstruiert. Das Kleid, in dem ich mich immer am wohlsten gefühlt habe, war der Ausgangspunkt: Mein Walliskleid.
Im zweiten Schritt wühlte ich mich durch meine Inspirationsordner und durch sämtliche Schnittbücher und suchte zuletzt gezielt auf Pinterest und stellte mir dort auch ein Board zusammen mit einer Handvoll Kleidern, die wenigstens ein Detail haben, das mich anspricht:

pinboard

In den allermeisten Fällen kopiere ich nicht 1:1, was ich sehe, sondern versuche ein Gefühl für die Silhouette, die Höhe und Weite des Saums und die Länge der Ärmel zu bekommen. Diese Maße versuche ich auf meinen Grundschnitt zu übertragen, ohne dabei meine eigenen Proportionen aus den Augen zu verlieren. Da ich aber schon festgestellt habe, dass die gewählten Kleider am besten zu meiner Figur und zu meinem Charakter passen, befinde ich mich wieder einmal auf dem leichtesten Weg. Versuche mit den Anfangsdreißigern und den späten Vierzigern waren dagegen immer nur mäßig zufriedenstellend.

Dann endlich geht die Bastelei los und das ist bei mir ganz wörtlich zu nehmen: ich schnippele und klebe und falte und stecke und male und korrigiere. Und hoffe letzten Endes das Beste, denn Probeteile vermeide ich, wie es nur eben geht. Was bedeutet: zuschneiden, nähen und erste Anprobe sind immer sehr, sehr spannend. Doch stimmt der Grundschnitt und habe ich beim Übertragen keinen Fehler gemacht, so passt der entwickelte Schnitt so gut, wie ich es schaffen konnte; wir wollen mal nicht vergessen, dass meine Geduld, mein Talent und mein Wissen nicht unbegrenzt sind. Weit davon entfernt. Und zwar habe ich keine Feen und Mäuse, dafür jedoch zwei Katzen, die meinen Wert immer dann zu schätzen wissen, wenn sie dabei im Weg sein können.

Von Freitag bis gestern abend habe ich endlich wieder an einem Kleid gearbeitet, das ich für heute abend unbedingt haben wollte. Der Termin, für den es vorgesehen war, wurde leider verschoben und so sitze ich nun ein wenig desorientiert hier vor meinem Laptop und blogge endlos lang meine verwurbelten Gedanken. Besser als noch mehr Hausarbeit!

Kleidlila30

Und wenn alles gut geht und die Kamera mitspielt und ich mich wohl und hübsch fühlen sollte, dann gibt es morgen auch die Tragebilder.



13 thoughts on “Ein Kleid entsteht”

  • Folge deinem Blog schon seit einiger Zeit über Bloglovin.Ich bewundere deine Ausdauer und deine Kreativität.Ein wunderschönes Kleid hast du entworfen.Bin auch schon auf Tragefotos gespannt.Sei herzlichst gegrüßt!

  • Liebe Michou,
    Ein tolles Kleid. Tolle Details. Ich bewundere deine Werke schon ein Weile. Und freue mich sehr, dass du Retro so wunderbar neues Leben einhauchst und so konsequent trägst.
    Erzähl uns mehr, wie du eine Schnitte erstellst. Mit welchen Grundschnitten arbeitest Du? Ich wurste mich für die Erstellung von Grundschnitten für meinen Luxuskörper gerade durch Hofenbitzers “Bekleidung Schnittkonstruktion für Damenmode”… Aber längst nicht so formvollendet wie du! Toll! Mehr davon, bitte!
    Gruß aus Berlin von Anja

    • Liebe Anja,
      ich halte mich ja immer mühsam zurück, wenn es ums ausführliche Erzählen zum Konstruieren geht – aber ich wünschte mir schon, es gäbe mehr Hobbyschneiderinnen, die auch Schnitte zeichnen. Rein aus Eigennutz, weil es dann viel mehr Unterstützung und Hilfe geben kann 🙂

      Hofenbitzer kann einem jeden Enthusiasmus und jede Freude nehmen – ich zumindest habe Schwierigkeiten mit Abkürzungen, vor allem, wenn sich der Vorgang auch kürzer, schneller und verständlicher erzählen ließe. Zum Einstieg finde ich immer noch Winifred Aldrich am geeignetsten; anpassen musst du ja eh, bevor du an das Verändern gehen kannst.

      Aber wenn du wissen magst, wie beispielsweise der Schnitt entstanden ist, dann kann ich das schon mal aufzeichnen 🙂

    • Ha, Gefältel ist das richtige Wort – ich hatte ganz schön Bammel, es wäre zu viel Stoff. An der Puppe sieht es unkontrollierter und dicker aus, aber an mir finde ich es ganu gut.
      Den Erfolg nehme ich gerne, habe ja noch einiges vor – Danke 🙂

    • Die Farbe ist zum Glück deutlich dunkler und schön als auf dem Bild. Tragefotos, sobald alles zusammen kommt: Licht, Kamera, ich 🙂

      Sowas würde dir aber auch gut stehen, nur mal so erwähnt …

  • Wow, ich kann beinahe Engel und Sterne sehen. Aber nicht zum helfen, sondern weil dein Kleid so bezaubernd geworden ist.
    Ich lese deinen Text am Besten nochmal und fang mal an zu denken.
    Inspiration ist mein Einstieg und Mut 😉
    Und bitte nicht aufhören zu schreiben, manchmal schwirrt mir der Kopf, aber ich will ja auch! So und jetzt warte ich so geduldig wie möglich auf deine Tragbider.

    Liebste Grüße
    Nina

    • Welch ein schöner Einstieg – Inspiration ist mein Einstieg und mein Mut. Den merke ich mir.
      Die Tragebilder sind enttäuschen, aber in echt ist wirklich fein. 😀

  • Die Fotos machen Lust auf mehr, das Kleid sieht ganz wunderbar aus. Bin auf weitere Fotos mit dir gespannt.
    Und wenn es keinen Termin gibt, kann man es doch auch so anziehen. Wie viele Stunden ich schon in nicht-alltagstauglichen Schuhen oder Kleidern im Haus herumgetänzelt bin, einfach um sie anzuziehen auch ohne passenden Anlass:-D Kostet nur leider Zeit und macht viel zu oft Streifen auf dem Boden…
    lg ette

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