Endlich eine Cabanjacke

Seit etwa 12 Jahren möchte ich wieder eine Cabanjacke haben; damals zerbröselte die scharze Cordjacke, die ich bei Zara – wiederum Jahre zuvor – gekauft hatte. Sie war warm, kuschelig, passte zu allem und sogar mir passte sie einigermaßen. Heute ist es mir unfassbar, dass ich in diesem Laden Kleidung in Größe 36/38 kaufen konnte … as time goes by.

Als ich mit dem Nähen begann, besorgte ich mir auch passende Schnitte für eine Seemannsjacke; eine Art Caban-Blazer-Zwitter hatte ich auch genäht. Aber so ganz war es nicht das Wahre. Erneut dazu angeregt wurde ich durch die letzte Vogue-Patterns-Kollektion, die mir als Flyer aus irgendeiner Ecke ins Haus flatterte – ein dunkelblauer Caban mit geradem Ausschnitt und gerader Knopfführung. Ich müsste nur noch einen Schnitt basteln, passenden Stoff und passende Knöpfe finden, zuschneiden, nähen und voilà, da wäre meine Seemannsjacke. Wie wir Hobbyschneiderinnen eben alles aus dem Ärmel schütteln. Aber erst mit dem Erfolg des Bunkagrundschnittes (aus dem besprochenen Buch Oberteil-Grundschnittvariationen) hatte ich auch Lust, mich schon wieder an einen Mantel-/Jackenschnitt zu setzen. Ich habe mir angeschaut, wieviel Mehrweite dort für einen Mantel zugegeben wird, habe dann die beiden Stylebook-Hefte in meinem Bestand durchgeblättert und zu guter Letzt einfach gemacht, was ich wollte.
Genau darin liegt für mich ja das Schöne am Selberkonstruieren: ich kann klassischen Silhouetten die Linienführung, Weite und Länge geben, die ich für mich schön und passend finde. Dabei kann es geschehen, dass mir am fertigen Kleidungsstück eine andere Lösung besser gefallen hätte, aber wirklich böse Überraschungen habe ich noch nie erlebt – so macht es Spaß.

Nun bin ich heute den halben Tag schon mit Bügeln und Wegräumen beschäftigt und Lust auf Bilder von mir habe ich nicht. Aber da es eh kaum möglich sein wird, Details an der nachtblauen Jacke zu sehen, wenn ich drinstecke (selbst, wenn das Kind, eines der Kinder, sein Bestes gibt), gibt es heute schon mal Detailsbilder an der Puppe – der diese Jacke nur mäßig passt.

 

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Fangen wir mal hinten an: an der Puppe sitzt es gruselig und für den kommenden Mantel nach selbem Schnitt habe ich die Passe weiter herunter gezogen; da war ich etwas zu zurückhaltend. Auch die hintere Mitte wird dann nicht mehr so stark wieder herausgeführt aus der Taille; das sitzt allerdings an mir besser.
Farbe stimmt natürlich gar nicht; nach wie vor will mir nicht in den Sinn, weshalb schlichtes Dunkelstblau so gar nicht ablichtbar ist.

 

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Hier ist der dickste Schnitzer: beim Absteppen flog eine Taube am Fenster vorbei und Minusch, die bis zu diesem Zeitpunkt sehr entspannt auf der schnurrenden Nähmaschine saß, schlug mir den Schweif ins Gesicht. Was wiederum Momo, die hinter mir auf dem Tisch Wollreste bewachte, dazu brachte, an mir vorbei zur Fensterbank zu stürmen. Eine aufmerksame Schneiderin hätte wohl den Fuß vom Pedal genommen oder hätte weiterhin fest auf das Nähstück geblickt. Ich schrie erschrocken auf, gab extra Gas und blickte Vogel wie Katzen zu. Und war dann zu faul, um zu trennen. Auf ganz dunklem Blau und mit meinem Arm vor der Flankennaht sieht man das doch kaum …

 

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Ursprünglich wollte ich zehn Knöpfe anbringen, aber eine Irrsuche in der Innenstadt brachte keine herrlichen Schnäppchenknöpfe hervor, dafür diese wunderschönen Emailleknöpfe mit Metallrand und Silberwappen, von denen ich mir dann nur sechs leisten konnte und wollte. Da ich gestern abend die Hälfte auf der falschen Seite angebracht hatte, hatte das sein Gutes; ich musste nur drei trennen und erneut annähen.
Aber wundert es noch? Erkennen kann man nix von des Knopfes Schönheit.

 

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Ja, an der Puppe sitzt es wirklich nicht und der Stoff, der so edel, weich und wertig ist, sieht hier aus wie ein Fähnchen. Wieder einmal enttäuscht mich die digitale Fotografie, obwohl ich es besser wissen sollte, seitdem ein sehr begabter Kollege des Gatten mein Studio semiprofessionell ablichtete: diese Unmengen an Linsen, Beleuchtungsmittel, Ständern und Winkel, die verwendet, eingestellt und verworfen wurden – vier Stunden für 10 Bilder, auf denen meine Studio dann genauso aussah wie in Wirklichkeit. Während es auf den Bildern, die ich mal schnell zwischendurch knipste, wie eine bunte Besenkammer aussah. Weshalb ich noch immer erwarte, auf geknipsten Bildern so auszusehen, wie ich mich kenne – ich weiß es nicht. Das muss an meinen nicht vorhandenen Foto-Gen liegen.

Egal, die Jacke ist perfekt für die kühlere Übergangszeit und mit ihr sieht man immer gut angezogen aus. Und das, obwohl ich noch einen richtig dummen Fehler gemacht hatte: sie war viel zu kurz, und ich kann nicht sagen, weshalb. Da muss ich geträumt haben. Sie war nun also fast fertig, die Hülle war genäht, das Futter zugeschnitten und die Länge sah ok aus. Bis auf die Tatsache, dass da noch 3 cm Saum weg sollten. Wer meinem Blog auf FB folgt, hat das vielleicht mitbekommen und der allgemeine Tenor lautete: “Nein, nichts unten dran nähen, wird schon gehen.” Klang ja auch sehr nach Notlösung.
Aber ich stand vor dem Spiegel, einmal, zweimal, fünfzehnmal und war unglücklich: wie konnte mir das nur passieren? Da hatte ich diesen wunderbaren Wollcoupon gefunden (10,-€! Reine Wolle! Perfekte Farbe! Weich, schwer, fast fehlerfrei!) und ich ruiniere ihn? Ich würde keinen Pulli, keine Bluse darunterziehen können, ohne dass diese rauszipfeln würden. Also schwelgte ich in meiner Dummheit, fluchend und jammernd; anziehen würde ich ihn wohl kaum jemals.
Die Teilungsnähte waren schon abgesteppt und die einzige Alternative war, unten ein gerades, ungeformtes Stück Stoff dranzunähen. Nun ist die Jacke leicht ausgestellt und da ich keine Nähte würde einsetzen wollen, die am Ende nicht genau auf die schon vorhandenen Teilungsnähte treffen würde, blieb mir nichts anderes, als mit der leichten Boule-Form leben zu müssen. Aber was soll ich sagen: genau das gefällt mir jetzt, wenn sie auch von der Seite gesehen ein klein wenig lustig aussieht, wenn die Jacke geöffnet ist. Auch, dass die vorderen Kante leicht spitz nach unten zeigen, sieht eher nach Designelement denn nach Verzweiflung aus. Wenn ich auch nicht fotografieren kann, Fehler schönreden kann ich.

Was ich für den Mantel auch ändern werde: er wird minimal taillierter werden – schon aus Gründen der Wärme. Ich taste mich an den neuen Grundschnitt eben noch heran. Wenn auch die Bilder es nicht zeigen, ich bin ziemlich verliebt in diese Jacke. Und hoffe, dass mir das mit dem Mantel, der mittelgrau wird, auch gelingt.
Als Fazit kann ich nur wieder einmal dazu ermutigen, sich Schnitte selbst zu entwerfen. Zwar steckt mehr Zeit und Arbeit darin und vor allem das Anpassen des Grundschnittes kann Nerven kosten – die eigenen wie auch die der Familie drumherum – aber es lohnt sich doch. Ein-bis zweimal im Jahr überarbeite ich meine Grundschnitte; wann immer sich bei mir körperlich etwas geändert hat – ob nun die Beine wuchsen oder die BH-Größe. Diese Veränderungen machen sich leider in einem sehr gut angepassten Schnitt schnell bemerkbar. Dafür habe ich dann aber einen Schnitt, den ich umbauen kann, wie ich will und habe doch immer die gleiche Paßform, an der ich nichts mehr anpassen muss. Für mich zumindest hat sich das bewährt, denn wenn ich eines hasse, dann sind es Probemodelle und/oder Trennorgien, um Fehler auszubügeln. Ich habe einfach mehr Muße für die Schnittentwicklung als für die Näherei selbst.

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14 thoughts on “Endlich eine Cabanjacke”

  • Die Jacke ist dir wunderbar gelungen. Die ist jetzt auf Basis des Bunka-Schnittes?
    Gut das du sie noch verlängert hast, du hättest dich ewig geärgert.
    Liebe Grüße
    Arlett

  • Dass die Verlängerung nur eine Notlösung war, hast Du Dir doch sicher ausgedacht, oder? Oder hat hier das Unterbewusstsein vielleicht einen Streich gespielt, um ein stilsicheres Designelement unterbringen zu können, das bei dem Schnitt einfach noch gefehlt hat …? 🙂
    Nee, ernsthaft – sieht super aus, wirklich – und würde ich immer noch sofort auch haben wollen (allerdings nicht in Dunkelblau. Kornblumenblau vielleicht … oder sattes Rot …) Liebe Grüße aus Berlin

    • Nein, es war wirklich die pure Verzweiflung. Als ich aber mit den Stoffresten rumspielte, fand ich auch, dass es sehr passend aussah – Cabank mit Drhe halt 😀 Und dann habe ich mich mutig rangegeben.
      Kornblumenblau ist der Himmel der Frauen beim Weine, kornblumenblau ist der Himmel am herrlichen Rheine … leider nicht meine Farbe 😀 Und sattes Rot auch nicht, ich wähle jetzt ein munteres Grau. ABER es hält dich ja niemand ab, dir so ein Dingens auch zu nähen; ich gebe dir gerne die Konstruktionsdetails … 🙂

      • Nee, nee, Jacke liebe später – ich habe gerade großspurig verkündet, nach dem Schnitt einer Freundin ein Wickelkleid nähen zu wollen, worauf sie mir sofort den Schnitt vorbeibrachte. Der jetzt hier liegt. Mahnend. Drängend. Nötigend geradezu …. meine einzige Ausrede ist, dass ich noch nicht den idealen Stoff dafür gefunden habe … erst Kleid. Dann Jacke. Vielleicht … bis dahin stricke ich noch Handschuhe. Ein oder zwei Paare … 😉

  • die gefiel mir schon auf dem Facebook-Beitrag und habe auf die Publikation hier sehnlichst gewartet. Knöpfe sind ganz toll. Ich glaube ich müsste doch auf Stoff-Jagt gehen …

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