Irgendwie unentschieden …

So fühle ich mich. Ein wenig frustriert, ein wenig genervt, etwas überkritisch, ein bißchen wütend, vorsichtig hoffnungsfroh und entschieden angriffslustig. Ich schwanke zwischen “Rede ich mir das/mich schön?” und “So schlimm ist es/bin ich auch wieder nicht!” Weshalb? Das dürfte mit der bereits erwähnten Philosophie des Unmöglichen (am Beispiel des Ärmels) zu tun haben.

Seit nunmehr Monaten übe ich mich in der Kunst, Schnitte zu konstruieren. DAS ist nicht so schwer, wenn das Prinzip klar ist. Es macht sogar Spaß. Die Kunst, einen PASSENDEN Schnitt zu konstruieren hingegen ist eben dies: eine Kunst. Die zweite Oberteilgrundschnittreihe – nach Aldrich diesmal – hatte im ersten Anlauf einen durchaus verwendbaren Sloper hervor gebracht: er saß ingesamt lockerer und im Rücken ohne Änderungen schön glatt. Die Schulter musste ein Stück nach vorne und die Brustabnäher minimal vergößert werden. Die Schulter habe ich breiter gelassen als in der ersten Versuchsreihe (nach Pepin), was in meiner Vorstellung das Einsetzen eines Ärmels erleichtern müsste, denn der gebogene Teil der Schulter muss weniger von der Armkugel umfasst werden. Sollte das ein falscher Fehler sein, so bitte ich um sofortigen Zuruf!

Aber dann ging es los: ich habe schlanke Arme, aber vor allem sind auch die Schultergelenke sehr schmal – was bedeutet, dass Armausschnitte bei kommerziellen Schnitten oft zu weit und zu tief sind. Das konnte ich bei meinem Sloper korrigieren, so dass hier nichts mehr absteht und auch der hintere Halsausschnitt nicht nach hinten rutscht – das passiert nämlich auch gerne bei zu großen vordern Armlöchern (das nur mal für den Fall, dass auch andere das Problem haben und keine rechte Lösung finden konnten – einfach mal testen).
Das Problem, dass sich daraus ergibt, ist der geringe Armlochumfang – bei mir gerade mal 39 cm. Am Oberarm bräuchte ich mit etwas Zugabe 32 cm Umfang und am Ellenbogen etwa 29 cm. So weit, so schwierig. Denn nun muss ich einen Ärmel konstruieren, der eine nicht zu hohe Einhalteweite hat, der meinen nach vorne geneigten Armkugeln Platz bietet und dazu noch auf die 32 cm am Oberarm kommt. Und das geht nicht wirklich …

Der Pepin-Ärmel saß eigentlich am besten, passte aber in seiner Form nicht in den Aldrich-Sloper. Bei Pepin werden im Grunde die eigenen Maße verwendet und die Maße des Slopers nicht weiter beachtet: Es wird lediglich von der Schulternaht aus die Gesamtlänge gemessen und von der Achselnaht aus die innere Armlänge. Dazu kommen die Oberarm- und die Handgelenkweite. Dadurch bekommt die Armkugel die genau passende Höhe – nur wird die Kurve doch relativ lang und die Einhalteweite ist schon schwer zu verteilen. Und darin bin ich eh nicht gut.

Als nächstes habe ich den Aldrich-Ärmel gezeichnet, der sich fast ausschließlich am Armloch des Slopers orientiert; abgesehen von der Ärmellänge. Hierbei habe ich den Vorteil, dass sich sofort die passenden Einsetzzeichen erhalte und der Ärmel sich auch gut einsetzen ließ. ABER: die Armkugel erreicht lediglich eine Höhe von 12 cm – bei mir die Höhe für einen leger sitzenden Ärmel, bei dem sich senkrechte Falten zeigen, was für diese Art Ärmel vollkommen normal ist. Allerdings für einen Ärmel, der etwas weiter ist. Die Ärmelweite kann ich hierbei allerdings nicht vorgeben, die ergibt sich aus der Armkugel und kommt bei mir auf etwa 31 cm. Also ein enger Ärmel mit lässiger Armkugel – sieht nicht wirklich schön aus.

Versuch Nummer drei stammt aus einem ganz neuen Buch (Patternmaking, Dennic Chunman Lo): auch hierbei wird nach dem Sloper gearbeitet. Vorderer und hinterer Armausschnitt werden gemessen und für die Kalkulation der Armkugelhöhe addiert und durch Vier geteilt. Je nach gewünschtem Erscheinungsbild – hoch und schmal, etwas weniger Bewegungsfreiheit, aber faltenfreier Fall bei gesenktem Arm oder weit und niedrig mit Längsfalten, aber großem Bewegungsradius – wird eine vorgegebene Länge hinzu oder abgerechnet. Ich habe mich für die etwas schmälere Variante erschienen, da dabei die Summe von 14 cm heraus kam. Darüber freute ich mich spontan, weil
a) die 12 cm bei Aldrich nicht nur optisch zu wenig waren, sondern auch deshalb, weil der Ärmel die Schulter runter ziehen wollte – beim teilweisen Ablösen des Ärmels öffnete sich ein Spalt von ganz genau 2 cm = 14 cm
b) diese 14 cm auch der Unterschied zwischen Innen- und Außenlänge bei Pepin war.
Das schien mir vielversprechend; bestätigt fühlte ich mich außerdem. Also habe ich munter drauf los gezeichnet und die Kuppe sah perfekt aus. Nur der Ärmel – ähm, für wen soll der wohl sein? Denn hierbei kamen an Oberarmweite enorme 24 cm heraus … hätte ich auf 32 cm kommen wollen, so hätte ich eine Kuppe von knapp 10 cm Höhe erhalten. War wohl nichts. Dass da so langsam wieder ein Gefühl von “Ich bin total verbaut!” aufkommt, ist verständlich.

Aber ich brauch Blusen und Jacken und Mäntel – ohne Ärmel wird das nichts. Also wandte ich mich an Buch Nummer vier “Schnittmuster entwerfen” von Lucia Mors de Castro, ebenfalls zeitgenössisch und dazu dreisprachig. Hier wird mit all diesen entsetzlichen Abkürzungen gearbeitet, die ich mir nicht merken kann. Zudem ist das Büchlein dermaßen mies gebunden, dass es kein Vergnügen ist, darin zu blättern. Aber hält mich das ab? Nein. Bei Frau de Castro werden die Maße größtenteils durch Formeln errechnet – Rückenhöhe und Brustweite geben die Daten vor. Hierbei komme ich auch wieder auf die 14 cm Kugelhöhe. Fühlte sich wieder mal richtig an – wenn ich immer und immer wieder auf die 14 cm komme, dann müssen die doch stimmen? Und mit diesem Ärmel habe ich dies mal gearbeitet. Die Armkugellänge lag allerdings bei knapp 44cm – 5 cm zum Einhalten und das bei Baumwolle? Nein, so richtig schön ist das nicht.

Nun habe ich seit Jahren schon einen nebenweißen Baumwollstoff liegen, der für dieses Projekt dran glauben sollte. Leider, leider ist das schon Fehler Nummer eins. Lasst mich fluchen: dieser verteufelte Mist mag sich nicht nähen lassen, mit welcher Nadel auch immer – es rattert, lärmt und knallt. Macht auch keinen Spaß. Dazu lässt sich der Stoff zwar nett bügeln, nur – du bügelst länger, als er glatt bleibt. Sobald die Bluse auch nur zur Hälfte angezogen ist, ist sich schon verknittert und zwar RICHTIG. Ob mir der Schnitt – abgesehen von den Ärmeln nun gelungen ist? Ich weiß es nicht. Was schade ist, denn ich habe mir Mühe gegeben: Umlegekragen, eingelegte Falten an der Schulter, Kellerfalten an der Taille – eigentlich ganz nett. Sieht man nur nicht, im Gegenteil, sieht alles etwas wurstig aus:

OK, ein anderer Gesichtsausdruck, eine echte Frisur und ein bißchen Lippenstift würde den Gesamteindruck sicher heben. Auch der Blitz hilft nicht und die Tatsache, dass unsere Kamera runde Bilder knipst (das Bild hier zeigt nur einen Ausschnitt – alles drumherum scheint sich jahrhunderteschwer zu biegen und zu beugen; vielleicht sehe ich deshalb auf Bildern viel schlimmer als im Spiegel aus? Rede ich mir nun etwas schön?), verschlimmert den Eindruck. Ich will die Bluse ja mögen, aber …

Die Ärmel waren viel zu weit in der Kugel und sind mit 30 cm Armumfang zu knapp. An der vorderen Kugel habe ich im oberen Drittel etwa knapp 2 cm weg genommen, weil der Stoff hier über die Naht kippte; so sieht es schon etwas besser aus. Aber trotz der 14 cm hohen Kugel sind die Längsfalten da – nur noch länger lässt sie sich nicht machen, ohne dass der Ärmel noch schmäler wird. Zudem habe ich viel zu viel Einhalteweite und da bin ich endlich bei der Philosophie des Unmöglichen angelangt: habe ich am Oberarm die richtige Weite, so bekomme ich eine Kugel, die viel breit für meinen Armausschnitt ist. Ist die Kugel hoch, so wird der Ärmel zu eng. Messe ich von der Mitte des hinteren Armausschnittes über meinen Oberarm zur Mitte des vorderen Ausschnittes, so würde mir eine Breite von 14-16 cm reichen – bei den meisten Armkugeln ist das viel, viel mehr. Aber wie immer ich es versuche: die Maße passen nicht zusammen und sind doch richtig. Wer mir also einen Ärmel zeichnen kann, der
eine Oberarmweite von 32 cm
einen Armlochdurchmessen von 10 cm
eine Rückenhöhe von 19 cm
einen Armausschnitt von 39 cm
eine Armkugellänge von maximal 42 cm
eine Armkugelhöhe von 14 cm
und eine Armkugelweite von 16 cm hat

ja, der möge sich bitte bei mir melden. Es ist mir schon klar, dass nur sehr hartgesottene Theoretiker bis hierher gelesen haben, ich schreibe heute auch mehr zum Ordnen meiner Gedanken als zum Nutzen und zum Wohle anderer – Entschuldigt gar sehr 🙂