Fleißig

Bin ich in letzter Zeit; ich erwähnte es wohl schon: Morgens hüpfe ich um 6:45 Uhr aus dem Bett, wobei das Hüpfen nicht zu bildlich vor Augen stehen sollte – immerhin quäle ich mich nicht heraus, sondern stehe SOFORT auf, was sich bislang als praktikabel bewährt hat. Und seit ich um 8:00 Uhr gestriegelt und gespornt bin und das große Kind in der Schule ist, ist mein Tag viel länger geworden. Im positiven Sinne. Hin- und Herfahren ist deutlich mehr geworden, Hausaufgaben wollen begutachtet werden, das Essen wird pünktlicher gekocht, der Haushalt läuft reibungsloser, der Gatte hat sich mit dem Schnitterstellen erfreulich gut arrangiert (bzw. den damit verbundenen optischen Einschränkungen im häuslichen Wohnbereich 😉 ) und selbst der abendliche Gang in den Fitnesskeller fällt nicht aus. Ich überrasche mich selbst. Aber wie wichtig ist das schon für euch? Ha! Gar nicht, natürlich.

Es führt nur dazu, dass ich etwas seltener hier schreibe, weniger hektisch vor mich hinnähe und ich insgesamt mit meiner Schnitterstellung durchaus zufriedener bin als mit allem, was ich zuvor versucht habe. OHNE all diese Versuche mit Burda, Vogue & Co. wäre ich aber nie an diesen Punkt gelangt. Natürlich finde ich immer noch un-glaub-lich viele Fehler, die noch zu beheben sind – einige davon sind nach wie vor unidentifizierbar für mich – aber ich lebe mit diesen viel, viel besser. Glaube ich zumindest, jetzt noch, im Augenblick …

So hatte ich mich in der letzten Woche wie schon geschrieben an einen neuen Rockgrundschnitt MIT vorderen Abnähern begeben und diesen auch sogleich hurtig, hurtig in einen ausgestellten oder eher halbweiten Rock umgewandelt, der eurer Meinung gut zu mir paßt – hehehe, die Betonung liegt sicher auf “zu mir”, wer sonst würde ein solch langweiliges Spießerröckchen tragen? Aber dieser Rock sitzt wirklich gut und ist dazu bequem. Ein guter Anfang.
Und so habe ich aus selbigem Grundschnitt einen A-Linienrock gefertigt – weniger weit, mit nur noch ganz schmalen Abnähern, dafür mit großen applizierten Taschen. Das – ich sage es gleich – ist mir nicht so gut gelungen, offenbar sind Taschen und Rock ein wenig voneinander abgewichen, als ich sie auf immer zusammen fügte. Aber auch damit kann ich leben, es war halt ein Versuch. Die Taille habe ich dabei noch ein wenig höher gesetzt, denn mein Credo lautet von nun an noch konsequenter: “Mach es dir leicht!” Nicht nur, weil ich so schneller etwas frisch Genähtes am Leibe tragen kann, sondern auch, weil mir Kleidung besser paßt, wenn sie um die Taille herum weniger Nähte hat – der Bund wird in Zukunft gleich nach oben hin angefügt. Röck ohne erhöhten Bund mag ich aus zwei Gründen nicht: sie sind für taillenkurze Pullis zu tiefsitzend und – viel schlimmer noch – sie drehen sich beim Tragen um meine Hüfte herum. Ich brauche festen Halt an der Taille. Wenn ich durch den angeschnittenen Bund nun den RV VOR dem Zusammennähen von Vorder- und Rückteil einsetzen kann – ja, um wieviel besser (leichter) ist das denn? Dadurch steigt der Spaß am Nähen enorm, ich kann es euch versichern 🙂

Der Rock hat heute allerdings schon mit mir im Auto gesessen und ist unter einem Mantel durch die Stadt gerast – da knittert auch Wolle mal, vor allem, wenn sie so weich fällt. Vielleicht nicht die ideale Wahl für einen ausgestellten Rock, aber dafür bequem und besonders lauftauglich. So sehr ich meine engen Röcke auch mag: um schnell zu laufen, und das in hohen Schuhen, sind sie suboptimal … dafür bietet diese Art der Fortbewegung das perfekte Oberschenkeltraining. Dem meine Oberschenkel nur nicht gewachsen sind. Aua!!

Hier ist er also:

Was tut frau vor einer Kamera in einem Rock, der Taschen hat? Sie versenkt ihre Hände darin. Was dann aber gar scheußliche Falten im Rock hervor ruft.

Kopf hoch, Hände aus den Taschen. Besser? Aber die wie üblich aufmerksame Leserin wird darauf gar nicht geachtet haben, sondern sich fragen, welcher Pulli das denn sein mag. Es ist ein vor etwa 14 Tagen Beendeteter, der mit Waffelmuster und blauen Schulterstücken besticht – der kommenden (nun schon jetzigen) Jahreszeit angemessen mit hohem Halsausschnitt und etwas längeren Ärmeln.

Aber so war es heute vormittag im schönen Bonn doch ein wenig zu frisch, um die nötigen Einkäufe zu erledigen. Da fehlt ein Mantel. Und zwar einer, der dieser Übergangszeit angemessen ist: nicht zu luftig, nicht zu warm. Besaß ich derlei bislang? Eher nicht. Bin ich bereit, das Fehlende durch Kauf zu ersetzen? Sagen wir es gemeinsam: “Ich bitte Sie!!” Iiiihgitt, Kaufkleidung …

Tja, und wenn man doch schon so unglaublich viel Erfahrung sowohl im Nähen von gefütterten Mänteln als auch im Erstellen eigener Schnitte hat, was bietet sich da eher an, als einen Mantel zu basteln, der einer vagen Vorstellung entspricht: etwas militärisch, Napoleonkragen, etwas Trench, lang und nicht zu eng? Mal ehrlich, wie blöde kann man – kann ich – eigentlich sein, mich nach zwei einigermaßen geglückten Röcken an so etwas zu wagen? Fragt mich nicht, ich wollte es und habe dabei ganz schön gezittert und gebangt. Gelernt habe ich, das mein geweiteter Grundschnitt mit 7 cm Zugabe an Taille, Hüfte und Brust erstaunlich riesig ausfiel. Dass die verbreiterte Schulter hinten schräger geschnitten werden muß als die Idealbreite. Dass die Prinzeß- und Mittelnaht hinten enger gefaßt werden dürften. Dass die Ärmel ohne Abnäher am Ellebogen wahrscheinlich besser aussehen. Aber das sind alles Dinge, die sich fürs nächste Mal leicht ändern lassen – habe ich am Futter schon vorsichtig getestet. Im Großen und Ganzen bin ich recht zufrieden und ganz glücklich, dass ich diesen Baumwollstoff drei Jahre lang aufgespart hatte für das ganz besondere Teil:

Näher ran an den Kragen, der noch etwas glatter liegen dürfte – aber ich hatte keine Anleitung dafür, nur die Idee und viel Zeit zum Testen und etwas zu wenig Mut, um noch mehr zu legen, kleben und sperren:

Und näher an die Vorderseite dürft ihr auch:



10 thoughts on “Fleißig”

  • Wow! Oaaahhh! Du bist ein Genie! Ich weiß, Du siehst Fehler, Verbesserungspotential, aber meiner einer ist begeistert, das sitzt, sieht gut aus und davon, das Du mal eben einen Mantel kreiert hast, bin ich total beeindruckt. Er ist super schön, passt zu Dir und dem Rock samt Strickpullover.

    LG, Sabine

  • Du liebe Güte!
    Dieser (interessante, sagenhafte und alles-was-du-willst vereinende) Mantel ist das Ergebnis von “keine Ahnung, wenig Zeit und jetzt-muß-was-her”?? Ich muß mich wohl verlesen haben …
    Ich sitze hier mit offenem Mund und wünsche mir ein Scheibchen von Dir, etwas mehr (Wage)Mut und noch mehr blaue Stoffe.
    Der gestrickte Pulli gefällt mir sehr und in Kombination mit dem Rock – ha ha ha – wie füreinander gemacht.
    Jetzt geh’ ich mir die Haare raufen.
    Liebe Grüße, Bettina

  • Da hast Du mal wieder wunderschöne Sachen gezaubert! Und mal so gesagt, auch wenn Du noch viele Fehler am Mantel siehst, auf den Fotos erscheint davon so weit nichts. Du scheinst schon sehr viele Kenntnisse in Schnitterstellung zu haben. Selbst wenn es hin und wieder nicht so perfekt paßt wie Du es Dir wünschst, bist Du offensichtlich viel zufriedener mit den Werken. Wenn ich das so sehe, macht es mir jedenfalls immer mehr Mut das Thema Schnitterstellung auch selber anzugehen.
    Liebe Grüße
    Nicole

  • @ Gudrun: Die Pullis – das ist mal so, mal so. Häufig stricke ich einen nach Anleitung, zwei “entwerfe” ich selbst, dann wieder einen nach Anleitung usw. 🙂 Der hier ist selbst gemacht – die Schulterpasse dürfte eigentlich etwas breiter und tiefer sein …

    @ alle: Danke. Demnächst kommt mal was zum Thema selber Schnitte erstellen. Ich denke, das sollten wirklich mehr von uns tun!

  • Da biste platt!!!!
    Wnd wenn es in nächster Zeit mal heißen sollte “Nähen mit Michou” bin ich dabei. Sieht alles so hinreißend aus! Kein Wunder, dein Tag ist auch viel länger als meiner. Und das obwohl ich schon ab halb acht gestriegelt und gespornt bin. Wäre auch ein lohnendes Thema: “Ich plane meinen Tag mit Michou” oder so ähnlich.
    lieben Gruß von Friederike

  • Mah, wie fleissig Du warst! Respekt! Da kann ich mich echt verstecken…

    Und was dabei für tolle Teile rausgekommen sind… Besonders beeindruckt mich natürlich der Mantel – boah! Ich bin begeistert!

    Aber auch der Pulli – mal eben so gestrickt – super! Und alles selbstentworfen und dann auch noch farblich harmonisch – tststs, die Michou, die kann halt was.

    Christel

  • Toll,toll, toll! Rock, Pulli und Mantel, ich nehme alles. Bitte einmal als Blitzlieferung nach Aachen.
    Und ein paar Tipps zum Zeitmanagment, denn irgendwie scheint dein Tag mehr Stunden zu haben als meiner 🙂 .
    Liebe Grüße
    Arlett

  • Soll ich ehrlich sein? Ein schmaler Rock (wie der ein paar Beiträge weiter unten) ist viel vorteilhafter vom Aussehen her. Der Rock an und für sich ist schon schön, das ist keine Frage, aber die Proportionen stimmen nicht. Du bist oben herum zu schmal für das optische Gewicht, das dieser Rock hat.

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