Freiheit! Oder weniger groß: bequemer …

bhWas kommt jetzt? Eines der Themen, die mich immer wieder beschäftigen: Büstenhalter. Gibt es ein Kleidungsstück, das weniger nervig ist? Ok, Strumpfhosen vielleicht, deren Größenangaben jenseits jeder Realität zu sein scheinen, aber es wird wärmer, es wird Frühling und so lassen sich diese Teufelsdinger für einige Monate gnädig verdrängen.

Also BHs. Wieder einmal. Damals (in den Ardennen [auf 2:05]), als ich noch zu dünn und kleinbusig war, war die Welt viel einfacher. In vielerlei Hinsicht, aber lasst mich nicht ranten …

Das waren die Jahre von 1980 bis – ja, bis wann eigentlich? Ab wann wurden dieser uniformen Schaumform-BHs das Ideal der Wäscheindustrie? Draht, Schaumstoff, Gummiband und Halbkugelform – egal, wie die Brust darunter aussieht und wo sie hinwill? Gut, sie soll irgendwie nach oben wollen, das war noch nie anders. Aber so? Ich schrieb schon einmal davon, als ich feststellen musste, dass sich da bei mir was geändert hatte und ich mit 75 B nicht mehr hinkam und auch nicht mehr mit 75 C und die Veränderung gar nicht aufhören wollte. Damals erinnerte ich mich an Brigitte Fossey, die in “La Boum” Sophie Marceaus Mutter gespielt hatte; meistens ohne Büstenhalter und niemand regte sich über kleine Spitzen unter der Bluse auf. Ich erinnere mich sogar an Diskussionen noch in den späten 90ern, als wir uns über die amerikanische Furcht vor sichtbar abgezeichneten Brustwarzen amüsierten. Auch die Damen von Sex and the City hatten noch kein Problem mit natürlich wippenden Brüsten; vor allem Samantha ging gerne bh-los los und wenn Büstenhalter zu sehen war, so waren sie modisches Accessoire und nicht Zwangsverbesserungen des weiblichen Körpers. Mal trug man den Busen gepusht, mal wogend, meist nur zart eingepackt und nicht gepanzert.

Und auf einmal waren Silikonbrüste nicht mehr lächerlich und der Pornoindustrie vorbehalten, sondern wurden zum begehrten Artikel (werde ich niemals begreifen, aber in den 90ern konnten wir auch nicht glauben, dass sich jemand freiwillig ein Nervengift spritzen würde …) und die BHs kopierten und kopieren diesen Look. Und obwohl sie mir nie wirklich gefielen, hatte ich auf einmal doch solche Dinger im Schrank; einfach deshalb, weil es so unglaublich schwierig ist, wirklich passende BHs zu finden, vor allem, nachdem ich irgendwann bei 70 F gelandet war. Die Unmengen an Büstenhaltern, die ich aus UK kommen ließ, die ewige Suche nach dem gutsitzenden und bequemen Trägerteil und die schleichende Gewöhnung an die Vorgabe, dass mein Busen so hoch und fest geschnürt als möglich sein müsse – das gefällt mir nicht und tut mir nicht gut.

Nun hatte ich ja zugenommen, jetzt brav wieder abgenommen und wieder änderte sich was. Vor allem mein Empfinden und meine Empfindlichkeit: meine Haut mag diese Drahtgummischaumstoffkonstruktion überhaupt nicht mehr und optisch … zu all den zarten Tuniken sieht so ein Halbkugelplaymobilbusen überhaupt nicht schön aus. Seit Wochen bin ich zunehmend genervt von der ständigen Quetscherei und Scheuerei, von dem Gepushe und Geschiebe. Ich habe halbherzig mal hier, mal dort geschaut, ob nicht doch mal wieder ein BH ohne Formcup passen könnte, aber wirklich bequemer waren sie auch nicht – wenn denn mal einer passte. Meine Sehnsucht nach etwas weicherem, bequemeren aber wuchs. Vielleicht ein Zeichen des Alters? Laufe ich demnächst nur noch in Schlupfhosen und Birkenstock rum, weil Bequemlichkeit das Einzige ist, was zählt? Eher nicht.

Und so bin ich gerade eben – und das im Supermarkt – an den BeeDees-Ständern vorbeigekommen und dachte sehr, sehr sehnsuchtsvoll an die ersten BHs zu€rück: kleine Dreiecke aus dehnbarem Stoff, keine Bügel, keine Einlage, keine kratzige und sich durchdrückende Spitze (was ich viel schlimmer finde als sich abzeichnende Nippel …). Ach, wenn das doch nur wieder ginge. Und dann sah ich, dass es sie in 75 D gab. Das könnte funktionieren. Ich stand in der kleinen Kabine, konnte im Dämmerlicht kaum etwas sehen, aber fühlte mich wohl. Ich zog den dünnen Pulli darüber und überlegte: macht mich das nun älter? Wenn ich mich auch nicht jünger machen will, älter muss ja auch nicht sein. Sehe ich nun unproportioniert aus? Wirke ich irgendwie antiquiert oder ungepflegt oder … oder was auch immer.

Kann es wirklich sein, dass ich da stand und ernsthaft darüber nachdachte, ob ich das darf? Gibt es so etwas wie einen ästhetischen Konsens, aus dem man nicht ausscheren darf? Ist das nicht schon Zensur? Wäre das nicht der Zeitpunkt, noch einmal ernsthaft darüber nachzudenken, wem mein Körper gehört und wieso wir alle den gleichen Busen vor uns herzutragen haben? Ist das Fass, dass ich hier aufmache, zu groß für seinen Inhalt? Ist der Bogen zu den verbrannten BHs der Feministinnen nicht zu weit gespannt? Erwartet nun nicht, dass ich Antworten auf diese Fragen hätte; sehr wahrscheinlich interessiert das Thema außer mir eh keine. Aber ich fühle mich jetzt gerade sehr befreit, denn ich ging mit diesem zarten Nichts zur Kasse, zahlte deutlich weniger als sonst für die steifen Panzer und marschierte mit gemischten Gefühlen nach Hause.

Was tat ich als erstes? Klar, ich zog das Drahtding aus und das Nichts an, griff mir eine Bluse und den neu genähten Blazer und testete, ob ich nun etwa all meine Schnitte würde umarbeiten müssen – wenn ich ganz ehrlich bin, dann ist das der Punkt, der mich am meisten besorgte – und besah mich ängstlich im Spiegel. Und was soll ich sagen: das geht. Ganz gut sogar. Von der Seite sind Bauch und Busen jetzt gleich groß, ja, es ist sogar zu befürchten, dass das an manchen Tagen negativ für die Oberweite ausgehen könnte, aber irgendwie sehe ich einfach nur etwas zarter und weniger … [<- hier bitte Wort nach Wahl einfügen: massiv, rund, voll, gepolstert] aus. Seit einer guten Stunde trage ich ihn nun und merke, dass der Stoff wärmer und weicher geworden ist, die Gummibänder sanft Halt geben und ich mich freier bewege. Da dieser Halter schwarz ist, habe ich sofort noch mehr Geld ausgegeben und einen in hellblau und einen weiteren in nude bestellt. Damit ist das Farbspektrum dieser Art BH so ziemlich ausgeschöpft, aber drei in Rotation – das sollte erst einmal reichen. Freiheit irgendwie. Und Angst vor sichtbaren Brustspitzen habe ich auch nicht; die habe ich nun einmal und alle anderen auch. Ist es nicht lustig, dass trotz des heutigen Pornoideals wir irgendwie prüder geworden sind, was echte Körperformen anbelangt?

PS: Ich schaue gerade während des Schreibens eine Folge von “Remington Steele” und stelle fest: die Damen sind alle herrlich ungepolstert und wirken ausgesprochen beweglich und elegant. Geht doch.

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15 thoughts on “Freiheit! Oder weniger groß: bequemer …”

  • Ich trage meist keinen….Nur wenn es ganz fein sein soll. Ich denke immer ich trage einen Atombusen vor mir her wenn ich so ein Schaumstoffteil trage. Mein Busen ist mit fünfzig und ohne BH immer noch in Ordnung.

    • Ja, so ganz ohne fühle ich mich nicht mehr wohl, das scheuert mir zu sehr – und dazu ist es mir nun doch zu viel. Aber ohne finde ich schon auch gut.

  • Vielen Dank für den Tipp mit BeeDees, die haben tatsächlich mal was in meiner Größe! Bei mir ist es nämlich genau anders herum, kleiner Vorbau, großer Umfang. Finde dann mal was in 85A und vielleicht nicht bis unters Kinn gepusht… -.-

    • Müsste dann perfekt für dich sein. Aber auch mal bei den Franzosen schauen – da gibt es einige Firmen, die ohne Bügel in kleineren Körbchengrößen arbeiten. Da bin ich sehr neidisch, weil es so hübsche Nichtse gibt 🙂

  • Kurz vor der Lösung dachte ich: “Vielleicht sollte ich ihr mal zu BeeDees raten….”

    Die trage ich nämlich auch immer. Ich hab’ zwar noch einen (nein, zwei!) Bügel aber das sind so ziemlich die einzigen weit und breit, die zumindest ungepolstert und unbeschalt sind. Denn wenn es eines gibt, was ich nicht will, dann ist das ein größerer Busen. Auch wenn der vielleicht besser zu meinen breiten Hüften passte. Aber dann sehe ich in den Spiegel und entdecke dort – dank des prägnanten Kinns – meine Oma Erika, die immer sehr gemein zu ihrer Schwiegertocher (meiner Ma) war und überhaupt die Art von Mensch, von der ich mich fernhalte, so gut es geht. Und die außerdem immer so stolz auf ihren großen Busen war und – richtig! – die flachbrüstige Schwiegertochter aufgezogen hat. Um dann im Alter mir irgendwann mal zu gestehen, dass sie ja doch ganz gern nicht ganz so große Brüste gehabt hätte…aber das nur am Rand. Schon erstaunlich, was einer rund um das Thema Busen so alles in den Sinn kommt…

    • 😀 Die großbusigen Frauen meiner Jugend … irgendwie war großbusig auch immer gleich alt. Und immer war es das, was sie einem ins Gesicht drückten, übertragen wie buchstäblich: nur wenn du Holz vor der Hüttn hast, dann bist was, gell?
      Für mich ist das Busenwachstum ja so gar nicht gewollt: ich fand das bei anderen schon schön und manche Kleider sehen ja auch irre aus, wenn sie so gefüllt werden. Aber das einzige, womit ich IMMER zufrieden war an meinem Körper, das war mein Busen. Alles andere hätte schmäler, runder, kürzer sein dürfen. Aber nein, was ändert sich? Das!
      Und viel Busen unter der Kleidung – der lässt eben manches, was fließen soll, steif und starr wegstehen. Dann sieht man weder Busen noch Taille und das ist doch nicht, was man will, wenn man näht.
      Aber schön, wir sind uns wieder einmal einig 😀

  • Allem voran: Eine brandneue Studie einer namhaften Institution – finde den Link gerade nicht – ergab, daß es gesünder und dem Gewebe förderlicher sei (Stichwort: Fasertraining) keinen BH zu tragen, es sei denn beim Sport.
    Meine ganz persönliche Erfahrung, mit immer wieder mal wechselnder Brustgröße wie – form: BeeDees und Mey, immer wieder Mey. Und je bügelloser desto gut. 🙂
    [Zur Info: wechselnd breites Kreuz, Körbchengröße – leider – immer zwischen A und heftigem B. Nunja. Wo wenig ist, kann wenig hängen. Grins.]

    • Mey stellt leider nichts her, was über C geht, glaube ich? Eigentlich ist 75 D auch zu klein für mich, aber bei ungeformten Cups brauche ich weniger Stoff als E mitbringt und so lebe ich mit weniger Push – was mir gerade auch gefällt.
      Die Studie kenne ich auch, war eine französische Erhebung. Allerdings wird auch behauptet, dass ohne BH die Brusthöhe stiege – was ja irgendwann nicht mehr der Fall sein kann. Es sind wohl auch nur Frauen unter 30 vermessen worden 😀 C’est la France.

  • der nächste Schritt wäre wohl Selbernähen, oder? Ich habe das gezwungenermaßen ausprobieren müssen, denn BHs in meiner “Größe” (müsste “Kleine” stehen) gibt es kaum. BeeDees kannste vergessen, 70ger sind mir zu weit, 65er gibt es nicht. Briten haben zwar kleine Bandweiten, aber Cup B eher nicht. Also – Spitze (weich!!!), Gummibänder gekauft und herumprobiert. Zwei dieser Experimente trage ich sehr gerne und mittlerweile bin ich zu der Ansicht gekommen dass diese Lösung gar nicht so übel ist. Ich bin flach, die Schaumstoffpolster habe ich immer gehasst (und meine Haut hat sie abenfalls nicht gemocht) – wieso soll ich meinem Spiegelbild etwas vormachen?

    • Wie jetzt alle verlangen, ich sollte nähen … 😀 Ich kann das nicht, Friemelskram macht mich wahnsinnig und Arlett musste schon meine Bänder wenden, weil ich dazu zu hektisch und zu doof bin 😀

      Die Frage ist ja: seit wann eigentlich ist es so unmöglich, keine Halbkugeln zu tragen? Wieso, weshalb, warum? Ich habe jetzt in den letzten Tagen viel 80er und 90er geguckt und die Silhouette ist so anders – trotz Schulterpolster und Grunge viel natürlicher. Und je älter man wird, umso besser sieht man in natürlich aus. Oder?

      • ach, es ist gar nicht so viel Frimmelei (gegen die bin ich nämlich auch allergisch). Obwohl man es natürlich auch komplizierter machen darf, wenn man es will ;).

        Zu Deiner Frage- ehrlich gesagt glaube ich, dass die neue Silhouette durch die Industrie diktiert wurde – es ist viel einfacher einen einheitlichen Schaumstoffpanzer herzustellen, der wenig Rücksicht auf die Gegebenheiten nimmt, als einen wirklich gut sitzenden weichen BH (für mich waren in den alten 70C/D Zeiten die britischen soften BHs eine Wohltat – trotz Bügel – aber viele Hersteller können das nicht). Und wenn alle glauben, dass Paymobil-Halbkugel eben perfekt ist, dann kaufen sie das auch – Frauen sind manchmal sehr leidensfähig auch wenn das absolut nicht sein muss (wenn ich den Trend zu Shaping-Unterwäsche erwähnen darf, den ich sogar ausprobiert habe -> ugh! Foltermethode und nichts weiter).

        • Dann ist die Frage, weshalb es so eingeschlagen hat. Ich glaube ja, dass es mit dem anderen, mir unverständlichen Erfolg männlicher Weltsicht zu tun hat – auf einmal ist Porno gesellschaftsfähig und wird jungen Frauen als sexuelle Selbstbestimmung und Emanzipation verkauft. Dabei verdienen bis auf wenige Ausnahmen nach wie vor widerlich-schmierige Typen daran, Frauen auszunutzen. Und in diesen BHs erhält man eben die Silikon-Silhouette, die dort vorherrschend ist …

  • Von Speidel gibts Unterhemden mit BH-Funktion ohne Bügel. Vielleicht wären die auch was für Dich? Seit ich Kinder habe mag ich die zum Schlafen (die beiden sind noch so klein, dass man nachts oft mal auf muss). Für tags mag ich am liebsten Bügel-BHs ohne Schale nur aus Powernet. Davon habe ich mir mal 4 Stück gekauft, die alle schon ziemlich verwaschen sind. Ich hab 75 C-D je nach Hersteller, Zyklus und Jahreszeit. Ein bisschen Halt finde ich da schon gut, besonders weil ich auch im Alltag nicht nur gehe sondern auch mal laufe oder Treppenstufen überspringe.
    Wenn man noch ein paar Jahre weiter zurück geht war die weibliche Einschnürung noch extremer, von daher ist das vielleicht so ein Auf und Ab und die Frauenwelt ist noch auf der Suche nach der optimalen Verpackung untendrunter.

    • Ein bißchen mehr Halt brauche ich schon und mein Problem ist ja, dass ich eigentlich – bei Bügel und Schaumkörbchen 70F/ 75E habe. Diese ganz ungefütterten und unbebügelten funktionieren oft, weil sie irgendwie mehr Stoff haben und die Brust sich anders verteilt. Und fast alle großen Hersteller haben beschlossen, dass ich bei dieser Größe keinesfalls ungepanzert sein sollte 🙁
      Perfekt sitzen die BeeDees jetzt nicht, der Stoff wirft ein wenig Fältchen und der Rand schneidet minimal ein, aber das sieht man nicht, wenn was drüber sit. Dafür fühlt es sich endlich weniger eingeschnürt ein – ich habe mittlerweile selbst bei gut sitzenden BHs Probleme mit den Bügeln, die wirklich sehr tiefe Quetschungen hinterlassen, obwohl sie kaum drücken.

      • Die BH-näherinnen schwärmen von Busenfreundin.net. Vielleicht findest Du dort eine Lösung/Hilfe? Ich hatte dafür noch nicht die Muse/Geduld; vielleicht wenn die Kinder nicht mehr benäht werden wollen.

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