Heute vor einem Jahr

Ziemlich genau um diese Zeit vor einem Jahr stand ich auf dem Parkplatz eines Fitness-Studios/Getränkemarktes und packte Tommy nach seinem Taekwondo-Training in den Wagen, der nach einem kurzen Hopser nur noch laut und mühsam nach Hause fuhr und uns dann im Stich ließ. Ich fluchte, denn genau jetzt, immer zwischen Schule, Kinderhobby, Krankenhaus und mütterlicher Wohung unterwegs und ohne Gatten, der in Asien unterwegs war, konnte ich das nicht gebrauchen.
Ich telefonierte mit meinem Bruder, der das Auto meiner Eltern mit nach Offenbach genommen hatte – vielleicht könnte er ihn noch einmal zurück bringen, so dass ich mobil bleiben könne? Denn Geld für eine Reparatur war knapp zu dem Zeitpunkt. Er meinte, ich könne sicherlich meine Mutter um eine finanzielle Leihgabe bitten, sofort ergreifend, was der Verlust des Autos für uns alle genau jetzt bedeuten würde.
Also rief ich meine Mutter an, besprach die Angelegenheit mit ihr und legte auf. Ich war auf dem Weg in die Küche, um für das Abendessen zu sorgen, als das Telefon keine 40 Sekunden später erneut klingelte. Es war meine Mutter, die sehr tonlos sagte, das Krankenhaus habe soeben bei ihr angerufen; der Papa sei tot. Sie würde gleich von Freunden, die sich sehr um sie und meinen Vater gekümmert hatten, abgeholt werden, ob ich auch noch einmal hinkommen möge? Natürlich. Ich klärte ab, dass ich meinem Bruder Bescheid geben würde und war für einige Minuten seltsam gefasst.
Mein Bruder war schon beim zweiten Klingeln am Apparat und ich wiederholte fast wörtlich, was meine Mutter zuvor gesagt hatte. Dann setzte eine eigenartige Verwirrung ein. Vor ein paar Minuten noch hatten mein Bruder und ich darüber gesprochen, dass wir so hin und hergerissen seien: auf der einen Seite wünschten wir meinem Vater ein rasches Ende dieser schrecklichen Zeit, auf der anderen Seite war genau das natürlich das Letzte, was wir uns wünschten. Dass mein Vater, während wir darüber sprachen, starb …

Eine liebe Freundin holte meinen Großen aus seiner Taekwondo-Stunde ab und war gezwungen, ihm auch zu sagen, weshalb. Wenn ein Siebenjähriger mitten aus seinem Training von einer Freundin geholt wird, während sein Opa schwerkrank im Krankenhaus liegt, dann weiß er, was los ist. Sie brachte uns den Weg hoch und es war ein fremdes, fast ein körperfernes Gefühl, nun wissend zum letzten Mal am Krankenhaus vorbeigehend auf dem Weg zur Palliativstation zu sein. Noch fremder war später der Weg zu Fuß nach Hause. Ich schob eine Pizza Margharita in den Ofen, die wir im Halbdunkel in völliger Stille im Wohnzimmer aßen. Noch überwog das Gefühl der Erleichterung, das Frohsein darüber, dass mein Papa nicht mehr leiden muss. Ein Gefühl, dass mich zumindest bald verlassen hat.

Nun ist ein Jahr vergangen und die Trauer überwältigt mich nicht mehr jeden Tag. Wenn sie kommt, kommt sie heftig und sturzflutartig. Nach wie vor weigere ich mich wohl, das Gewesene zu akzeptieren, nach wie vor empfinde ich es als ungerecht, was ihm geschah. Nach wie vor frage ich mich immer wieder, ob ich anders hätte handeln müssen. Aber an den meisten Tagen lasse ich all das nicht an mich heran, ja, an vielen Tagen muss ich mich gar nicht aktiv dagegen wehren, denn der Alltag lenkt immer wieder ab, fordert Aufmerksamkeit und Bewußtsein. Wie entsetzlich nah all das aber immer noch ist, habe ich bemerkt, als ich erfuhr, dass die Mutter einer früheren, sehr lieben und engen Freundin vor einigen Wochen starb. Diese Freundin schrieb uns damals zum Tode meines Vaters die wärmsten und wichtigsten Worte und über ein Jahr lang wollte ich ihr dies danken – und schaffte es nie. Nun müsste ich es ihr wahrhaftig zurück zahlen – und kann es dennoch nicht, weil jeder Satz bei mir beginnt und endet. Dabei war ihre Mutter diejenige von allen Müttern all meiner Freundinnen, die mir am nächsten stand, die ich duzen durfte, die mir das Stricken beibrachte und meine Mal- und Zeichenversuche förderte, die uns ernst nahm. All das würde ich gerne sagen können, ohne dabei wieder in Wut und Trauer und eigenes Unglück zu verfallen. Wie ich es jetzt schon wieder tue.

In diesem letzten Jahr hatte ich den sehr subjektiven Eindruck, dass so ziemlich gar nichts glatt lief. Dass meine Energie vollkommen aufgebraucht ist. Dass alles Tendenzen zur Sinnlosigkeit hat. Auf der anderen Seite war es eine großartige Erfahrung, die Mails und Kommentare zu dem Thema zu lesen – wieviele ihre persönlichen Erfahrungen, ihre eigene Wut und Trauer mitunter auch das erste Mal schriftlich formulierten und dabei merkten, wie sehr das hilft. Es war mir beim Schreiben nicht bewußt, dass ich nicht nur mir, sondern auch anderen in der gleichen Lage ein Ventil verschafft hatte – und das hat mich in all dem glücklich gemacht. Und glücklich ist kein zu großes Wort dafür. Dass der Tod zum Alltag gehört: wir haben das tausendmal gehört und tun so, als akzeptierten wir das. Aber an der Art, wie mit Trauer umgegangen ist, erleben die Leidtragenden die Wirklichkeit. Denn Trauer hat keinen Platz, sie stört, sie nervt, sie belastet. Irgendwann muss es doch mal gut sein, das Leben geht weiter, dein Angehöriger hätte nicht gewollt, dass … etc. etc. Ja, alles richtig, aber jemanden einfach einmal oder dreimal oder zehnmal von seinem Trauma reden lassen – darin beweisen sich Freundschaft, Mitgefühl und Respekt. Wenn jemand damit nicht umgehen kann: das ist in Ordnung, wenn du es mir nur einmal sagst. Einmal den Mut fassen und sagen: ich weiß nicht, wie ich damit klarkomme, es tut mir so leid für dich. Das reicht schon, auch Menschen, die einen auf andere Gedanken bringen sind wichtig.

Nun bin ich auf andere Gedanken gekommen und mein Vater, ich erzählte es am Montag schon, ist irgendwie Teil davon. Und wenn ich nun zurückschaue, dann hat sich vielleicht in diesem einen Jahr doch mehr getan, als ich manchmal denke.



20 thoughts on “Heute vor einem Jahr”

  • So wichtige Worte! Und ich versteh sie aus tiefstem Herzen, da ich meinen Mann seit 24.05. auf seinem Weg durch den metastasierten Krebs begleite. Kraft hat man, mehr als man jemals dachte. Und sie kommt auch wieder, selbst wenn man das für völlig unmöglich hält. An diesem schrecklichen Tag schien die Sonne, der Himmel war so unendlich blau und wolkenlos, wir waren völlig unvorbereitet und mein einziger Gedanke war “Lasst es Nacht werden,denn für uns wird nie wieder eine Sonne scheinen”. Und es wurde doch wieder Tag und man kämpft und manchmal kommen diese völlig verzweifelten Anfälle von Kummer und unendlicher Traurigkeit. Aber es gibt auch andere, Momente, Stunden, Tage. Und wir vertrauen darauf, denn würde sich sonst ein Leben lohnen, es einen Sinn machen. Trauer muss man zulassen, immer wieder, ebenso wie die starken Momente.Immer und immer wieder. Ich drück mal quer durchs Net! Sunni

    • Liebe Sunni,

      ich freue mich besonders, dass du dich noch einmal meldest und auch von eurem Leben erzählst. Ich habe öfter an dich gedacht, aber irgendwie nie den Bogen geschafft, dir noch mal zu schreiben. Nutzt eure Zeit gut, aber ich weiß, dass werdet ihr eh 🙂

  • Danke fuer den Text. Ich kann meine Gedanken ueber den Tod meiner letztes Jahr verstorbenen Mutter leider nicht so gut formulieren. Derzeit leide ich darunter dass ich mir Vorwuerfe mache dass ich mich die letzten Jahre haette etwas mehr mit ihr beschaeftigen koennen. Aber nun ist es zu spaet.

    • So darfst du um deiner selbst willen bitte nicht denken. Vielleicht denkst du einfach noch etwas weiter zurück, wie du als Kind warst und wie selbstverständlich du ihr da gezeigt hast, wie wichtig sie für dich ist – das hat sie mit Sicherheit auch vor Augen gehabt 🙂 Und lass dir die Zeit und den Platz zum Trauern.

  • Ich drück Dich…. gestern konnte ich nicht schreiben. Ich mußte ganz schrecklich weinen, als ich Deine Erinnerungen gelesen habe. Es kommt immer wieder alles hoch…. meine Kollegin (eine gute Freundin über 17 Jahre hinweg) liegt jetzt mit metastasierendem Krebs im Hospiz. Sie wird der 3. Todesfall in diesem Jahr. Ich mag nicht mehr, es reicht………

  • Auch mir scheint es, als sei diese Krankheit ständig um uns herum und nähme uns alles, was uns lieb und teuer ist. Eine Freundin zu begleiten, das kann nur die Hölle sein und ich drücke dich feste zurück … lass die Tränen laufen, es erleichtert doch irgendwie, weil es körperlich so fertig macht, dass man zum Denken keine Kraft mehr hat. Was manchmal genau das Richtige ist.

  • Danke für Deine Worte – in weniger als zwei Stunden beerdige ich meine Mama – und es ist unendlich scher heute… es war der Krebs und ich durfte sie bis zum letzten Moment begleiten – und das Loch iin meinem Leben ist so riesengroß

  • Es tut mir so unendlich leid und wenn du in den nächsten Wochen entweder darüber reden möchtest oder dich beim Stricken ablenken möchtest, dann melde dich gerne bei mir.

    • Danke – da komme ich gerne mal darauf zurück! Ich wünsche Dir ein tolles Wochenende – und Dein Vater wäre stolz auf das, was Du Dir gerade schaffst!

  • hallo, danke für Deine liebne Worte im Andenken an Regina. Martina hat sie auch gelesen und trost daraus geschöpft. Ihe solltet vielleicht doch mal versuchen, persönlich Kaotakt aufzunehmen

  • Since starting blogging I changed a bit – I am not just a virtual phantasie but a real woman with all the trouble and sadness and anger connected to her. I could not not write about it, it was so overwhelming and blogging about it just happened without thinking.
    And afterwards it is just the way you described it: you feel a little bit lighter and head and heart have to carry less than before. Thanks once more for your words 🙂

  • Liebe Michou,

    Deine Worte haben sich tief in mein Herz gebohrt! Mein über alles geliebter Mann ist vor ein 3 Wochen tödlich verunglückt. Zuhause. Von jetzt auf gleich. Ich bin so unendlich traurig.

    Brigitte

    • Liebe Brigitte,

      das sind wohl die größten Ängste, die für dich wahr geworden sind – es tut mir soo unendlich leid und wünsche dir all die Kraft, die du brauchst. Nimm jede Hilfe, die du finden kannst! Was kann ich sagen …

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