Hosen statt Ärmel

Ich habe wieder einmal die Ärmel beiseite gelegt. Wenn ich zu lange darüber nachdenke, drehe ich mich im Kreis. Nun, nach einigen Tagen Ärmelabstinenz glaube ich der Lösung näher gekommen zu sein. Das werde ich demnächst testen. Aufgeben ist nicht 😉

Nun hatte mir Ginger (leider bloglos) einen sehr ausführlichen und erleuchtenden Kommentar zu meinem Hosenproblem – wie schön, wenn die Probleme noch namentlich benannt und unterschieden werden können: Schuldenkrise, Parteitage, Ärmelkonstruktion und Hosenpassform 😉 – geschrieben, auf den ich schon lange hatte antworten wollen. Ich war nur zu abgelenkt durch Ärmelkugelhöhen, Kinder, Haushalt und Alltag. Nun habe ich beim Lesen auch nicht gleich verstanden, was genau ich ändern könnte, um einen besseren Fall zu erzielen. Nicht etwa, weil Ginger nicht klar beschrieben hätte, was sie meint, sondern weil ich nicht vor Augen hatte, wo was wie ist. Und das Abändern und Anpassen eines kommerziellen Schnittes empfinde ich als sehr schwierig; es scheint, als hätte ich nach wie vor viel zu viel Respekt vor dem fertigen Schnitt – erstellt von jemanden, der ja viel mehr davon versteht als ich. Meine natürliche Tendenz geht dahin, mir selbst Unfähigkeit und Problemfigur zu unterstellen. Vor allem letzteres (“Ich bin total verbaut!”) hat bei mir zu echten Schwierigkeiten geführt: Ok, ich schweife wieder ab, aber das muss jetzt mal raus.
Das Vergleichen kommerzieller Schnittmuster mit meinen Maßen, das Erlernen von Passformfehlern, ihrer Ursache und ihrer (vermeintlichen) Lösung hat dazu geführt, dass ich nahezu alles überangepaßt habe, während ich gleichzeitig zu schüchtern war, den Profischnitt komplett auseinander zu nehmen. Auch die ersten selbst konstruierten Schnitte habe ich entweder zu strikt nach Vorgabe erstellt oder aber dann viel zu sehr abgeändert – daher kam sicherlich auch der viel zu kleine hintere Halsausschnitt bei meinem mißglückten Blusenmodell. Immerhin war ich klug genug, noch einmal von vorne zu beginnen – mit Winifred Aldrich Rockschnitt, der ohne eine einzige Änderung perfekt passte – die Kombination von eigenen Maßen und festgelegten Formeln war ideal für mich. Wer sich schon verschiedene Konstruktionsmethoden angesehen hat, weiß, dass es große Unterschiede geben kann – so komme ich mit dem deutschen Buch Schnittkonstruktion für Damenmode gar nicht zurecht. Gut, Abschweif zu Ende, zurück zu Gingers Kommentar 🙂

Das von ihr erwähnte Herausnehmen eines Keils war mir schon einmal begegnet und es schien mir logisch für mich – nur getraut habe ich mich nie, obwohl ich gerade bei den Burdaschnitten den Eindruck hatte, dass die Hinterhose viel zu weit für mich. Dass sie nun genau diesen Vorschlag für genau diese Hose machte, brachte mich dazu, mich endlich an die Hosenkonstuktion zu wagen. Denn das Ändern meiner eigenen, von vorne herein viel besser passenden Schnitte ist leichter als das Herumwerkeln an einer Burdahose.
Nachdem ich all meine Bücher auf Hosenschnitte hin durch gesehen hatte, habe ich mich zunächst für den Grundschnitt aus dem oben erwähnten Damenmode-Buch entschieden; Arlett hatte damit eine fantastisch sitzende Hose entwickelt. Am Montag also saß ich des Nachts und habe gezeichnet und gerechnet und mich gewundert, dass es für die Hüften keinerlei Zugaben geben sollte – aber mich faszinierte die Idee, dass ich anhand der vorgegebenen Grade und Daten eine Hose für meine hintere Problemzone entwicklen könnte. Allerdings hatte ich beim Zeichnen kein gutes Gefühl; es sah aus wie eine Hose, aber nicht wie eine, in die ich hineinpassen könnte. Statt also einen Stoff zu zerschneiden, habe ich die Innennähte mit Tesa zusammen geklebt und versucht, die Außennähte bei der “Anprobe” zusammen zu basteln. Noch nie in meinem Leben kam ich mir so fett vor: die Außenseiten ließen sich auf nicht einmal 10 cm zu einander bewegen. Auch die Weite für den Po war alles andere als weit: vielleicht ist flach und flach zweierlei? Ein sehr vernichtender Beginn.
Mein inneres Stimmchen aber ertönte und mahnte, es habe mich gewarnt – wenn der Rockschnitt schon nichts wurde, dann ist das nicht die Methode für dich! Ich widersprach noch, es sei doch eigenartig, dass der Rock ein Sack und die Hose ein Schlauch geworden sei, ein solch widersprüchliches Ergebnis sei nicht zu erwarten gewesen. Mein Stimmchen wischte diesen Einwand beiseite: “Beides ist Murks, darauf kommt es an. Aber sieh doch: dein Rock und dein Oberteil nach Tante Winifred passen beide großartig und das mit minimalen Änderungen. Selbst der Ärmel passte perfekt in die Öffnung – wie dumm kannst du sein, nicht sofort nach dieser Anleitung zu arbeiten?” Ich gab mich geschlagen und saß Dienstag nacht am zweiten Versuch: gestern vormittag dann ein schnelles Sticheln mit einem nicht idealen Stoff (er leiert etwas zu sehr). Und was soll ich sagen: für den ersten Versuch sieht sie auch ohne jede Änderung mehr wie eine Hose aus als vieles andere nach vielen Änderungen.

Die Schnittaufstellung läuft vollkommen anders ab als diejenige des ersten Versuchs. Für mich auch nachvollziehbarer. Der erste sichtbare Fehler hier ist die etwas zu tiefe Schrittlänge: ich hatte mit einem Maß von 30 cm gearbeitet, aber bei einer nochmaligen, nichtnächtlichen Messung kam ich auf 29 cm – diesen einen Zentimeter werde ich nachher knapp über Hüfthöhe als Biese abnähen und schauen, wie es aussieht.

Das zweite ist etwas zu viel Weite an der Seitennaht auf Höhe der Hüfte – obwohl auch dieser Schnitt ohne Zugabe zur Hüfte erstellt wird, habe ich hier den Bogen zu weit geschwungen. Aber auch das ist leicht zu ändern; mehr als ein halber Zentimeter ist es nicht.

Von der Seite kann ich mich nicht leiden, aber naja, es ist ok – hier hat es schon viel schlimmere Ergebnisse gegeben.

Von hinten finde ich es – obwohl sich die Hose hier RIESIG anfühlt – ziemlich gut; so hat noch keine Burdahose im ersten Angang ausgesehen. Und die meisten auch nicht nach tausenden von Anpassungen …

Aber man sieht schon, dass hier zu viel Weite ist und ich denke, da kommt der Vorschlag Gingers wieder ins Spiel: für mich sieht es so aus, als müsste ich zum einen die Kurve tiefer zeichnen und zum anderen sollte ich das hintere Hosenbein verschmälern. Ginger, falls du da draußen bist und mich hörst: deine Meinung ist gefragt 🙂

Schaue ich mir die Hose so an, dann bin ich ziemlich beeindruckt: an der Taille sitzt sie gut, die Abnäher sind an der richtigen Stelle und – da aus Erfahrung von vorneherein hinten um 2 cm verlängert – formen gut aus, die Hosenlänge ist perfekt (da ist noch die Saumzugabe von 3 cm dran) und auch die Form gefällt mir. Obwohl sie Mängel hat – so hat noch keine Kaufhose gepasst.

Und wer bis hierher durch gehalten hat, der sei auch belohnt: der Gatte hat in der letzten Woche wieder 4 La Mia Boutique mitgebracht. Darin sind beispielsweise ein Wickelkleid und ein Asymmetrisches, zwei sehr feminine Mäntel, ein Hosenanzug, ein Cape, eine lässige Bluse, eine Abteilung für die etwas Fülligeren, eine für die kleine Prinzessin und sogar eine für den Herrn des Hauses. Wer will, gibt Laut – für 9,-€ inkl. Porto sei sie dann dein!

So, zurück an den Haushalt, überall stehen Wäschekörbe verstreut und die letzten vier Hemden wollen noch gebügelt werden. Ich war so entsetzlich fleissig heute morgen und gestern abend, dass ich diese Blogzeit jetzt nötig hatte. Ich kann es ausnahmsweise auch gar nicht abwarten, weiter an dem Schnitt zu basteln. Muss nur noch Stoff finden, um den es mir nicht leid ist 😉 Und schön wäre es, wenn mir mal jemand zur Hand gehen könnte – los, wer von euch kommt mich besuchen???



4 thoughts on “Hosen statt Ärmel”

  • Das ist doch schon mal ein sehr gutes Ergebnis. Ich würde auch die Kurve tiefer zeichnen und eventl. etwas Weite raus nehmen.
    Bestimmt kommt jetzt nach dem Hosenerfolg auch der Ärmelerfolg. So ein bisschen Abstand ist manchmal gar nicht schlecht.
    Liebe Grüße
    Arlett

  • Ich finde die selbstkonstruierte Hose beeindruckend! Und habe auch gedacht: So gut hat aber schon lange keine mehr gepasst :o)
    An der LMB hätte ich Interesse!
    Liebe Grüße (und gutes Gelingen für die nächste)!!
    Bettina

  • hm, es war doch ein Fehler die 3 Hosen letztens zu kaufen … zumindest wenn ich sehe wie eine selbskonstruierte Hose sitzen kann! Wahnsinn! Ich denke Du wirst mich doch dazu bringen dies ernsthaft zu versuchen (eigentlich hatte ich vor die gekauften Hosen “abzupausen”, aber so gut wie Deine sitzen sie auch nicht).

    Und – ja, ich würde gerne nach Bonn kommen und Dich mit Klebebend umwickeln zwecks Puppenherstellung (oder was auch immer Du meinst) – wenn ich nicht alle wochenenden bis zum Jahresende schon belegt hätte … So ein Mist. Aber vielleicht hast Du damit nicht so eilig? 😉

    liebe Grüße
    j.

  • Hallo Ginger,

    schön, dass du dich nochmal meldest und da habe ich gleich eine Frage oder zwei:
    Wie kann ich diesen Keil denn beginnen? Das mit dem zum Knie hin auslaufen lassen ist keine Sache, aber wenn ich so in unterer Pohöhe weniger Stoff in der Mitte haben möchte und den Teil darüber so erhalten möchte – müsste ich dann den Schnitt sowohl in Hüft- als auch in Kniehöhe abtrennen, um in dem Oberschenkel-Po-Teil in der Mitte eine Art langgezogene Raute heraus zu nehmen?
    Ich kannte das mit dem Keil nur so, dass ich die Hose an der Mittelnaht öffne, von der Rundung aus etwas wegfalte und zum Knie hin auslaufen lasse. Dann messen, wieviel es ist und das am Schnitt im Verhältnis 3:2 sowohl an der hinteren als auch an der vorderen Innennaht wegnehme. Hatte ich an einer zweiten Hose getestet, aber da wurde mir die vordere Mittelnaht viel zu kurz und es gab mehr Falten als vorher. Das mit gleichmäßig innen und außen wegnehmen erscheint mir da viel, viel logischer – würde ich da in meinem Fall nicht besser die Keilbreite nur hinten abziehen und das vielleicht wirlich außen und innen? Ich habe immer schon die Falten eher durch Ziehen nach außen glätten können, aber das habe ich mich nie getraut, weil sowas nirgendwo als Lösung zu sehen ist.

    Puh, lange Antwort/Frage … danke schon mal fürs Lesen:-)

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