Japanische Hippie-Bridget im Herbst

Mit der Veränderung meines Kleiderschrankes kam die Lust, wieder einmal am Grundschnitt zu basteln. Oder genauer: einen Grundschnitt zu fertigen, der der neuen Silhouette Rechnung trägt. Mein bisheriger Grundschnitt beruht auf den Anleitungen von Harriet Pepin aus den Vierzigern und entsprechend mühselig war es, aus diesem Schnitt – ohne jede Mehrweite und der Figur zu 100 % angepasst – eine körperferne Form zu basteln. Ich sah all meine Schnittbücher durch, notierte die Unterschiede und war mit keinem zufrieden; weshalb, kann ich einmal in einem gesonderten Beitrag erzählen, denn die Grundschnitte verschiedener Jahrzehnte und Herkunftsländer haben alle ihre Charakteristika, die mehr oder weniger gut mit meiner Figürlichkeit zusammen gehen.

Schon lange interessierte mich der Bunka-Schnitt und das, obwohl ich mit Schnitten, die aus wenigen Maßen und errechneten Proportionen keine guten Erfahrungen gemacht habe. Dieser Grundschnitt ist beispielsweise in den Pattern Magic-Büchern enthalten, ebenso ist er Grundlage für die Schnittabwandlungen in den Mrs. Stylebook-Magazinen. Aber diese elende Rechnerei …

Nun ergab es sich aber, dass ich ein neues Buch in Händen hielt, in dem dieser Grundschnitt als Fertigschnitt enthalten war und das sogar in für Japan großen Größen – also auch in meiner. Ich fand es unglaublich erleichternd, nur abzeichnen anstatt Schritt für Schritt messen, rechnen und malen zu müssen. Der Unterschied zu Pepin ist vor allem die riesige Bequemlichkeitszugabe von 12 cm an der Oberweite und 7 cm an der Hüfte – zur Erinnerung: Pepin arbeitet mit 0,00, was bei mir immer hervorragend funktionierte. Entsprechend gespannt war ich auf das Probemodell. Und ich war erstaunt: die Weite an sich war nicht so dramatisch, nur war das Armloch – wie bei anderen modernen Schnitte nach ähnlicher Methode – riesig. Zu breit, zu tief, zu wellenschlagend. Auch die Position der Schulternaht lag zu weit hinten für meine nach vorne geneigten Schultern; die Schulterneigung hingegen und das Halsloch waren perfekt und auch die 12 Abnäher rund um die Taille, an Schulter und Armloch saßen; nach all den Jahren und Versuchen mit allen möglichen Konstruktionsmethoden hatte ich nie einen hüftlangen Grundschnitt erarbeitet, mit dem ich zufrieden war.

Das zweite Probemodell bekam ein kleineres Armloch und statt 12 nur 10 cm Mehrweite an der Brust und die Hüfte dafür 2 cm mehr. Und schon war ich glücklich: der Grundschnitt scheint mir ideal zu sein, um ohne nervtötende Weitenzugaben lockere Kleiden, Blusen und Jacketts zu konstruieren – für ein Vintagekleid allerdings wäre die Anpassung die Hölle. Das Buch werde ich in den nächsten Tagen  vorstellen; wer sich nun mit der Schnittkonstruktion beschäftigen will, wird gute Tipps darin finden.

Logisch, dass ich ein Testkleidungsstück daraus erstellen wollte – möglichst schnell, schlicht und schön. Also eine Tunika. Auch so ein Wort, das ich nur mit leichtem Schaudern ausspreche, denn die meisten Tuniken sind so gar nichts für mich (gewesen). Also Grundschnittpappe aufgelegt, einen eckigen, nicht zu tiefen Ausschnitt gezeichnet, sämtliche Taillenabnäher eliminiert, die Hüfte noch einmal um jeweils 2 cm ausgestellt und den Ärmel um 10 cm gekürzt und mit 16 cm Mehrweite versehen. Drei Schnittteile plus Belege für den Halsausschnitt und 1 Abnäher pro Seite – na, viel schneller kann es wohl nicht gehen, oder?

Ja, oder … schon lange lag ein Polycrêpe, halbtransparent, körnig-fest, dunkelblaugrundig und mit japanischen Riesenblüten bedruckt, in meinem Vorrat. Was genau ich daraus hatte machen wollen: ich weiß es nicht. Wahrscheinlich war er günstig und ich konnte an den perfekten Farben nicht vorbei gehen. Da ich keine allzu große Liebe für ihn empfand, war er als Teststoff ideal. Nachdem ich aber beim Legen und Stecken feststellte, dass er zwar nicht flutschig, dafür aber sehr formbar war, war ich nur noch halbüberzeugt von seiner Eignung. Als ich das Vorderteil ausbreitete und es schief, schiefer, am schiefsten war, war ich genervt, aber angriffslustig. Für ein Probemodell in einfacher Lage und mit Bastelei zuschneiden zu müssen, ist nicht mein Ding. Und einen Abend in Ruhe, während der Gatten beim Tennis und die Jungs im Krankenbett schliefen, hatte ich mir entspannter vorgestellt.

Wie auch immer, irgendwann war das Mistding zugeschnitten und an der Puppe angesteckt und zum ersten Mal hatte ich Bridget Jones im Kopf – logisch: die Sache mit dem Teppich, den ihr die liebende Frau Mama zu Neujahrstruthahncurrybuffet heraus gelegt hatte. Der vorher so transparente und fließende Stoff wirkte ausgesprochen steif und großblumig. Hmmm …

Am nächsten Morgen habe ich mich dennoch dran gesetzt, wollte ich doch wissen, ob der Schnitt zu einem tragbaren Kleidungsstück werden könne. Nun, keine einzige Naht wurde gerade, überall verzog es sich und dennoch lief es. Und nun überlege ich, welche meiner Stoffe noch geeignet sein könnten. Also Erfolg, wohin ich nur schaue.

Heute ist wieder Tommy der künstlerische Leiter, was heißt: man kann was erkennen. Und zwar eine herbstliche gewandete Hippie-Bridget Jones aus dem fernen Japan. Wäre es auch nur einen Hauch wärmer gewesen, so hätte ich um euretwillen um den wärmenden Rolli darunter verzichtet, aber dann wäre die 70er-Jahre-Anmutung nicht halb so deutlich gewesen. Ja, ich denke, ein bißchen Engel für Charlie ist auch noch drin.

Hoi, das war mehr Text als geplant; vielleicht sollte ich demnächst einen Kaffeebecher oder eine Teetasse voranstellen, wenn es länger wird mit dem Lesen.

 

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Ungewohnt, nicht wahr? Trägt sich aber sehr gut und für mich selbst ist es gar so ungewohnt nicht; als Kind in den 70ern war die Kombination Rollkragen und Bluse normal.

 

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Eher zufällig gelang mir etwas wirklich nettes: der nach oben geschwungene Saum geht in die weiten 3/4 Ärmel über  – ein Detail, das dem Gatten auffiel. Er entwickelt ein Auge für derlei und überrascht mich damit sehr.

 

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Und weil es draußen kühl war, gibt es noch ein Bild aus dem kuschlig-warmen Wohnzimmer:

 

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Blau in allen Nuancen und Strukturen: Crêpe, Strick, Jeans und künstliches Wildleder. Das macht mich glücklich heute, wenn ich auch gerne einmal wieder richtig frisch und jung aussähe. Aber hey, nur noch ein gutes Dutzend Wochen und werde 48 … und so langsam gewöhne ich mich an mich wieder.



8 thoughts on “Japanische Hippie-Bridget im Herbst”

  • Ich habe tatsächlich ein paar Sofakissen zu denen du sehr gut passen würdest 😀 … aber nein, der Stoff gefällt mir sehr gut! Ein bisschen japanisch ist immer gut. Ich rate ja immer noch zum Kimono? Wie wärs? LG, Zuzsa

    • 😀 Oh, mit Sofakissen auf Du und Du – das kommt meiner Persönlichkeit sehr entgegen, da richte ich schon mal liebe Grüße an sie aus 😀
      Ja, der Kimono: ich muss noch mal die von dir verlinkte Anleitung heraussuchen, aber irgendwas daran war mir nicht klar, da müsste ich dich mal fragen. Übrigens ist das hier der Stoff, an den ich für den Kimono gedacht hatte – bin jetzt gar nicht so weit entfernt davon.

  • keine Überraschung – auch ich bin von der Tunika angetan. Japanische Muster finde ich grundsätzlich toll, blau sowieso und Rolli drunter auch :-).

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