Experimentell

Bevor ich in medias res gehe, schnell noch ein paar Details zum gestrigen Kleid:

Ja, Joanna, deine Augen müssen messerscharf sein, es ist in der Tat ein Crêpe, den ich verwendet habe. Ich liebe diesen Stoff von allen möglichen am meisten; leider ist er nur schwer zu erhalten und wenn, so hat man die Wahl zwischen Poly total oder Wolle und Seide. Viskose wäre mir am liebsten, aber ich nehme, was ich bekommen kann – innerhalb eines gewißen preislichen Rahmes.
Und so lief mir eines Tages der Crêpe Georgette von Stoff & Stil über den Weg, der leider zur Vollpoly-Fraktion gehört. Da aber die Farben sehr schön sind, habe ich es gewagt. Was kann ich über ihn sagen?
Er ist von allen Kreppstoffen, die ich bislang in Händen hielt, sicherlich der dünnste. Er lässt sich ohne übertriebenes Ausfransen ganz gut verarbeiten, er knittert im Grunde nicht und dehnt sich auch beim Bügeln oder Reißverschluss einnähen nicht übermäßig aus. Allerdings lädt er sich über nackten Beine in Sekundenschnelle extrem auf, was bedeutet: für Frühjahrskleider ist er nicht geeignet und Poly im Sommer verbietet sich für mich sowieso von selbst. Die nächsten Kleider aus diesem Stoff werde ich mit Jerseyfutter versehen, um so etwas mehr Körper und hoffentlich auch etwas mehr Wärme zu erzeugen – ich habe gestern immer wieder gefröstelt.

grübel Gestern grübelte ich ein Weilchen vor mich hin, was ich als nächstes nähen möchte – dass es ein Kleid sein würde, war klar, nachdem ich endlich wieder merkte, wieviel Spaß mir das macht. Wie Arlett es befahl, ließ ich mein Sucht- und Genußzentrum entscheiden. Was bedeutete: statt den zweiten fertigen Kleiderschnitt auf den zweiten vorhandenen Crêpe zu legen und ein dem ersten Kleid nur in Details unterschiedliches sofort zu beginnen, zeichnete und schnitt ich den gesamten Nachmittag an einem Kleid, das – es ist sicherlich enttäuschend – ebenfalls über meine bevorzugten Details verfügen wird:kleines Miederteil, Raffungen zwischen Hals und Taille, ausgestellter Rock. Ich befürchte, ich bin mittlerweile festgelegt – aber sind wir das nicht fast alle?
Ein Bild fiel mir in die Hände, als ich nach Ideen für meine verdorbene Haarpracht suchte – als ob ich in der Lage wäre, Frisuren zu gestalten. Seit einigen Wochen nun komme ich immer wieder auf dieses Kleid zurück (hier auch von Kopf bis Fuß zu sehen), das nahm ich als Zeichen und suchte und fand passenden Stoff.

Dezember14Kleid

Und weil ich gebeten wurde und auch immer mal wieder Mails zum Thema erhalte, habe ich gestern jeden Schritt fotografiert; wie üblich dürfen Meisterwerke der Fotokunst erwartet werden.

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Zunächst einmal hole ich meinen mühsam erstellten und angepassten Grundschnitt hervor und zeichne ihn ab,

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schneide ihn zu und los geht es:

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Da ich möchte, dass das Oberteil unterhalb der Brust schön anliegt und damit die Figur gut abzeichnet (was immer auch formend wirkt), wird der Taillenabnäher genau am unteren Brustansatz breiter gezeichnet; das kann eine festgelegte Zahl sein – die meisten Bücher nennen hier 0,5 – 1 cm, das kann durchaus mehr sein bei einer kleinen Unterbrustweite und einem großen Körbchen. Oder diese Zahl wird durch Messung ermittelt, was im benannten Beispiel von Vorteil ist. Wie das geht, kann ich gerne einmal zeigen, falls Bedarf besteht.

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Wie auf dem Bild erkennbar, reicht die Prinzeßnaht vom Halsausschnitt über den Brustpunkt – diese Linie zeichne ich ein.

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Da ich die Raffung am Hals nicht nur durch Mehrweite erzielen will, sondern diese Falten wie auf dem Beispielsbild auch auf die Brust zulaufen lassen wollte, will ich einen Teilen des seitlichen Brustabnähers dorthin verlegen. Dafür zeichne ich eine Linie vom Brustpunkt bis zum Halsausschnitt etwa 2cm vor der VM. Ob das nötig und/oder richtig war, wird das Endprodukt zeigen – ich sage ja, es ist experimentell.

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Einen Drittel des seitlichen Abnähers habe ich zugesteckt und die neue Abnäherlinie zum Halsausschnitt aufgeschnitten, um den Abnäherinhalt zu verlegen.

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Damit die erreichte Abnäherweite beim weiteren Schneiden und Legen korrekt erhalten bleibt, habe ich sie mit Papier unterklebt.

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Für das Miederteil habe ich zwei Höhen getestet und mich dann für die höhere entschieden – es wird sich zeigen, ob ich da nicht doch zu hoch gegriffen habe.

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Wenn an der VM ein Ausschnitt oder ein Gürtelteil festgelegt wird, möchte man Ecken und Spitzen vermeiden. Um einen gleichmäßigen Verlauf zu erreichen, wird dort über einen halben Zentimeter jede Linie rechtwinklig zur VM gezeichnet.

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Miederteil und Abnähertiefe sind festgelegt, alles kontrolliert – das Schnittteil kann für die Prinzeßnaht getrennt werden. Dabei schneide ich jede spitze Ecke leicht gerundet weg für eine schönere Linienführung an der Figur.

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Auch das Gürtelteil wird nun abgetrennt.

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Das eingesetzte Blusenteil möchte ich im Gegensatz zum Original mit Mehrweite nicht nur am Hals, sondern auch an der Taille haben. Dazu zeichne ich zwei senkrechte Linien: die erste 2 cm von der VM, die zweite 4 cm von der ersten enfernt. Dazu markiere ich zwei Horizontale.

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Ebenso zeichne ich zwei waagerechte Linien im gleichen Abstand wie die Markierungen auf dem Schnitt auf das Papier, auf dem der endgültige Schnitt entstehen soll. Das Schnittteil wird nun (nachdem ich es für ein Futterteil kopiert hatte!) an den senkrechten Linien aufgeschnitten.

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Die aufgeschnittenen Teile werden nun auf den Horizontalen angeordnet und die Umrisse abgezeichnet; die Lücken werden in einer schönen Rundung miteinander verbunden.

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Da ich grundsätzlich all meine Schnitte mit Nahtzugaben versehe (in der Regel mit 1 cm, an den Seitennähten 1,5, wenn ich mir unsicher bin), dauert es zwar alles etwas länger, aber ich finde es wesentlich leichter, richtige NZ auf Papier zuzugeben denn auf Stoff.

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So sehen die Schnittteile nun aus – das Rückenteil wird in der Grundschnittform belassen und nur mit MZ versehen. Zuletzt werden die NZ gegeneinander kontrolliert; gerade am Halsausschnitt oder bei Teilungsnähten kommt es vor, dass sich sehr lange Spitzen ergeben. Schneidet man den Stoff so zu, so braucht man unbedingt Markierungen, um zu wissen, wo die unterschiedlich langen Stoffteile aufeinander treffen sollen. Ich hasse Markierungen, also sorge ich dafür, dass meine Schnittteile alle so sind, dass sie wie Puzzleteile aufeinander treffen.

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Wie man sieht, ist das Halsende des Bluseneinsatzes durch die gleichmäßig angezeichnete NZ sehr lang und sehr spitz geworden, während das Gegenstück, an das es genäht werden soll, kürzer und stumpfer ist. Ich piekse mit einer Nadel durch beide Punkte, die das Nahtende markieren und

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lege beide Teilen wie zum Steppen aufeinander, markiere das überstehende Ende und schneide es ab. Beim Nähen zeigen alle Schnittteile nun ganz genau, wo sie hingehören.

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Gestern abend habe ich dann erneut lange gegrübelt, ob es mir so gefällt – denn durch die Verlegung meines Taillenabnähers zur Seite, wo er auf die Teilungsnaht des Rockes treffen soll, ist das Miederteil nach unten hin breiter geworden, während die Teilungsnaht des Originals relativ gerade nach unten geht. Derlei geschieht, wenn man nach der eigenen Figur arbeitet und mehr Busen unterzubringen hat, als der Zeichner zarter Modelle es vorsieht. Also habe ich das hintere Blusenteil (das verhindern soll, dass das Oberteil sich auseinanderbewegt durch die Mehrweite) ausgeschnitten und mit den Papierschnitten an die Puppe gesteckt: noch bin ich unentschieden, wie ich es mag, aber die Abenteuerlust siegt und ich werde nachher zuschneiden. Experiementell, wie gesagt.

Und weil ich in Fotoromanstimmung bin und Minusch Material bot, dürft ihr sehen, wo mein eigentliches Problem beim Schnittzeichnen und Nähen liegt:

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5 thoughts on “Experimentell”

  • 🙂 Süße Minusch. In meiner Familie sagt man, dass alles auf das sich eine Katze gesetzt hat gut wird. Das hat schon früher bei Hausaufgaben und Lernen super geklappt (Katze meiner Eltern saß gerne auf meinen Heften und Büchern – und siehe da, ich hatte ganz gute Noten).
    Folglich wird das Kleid bestimmt gut werden.
    Und mein schwarzes Leinenrock an dem ich seit Monaten bastel müsste eigentlich so was von super werden (Monate sind es dashalb weil der Löwe so gerne darauf schläft …)

    Danke für die Auskunft zum Stoff, ich schleiche mich um den Petrolfarbenen Geschwistertsoff schon seit längerem ….

      • Das könnte sein, aber ich habe nicht allzu oft Charmeuse in der Hand haben können. Leider. Dieser verlinkte Stoff rollt sich schon recht fies und ich finde eine perfekte Verarbeitung nahezu unmöglich, aber er trägt sich verblüffend gut auf der Haut und verzeiht alle Fehler großzügig. Dazu trägt er nicht weiter auf, aber gibt dennoch etwas mehr Fülle und Schwere.

        Den hellen Petrolfarbenen habe ich hier, ist ja ganz meine Farbe. Gut zu wissen, dass es ihn gibt, aber die große Liebe ist es nicht 🙂

  • Ich bin platt. Aber völlig PLATT. Was für ein Gefissel … Respekt.
    Zu den letzten Bildern fällt mir eigentlich nur ein: Cat Couture ….
    Guten Mut für die Fortsetzung!!!

    • Cat couture ist richtig gut 😀 Gerade eben wollte ich die Teile schon einmal für morgen Nachmittag stecken, das hat ewig gedauert, weil genau jetzt musste ja geschmust werden – auf dem Stoff natürlich. Nun bin ich damit durch, alles liegt fein säuberlich übereinander gestapelt auf dem für heute nicht mehr benötigten Tisch. Beim Blick ins Zimmer saß Minusch natürlich oben auf …

      Aber Gefissel … andere basteln, das täte ich mir nun nicht an. Allerdings gibt es schonmal Tage, an denen ich mich wundere, wie lange ich doch für das Geschnipsele brauche 😀

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