Jackett, das zweite

Das erste hängt noch immer auf der Puppe und wartet auf Knopflöcher. Die Motivation ist niedrig, diesen ersten Blazer zu beenden, denn er ist nach dem gleichen Schnitt und er ist ebenfalls blau. Nun darf sich die geneigte Leserin fragen, weshalb ich zwei gleiche Jacketts nähe? Die Antwort ist einfach: Unaufmerksamkeit.

Nach dem Umbau des engen Oberteilgrundschnittes zu einem Jackettgrundschnitt habe ich zu wenig Länge zugegeben und das beim Nesselmodell auch sofort gesehen. Dem Pappschnitt habe ich diese Länge spendiert, um dann einen Tag später im Bequemlichkeitsmodus den Papierschnitt zu verwenden – der zu kurz war. Gemerkt habe ich es wann? Richtig, nachdem ich das Futter zur Hälfte eingenäht hatte. Andererseits hatte ich von dem herrlich weichen Wolldiagonal eh nur noch Reste und ein längeres Jackett hätte ich nicht heraus zaubern können. Deshalb machte ich mich, vollkommen verständlich, erneut auf die Suche nach einem blauen Wollstoff. Erfolgreich war ich nur bedingt: der nun verwendete Stoff ist eher fest und etwas starr; auch ist er blauer (wenn auch nicht so, wie er auf den Bildern erscheint).

Perfekt ist der Jackettschnitt natürlich noch nicht: ich hatte das Augenmerk zu sehr darauf gerichtet, die Jacke offen tragen zu können, ohne einen zweiten Busen zu bauen. Diejenigen unter euch, die einen schmalen Brustkorb und eine größere Oberweite haben, kennen das Problem vielleicht: die stark ausgeformte Teilungsnaht rutscht beim Offentragen der Jacke Richtung Achsel und steht dort nach vorne ab. Nicht schön. Also musste der Brustabnäher reduziert werden und auch die Taillen-Hüft-Kurve gerader gestellt werden. Gräßlich lästig und langweilig zu beschreiben. Fazit: ich habe es mit der Weitenzugabe übertrieben. Das nächste Jackett wird wieder näher ran an die Figur gehen.

Im übrigen hat auch heute wieder Tom fotografiert, allerdings in einem lustigen Winkel: es gibt Bilder, auf denen mein Oberkörper bald doppelt so lang wie meine Beine ist – eine verblüffende fotografische Leistung. Aber selbst diese Bilder sind besser als alles, was ich bislang produziert habe.

 

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Offen getragen funktioniert die Jacke recht gut; warm genug für die ersten frischen Tage ist sie auch. Aber zugeknöpft weckt sie keine große Liebe in mir: zu quadratisch, zu ungeformt, zu sehr Ally Mc Beal erscheint sie mir – in der Taille habe ich immerhin eine Zugabe von etwa 15 cm (wie auch immer die da hingekommen sein mögen).

 

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Was noch fehlt, ist das zweite Knopfloch auf Taillenhöhe – ich konnte mich nicht entscheiden, wo genau es hinsoll. Nachdem ich das Jackett nun zweimal getragen habe, ist die perfekte Position gefunden. Motivation ist wieder einmal das Problem … allerdings sieht die Jacke gleich viel besser aus, wenn sie nicht schon auf Höhe der letzten Rippe aufspringt. Außerdem denke ich, dass sie noch länger sein darf. Oder?

 

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Am Rücken darf mehr Weite durch die Abnäher und weniger durch die HM weggenommen werden – stört mich nicht massiv, aber besser machen geht ja immer.

 

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Was das Posieren anbelangt, fühle ich mich noch immer verloren und hilflos in der neuen Garderobe: wohin mit mir, wohin mit Augen, Beinen, Armen? Tommys Anweisung, ich solle mal ganz lässig sein, konnte ich nur mit Verzweiflung reagieren, die so heftig war, dass ich mich an den Balken lehnen musste. Besser geht es (noch) nicht.

Als nächstes geht es an die Mäntel – zwei oder drei habe ich vor Augen. Und endlich wieder Kleider, Blusen fehlen ohne Ende und vor allem fehlen noch Ideen mit mehr Schliff. Es ist nicht leicht, alles neu zu schaffen. Aber auch sehr spannend. Für mich zumindest.

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14 thoughts on “Jackett, das zweite”

  • das jackettb sieht aber wirklich absolut toll aus!!
    was ich allerdings absolut nicht erkennen kann(und bitte mach doch endlich grössere auflösung?), ob hinten ein schlitz gibt oder nicht?
    ärmelkugelform- ein gedicht!
    nach welchem system war das jetzt?

    • Nein, hinten ist kein Schlitz – ich wollte testen, ob es rundum passt und weiß jetzt, dass zwischen Taille und Saum ein bißchen zu viel Weite ist 😀 Das gleiche ich beim nächsten etwas aus und will dann auch einen Schlitz einbauen (wenn ich eine gute Anleitung für das Füttern finde – Horror …)

      Nach keinem System. Die Grundlage ist noch immer Harriet Pepin von 1942 – danach habe ich den Basisschnitt gebaut ohne jede Zugabe. Den habe ich probegenäht und angepasst und dieser Grundschnitt dient für alle anderen Schnitte.
      Ich habe dem Grundschnitt Weite spendiert – an der Oberweite mehr als an der Hüfte, Armloch um etwa 1,8 cm gesenkt und den Ärmel entsprechend angepasst, Außerdem hatte ich einen halben Zentimeter Mehrweite ins Armloch gedreht aus dem Brustabnäher und dem Schulterabnäher.

      Es ist nicht so, als ob ich jetzt einen Jackenschnitt komplett neu aufzeichne – dann müsste ich ja erst wieder ewig lange anpassen und probenähen. Ich verändere wirklich immer nur den Basisschnitt, der meine Figur 1:1 wieder gibt (soweit ich das schaffen konnte :-D) Wieviel ich dann wo zugebe, ist mittlerweile schon ein bißchen Erfahrung. Wenn etwas nicht passt und sitzt, liegt es meist daran, dass ich einen Fehler gemacht habe … 😛

    • Ich verspreche mir davon einfach mehr Lässigkeit 😀 Die andere blaue ist sieben Zentimeter kürzer! Insofern schon eine Verbesserung, wie es jetzt ist.
      Der kleine Sohn ist gar nicht so unbegabt im Knipsen …

  • Guten Morgen! Klasse im Detail! Kragen, Schulter – super … macht Lust, das Nähen auch mal wieder selbst zu versuchen. Ich würde aber auch etwas mehr Länge zugeben. Vor allem hinten – vielleicht wäre das noch eine individuelle Variante? Ein leichter Schrägschnitt bei etwas mehr Taille?

    • Dass du das sehen kannst, wow 🙂 Im großen und ganzen bin ich auch ganz zufrieden, immerhin habe ich bei Jacken bislang kläglich versagt.
      Hinten mehr Länge hatten mir Arlett und Susanne beim letzten Kränzchen auch schon vorgeschlagen; das wäre dann auch noch mal ein netter Vintageanklang.

    • In kurzer Zeit ist ja relativ; da war ja noch ein Blazer vorher dran und davor eine Probebastelei. Aber das Nähen an sich hätte ich gut an einem Tag erledigen können, wenn ich mich nciht immer selbst blockieren würde. Mittlerweile aber ist es mir sogar lieber so – mit Pausen und ohne Hetze 🙂

      • Das meine ich ja! Alleine für’s Nähen brauche ich länger, also du incl. Schnitterstellung und Probeteil. Die angefangene Jacke meinens Mannes, schaut mich schon ganz strafend an.

  • Super Jacke, richtig schönes, klassisches Teil.

    Und so viel besser als die 30-er-Jahre-Proportionen. Das Weltenlenkungskomitee hat sich vielleicht doch was dabei gedacht, Dich in die heutige Welt zu setzen und nicht in die damalige 😉

    Ich wäre sehr vorsichtig mit mehr Länge, um den Hüftteil nicht optisch zu schwer zu machen. Maximal 3 cm, wenn überhaupt. Kommt natürlich auch auf Hose oder Rock darunter an.

    Als weniger klassische Option könnte ich mir auch eine gemilderte Schößchenform vorstellen, als Minimalversion davon hinten etwas länger als vorne ausgerundet, bei gleicher Weite, wie Emma vorschlägt.

    Viele Grüße
    Ursula

    • Ich mich auch, aber das Kleid hier ist doch eigentlich eine gute Mischung zwischen alt und neu, oder? Habe übrigens heute nacht gespielt: how-old.net
      Habe fünf aktuelle Bilder von mir getestet und angeblich bin ich auf dem schlimmsten 43, auf dem besten 19 Jahre alt 😀 Kann man doch mit leben.

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