Einsicht, Akzeptanz und Ironie

In einigen Minuten werde ich – ein fröhliches Liedchen trällernd und frohgemut, wie sonst – mich an den Sloper begeben, die Taillennaht hinten auftrennen und eine von Julia vorgeschlagene Änderung vornehmen und die hintere Taillennaht noch ein wenig höher setzen. Als sie mir das gestern, eindringlich, mehrfach, ohne Androhung von Schlägen, sagte, war ich zögerlich: Ich hatte doch nun schon soo viel dort weggenommen; noch mehr könne doch einfach nicht richtig sein? Gut, bei einer zweiten Änderung schlug sie genau das vor, was ich schon vermutet hatte und wenn das geschieht, fühle ich mich gar königlich. Vielleicht weiß ich doch schon mehr, als ich bislang dachte? Weshalb also fiel es mir so schwer, auch ihren anderen Ratschlag zu akzeptieren, obwohl ich doch weiß, sie hat sehr wahrscheinlich recht?

Weil etwas ganz anderes damit verbunden ist: Einsicht und Akzeptanz.

Kaum beginnt man mit dem Nähen, stellt man auch schon fest: nähe ich einfach das, was mir vom Schnittmuster vorgegeben wird, so sitzt das keinen Deut besser als Konfektion. Was frustrierend ist. Oder für mich war. Ist man nun weder blind noch verblendet und mit einem Mindestmaß an Verstand ausgestattet, so wird man auf die Suche gehen und schnell heraus finden: Schnittmuster sind nicht in Stein gemeißelt, nein, man kann, darf, muss sie ändern.
Was aber geht damit einher? Ein kritischer Blick in den Spiegel. Feststellen, auflisten, begreifen, wo man wie von einer idealen Proportion abweicht. Es ist ja nicht so, als wisse man nicht, dass man besonders klein oder sehr groß, eher zu dünn oder zu dick, sehr gerade oder sehr kurvig ist. Aber das muss nun nicht nur gewußt, sondern auch akzeptiert werden. Bewußt zu Größe 44 für die Hüften zu greifen, wenn man doch immer eine 38 war, ist weniger leicht, als es nach Jahren des Nähens noch erinnerbar ist.

Sehr schön, denke ich dabei an mich zurück, dann war es wie Manna, das vom Himmel fiel, als ich das erste Kleid nähte und sehr mutig (ja, so kam mir das vor) den Schnitt von 36 an den Schultern und der Taille bis zu 40 an der Hüfte änderte und ich so nach ewigen Zeiten zum ersten Mal ein Kleid trug, das weder an der Taille schlotterte noch an den Hüften spannte. Ok, ich hatte es eingesehen, verstanden und akzeptiert, dass ich mehr Hüfte als sonstwas hatte. Und für einige Monate nähte ich glücklich vor mich hin; mein Blick bei der ersten Anprobe fest auf Taille und Hüfte geheftet.

Bis ich wahrnahm: so richtig gut sitzt das an der Brust nicht und die Schulter wirken auch leicht verzogen, sobald ein Ärmel eingesetzt wurde. Verglichen mit dem glatten Sitz um den Bauchnabel herum war das nicht schön. Damit ging die Odyssee durch Nähblogs, -bücher und -foren los: als Anfänger entscheiden zu sollen, ob eine Falte entsteht, weil zu wenig oder zu viel Stoff da ist, hat mich massiv überfordert. So war die Falte, die sich vom Armloch zur Brustspitze zog, für mich ganz klar ein Zeichen von: zuviel Stoff, aha, ja, kein Wunder, weil Busen hast du ja nicht. Als jemand mir aber riet, mehr Platz für selbigen zu schaffen, habe ich hohngelacht. Heute weiß ich: ups ja, das war richtig. Ich selbst merkte das erst, als mir meine BHs nicht mehr passten und innerhalb von 3 Monaten die Cupgrößen stiegen. Und das war für mich der Punkt, mich ganz ernsthaft mit Schnittanpassung zu beschäftigen.

Von da auch zur Eigenkonstruktion ist es nicht weit; letztendlich auch der einfachere Weg. Auf diesem Weg aber sammelten sich Informationen zum eigenen Körper, die sich gar nicht so leicht wertfrei verarbeiten lassen: nicht nur breite Hüften, sondern auch sehr hohe. Nicht nur lange Beine, sondern auch einen kürzeren Oberkörper. Nicht nur einen schmalen Brustkorb, sondern auch noch mehr Oberweite. Dazu lange, schmale Arme, flachen Po, runden Bauch, runde Schultern, schmalen Hals. Klingt so in der Auflistung nicht schön, sondern komplett verbaut und schief. Und in der Tat fand und finde ich es nicht leicht, mich in einem Schnittmuster abzubilden. Denn wie alle trage auch ich ein idealisiertes Bild von mir umher: straffer, gerader, proportionierter – schlicht: durchschnittlicher. Und Stück für Stück muss ich dieses Bild wandeln. Es ist manchmal, als müsse ich mit einem Vorschlaghammer eine mühevoll geschaffene Alabasterskulptur zerschlagen, um sie durch eine plumpe Tonfigur zu ersetzen. Mal ehrlich, das klingt nicht nach Spaß.

Nun habe ich an der Rückseite meiner Kleider immer, immer Streß – und ich konnte nie entscheiden, woran es liegt. Ob am Oberteil oder am Rockteil. Sicherlich an der Länge, aber was habe ich experimentiert. Und wen habe ich nicht alles zum Messen einbestellt, zum Stecken und Zupfen. Aber klare Zahlen sind die eine Seite, ob sie auch brauchbar sind, eine ganz andere; denn eigentlich sagen sie nicht viel aus. Letztenendes jedoch war es sicherlich meine unbewußte Abneigung, das Standbild bis zum Allerletzten zu zertrümmern. Was in meinem Rücken geschieht, sehe ich meist nicht – kann man es also nicht einfach ruhen lassen? Da ich aber bei jeder Anprobe eines neuen Kleides, das mir von vorne gefiel, erwartete, dass es mir auch von hinten gefallen müsse, blieb regelmäßige Enttäuschung nicht aus. Und so hat es doch lange gedauert, bis ich bereit war, auch den – hoffentlich letzten – Hammerschlag auszuführen. War ja auch kein Zustand: sobald ich die Rückseite betrachtete, brach Frust aus. Frust über meine verbaute Figur, über meine Talentlosigkeit beim Schnitterstellen und Nähen, über meine Verständnislosigkeit und mitunter über meinen so falsch messenden Gatten.

Ob ich es nun heute schaffen werde, den Schnitt wirklich in den Griff zu bekommen, ich weiß es nicht, aber jetzt bleibe ich dran. Angeblich, so versprachen mir sowohl Arlett als auch Julia, seien es nur Kleinigkeiten, die geändert werden müssten…

Nun habe ich also in den letzten Tage akzeptiert, dass ich zugenommen habe, dass ich älter werde und dass ich auch im Rücken weiter von der Norm abweiche, als ich es wahrhaben wollte, und schon kommt die Ironie um die Ecke:
So ziehe ich heute einen meiner neuen BHs an und denke, das sieht aber luftig aus… ein Sprung auf die Waage zeigte, dass ich trotz gestriger ungesunder Ernährung (Reibekuchen mit Pilzen und Käse überbacken, Handvoll Chips, toasted sandwich, Nougatring, halbe Pizza, zwei Äpfel – fürs bessere Gewissen 😉 ) heute 59 kg wiege. DAS finde ich nicht witzig! Gibt es heute eben zwei Reibekuchen, so!



10 thoughts on “Einsicht, Akzeptanz und Ironie”

  • ich kalmmere mcih überhaupt nicht an die konstruktionen der eigener schnitte.
    denn ich brauche bloss den stoff zu ändern und schon sitzt das ganze ganz anders oder überhaupt nicht.daher nehme ich das gar nicht persönlich,wenn was nkicht sitzt.
    jeder stoff hat seine eignschaften und ich hab wirklich zu wenig ahnung davon,wie sie sich verhalten je nach suvbstanz und anteile..ich hadere auch nciht mit änderungen meines körpers-anpssen muss man immer!
    aber man kanns ins positive umdrehen,was ich auch dir rate, indem man es wie ein ratespiel betrachtet, na was ist diesmla? wo muss es hin,was nciht so richtig will?rechts oder links?

    • 😀 Ich weiß, du kannst da ganz anders rangehen als ich. Mich nervt das wahnsinnig und ich habe einfach nicht die Ruhe, die Geduld und die Lust, das immer zu spielen. Aber ich verspreche, ich versuche es entspannter zu nehmen und wenn du mich zurückverfolgst, dann merkst du doch hoffentlich, dass ich immer braver und genauer geworden bin … oder? 😀 Dein Einfluß, dein schlimmer!

      • :-)))es ist echt witzig, in meiner abendgruppe mittwochs haben sich die faruen shcon draun gewöhnt und wenn die neue kommen und sagen erstmal “ah, egal!” dann lachen sie:) denn spätenstens nach 1 monat sieht es anders aus.:-) wenn alle rund herum sich mühe geben und veruschen immer besser zu werden, dann passiert es auchtomatisch mit einem selbst:-)

  • Ein schöner Beitrag und ich drücke die Daumen, dass das alles auch so positiv und einfach klappt und sich weiter auswirkt!

    Die Akzeptanz des Ist-Zustandes ist grundsätzlich weniger mein Problem – die Tatsache, dass es aber so bleiben könnte und ein Soll-Zustand nicht erreicht oder wahlweise erreicht und das bis dahin Konstruierte hinfällig wird – das macht mir Bauchweh. Da sträubt sich dann alles – nutzlos konstruieren oder unzufrieden bleiben sind beides keine guten Alternativen 🙁

    • Hmm, da stellt sich die Frage, wie hoch die Akzeptanz dann wirklich ist, wenn du noch ein Soll vor Augen hast? Das Dilemma kenne ich leider auch, aber mittlerweile hoffe ich einfach, dass ich nicht mehr öfter als einmal jährlich große Schnittanpassungen durchführen muss.

      Letztenendes ist das bisher erreichte einfach die beste Grundlage, die ich habe und bis zu diesem Zeitpunkt waren es immer mal wieder kleine Minianpassungen, die nicht weiter geschmerzt haben. Daher denke ich doch, dass es sich lohnt, auch dem Ist-Zustand einen möglichst perfekten Schnitt zu gönnen, den man dann mit den körperlichen Veränderungen mit ändert. Wag dich mal ran, du tanzt ja schon so lange drumherum 🙂

      • Nein, also Akzeptanz vom Ist-Zustand in dem Sinne dass ich sehr genau weiß, welches dieser Zustand ist – nicht Akzeptanz im Sinne davon dass ich den okay finde. 😉

        Habe mir gerade ein Buch zur Schnittkonstruktion gegönnt und werde morgen mal die Maße nehmen lassen – tanzend wenn es sein muss 😀

  • ich denke schon dass Akzeptanz etwas mit der Verabschiedung von “soll” hat. Vor allem wenn unrealistisch und unerreichbar …

    Ich las die letzten Beiträge voller Ehrfurcht und Bewunderung, denn Schnittkonstruktion zu erlernen schiebe ich doch auf die Zeit nach der Verrentung (ob ich dann noch was lernen mag?!).
    Dennoch habe ich eine Frage an Dich Michou – und evtl. an andere Leserinnen (wenn ich denn Deinen Blog für solche Umfrage missbrauchen darf) – welches Buch würdest Du einem absolutem Beginner empfehlen – Schnittkonstruktionenbuch, versteht sich (nein, ich meine nicht mich, aber jemand hat mich um Rat gebeten denn ich nicht geben kann, da keine Ahnung in der Materie)

    • Ich bin ja der Meinung, dass sich jeder mal damit beschäftigen sollte – selbst, wenn man es nicht weiterbetreiben möchte oder kann, öffnet es einem doch die Augen, wenn man sich wieder einmal mit einem Schnitt und dessen Passform herum ärgert.

      Meine Empfehlung ist ganz klar Winifred Aldrich Metric Pattern Making – Arlett meinte am Sonntag noch, dass ich das gar nicht deutlich genug empfohlen hätte. Es sind keine unglaublichen schönen Modelle drin, Inspiration muss man anderswo suchen, aber die Grundlagen sind so einfach und unkompliziert erklärt, dass es eine Wonne ist.

      Vielleicht sollte ich es demnächst doch mal intensiv vorstellen?

      Übrigens war dein letzter Kommentar im Spam gelandet, warum auch immer – Julia hatte nach einem ihrer Kommentare gefragt und da hatte ich es bemerkt. Antworten wollte ich dir auch schon lange … habe dich gar nicht vergessen 😀

      • oh, ich dachte dass isch in Geistiger Umnachtung den “spam” Kommentar nicht abgeschickt habe (unser Internet ist letztens etwas schwach … ob das wohl mit dem gestiegenem Konsum der jungen Generation zusammenhängt).

        Un danke für die Empfehlung – ich schaue mich bei Amazon um 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Einverstanden

Please leave these two fields as-is:

Protected by Invisible Defender. Showed 403 to 545.878 bad guys.