Episches Versagen, Herkulische Aufgaben und leidende Geduld

Jepp, das mit dem grauen Kleid wird nichts werden. Was sehr schade ist. Aber passieren kann.
Seit einiger Zeit habe ich vermutet, dass ich mich wieder einmal figürlich verändert haben muss. Nicht einfach nur durch Zu- oder Abnahmen, sondern durch Verschiebung und Umschichtung. Subtil nur, aber das Problem bei Schnitten, die, so gut es geht, an die eigenen Maße angepasst sind, ist eine wesentlich geringere Akzeptanz solcher Veränderungen.

Nun ist der dem grauen Kleid zugrundeliegende Schnitt an Hüfte und Taille nicht nur sehr körperbetont, sondern die Schnittteile von Mieder und Sattel wurden mit Baumwolleinlage verstärkt. Da bleibt für Veränderungen des Körpers darunter nicht viel Platz. Irgendetwas stimmte nicht. Blick auf die Waage zeigte das ideale Bild. Also drückte ich dem Gatten ein Maßband in die Hand, warf mich in ein Unterkleid (kombiniert mit korangen, dicken Stricksocken von Freundin Anmasii – wahrscheinlich hätte der Gatte zarte Pantoletten mit Federwuscheln passender gefunden, aber er sollte sich ja konzentrieren) und ließ ihn messen. Im Großen und Ganzen bewegte sich das Ergebnis im üblichen Rahmen – mit einem Unterschied: während ich bislang von der Taille zum Boden über HM und VM die selbe Zahl erbrachte, war nun die HM um 2 cm länger.

Das ließ ich zunächst mal sacken und bastelte am grauen Kleid herum und wunderte mich, dass das Oberteil so lang zu sein schien – und es mit Gummiband-um-Taille-Test auch wirklich war. Ich trennte also und setzte Rock und Oberteil erneut aneinander. Hmm, es wollte nicht besser werden. Also trennte ich erneut. Der Gatte zu dieser Zeit war in der Küche damit beschäftigt, neue Steckdosen zu setzen. Als das Licht ausging. Und der Kühlschrank. Der Herd. Die Nähmaschine. Das Telefon. Also alles eigentlich. Und das um 17 Uhr tralala. Und ich kann euch sagen: Nähte trennen und plötzlich einsetzende Finsternis passen nicht gut zueinander. Oder besser: sie passen nicht gut zu einem Stoff, der zwischen beiden steht. Nunja…

Damit gab ich mir die Erlaubnis, Kleid Kleid sein zu lassen und die neuen Maße in einen Rockgrundschnitt zu verwandeln. Fünf meiner viel zu vielen Konstruktionsbücher schlug ich auf und habe mich letzten Endes doch wieder für Aldrich entschieden. Es ist ja verblüffend, wieviele unterschiedliche Wege zu einem geraden Rockblock führen können und wie unterschiedlich die mitunter entschieden formulierten Theorien mit Dingen wie Hüftrundung und Abnäherinhalt umgehen: die eine Hälfte betont, der Abnäherinhalt solle so klein wie möglich sein und große Unterschiede zwischen Taille und Hüfte (oder auch Brust und Taille) sollten größtenteils über die Seitenlinie begradigt werden. Die andere Hälfte schiebt am liebsten alles in die Abnäher, wobei es dann noch Streit über Anzahl, Position und Länge gibt. Auch problematisch wäre eine Einigung darüber, wo die Seitenlinie am günstigsten zu sitzen habe: sollten Vorder- und Rückenteil gleich breit sein oder ist es besser, sie nach vorne oder nach hinten zu verschieben? Ich denke, ich kann in meiner Literatur für jede Möglichkeit wenigstens fünf Fürsprecher finden und genau so viele, die genau dieses Tun als den schlimmsten Fehler überhaupt bezeichnen würden.

Beispielsweise (und das ist jetzt wirklich ein Beitrag für diejenigen, die sich für Konstruktion interessieren und an einem ähnlichen Punkt angelangt sind wie ich) spräche für eine gleichmäßige Aufteilung die vereinfachte Konstruktion und die (angeblich) erreichte optische Symmetrie. Das würde für einen Rock mit 100 cm Hüftmaß und einer Taille von 70 bedeuten, dass beide Teile 35 cm für die Taille und 50 cm für die Hüfte hätten.

Dann gibt es die Möglichkeit, die Seitennaht nach hinten zu schieben, was – da die hintere Körperhälfte oft weiter hinausragt als die Vordere – die Figur von der Seite her verschmälern soll. Oder ich verschiebe die Seitennaht nach vorne, was dann wiederum von vorne schlanker wirken soll. Da aber die Seitennähte von Ober- und Unterteil aufeinander treffen sollen und ich einen schmalen Rücken habe, der mit einer nach vorne geschobenen Seitennaht nichts anfangen kann, habe ich mich entschieden, die Seite um einen halben Zentimeter nach hinten zu schieben.

Außerdem habe ich mich von der von vielen sehr eindringlich vorgeschriebenen Regel entfernt, die Abnäherinhalte eines Rockes auf 2 cm zu begrenzen – und habe mich da an Aldrich gehalten, die in einer Fußnote empfiehlt, 2,5 cm zu wählen, wenn die Taillen-Hüft-Differenz sehr hoch ist. Das hat den großen Vorteil einer wesentlich flacheren Hüftkurve, was sowohl beim Zusammennähen als auch bein Auseinanderbügeln der Naht hilfreich ist.

Nach der Schnittaufstellung folgte der Proberock aus dünner Baumwolle – nein, keine Bilder, der Stoff ist nahezu transparent, das ist so schön auch wieder nicht. Ich habe in der Taille gut 2 cm an Zugabe stehen lassen und dann mit einem Taillenband bestimmt, wo die Taillenrundung am besten verläuft. Dabei kam die zweite Überraschung zu Tage: die Seitenlinie durfte einen halben Zentimeter länger werden, was für deutlich mehr Taillenrundung im Schnitt sorgt – genau daran mangelte es am grauen Kleid.

Für die HM musste ich mich meinen Männern überlassen und alle meinten, da müsse was weg – was ja genau das Gegenteil von dem wäre, was die Maße sagten. Mit Fotos und dreifachen Messungen ließ ich mich überzeugen und es saß ja auch alles schön – besonders der Bereich unterm Bauch sinkt jetzt nicht mehr so tief nach innen – sprich, lässt mich ein wenig flacher erscheinen in der Region.

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Und weil mir ein wunderbarer blauweißer Tweed über den Weg lief, schnitt ich am Samstag dann zu und nähte. Und gestern nähte ich weiter. Am Reißverschluss. Den ich 15 mal trennte und nähte. Aus unterschiedlichen Gründen: zu lang, zu kurz, schief und irgendwann deshalb, weil das Wegnehmen von Länge an der HM doch nicht nötig war … Nun habe ich im fast perfekten Rock hinten unterhalb des Bundes doch noch Zugfalten, weil etwas fehlt. Allerdings ist das Problem mit Strumpfhosen deutlich ausgeprägter als ohne und da es eher ein Frühlingsröckchen als ein Winterrock ist, kann ich damit leben, vor allem, weil ich das Gefühl habe, zumindest für das nächste halbe Jahr den idealen Schnitt zu haben.

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Links der Rock, der mich vor die Herkulesarbeit stellte, ein und denselben Reißveschluss immer und immer wieder einzunähen (Sisyphus mag auch vorbeigeschaut haben) und rechts, in sich zusammengesunken das graue Kleid, an dem ich episch versagte. Beide zusammen verlangten Geduld, was mich leiden ließ.
So, und nun werde ich den Futterrock zuschneiden und vielleicht sogar nähen. Morgen dann mache ich mich an den veränderten Oberteilgrundschnitt, wenn schon, denn schon.

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1 thought on “Episches Versagen, Herkulische Aufgaben und leidende Geduld”

  • Oh, ich dachte mir schon so etwas nachdem hier keine Erfolgsmeldung zu lesen war. Schade um das Kleid. Ich fand die Schnittführung wirklich toll für dich.
    Und Gratulation zu dem Tweedrock. Sieht gut aus und ich freue mich schon auf Fotos an dir.
    Genau diese Figurveränderungen halten mich unter anderem von der Grund schnitt Konstruktion weiter ab. Aber du überzeugst mich bestimmt noch. 🙂
    Liebe Grüße
    Arlett

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