Ganz von vorne

Von dort starte(te) ich meine Grundschnittreise am Donnerstag. Nachdem ich nun knapp zwei Wochen lang meinen bisherigen Grundschnitt gradiert und geändert und gekürzt und geändert und zuletzt geschreddert hatte, hatte ich die Nase voll davon. Aber gründlich. Dazu bewahrheitete sich wieder einmal das alte Wort von den zu vielen Köchen, die den Brei verderben. Jeden guten Tipp, den ich erhalten habe, habe ich eingebaut; jeder für sich war richtig und gut, alle zusammen vertrugen sie sich nicht.
Widerstrebend zwar, aber letzten Endes auch mit einem Gefühl der Erleichterung rang ich mich also durch, bat den Gatten um Aufnahme seiner Vermessungsarbeiten und zeichnete neu. Es hilft, das haben die letzten Versuche immer wieder erwiesen, dem Gatten eine ausgeglichene Frau (wenn denn mal alles geschafft sein sollte) zu versprechen und die noch nicht ausgeglichene in Dessous vor ihm aufzustellen, bewaffnet mit Stift, Papier, Maßband und Bewunderung ob seiner Maßkünste in den Augen. Der erste Versuch war – ebenfalls wie immer – zu großzügig ausgefallen. Männer scheinen körpernahe Kleidung als äußerst unbequem zu empfinden und so maß er sehr locker an mir herum; ich musste mich sehr zusammenreißen, um bei Maßen wie 76 cm Taille nicht zusammen zu brechen. Aber da ich ja neu starten wollte und mich selbst der verquer-geschönten Wahrnehmung meiner Figur beschuldigte, habe ich das so notiert und auch so verwendet. Hmmmm.

Nun verwende ich für meine Grundschnitte ja das Buch “Metric Pattern Cutting for Women’s Wear” von Winifred Aldrich, das im Gegensatz zu vielen anderen Büchern sehr geradlinig vorgeht. Es gibt nicht allzu viele Erklärungen, wieso, weshalb, warum etwas so und so sein sollte, es gibt keine – in meinen Augen lächerlichen – Abkürzungen, die sich für einen Grundschnitt über vier Seiten verteilen, und das Ergebnis ist als Grundlage für die nötigen Anpassungen wunderbar geeignet. Ich spreche hiermit also eine klare und deutliche Empfehlung für dieses Schnittkonstruktions-Buch aus – Arlett schimpfte deswegen vor kurzen mit mir, da ich eben diese klare und deutliche Empfehlung bislang habe vermissen lassen; dieses Buch mache den Einstieg in die Konstruktion so leicht und freundlich, dass es eine Schande sei, dieses nicht weiter zu sagen. Habe ich also hiermit getan und freue mich nun auf meine dezemberlichen Weihnachtslakritze … 😛

Wie es nun aber so ist: genau auf diesen Grundschnitt hatte ich jetzt keine Lust (mehr). Habe ihn ja schon fünfmal neu angesetzt und weiß, es läuft. Aber ich mochte keinen Schulterabnäher zeichnen und noch weniger ihn mehrere Male für Probemodelle stecken und nähen müssen. Hier stehen nun so viele passende Bücher, die meisten mit eigenen Blöcken (manche nur mit 08/15-Abmalschnitten oder dem Rat, einen Grundschnitt zu kaufen und anzupassen). Also müsste ich doch mal andere Formen testen. Wenn schon, denn schon, oder?

Durch alle Bücher und durch alle Dateien auf meinem Rechner von 1940 bis heute wühlte ich mich durch und hatte an fast jedem Schnitt etwas auszusetzen:

Der eine legte den Armausschnitt auf Brusthöhe – idiotisch, wer nicht gerade eine elfengleiche Maid von 14 Lenzen ist, wird damit nicht glücklich und beginnt sein Unterfangen mit unnötigen und zeitraubenden Änderungen.
Der nächste arbeitet mit einer Zugaben von 7,5 cm für die Oberweite – möchte man etwas anderes als eine schmale Bluse nähen, beginnt man auch hier mit Änderungen der Weite noch von dem eigentlichen Anpassungen an die eigene Figur.
Wieder andere berechnen alles, wirklich alles aus der Brustweite – egal, ob diese Zahl aus einem breiten Brustkorb oder aus einer vollen Brust heraus entstanden sein mag. Und wer nicht gleichmäßig proportioniert ist, ändert am Schnitt fast alles, von der Halsweite über die Armlochhöhe bis zu Abnähertiefe und -lage.
Alles in allem sah es sehr entmutigend für mich aus, so setzte ich mich zunächst in meine Schmollecke und murmelte ein ständiges “Alles doof, alles doof, alles doof”-Mantra vor mich hin. Das mag von außen nicht sehr erwachsen und überlegen gewirkt haben, aber es erfüllte doch seinen Zweck: Ich ging auf die Suche, Mrs. Aldrich immer als Reserve im Hintergrund. So gelangte ich – wieder einmal – zu Madalynne, einer Schnittkonstrukteurin mit einem ansprechenden Blog und einigen Tutorials zur Schnittaufstellung. Ihre Art der Schnittaufstellung schien mir eine gute Mischung aus alt und neu und so legte ich los. Wie gesagt, hatte der Gatte rundum recht großzügig gemessen und wir waren bei dieser Messung mit dem Verwenden blauer, nicht wasserlöslicher Punkte auf meiner Haut sparsam gewesen. Das rächte sich:

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An mir sah es noch etwas mächtiger aus – es saß im Grunde nirgendwo: die Schultern und der Halsausschnitt schwebten nahe meiner Ohren, der Abnäher saß viel zu weit oben, die Schulten waren überschnitten, die Taille auf Schwangerschaft ausgerichtet. Ja, die Maße stimmten nicht, also maßen wir nach und nahmen diesmal viel blaue Tinte zu Hilfe – I was a marked woman, so to say 😀
Als ich die ersten Linien für den zweiten Versuch gestrichelt hatte, überlegte ich jedoch weiter: viel auffälliger als die zu große Größe war die Tatsache, dass dieser Sloper partout nach hinten unten rutschen wollte – das also irgendetwas in der Balance von vorne und hinten nicht stimmte. Und die Längenmaße waren korrekt … ein kurzes Überzeichnen des ersten Schnittes mit den richtigen Maßen ergab erneut ein viel zu weites Halsloch und absolut identische Proportionen in der Länge. Vielleicht wäre dieser – wirklich gute und leicht zu zeichnende! – Grundschnitt einfach nicht die richtige Ausgangsbasis für mich?

Also wieder suchen und ich weiß nicht, wie es geschah: ich ging zur ersten, alten Liebe zurück und bat Miss Pepin um Rat. Als ich vor drei Jahren (es kommt mir soviel länger vor) mich an die Eigenkonstruktion wagte, war sie der Anlass, der Ausschlag, die Basis. Und mein Wissen deutlich begrenzter. Ebenso wie meine Bereitschaft, mich körperlich neu zu betrachten – ich war 30 Jahre lang immer die Dünne gewesen, war nach wie schmäler als alle um mich rum und konnte Gedanken wie “Busen ist gewachsen”, “Taille ist verrutscht”, “Bauch ist gewachsen” nicht so recht zu lassen und die meisten Falten und Züge konnte ich zwar lesen, aber nicht akzeptieren. So geriet ich mit meinen ersten Sloperversuchen ganz schnell ins Überanpassen. Erstaunlicherweise passten viele der entstandenen Kleider recht gut, bis das Ganze komplexer wurde mit Ärmeln und Kragen und die Fehler sich nun deutlich zeigten. Woraus ich damals schloß: Pepin und ich, das geht nicht so ganz.

Bei Pepin werden bis auf ein Maß alle Maße wirklich gemessen und nicht errechnet – wenn etwas nicht stimmt, ist der Gatte schuld. Aber unsere zweite und dritte Messung war gut und der erste Sloper zeigte sofort einen immerhin anständigen Sitz:

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Das Vorderteil ist nur angeheftet, aber so in etwa sah es aus: Halsausschnitt etwas zu tief, VM ebenfalls und dazu klaffende Armlöcher vorne, meinen größeren Körbchen geschuldet. Um die Rückseite habe ich mich im ersten Gang nicht allzu sehr gekümmtert: sie saß relativ faltenfrei und beinahe glatt mit zu langen Armlöchern und etwas zu kleinen Abnähern am Halsausschnitt.

Für Version zwei kniff ich die Armlöcher zu einem am Brustpunkt endenden Abnäher und legte die Mehrweite in den Taillenabnäher, kürzte die VM unten um den gleichen Betrag, den ich dem Halsloch spendierte:

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Das an die Puppe pinnen klappt nicht so toll, aber es wurde besser. In einem dritten Versuch, von dem ich keine Bilder habe, erhöhte ich den Halsausschnitt noch ein wenig, kürzte unten um die gleiche Menge, gab auf Armhöhe etwas mehr Stoff zum Armloch zu für eine gefälligere und bedeckendere Rundung und nahm etwas in der Seitennaht weg – etwas zu viel, das wird für Versuch vier wieder hinzugegeben. Von vorne sieht es nun gut aus, und so werde ich mich heute nachmittag um Versuch vier und den Rücken kümmern. Mit relativ viel neuer Energie.

Was gibt es sonst?
Strickend käme ich gut und flott voran, hätte ich Zeit gehabt; das Muster wächst sehr schnell trotz Nadelstärke 2.

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Gestrickt habe ich sonntags für eine Stunde, montags den gesamten Abend über und gestern abend ein Stündchen. Und dazwischen wurde gearbeitet: im Haushalt wie eine Wilde, im Studio wie eine Sanfte und gestern hier am Freundinnenbrautkleid. Was das Anstrengendste überhaupt war, denn in diese teuren Stoffe zu schneiden … das war wirklich keine Wonne. Von morgens um 10 bis nachmittags um 17 Uhr habe ich ohne Musik, ohne Ablenkung und ohne anständiges Essen hier familienfrei gesessen. Als Uta, die glückliche Braut, dann gegen drei für einige Zeit vorbeikam, war ich nervös wie nie: Passt es? Ich hatte ja noch nie einen Schnitt für jemand anderen angefertigt. Als sie es überzog und es perfekt passte, war ich wahrlich erleichtert. Und danach ratschkapott, so sehr hatte mich die Sorge belastet, es verbockt zu haben. Von hier aus wird der Rockteil das absolute Kinderspiel und ich freue mich wie jeck, wie wunderschön sie darin aussehen wird. Für mich persönlich ist es eine unfassbare Entdeckung: ich kann das! Wow …

Der MuMo wird ein MuDi oder MuMi werden, zum Scannen kam und komme ich heute nicht mehr. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben und so und überhaupt 🙂

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8 thoughts on “Ganz von vorne”

  • Nicht nur bei Pepin werden alle Maße gemessen auch bei Charles Kapan “Principles and problems of pattern making”, das nur mal so. Erscheint mir auch wesentlich sinnvoller als irgendwas zu errechnen – wie soll das gehen wenn doch jeder Mensch anders gebaut ist und das Verhältnis nun mal nicht immer 1 zu ….. ist??
    Der Sloper sieht jedenfalls schon ganz gut aus (Nr3), und findest Du wirklich der Halsausschnitt ist zu niedrig. Für mich schaut er gut aus, aber ich hab auch von nichts Ahnung 😉 . Gestern durfte mein Mann mich vermessen weil ich mir dachte, ich könnte ja mal eben für auf die Schnelle ein Kleid nähen und was mache ich bloß ohne Schnittmuster, dann mache ich halt eins, aber wie anfangen, also mich vermessen und mal zeichnen….(blöder Satz ich weiß). Mal sehen wie weit ich es heute schaffe und bin noch froher Hoffnung und zufrieden das ich mich da jetzt endlich rantraue.
    Liebe Grüße
    Nicole

      • Ja, das habe ich auch hier – hattest du das nicht mal zum Download? Ich weiß nicht mehr, woher es kam. Das hatte ich dann auch in der Hand und beide Methoden sind sich sehr ähnlich. Aber dann gefiel mir der Ton bei Pepin besser und ich bin bei ihr geblieben. 🙂

        Mal eben schnell, davon träume ich auch immer 😀 Wie weit bist du denn gekommen?

        • ja genau, das Buch war bei mir – der Link steht immer noch auf der Seite ONline-Dateien. Verglichen habe ich die beiden Bücher noch nicht, ich hatte nur so meine Verständigungsschwierigkeiten das englisch zu verstehen. Gestern habe ich nicht mehr daran gearbeitet, daher bin ich eben erst fertig geworden und einen Sloper genäht. Sieht so aus als ob er ganz gut paßt. Werde ich kurzfristig mal bei mir zeigen. Hoffe Du bist mit Deinem Modell jetzt auch endlich fertig und paßt alles?
          Das Muster an Deinem Pulli gefällt mir übrigens sehr gut jetzt wo man den Fortschritt sieht.
          Liebe Grüße
          Nicole

          • Ja, so weit bin ich zufrieden, nun kommt das Finetuning, vor allem am Rock, der treibt mich in den Wahnsinn. Und dann gibt es noch die Annäherung von oben und unten an die Taille 😀

  • So, so Weihnachtslakritze solle es sein. Ist die im Schnitt schon einkalkuliert oder bin ich es schuld wenn die Kleider nicht mehr passen ? ; )
    Ich freue mich das du einen guten neuen Weg gefunden hast und vielleicht kannst du am Sonntag schon an einem Kleid nach dem neuen Schnitt nähen.
    Bei mir wird es wahrscheinlich ein Rock, wobei ich auch ein paar mentale Streicheleinheiten brauche. Du weist schon, Kindergeburtstag!
    Liebe Grüße
    Arlett

    • Ja, bring mal einen Rock mit, kann sein, dass ich entweder eine ärmellose Bluse nach einem alten Fertigschnitt nähe oder weiter stricke und mit euch konstruiere oder so – ich denke, bei Sabine und Susanne gibt es ja noch erhöhten Rockbedarf 😀

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