Großkampftag / Geburtsgeschichte

Unser Großer wird morgen sieben Jahre alt und im Vergleich zum Tag seiner Geburt kann nichts geschehen, was diesen Tag aufregender machen kann. Damals nämlich war nicht Geburts-Tag geplant, sondern ein schneller Umzug in eine hellere, größere, schönere Wohnung in einer kinderwagenfreundlicheren Umgebung. 8:00 Uhr morgens sollte die Umzugsfirma bei uns vor der Tür stehen – der Gatte kam gerade noch rechtzeitig, um die Herren einzulassen. Er hatte es zum Glück nicht weit und er mag durchaus beschwingt den kurzen Weg durch die Altstadt über den frisch gefallenen und noch knirschenden Schnee gegangen sein, denn vor knapp sieben Stunden war sein Sohn geboren worden.

Besagter Sohn hatte es spontan sehr eilig: von den ersten kleinen Bewegungen an war er kaum zu bremsen und er hat mit seiner Mama sehr, sehr oft den Ernstfall geübt. Übungswehen von der 15. Woche an etwa vier- bis zehnmal am Tage waren bei dem, was er für sein Erscheinen plante, hilfreich. Ausrechnen lassen mochte er sich auch nicht, wir tippten aber alle bald – fast alle, der Frauenarzt lag mit der ersten Januarwoche am weitesten daneben – dass er sich früher als gedacht auf den Weg machen würde. So hatte ich am 22. Dezember 2004 vormittags meine zweite Akupunktursitzung bei meiner Hebamme Heike im Geburtshaus und fühlte mich danach seltsam entspannt; es sollte dieser Mittwoch der erste Tag und auch einzige Tag seit der 15. Woche sein, der ohne eine einzige Wehe vergehen würde – nur müde, müde, müde war ich. Als der Gatte spät nach Hause kam und entsetzt fest stellte, wie viel noch zu packen sei, hatte er keinen Sinn für mein unstillbares Verlangen nach einem Gemüsemac – die hießen noch nicht Veggieburger und schmeckten auch besser, vor allem, wenn man schwanger ist – und so raffte ich mich gegen 21:00 Uhr auf, zum nächstgelegenen Schottenrestaurant zu laufen. Zu schleichen. Für den nicht langen Weg brauchte ich eine halbe Stunde und vollkommen geschafft kam ich dort an. So geschafft war ich, dass mich das Mädel hinter der Theke sofort zu einem Tisch geleitete, die dort sitzenden Teenies wegscheuchte – die sogar noch den Tisch säuberten und mich sehr interessiert anstarrten – und mir den Bürger mit einem geschenkten Schokoheißgetränk dort servierte. Den Kakao trank ich dort und danach fühlte ich mich sehr gestärkt, aber das Pampeding wollte ich zu Hause in meinem Bett genießen. In nur 28 Minuten raste ich den Weg zurück, ließ mich leicht und sanft wie eine Feder (!) auf mein Nachtlager sinken und biß in den Burger. Genau das hatte mir gefehlt! Herrlich! Danach spürte ich endgültig alle Lebensgeister in mich zurück kehren und so wollte ich eben meine Beine behende aus dem Bett schwingen, als ich mich selbst brüllen hörte – erst hörte ich meinen Schrei, dann spürte ich den stechenden Schmerz. Interessant, eigentlich …

Ich bin nicht eine Sekunde lang auf die Idee gekommen, nun könne es los gehen – ich hatte nur panische Angst um Lenny. Bei all den anderen unserer Gruppe, die viel früher ausgerechnet waren als ich und alle, alle zu spät waren und nun aber doch ihre Babies hatten, ging es schön langsam voran, den ganzen Tag über hatten sie alle das Gefühl, dass es heute geschehen werde. Ich nicht.
Der Gatte kam, noch grinsend, ins Zimmer und fragte, ob er Heike anrufen solle – was als Scherz gemeint war. Mittlerweile rollte Wehe zwei an, ich grellte kurz ein Ja, er rannte ins Wohnzimmer und ich schrie Wehe drei heraus, die unsere Hebamme durch ein Telefon und drei Räume hinweg richtig deutete und sich auf den Weg machte. Als sie zehn Minuten später kam und nach dem Verlauf fragte, waren Steve und ich noch verwirrt – kann das richtig sein, dass ich alle 30 Sekunden schrie, ähm tönte? Ja, alles ok, Lenny hat es nur eilig. Hatte er.

Insgesamt hat er mir drei Stunden gegönnt, anderthalb davon in einer großen, warmen Wanne in einem warmen Raum mit Kerzen, Aromen und fallendem Schnee vor dem Fenster. Sechs Stunden konnten wir zusammen in dem riesigen Familienbett dort kuscheln und uns mit Tee und frischem Frühstück verwöhnen lassen – was auch nötig war. Von da aus verbrachten Lenny und ich den Tag bei meinen Eltern, während der Papa die neue Wohnung bzw. das Schlafzimmer herrichtete, um uns so schnell wie möglich heimzuholen.

Bis heute hat der Große es in vielem eilig, hält sich nicht an Pläne und meint, er müsse bestimmen, wo es langgeht. Seit gestern nachmittag liegt er grippig im Bett, hat aber den Ehrgeiz, bis morgen so gesund wie möglich zu werden. Gerade eben hatte ich ihn in die Wanne gepackt, ihm das Bett frisch bezogen und gelüftet und nun liegt er brav wieder dort. Gut so, dann ist er heute schon mal aus den Füßen 🙂 Denn heute ist der große Haushaltstag vor Weihnachten, an dem der Gatte seinen ersten Urlaubstag hat und nachher an Gardinen basteln muss, soll, darf und hoffentlich auch wird. Für mich steht kurz ALLES an, aber als erstes darf ich mein Kleid zu Ende bringen – damit ich für die nächsten Tage alles Nähbare aus dem Weg räume. Entzug, Entzug, ich leide nun schon. Gestern abend bin ich noch bis hierher gekommen:

Ihr seht, die Wäsche steht schon bereit … aber ach, wen interessiert’s? Was ist noch am Kleid zu tun? Die Schulternähte will ich ein klein wenig anheben, denn das Oberteil ist bei all der Fältelei und dem teilweisen schrägen Fadenlauf einen Ticken zu lang geworden; die Seitennähte müssen noch versäubert werden und ebenso der Saum. Dann noch die Belege verstürzen und die Ärmel zusammen und einnähen. Sollte heute vormittag glücken – wenn ich mich endlich aufraffen kann, erneut aufzustehen – denn alle liegen heute noch oder wieder herum – und loszulegen. Die Aussichten auf den weiteren Tag sind ja nicht so schön und der Blick nach draußen bietet außer einem fröhlichen Grau nicht viel …



4 thoughts on “Großkampftag / Geburtsgeschichte”

  • Du scheinst ja echt die Ruhe weg zu haben so wie sich das bei Dir anhört. Hätte ich soviel zu tun wie Du – diese Ruhe hätte ich wohl nicht. Das Kleid gefällt mir jetzt schon wahnsinnig gut mit den Raffungen und dem schrägen Verlauf. Bin ja mal gespannt wie es komplett aussieht.

    Gute Besserung an Deinen Sohn! Irgendwie kann ich Dir gerade gut nachfühlen – bei uns liegen leider auch fast alle nur herum.
    Schöne Geschichte über die Geburt Deines Sohnes! Von solchen ungewöhnlichen Geschichten hört man nicht so oft. Nur gut für Dich das er so schnell war – meistes sind die zweiten ja noch schneller hatten uns die Hebammen gesagt. Kann ich definitiv bestätigen, und wir haben es auch genossen im Geburtshaus zu sein!

    Liebe Grüße
    Nicole

  • Ohja, die Zweiten sind schneller: Tommy war nach anderthalb Stunden da und wir hatten es mit Ach und Krach zum Geburtshaus geschafft 😉 Dagegen war Lenny ein echter Spaziergang und bei Tommy sind wir auch erst vier Wochen später umgezogen 😀

  • Das ist ja echt witzig, hört sich so ungefähr wie bei uns an! 10 Minuten später wäre meine Kleine vor dem Geburtshaus zur Welt gekommen -lol. Mit Baby sind wir allerdings noch nie umgezogen – den ersten Umzug haben unsere beiden noch vor sich. Übrigens ist Erik nur ein paar Monate jünger als Lenny.

    Liebe Grüße
    Nicole

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