Jubel!

Gestern spät in der Nacht habe ich mein Kleid fertig gestellt und ich bin äußerst zufrieden. Ein, zwei Minikleinigkeiten könnten schöner sein, aber mein Ehrgeiz ging nie dahin, etwas Selbstgenähtes mit der Innenseite nach außen tragen zu können – geht es euch nicht auch manchmal so, dass nur eines wirklich möglich ist: annähernd perfekte Verarbeitung oder annähernd perfekte Paßform? Vieles lässt sich nur anpassen, wenn nicht alle Nähte für die Ewigkeit gestichelt sind – während die innere Schönheit nur dann möglich ist, wenn manche Nähte vor weiteren Arbeitsgängen versäubert werden. Ich entscheide mich für den besseren Sitz. Irgendwann einmal werde ich vielleicht beides wollen und zu erreichen suchen, aber für den Moment bin ich glücklich wie es ist. Couturetechniken sind mir gleich, ist es nicht ensetzlich?

Ein Bild vom Kleid, gar mit Inhalt, gibt es noch nicht – ungeschminkt und mit zusammen gebundenen Haaren würde ich meinem geliebten Neuzugang nicht gerecht. Außerdem muss ich gleich in die Küche, mit den Jungs spielen steht auch noch an und dann will ich mich an die Ideenfindung und Konstruktion von Kleid zwei begeben. Und schon – hahaha, schnell wie immer! – bin ich beim Thema: Wie ist mein ganz eigenes Kleid entstanden?

Lasst mich sagen – ganz ungewohnt unbescheiden und tendenziell euphorisch – dass ich sehr stolz auf dieses Kleid bin. Es hat mir das dringend benötigte Gefühl verschafft, dass all die Mühsal mit dem selbst erstellten Grundschnitt belohnt wird. Monatelanges Malen, Schneiden, Nähen, Probieren, Verwerfen und Ändern hat – zumindest bei diesem Kleid … – das gewünschte Ergebnis gebracht: es passt, als wäre es für mich gemacht 🙂 Und es ist dazu genau das schlichte Kleid, dass ich seit langem haben wollte.

Am letzten Sonntag gab ich mir den Ruck, sagen wir den Tritt, mich an den Entwurf eines Kleides zu wagen – es sollte keine Kopie von Wer-weiß-was werden, sondern eine Mischung meiner Wunschdetails: Taillenbund, Raffung statt Brustabnäher, hochgeschlossen mit leichtem Faltenwurf, weich fallende Ärmel, ausgestellter Rock ohne Abnäher, schmal fallend. Wie GENAU ich mir das vorstellte – tja, das zu sortieren und auf einen Entwurf zu übertragen, das war meine Angsthürde, denn was anderes bedeutet das als Designer spielen? Weiß ich wirklich, wo welche Details am besten zur Geltung kommen, wie Abstände und Längen am besten zu einander passen, ob ich zuviel oder zuwenig zu einander bringe und letztendlich: weiß ich wirklich, was mir passt, steht und schmeichelt? Wie anders könnte ich das wissen, als mich zu überwinden und zu beginnen? Eben!

Schon nach zehn Minuten stellte ich fest, dass ich Schwierigkeiten habe, mir das komplette Design auf einmal vorzustellen. Also habe ich mit dem Oberteil – oder wie es so schön in den 60er-Büchern heißt: mit der Taille begonnen. Logisch, hier sitzen die Paßformprobleme geknubbelt aufeinander. Ich wußte schon, dass ich einen Taillenbund haben wollte – also das Oberteil in ein oberes und ein unteres Schnittteil trennen wollte. Viele aufgeblätterte Seiten weiter war klar: der Bund soll zur VM leicht erhöht sein; nicht spitz, denn damit gibt es Probleme: ich bekomme ein solches Teil NIEMALS spitz eingenäht und zu meiner Figur finde ich es auch nicht passend – ich glaube, ich brauche weichere Linien. Werde selbst ja auch immer weicher …. 😉

Nächster Schritt: den restlichen Abnäher umwandeln – in Falten oder Kräuselungen? Mein gewählter Stoff ist ein dicker, sehr schön fallender Viskose-Crêpe, da schienen mir Raffungen passender. Ha, so kam ich doch gut voran. Nun zum Halsausschnitt: einfach nur rund? Oder etwas eckiger? Lieber gerade? Das war es alles nicht, also weiter suchen. Oben in meinem Kleiderschrank hängt ein Originalkleid aus den Vierzigern, leider etwas zu kurz und etwas zu breit. Dort schmiegt sich der Ausschnitt vorne den Hals hinauf – DAS wäre es doch. Weiterblättern. Yepp, da ist, was ich suche.
Den Nachmittag habe ich damit verbracht, das Oberteil zu konstruieren und ich kann euch sagen, es war aufregend: Zeichnen, Schnippeln, Kleben, Kopieren und letztendlich lagen vier Schnittteile vor mir, die echten Schnittmustern verblüffend ähnelten.

Am Montag – ich berichtete – habe ich diese Schnittteile in Viertelstunden-Häppchen getestet. Als ich abends endlich, endlich das Probeoberteil anziehen konnte … nervös ist das richtige Wort. Ich hatte das Gefühl, wenn das jetzt nichts ist, dann reicht es mir. Meine nähende Zukunft stand an der Klippe, bereit, sich hinunter zu stürzen. Aber Jubel, oh Jubel – das Ding ließ sich schließen, Arme lassen sich heben, atmen geht auch. Jetzt schnell zum Spiegel – ja, ich konnte nicht warten, bis ich vor dem Spiegel stand, ich habe mir das Oberteil unter Einsatz meiner Gesundheit noch auf der Treppe über gestreift. Aber hurra, es sieht genau so aus, wie ich es wollte. Den dicken Seufzer der Erleichterung müsste die eine oder andere von euch gehört haben – die 400 km zwischen uns sind ja nichts … 😉

Dienstag am späten Nachmittag war Zeit für den nächsten Schritt – das Grauen, die Ärmel. Schummeln ist der Oberbegriff. Ich hatte ein zweites Mal Ärmel nach Aldrich konstruiert, mit leicht veränderten Maßen. Ich wußte, dass diese Ärmel genau in das Armloch hinein passen würden, ahnte allerdings auch, dass sie nicht faltenfrei bei hängenden Armen fallen würden; dafür ist die Armkugel zu niedrig. Aber bei einem weiten Ärmel macht das nichts – nur welche Form sollte es werden? Flügelärmel? Hmm, nicht ganz ideal. Drapierte Ärmel mit freier Schulter? Sah auf den Skizzen gut aus, aber will ich ausgerechnet an den Schultern frösteln? Puffärmel? Jein. Ich war unentschlossen. Letztendlich habe ich doch einen Flügelärmel konstruiert und am Oberteil getestet. Durch weiteres drapieren und stecken kam ich auf den Ärmel, der passt: eine Mischung zwischen gepuffter Raffung und Kellerfalte. Schön auch, dass der Test ergab: der Ärmel passt wunderbar in den Armausschnitt. Mein Fuß schmerzt jetzt noch von dem Stein, der mir vom Herzen plumpste …

Mittwoch – noch später am Nachmittag – kam das Rockteil auf den Tisch: den Schnitt hatte ich schon, es ist der Grundschnitt, bei dem die Abnäher zu- und die Saumweite aufgedreht wurde. So musste ich nur testen, ob Ober- und Rockteil aneinander passen. ABER das war noch einmal ein Moment, der mich euphorisch werden liess, denn irgendetwas musste ich in den letzten Monaten doch richtig gemacht haben: beide Teile passen perfekt aneinander. Eine Gans nach der anderen marschierte über meine Haut. Hach, was ist das schön – ich bin viel klüger, talentierter und sorgfältiger als ich dachte. Ein Höhepunkt im Leben einer Hausfrau ;-)!

Am Donnerstag wäre ich am liebsten direkt vom Bett aus an die Nähmaschine gesprungen, aber es dauerte wiederum bis zum Nachmittag, bevor ich endlich zuschneiden durfte. Ich bin noch immer baff, wie viele von euch da draußen den Zuschnitt als den ungeliebten Teil des Nähens sehen. Es geht doch endlich los! Der Schnitt verwandelt sich in etwas, dass ich an mich halten kann, um einen ersten Eindruck zu erhalten. Die Nähmaschine bebt schon ungeduldig und ich bin noch voller Zuversicht, dass diesmal kein dummer Fehler, keine zu trennende Naht, kein schiefer RV sich einschleichen wird – hoffnungsfroh, zuversichtlich und optimistisch bin ich beim Zuschnitt.
So sah mich der Donnerstag Abend schneiden, markieren, stecken und nähen. Und in meinem petrolfarbenem Crêpe sah der Schnitt noch viel, viel schöner aus als in der karierten Baumwolle. Seligkeit!

Freitags wurde meine Geduld auf eine weitere Probe gestellt: der Gatte hatte sich den Tag freigenommen, da er abends nach Malaysia zu fliegen hatte und uns ein wenig geniessen mochte. Da kann ich natürlich nicht nähen (auch wenn ich ein- oder zweimal sehnsuchtsvoll den Stoff streichelte 😉 ), zumal der Tag auch so schon voll war: vormittags eine Maniküre für die Mutter meiner Freundin, kurz in die Stadt für eine Besorgung, dann Lenny von der Schule abholen, mit allen drei Jungs zum schottischen Restaurant (eine echte Qual für mich!), nachmittags zusammen kuscheln und eine gemütliche Teestunde zelebrieren und zuletzt dann Abschied von Papa und den obligatorischen Familienfilmabend beginnen. Es war halbzehn, bevor ich an die Maschine durfte und konnte.

Am Samstag fehlten der RV, der Saum an Rock und Ärmel und zwei, drei Versäuberungen – es war kurz nach Mitternacht, als ich den letzten Faden abschnitt. Und es ist so schön geworden! Wenn ich euch das Kleid vielleicht heute abend oder morgen zeige, wird sich natürlich niemand mehr wagen, etwas anderes zu äußern 😉 Jetzt geht es in die Küche, um Linsen mit Spätzle und Würstchen zu kochen, dann wird noch ein bißchen gepielt, bevor die Jungs einen Freund besuchen. Dann darf ich darüber nachdenken, wie Kleid zwei werden soll. Und einen Mantel bräuchte ich auch noch. Und eine Jacke. Danach bin ich vielleicht wieder soweit, mich mit Hosen zu beschäftigen … grummel ….



4 thoughts on “Jubel!”

  • Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich diesen Post genossen habe – eine Nähgeschichte mit Happy End!!!!
    Ich bin ja jetzt fast genau aufgeregt & glücklich wie du (und das nur vom Lesen – vielleicht sollte ich auch endlich mal wieder was schaffen …)!
    Natürlich warte ich gespannt auf Fotos!!!
    Liebe Grüße, Bettina
    (die gern das Geld für die LMB überweisen würde, aber die Kontodaten nicht finden kann)

  • So – diesmal habe ich alles von A-Z durchgelesen, wobei ich doch sonst immer am liebsten nur die Bilder gucke.
    Du beschreibst deine Modellentwicklung wie einen richtigen Krimi! 😉 Und ich kann mich mit der Hauptperson richtig gut identifizieren.

    Grüße von Immi

  • Da kann ich mich nur anschließen – wer braucht sonntags Tatort, wenn’s hier so spannend ist? Und mit Happy End – ich fand’s hervorragend. Wann wird die nächste Folge gesendet?

    Grüße

  • Also erstmal herzlichen Glückwunsch zu deinem tollen Kleid. Die Farbe finde ich auch toll – sie geht so etwas ins Petrol?
    Und ich bin froh, dass du so langsam auf den Grundschnitt-Geschmack kommst. Klar, man muss viele Entscheidungen selbst treffen – aber es ist auch spannend und vor allem macht es Spass! Meine Probemodelle hab ich immer am schnellsten fertig, weil ich es kaum erwarten kann, wie sie aussehen. Beim Nähen bin ich dann leider nicht so schnell…
    LG, berry

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