Geht zu – passt! Mal herzlich gelacht …

Es ist schon eine Weile her, dass ich in einer Damenoberbekleidungsumkleidekabine stand. Mein monatelanger Frust mit den Grundschnitten gemixt mit der momentanen Hitze und dem Ausflug nach Maastricht brachte mich heute vormittag dazu, mich in diverse Geschäfte zu begeben, um mich zu quälen. Oder meine Nählust anszustacheln, alles eine Frage der Sichtweise.

So stand ich zunächst bei Zara in der Umkleide. Zara hatte ich 97 oder 98 für mich entdeckt als der erste Bekleidungsanbieter, dessen Hosen mir nicht zu kurz waren. Für mich absolut sensationell und mit meinen damaligen 52 kg passte ich relativ problemlos in die hauseigene 38. Da zu dem Zeitpunkt auch alles in der Hüfte saß, musste ich mir zumindest um das Taillen-Hüft-Verhältnis keine Gedanken machen; Kleider jedoch waren noch eine Möglichkeit für mich: zu eng, zu kurz, zu weit, zu alles. Dennoch war Zara für mich der Anbieter, der für mich am passendsten schneiderte und auch ein Angebot hatte, das zwischen Klassik und Moderne alles hatte, was ich wollte. Fast alles zumindest.

Heute griff ich dann gleich zu L, was einen kurzen Augenblick lang ein befremdliches Gefühl war. Ich schnappte mir einen überknielangen, blauen Bleistiftrock mit großen, hellen Blüten, ein rosa Kleid mit engem Rock, eine blaue, enge Hose und einen dunkelblauen Strickfaltenrock. Ja … was kann ich sagen?

Am Bleistiftrock hätte ich in der Taille gute 10 cm entfernen müssen und für einen Augenblick lang war ich sehr versucht, das auch wirklich zu tun – solche Stoffe bekommen wir Selbstnäherinnen einfach nicht: Viskose-Baumwoll-Mischung mit ein klein wenig Elasthan, knitterfrei, fest, angenehm. Allerdings hätte ich aus den NZ der Hüfte nicht genügend heraus bekommen; mein Profil wurde eher unschmeichelhaft betont 😀

Der Strickrock … wäre ich auf Konfektion angewiesen, so wäre nun mein Tag gelaufen. Es lässt sich kaum beschreiben, was dieses Ding mit mir tat. Zum ersten Mal in eminem Leben kam ich mir wirklich, wirklich füllig vor. Dass ich kein zartes Rehlein mehr bin, weiß ich wohl, aber das war ein Walroß, das mir schnaufend entgegenblickte.

Die blaue Hose kam ohne RV aus und endete knapp vor dem Bauchnabel – ich denke, DIE Zeiten sind nun wirklich vorbei, aber sie passte. Irgendwie. Und vor zehn Jahren hätte ich sie wahrscheinlich eingepackt, wohl wissend, dass ich nichts besser sitzendes bekommen würde.

Das Kleid machte mir dann endgültig klar, wie wunderbar das Selbermachen ist. Das Gute: es saß in der Taille perfekt. Das Schlechte: das war aber auch die einzige Stelle, an der es keine böse Überraschung gab. Vor meinem inneren Auge lief der deprimierende Film ab, der von Krisen in Umkleiden und Zusammenbrüchen vorm heimischen Spiegel sprach. Ich konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und irgendetwas zu nähen. Theoretisch zumindest, denn in der Realität stand ich sofort in der Küche und nun ist mir warm und müde zumut’.



10 thoughts on “Geht zu – passt! Mal herzlich gelacht …”

  • Achgottachgottachgott.
    Warum tut man sich bitte sowas an. Umkleiden sind per se dazu angetan, einem GANZ schlechte Laune zu machen: Entweder sieht man aus wie ein Mehlwurm
    (ich sag nur: Licht von oben!) oder man kämpft mit schlecht / gar nicht passenden Kleidungsstücken – das liegt aber doch nicht an der Person, sondern an der Klamotte!
    Und Strick! Nachbarin!! Das Fläschchen!!! Darin sieht jeder aus wie ein Nilpferd, auch die magersüchtige Zwölfjährige.
    Allerbeste Frau Michou, Sie sind eine so schöne Frau – nehmen Sie ein Glas Weißwein zu sich, legen die Füße hoch und freuen sich über den Sonnenschein. SIE haben doch bitte Zara nicht nötig!!!

  • hah ja, denke an all die bemitleidenswerten Menschen für die Kaufen “alternativlos” ist …. 😉

    andererseits – kaufend erspart man sich manchmal doch andere Sorte Frust – jetzt denke ich an meine Bluse die gerade unter der Nähmaschine liegt, dessen Schnitt schön ist, der Stoff auch schön ist, aber beides zusammen totale Katastrophe leider…

    LG
    Joanna

  • Sehr amüsanter Realitycheck! Von einigen wenigen Glücklichen abgesehen, deren Maße zufällig mit den Konfektionstabellen übereinstimmen, und das nicht nur in der Weite, sondern auch in allen Aspekten der Balance, dürfte das den meisten Selbernäherinnen so gehen. Je weiter die eigenen Maße von der Norm abweichen, desto mehr, ganz davon abgesehen, dass die Ansprüche mit dem Können wachsen.

    Das Paradoxe ist: man nimmt die selbst genähte Kleidung gar nicht (mehr) als was Besonderes wahr. Sie liegt an, wo sie soll, bietet Raum, wo es nötig ist, hat die richtige Länge, und man kann Stoffe, Farben und Details relativ frei wählen. Im Ergebnis ist man gut angezogen, aber nicht besser als die, die zufällig gut in Konfektion passen oder sich diese passend gemacht haben. Im Gegenteil, man findet immer noch was, an dem man herummäkeln kann. Und wenn’s die Passform nicht ist, ist es der Körper selbst, der nicht alles so erlaubt, wie es dem bilderverwöhnten Auge vorschwebt. Die Vorbilder in Film, Fernsehen und Internet sind ja immer perfekt.

    Erst wenn man sich mal wieder probeweise der real existierenden Auswahl unterwirft, stellt man fest, wie weit man sich bereits davon entfernt hat. Und von wie hanebüchener Qualität Konfektionsschnitte sein können (gute gibt es natürlich auch).

    Dass die Passform leidet, wenn schlampig gradiert wird, ist klar. Offenbar werden aber auch aus reiner Kostenschinderei in der Produktionskette Schnittteile verändert (http://www.fashion-incubator.com/archive/anatomy_of_a_camel_toe_pt2/). Und ich hatte mich immer über die merkwürdige “Mode” der knapp sitzenden Hosen gewundert, die das Hinterteil flach zusammenpressen und unvorteilhaft nach oben schieben 😉 …

    Viele Grüße
    Ursula

  • Oh, das hatte ich letzte Woche. 3 süsse Kleider im 60s Stil anprobiert … Frag lieber nicht wie das aussah. Es passte gar nichts, muss für Zwerge konzipiert gewesen sein. Die Taille sass zumindest direkt unter der Brust 😀

  • Also, ich … ich wage kaum, das zu gestehen – aber ich probiere eigentlich nie etwas an. Wenn es denn wirklich nötig werden sollte, dass ich mir etwas im Geschäft kaufen muss, oder mir auf Reisen irgendwo etwas direkt ins Auge sticht, dann kommt das so mit. Bei Zweifeln eine Nummer größer, denn irgendwo etwas abgezwackt geht eher als irgendwo etwas dranzukleben. Ich habe überhaupt keinen Nerv dafür, mich anzustellen, bis irgendwo eine Kabine frei wird, mich aus meinen Sachen zu pellen, auf viel zu kleinem Raum mühsam zu versuchen, mich von allen Seite zu sehen …. nee. Zum Glück funktioniert das fast immer 😉

  • Ich “durfte” vor ein paar Tagen neue Berufsbekleidung anprobieren, unter anderem Hosen … wie ich Hosen kaufen früher gehasst habe. Glaub mir, ich bin genauso froh, nicht mehr auf Kaufkleidung angewiesen zu sein wie du. Das Gefühl, wie schrecklich man sich fühlen kann, hatte ich schon wieder völlig verdrängt. Zum Glück hatte meine Chefin ein Einsehen oder Mitleid angesichts meines deprimierten Gesichtsausdrucks und ich durfte mir dann doch einen Rock aussuchen … Liebe Grüße, Zuzsa

  • Hmm Zara kann ich einfach nicht mehr empfehlen. Die Hauseigenen Größen finde ich im übrigen schrecklich. Darüber hinaus muss ich sagen, dass der Zara in den ich gegangen bin auch wild und wüst aussah und die Mode dort auch immer weniger meinem Geschmack entspricht.

    Außerdem bin ich auch deiner Meinung. Inszwischen geht nichts über diy

  • Jubel! ich bin nicht alleine mit diesem “Problem”.Ganz selten lasse ich mich hinreißen in Umkleidekabinen zu gehen, wenn ich gerade überhaupt keine Lust habe etwas zu nähen (und ich denke mir bei den meisten Teilen “phhhh, das kannst du selber nähen” ) oder die Stoffqualität und der Preis mich erweichen…manchmal wundere ich mich auch: wo sind sie hin, die Zeiten, als ich 3 Teile in die Umkleide zerrte und alles saß auf Anhieb locker oder betont ? Egal, ich lasse mich nicht unterjochen von diesem Irrsinn und vertraue auf meine erprobten Allzweckschnittmuster, von denen ich weiß, sie stehen mir, sie sitzen und sehen hinterher gut aus. Sieht man sich die Magazine an, ist sofort klar, für welche Figur die Mode entworfen wird. Will ich noch” Mode” ? Nein, ich will gut sitzende Kleidung, die mir schmeichelt und gefällt.Lieben Gruß von Ann-Katrin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Einverstanden

Please leave these two fields as-is:

Protected by Invisible Defender. Showed 403 to 545.324 bad guys.