Joi Mahon – Die perfekte Passform

0334Lasst mich ausnahmsweise mit dem Fazit beginnen: Ich stehe diesem Buch unschlüssig gegenüber und bin nicht sicher, wem ich es am ehesten empfehlen würde …

Die perfekte Passform: Maßnehmen und Schnittkorrektur in der Praxis ist eines der Bücher, an denen ich nicht vorbei gehen konnte – und entgegen jede Erwartung: das kann ich. Für mich muss ein Buch immer schon sinnlich sein: es muss mich nicht nur mit seinem Inhalt, sondern auch mit seiner Sprache, seiner An-Sprache überzeugen und das erwarte ich auch von einem Sach- und Fachbuch.
Und da punktet das Buch von Joi Mahon auf alle Fälle: es ist auf amerikanische Art sympathisch, freundlich und motivierend. Typisch amerikanisch auch, dass hier aus einer nicht unbekannten Weise, Schnitte anzupassen, eine von der Autorin persönlich entwickelte Methode wird; eigentlich ist es eher ein neu erfundenes Rad, aber wenn der Weg zum Erfolg führt, soll es mir recht sein. Aber ihr seht: hier setzt meine Ambivalenz schon ein und ambivalent bleibe ich auch nach zweimaligem Durchlesen.

Joi Mahon ist eine studierte Modedesignerin, die seit ihrem 13. Lebensjahr näht und in allen möglichen Bereichen gearbeitet hat. Sie hat eine eigene Website (Designer Joi), gibt auch unter Craftsy zwei Passformkurse, die sich beide an Anfänger richten und beide gute Bewertungen erhalten haben, und dazu gibt es einige ihrer Designs unter McCall’s zu erwerben – übrigens dezent vintage-inspiriert, was sich auch in der Bebilderung des Buches zeigt. Also durchaus eine Frau, die weiß, wovon sie spricht. Und das tut sie in einem freundlichen Ton, mit dem sich Problemzonen gut ansprechen lassen.

Im Gegensatz zu den meisten Passformbüchern finden sich in diesem keine Bilder von schlechtsitzender Kleidung, anhand derer wir erkennen können, welcher Fehler wo und wie sichtbar ist und wie man ihn behebt. Zwar empfiehlt auch Joi das Nähen eines Probeteils und dessen Anpassung, aber ihre Methode besteht vor allem darin, erst sich selbst und dann den Schnitt gründlich zu vermessen, um ihn dann noch vor dem Zuschnitt anzupassen.

Nun habe ich schon oft in Blogs gesehen und gelesen, dass Schnitte genäht wurden, die als fertiges Kleidungsstück vorne und hinten nicht saßen und die Hobbyschneiderin unglücklich auf das Ergebnis blickte. Meist sind es Nähanfängerinnen, die sich Änderungen noch nicht zutrauten oder – so erinnere ich mich an meine ersten Versuche – gar nicht erst auf die Idee kamen, sie selbst könnten und dürften Hand anlegen an das Werk der Profis. Genau hier setzt das Buch ein: kontrolliere deinen Schnitt, bevor du in Papier und Schnitt schneidest, und dein Ergebnis wird dich überzeugen. Ich wünschte durchaus, ich hätte dieses Buch in Händen gehabt, nachdem ich die ersten zwei an mir herunterrutschenden Röcke fabriziert hatte – das hätte mich schneller und glücklicher nach vorne gebracht. Insofern kann ich sagen: für die gerne erwähnte “ambitionierte Nähanfängerin” empfehle ich dieses Büchlein uneingeschränkt.

 

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Was mich aber so ambivalent zurück lässt, sind zwei Dinge: zum Einen gibt es einen nicht kleinen Teil, der sich mit der Anpassung der Figur an den Schnitt beschäftigt. Ja, das habt ihr richtig gelesen. Auf der einen Seite finde ich es sehr lobenswert, auch wirkliche Problemfiguren mit Buckel und einseitiger Hüfte zu bedenken und da auch klar zu sagen, dass das Anpassen des Schnittes an die Figur dazu führen kann, dass die ungünstige Figur negativ betont werden kann. Auf der anderen Seite tue ich mich durchaus schwer damit, für jedes nicht perfekte Körperteil mit Auspolsterungen zu arbeiten. Vielleicht bin ich da überempfindlich, aber ich fühlte mich dabei ein klein wenig unwohl – es klingt so sehr nach genormter Schönheit. Andererseits: schaue ich mir Bilder von Joi an, so ist sie eine attraktive Frau mit verrückter Frisur und zwei Kilo mehr auf den Hüften, also dürfe die Gefahr, dass hier ein enges Schönheitsideal propagiert werden soll, äußerst gering. Vielleicht fiel es mir auch nur auf, weil ich wußte, ich würde dieses Buch rezensieren wollen.

Ansonsten aber geht Joi sehr intensiv auf jede nur mögliche Änderung ein und zeigt diese in großen schematischen Darstellungen, wie sie viele andere Bücher zu dem Thema vermissen lassen. Aber auch hier fehlt mir etwas: wenn es darum geht, überhaupt erst zu erkennen, dass es ein Problem mit der Passform gibt, muss die Hobbyschneiderin schon ein gutes Gefühl und Wissen besitzen – denn woran sie erkennt, dass ein Schnitt doch mehr Weite oder Länge braucht, das erfährt sie in diesem Buch nicht. Natürlich lässt sich vieles anhanden der genommen Maße ableiten, aber einer der schwierigsten Lernprozesse (zumindest für mich) war das Erkennen für die richtige Bequemlichkeits- oder auch Designzugabe; die lässt sich durch reines Messen nur schlecht erkennen. Joi gibt das auch zu, aber verweist da auf das Nähen eines Probemodells, das immerhin durch die zuvor vorgenommen Änderungen besser sitzen dürfte als ein Modell, das ohne Anpassungen herunter genäht wurde. Erforderliche weitere Änderungen dürften dadurch leichter zu erkennen sein, unter Umständen auch die nötige Mehrweite oder -länge.

Und so bin ich also weiterhin ambivalent: thematisch ist es ein Anfängerinnenbuch und zwar ein sehr gutes und angenehmes. Was das sichere Arbeiten mit dieser Methode anbelangt, sollte die Anfängerin allerdings nicht nur ambitioniert, sondern auch schon an dem Punkt sein, an dem sie Passformmängel sicher erkennt. Wer nun allerdings sich selbst erkennt in dem Fakt, dass neue Kleidung mit Begeisterung genäht, dass neue Schnittmuster mit der Hoffnung auf perfekte Passform zugeschnitten werden – wer dann etwas traurig vor dem Spiegel steht und sich über falsch laufende Abnäher, zu enge Taillennähte oder zu tiefe Armlöcher ärgert: nun, dann ist dieses Buch das absolut richtige, um sich weiter zu trauen und die ganz argen Ärgernisse zu vermeiden.

Die perfekte Passform ist wieder einmal in einem meiner Lieblingsfachverlage – stiebner – erschienen und kostet günstige 14,90 – was ja mal richtig schön ist 😀

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8 thoughts on “Joi Mahon – Die perfekte Passform”

  • Ich habe den Craftsy-Kurs von ihr geschaut und er hat mich ähnlich ambivalent zurückgelassen. Irgendwie ist er gut und dann wieder nicht so richtig hilfreich für Anfängerinnen. Im Kurs zeigt sie an konkreten Frauen und ihren Nesselproben Passformfehler und die Abhilfe. Alles sieht so leicht und einfach aus, ist aber eben doch schwieriger. Aber sehr sympatisch und kompetent kam sie auch im Video rüber die Frau Mahon. Danke für deine ausführliche Buchbesprechung.
    Schöner Gruß
    Mema

    • Danke gleichfalls für deine Bewertung des Kurses – es macht mich ja selten glücklich, etwas nicht rundum positives (oder negatives) über ein Buch sagen zu können, aber ich denke fast: Ambivalenz ist DAS Wort, wenn du es ähnlich empfunden hast. Für wen würdest du die Kurse empfehlen? Anfänger ist so ein schwammiger Begriff …
      Dennoch hätte ich das Buch gerne vor fünf Jahren gehabt – einfach, weil es vermittelt, man habe die Möglichkeit und Fähigkeit, etwas passendes hinzubekommen und nicht falschen Respekt im Weg stehen zu lassen.

  • ich nähe seit 30 jahren – hab viele jahre meine brötchen damit verdient als schnittmacherin zu arbeiten. es gibt sie nicht – die perfekte passform. höchstens für den moment. weder unsere körper noch textilien sind statisch. im gegenteil!
    viel wichtiger als “perfekte passform” sind materialien, proportionen und farben die der trägerin schmeicheln – da fällt es auch nicht auf wenn die taille heute mal nicht sitzt weil wir gerade geschlemmt oder gefastet haben oder der rücken ein paar falten wirft weil wir wegen zu vielem sitzens arg ins hohlkreuz kippen….
    ansonsten ist ja die ganze schnittmacherei nicht umsonst grosser teil einer 3-jährigen ausbildung – ich denke ein einzelnes buch ist da nur ein tropfen auf den heissen stein 🙂
    xxxx

    • Da sprichst du mir aus der Seele 😀 Perfekt – das ist dermaßen hoch gegriffen, weil es dann ja in jeder Position, an jedem Tag so sein müsste. Das ist nicht erreichbar, aber das verliert man manchmal aus den Augen. Passe sollte es, das wäre schon schön …

  • Ich bin ja auch von jeher eine, die Schnitte ausmisst, bevor sie anfängt zu nähen. Ich kann mich noch an meine Anfangs-Nähzeiten erinnern, da wurde im Hobbyschneiderinnen-Forum vehement darüber diskutiert, das man “auf keinen Fall” die Schnitte nachmessen darf, das könne man so gar nicht feststellen wie die Passform ist, weil da ja noch geheimnisvolle Bequemlichkeitszugaben drin wären und da bräuchte man schon mindestens einen Doktoer in Schnittkonstruktion … blablabla. Diese Meinung kommt m.E. von burda, die haben das bei ihren Maßschnitten immer propagiert um zu verschleiern, dass der ach so tolle Maßschnitt in Wirklichkeit doch auf Standardgrößen mit Minimalanpassungen beruht. Irgendwie scheint sich in Deutschland bis heute hartnäckig die Meinung zu halten, dass Maß nehmen und Zuschneiden grosse Mysterien sind, die der Hobbynäherin auf ewig verschlossen sein werden. Es gibt bis heute (!) VHS-Nähkurse, bei denen man seine Teile nicht selbst zuschneiden darf.

    Aber ich schweife schon wieder ab … wenn ich schon keine eigenen Blogbeiträge schreibe, kann ich ja deine zutexten 🙂

    Ich arbeite nach dem System von Nancy Zieman, das sie in dem Buch Pattern Fitting With Confidence vorstellt und damit bin ich bisher immer gut gefahren. Wäre interessant, die Bücher mal zu vergleichen.

    Liebe Grüsse
    Ingrid

    • So ein Vergleich wäre sehr interessant, das müsste ich mir dann vielleicht auch mal besorgen.
      Und ich gebe dir vollkommen recht: dieses nicht ausmessen habe ich ganz zu Anfang auch mal so bei Burda in einem der Hefte gelesen und dann, als ich einen Maßschnitt gekauft hatte und das Ding überhaupt nicht saß, auch im Telefonat mit der Schnittberatung, die mir das ausmessen fast verbat – aus den genannten Gründen und weil ich ja gar nicht in der lage wäre, das zu beurteilen.
      Verblüffend fand ich dann, dass das in den 70er-Burdas ganz anders erklärt wurde ….
      Ansonsten darfst du hier texten, wie du lustig bist – ich freue mich immer über dich 🙂

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