Grau ist auch eine Farbe

Der große Sohn hat heute, drei Tage vor den Herbstferien, schulfrei. Und so habe ich dieses Mal ihm die Kamera in die Hand gezwungen. Er hat sich gut angestellt, ich weniger. Es ist seltsam, dass ich selbst vor Menschen, die ich in meinem Bauch habe aufwachsen lassen, so befangen bin, wenn ich fotografiert werde – und so kamen mir auch seine Bilder eigenartig fremd vor.

 

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Nun denn, also: Ich liebe zur Zeit alles, was schnitttechnisch einfach ist; erst jetzt fällt mir auf, dass meine Kleider und Mäntel der letzten zwei Jahre gar nicht so simpel sind, wie ich damals dachte. Beispielweise enthielt dieser Mantel 10 Schnitt-Teile – dieser hier kommt mit dreien aus (wenn wir bei beiden die Futter- und Belegschnitte nicht mitzählen).

 

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Theoretisch also könnte ich in 3-4 Stunden mit dem Nähen eines solchen Überwurfs fertig sein. Aber irgendetwas ist ja immer, meistens stehe ich mir selbst im Weg. Oder mein schlechtes Gewissen. Oder, oder, oder. Was aber lässt sich über den Mantel und seinen Schnitt sagen, außer, dass ich beide liebe?

Den Stoff hatte ich ja von Stoff-Flausen erhalten – dafür noch einmal vielen Dank und ich hoffe, auch die Gewinnerin ist mit ihrer Wahl glücklich – und verarbeiten ließ sich der Wollwalk wunderbar: da franst nix, da meckert nix, da rutscht nix. Auch die Farbe ist wunderbar kompatibel zu fast allem, was ich im Schrank habe. Das einzige Problem, das ich hatte, war meine Unerfahrenheit, wenn es um gestrickte Walkstoffe geht. Denn genau, wie es manche Strickpullover aus Merino tun (da habe ich besonders die Baby Merino von Drops im Sinn), tat es auch dieser Walk: ohne besondere Anstrengung wächst er in die Breite. Was ich merkte, als ich den unelastischen Futtermantel einnähen wollte. Zwischen beiden Hüllen gab es am Saum einen Unterschied von etwa 16 cm. Auch der Halsausschnitt, obwohl durch Stütznaht gesichert (die ich aber wohl zu spät eingesteppt hatte) , wuchs um etwa 10 cm.

 

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Hier kann man es vielleicht erkennen: der Oberstoff wellt sich ein wenig an manchen Stellen. Aber mit etwas dampfender Bügeleisenhitze ließ er sich zeit- und teilweise so zusammenschnurren, dass er gut einzuhalten war an das Futter. Insgesamt wirkt der Schnitt also in diesem Material etwas weiter, als er von mir konstruiert wurde. Was aber ganz gut zu Farbe und Kombination passt: ein verschlußloser Mantel, der lässig übergeworfen wird, wenn es kühler ist.

 

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Und weil mir – wider Erwarten fast – diese Art Mantel so sehr gefällt, habe ich gestern einen zweiten nach gleichem Schnitt begonnen (wer mir auf facebook folgt, hatte schon eine Vorschau darauf) und ein dritter wird auch noch folgen. Zu den neuen Kleidern passt der Schnitt leider gar nicht, aber dafür habe ich noch genug Mäntel aus den letzten Jahren. Hach, Mäntel nähen – gibt es etwas herrlicheres?

 

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Allerdings stehe ich nun, da es kälter werden wird, vor einem vollkommen neuen und unbekannten Problem: ich habe keine Pullover! Außer den 40 kleinen Vintagepullis, die zu den engen Hosen nicht passen. Zu kurz, zu eng, zu hübsch. Außer an mir, an mir sieht die Kombination übel aus. Und da komme ich an einen Punkt, der mir noch zu schaffen macht: mir fällt es nämlich unglaublich schwer, locker zwischen verschiedenen Stilen hin- und her zu wechseln. Innerlich ist es Zeit für neues gewesen, äußerlich durchaus auch, aber so schnell kann ich nicht hinterherproduzieren, wie es mein Bedarf nun bräuchte. Und auf einmal an der viel berufenen Oberteilschwäche zu leiden … das ist nicht witzig, wahrlich nicht. Sieht man ja sehr schön auf dem Bild:

 

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Der (genähte) Pulli sieht in einen engen Rock gesteckt sehr hübsch und kleidsam aus, zu diesen Hosen hätte ich ihn gerne länger und weiter. Die Lösung könnte nun nur das schnelle Kaufen sein, wird es sein müssen und das macht mich aus mehreren Gründen ein klein wenig unglücklich. Denn trug ich in den letzten vier Jahren ausschließlich Selbstgefertigtes, so laufe ich nun schon seit Monaten in Kaufkleidung durch die Gegend, die nur wenig durch Genähtes aufgewertet wird. Das Kaufen nimmt mir den Druck und gibt eine gewiße Entspannung; aber die Befriedigung, nicht nur etwas zu nähen, sondern es auch tragen zu können, fehlt mir zur Zeit doch noch sehr.

So, der große Sohn ist mit seiner Arbeit recht zufrieden; ich finde, das kann er auch sein – nicht auszudenken, wie gut seine Bilder wären, hätte er nur ein besseres Model gehabt. Interessant finde ich auch zu sehen, wie unterschiedlich auch hier meine beiden Söhne rangehen: der Kleine konzentriert sich auf jedes einzelne Bild und bemüht sich darum, sie gerade und ordentlich zu schießen. Der Große ist mehr freestyle: schnelle Schüsse hintereinander aus schrägem Winkel.

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12 thoughts on “Grau ist auch eine Farbe”

  • Der Mantel sieht toll aus und ich bin schon gespannt auf seine Geschwister!
    Das mit den unterschiedlichen Kleidungsstilen ist für mich ein vertrautes Phänomen, das ich total geniesse. Dabei spiele ich dann auch gern mit gekaufter Kleidung. Weil es zum einen total schön ist, auch mal gleich was fertiges zu bekommen und weil es eben doch mal anders ist als man es selbst angegangen wäre. Bei mir sind es auch gerade schmale Zigarettenhosen, die ich mit weitem Strick und klobigen Schuhe kombiniere. Mit diesem Bruch zwischendurch kann ich dann das Damenhafte aufbrezeln wieder so richtig geniessen. So wunderbar dass wir heute leben und alle Facetten ausleben können!

    • So hatte ich mir das zwar auch gedacht, aber irgendwie … vielleicht liegt es daran, dass ich noch nicht “fertig” damit bin, das Neue an mich anzupassen, Größtenteils trage ich jetzt sehr langweilige Kombis, einfach, weil nichts passendes im Schrank ist.

      • Zum Akzent setzen könnte ich mir zum obigen Outfit z.B. gut einen farbigen Grobstrickpulli mit auffälligem Kragen vorstellen. Ich weiss, das rosa jetzt nicht unbedingt deine Farbe ist und es ist Acryl, aber sowas in der Art wäre cool:

        • 😀 Das bringt mich wieder dazu, unser zweimaliges Nichttreffen doppelt zu bedauern – etwas ganz ähnliches habe ich mir gerade auch angeguckt 😀 Mal sehen, ob ich den Gatten zu einem Ausflug in die Stadt überreden kann …

  • das doofe an Stricken ist dass es sooo langsam voran geht, nicht? Andererseits – ich stricke meist an 150 Sachen gleichzeitig und final ist es doch toll wenn man plötzlich 150 neue Sachen fast gleichzeitig bekommt.
    Es gibt derzeit wirkich viele tolle Garne aus denen man schnell einen Pulli zaubern kann – ich denke dass es bei Deinem Stricktempo durchaus möglich wäre (wobei auch nichts gegen kaufen spricht).
    Im Übrigen finde ich Mantel gucken schöner als Mantel nähen :-P.

    • Mein Stricktempo beträgt zur Zeit: 0,00 🙁 Ich habe ja ganz viele Wolle da, aber alles in dünn und in kleinen Mengen. Und jetzt würde ich gerne mal schnell und groß stricken. Wenn nur erst mal die Mäntel und die Blusen und die Kleider und die Hosen fertig wären …. hahahaha!

      Und Mantel gucken regt doch sofort zum Nähen an!!!! Aber dein hellblauer ist so hübsch, da hätte ich auch keinen weiteren Bedarf.

  • Mein Gott – Sie sehen ja dermaßen fantastisch aus – kilometerlange schlanke Beine, modernes Outfit, ich finde Sie wirklich supercool (würde jemand jüngeres sagen) ;o) Und: kompliziert ist nicht unbedingt gleich “besser” (Ihr Kommentar zu dem einfachen Mantelschnitt). Außerdem kann man “Grau in Grau” auch bezeichnen als: fein nuancierte Neutraltöne. Nämlich. Kommt immer drauf an, welche Wörter man draufklebt! Bewundernde Grüße aus dem Süden der Republik.

    • Ich glaube, Sie sind der netteste Mensch der Welt, so überschwenglich lieb werde ich nie belobt. Das macht mich glatt verlegen 🙂
      Nuanciert trifft es – das kann auch kaum eine Farbe besser als grau.
      Liebste Grüße zurück 🙂

  • Sieht wieder ganz klasse aus, der lässig-jugendliche Stil (blöder Ausdruck, aber mir fällt auch nichts Treffenderes ein). Wobei die damenhafte 30er-Jahre Mode, zu der ich mir hier immer erst hinklicke, weil, so lange ‘kennen’ wir uns ja noch nicht ;), an Dir genausogut aussieht. Was ich aber gut nachvollziehen kann, ist das Hin- und Hergerissensein zwischen allen Stilen (been there, done that …) mit dem Gefühl, am Ende des Tages irgendwo dazwischen zu stehen. Da brauchste dann Zeit und Muße zum Herumprobieren. Bisher sehen die Ergebnisse aber wirklich schön aus – also nur Mut 😉 – liebe Grüße aus Nord-Berlin

    • Du Gute und Liebe, weißt du, wie sehr mich das jetzt mal freut, dass eine vertraute Seele sagt, mir hätte mein alter Stil eben auch gut gestanden? Ich finde das nämlich auch.

      Im Augenblick muss ich wohl erst einmal diese neue Garderobe basteln, damit ich dann vielleicht hin und her hüpfen kann. Ich bin dran!

  • Dein neuer Bekleidungsstil steht dir wunderbar. Die lässige Art unterstreicht deine Vorzüge, was bei den Vintage-Schnitten nicht immer der Fall ist. Vielleicht lässt sich die eine oder andere Kombination finden, z.B. feines Blüschen unter legerem Pullover, Pullunder oder kurzerm Poncho ….? Jedenfalls finde ich, dass der klare, einfache Bekleidungsstil dich auch großzügiger und taffer erscheinen lässt, was wohl auch einer Wandlung deines Lebensstils und der Prioritäten entspricht.
    Irgendwie lockert sich dieses “eingespannt sein”.
    Vielleicht kannst du das eine oder andere Strickteil durch anstricken eines breiten Bundes oder Schößchens weiterhin verwendungsfähig machen. Viel Glück auf deinem neuen Weg!

    Petra

  • War ja lange (aus Abwesenheitsgründen) still und muss jetzt erstmal loswerden, wie toll ich deinen neuen modernen Stil finde … obwohl auch nix gegen deinen Vintage Stil spricht. Aber momentan leuchtet aus dem “neuen” mehr Zufriedenheit aus dir heraus und dass ist die Hauptsache!!! Macht sehr viel Spaß dir beim Ausprobieren Zuzuschauen! Liebste Grüße, Zuzsa

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