Geraldine Warner – Knit back in time

Vor ein paar Wochen schon habe ich mir – endlich wieder einmal, hahaha – ein Strickbuch gegönnt; wie könnte ich an einem Buch vorbei gehen, das sich mit “Knitting Vintage” befasst? Eben.

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Es handelt sich um das Buch Knit Back in Time, das demnächst auch als Vintage Design Workshop: Knitting Techniques for Modern Style, der us-amerikanischen Version, erhaltbar sein wird – also Vorsicht, wer immer jedes neue Strickbuch bestellen muss.

Gleich vorweg kann ich mit Stolz berichten: etwas Neues habe ich nicht gelernt und darf damit das Gefühl geniessen, mich auf wenigstens einem Gebiet meines handwerklichen Tuns auszukennen. Das könnte ein Grund sein, ein Buch zurück zu senden – was ich mit einigen Werken in den letzten Monaten auch tat. Das kann aber auch ein Grund sein, es zu behalten, werde ich doch stets daran erinnert, was ich kann 😉 Vor allem aber habe ich so in gebundener Form alles beisammem. Wenn ich Dinge auch weiß, so sind sie doch nicht immer abrufbereit, was ich ungern aufs Alter schieben möchte, aber keine bessere Alternative parat habe.
Wer also – wie beispielsweise Ingrid – 30er- und 40er-Pullis problemlos aus der Vorstellung heraus strickt, Anleitungen leicht anpassen und sich des Endergebnisses sicher sein kann, braucht das Buch nicht. Wer hingegen erst in die Materie einsteigen will, der wird sich über das kleine Werk freuen.
Geraldine Warner, die Autorin, ist ganz offenbar den Strickmoden der 30er und 40er verfallen und betreibt auch eine eigene Website. Ihre Liebe zum Design dieser Zeit erklärt sie auf den ersten Seiten und ermuntert die Leserin, ihr darin zu folgen und sich einfach einmal heran zu trauen an diese Anleitungen, die in der Regel spärlicher erklärt sind als die heutigen. Von dort aus gibt sie einen kurzen Überblick über die modische Entwicklung von 1900 bis in die 60er hinein, die sich vor allem auf Strick und Unterwäsche konzentriert. Der folgende Teil beschäftigt sich mit den üblichen Themen, die wohl in kaum einem Strickbuch fehlen dürfen: Maschenproben, Fadenspannung, das Nehmen der eigenen Maße, das Errechnen der fertigen Größe und das Umrechnen und Abändern. Das alles bezogen auf Anleitungen aus der gewählten Zeit. Nun findet sich hier nichts weltbewegend neues, alles lässt sich sowohl in Druck als auch online leicht finden. Schön aber ist, hier ist alles beisammen. Und wenn es um die Auswahl des passenden Garnes oder der richigen Farbe geht, verschafft sie uns auch einen Blick zurück: wie farbig waren die Dreißiger, wie synthetisch die Vierziger?

Das Thema “Wie passe ich das Strickstück an meine eigenen Maße an” nimmt einen breiten Raum ein; sie erklärt recht ausführlich mit Wort und Diagramm, wo was wie verändert wird: wie ändere ich den Halsausschnitt ab, wie passe ich die Armkugel einem veränderten Armloch an, wo gebe ich Länge oder Weite am besten zu und wie behalte ich dabei das authentische Aussehen? Dazu verwendet sie eine Anleitung aus den Vierzigern als Beispiel (der senfgelbe Pulli auf dem Cover) und zeigt den fertigen Pullover in zwei Varianten. Und hier liegt für mich das einzige Problem, das ich mit diesem und ähnlichen Büchern habe: das Endergebnis ist nicht überzeugend, denn obwohl sie darüber spricht, den Originallook zu erhalten, ist das Endergebnis von diesem Ziel zu weit entfernt – es sind zwei relativ formlose Säcke, die dem enganliegenden Originalmodell nicht nahe kommen.

Im Buch gibt es viele nachgestrickte Oberteile zu sehen – manche sehr schön, doch die meisten viel zu weit und schlabbrig. So spricht sie über einen engen Ärmel – the classic, fitted sleeve – erklärt, wie man ihn errechnet und strickt und zeigt daneben ein Bild von einem Ärmel, dessen Kugel zu kurz und zu breit ist. Wie sicher kann ich mir sein, dass mein Ärmel nach ihrer Erklärung nicht genauso aussieht? Nichtsdestotrotz machen ihre Erläuterungen Sinn und grobe Schnitzer habe ich beim Durchlesen und Überfliegen nicht entdecken können.

Im zweiten Teil geht es darum, moderne Anleitungen an den Vintagelook anzupassen und eigene Modelle zu entwickeln. Noch einmal geht es um die eigenen Maße, um das Hinzufügen und Entfernen von Weite und Länge. Das hätte man sicher mit dem ersten Teil zusammen fassen können. Von hier aus stellt sie verschiedene Ärmel- und Ausschnittformen vor zusammen mit Anleitungen, wie man den gewünschten Effekt erzielt. Aber auch hier stört mich, dass das Grundmodell viel zu locker und schlapp am Körper hängt … Dazu gibt es eine kleine Auswahl an Fair Isle- und Stichmustern, Ideen zu Knöpfen, Stickereien und Kantenabschlüssen und Tipps für das Vernähen und Blocken eines Pullovers. Was es nicht gibt, ist beispielsweise eine Erklärung zur Herstellung des Titelmodells – ich war doch neugierig, ob das Band nachträglich aufgenäht wurde oder ob ich das Vorderteil in drei Teilen zu stricken hätte … DAS weiß ich immer noch nicht.

Mehr Bilder könnt ihr hier sehen.

Das Buch ist mit viel Liebe zum Thema zusammen gestellt worden, es gibt reichlich Originalbilder und die Erklärungen sind ausführlich und genau. Des Englischen sollte man schon mächtig sein, um folgen zu können, aber allzu schwierig ist es nicht. Alles, was man wissen muss, um passende Pullis zu stricken, ist enthalten und der Ton ist durchgängig freundlich und angenehm.

Und ein PS: Gerade eben erst habe ich gesehen, dass Subversive Femme schon Anfang des Monats eine Rezension veröffentlicht hat und sie hat noch mehr Bilder.

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6 thoughts on “Geraldine Warner – Knit back in time”

  • Meine Gute …
    könntest Du das Buch auch guten Gewissens jemandem weiterempfehlen, der extrem langsam strickt? Muss man sich denn vieles umrechnen, oder gibt es eine angemessene Größenauswahl? Hm, aber “weit und schlabbrig” … das mag ich ja gar nicht! Mir gefällt das Covermodell des anderen Buches (das mit englisch, amerikanisch und zweite Ausgabe hab ich noch nicht geblickt, aber ich meine das blau/weiss/rote Oberteil). Gibt es auch Modelle, die mit dicker Wolle gestrickt werden?
    Was ich damit meine: denkst Du, das Buch wäre was für mich? 😉
    Und noch eine Strickfrage habe ich an Dich:
    ich brauche ein Jäckchen über ein Dirndl … kennst Du dafür eine nette Anleitung? Eine mit Noppen, Zöpfen und Stickereien? Bis September sind es nur noch 8 Monate … da muß ich mich jetzt schon umsehen, damit ich das schaffe!
    Christel

    • Hmm, ich denke, das Buch brauchst du (noch) nicht. Anleitungen sind eigentlich keine enthalten, sondern Anleitungen zum Selberdesignen und Verändern und Anpassen. Da gibt es besseres für dich 🙂

      Ein Dirndl-Cardigan? Da muss ich mal auf die Suche gehen. Ich gebe dir dann Bescheid, sag mir nur schon mal, wie dick deine Wolle sein wird, ja?

  • Danke dir für die ausführliche Beschreibung. Ich denke das Band ist aufgenäht … Titelmodell wäre für mich Grund genug das Buch zu kaufen , wäre ich weniger klamm und nicht in Strmores Glenesk verliebt :-). Eine Quelle der Inspiration ist das allemal. Die schlabberigen Ergebnisse kann man vielleicht dadurch erklären dass die Strickstücke für andere maße gestrickt wurden als die der models auf den Fotos?
    Übrigens, ich habe eine Frage zum Thema “Kleiner Pullover” – was für Material würdest du einer wollalergikerin raten? Ich bin etwas verzweifelt – Baumwolle und viskose, Seide auch, wachsen entsetzlich nach der wäsche , “negative ease ” (wie heißt das eigentlich auf deutsch ?) hilft nicht immer …

    • Oh, das ist echt schwierig. Auf alle Fälle würde ich die Hände von Alpaka lassen, von dem ja gerne behauptet wird, es wäre selbst für empfindlichste Haut gut tragbar. Es kommt auch darauf an, wie empfindlich du wirklich bist – ich konnte Wolle ja nie ertragen, bis ich mit dem Stricken begann. Vieles geht auch heute noch nicht, aber als besonders weich empfinde ich die Baby Merino von Drops; da müssten wir beim nächsten Treffen (nach Karneval vielleicht??) mal einen Kuscheltest machen. Da blieben dann ja noch Baumwolle-Acrylmischungen, da würde der Kunstanteil das zu starke Ausweiten in Schuß halten und mit so einer Mischung kann man eigentlich gut leben …

      Muss jetzt kochen, meine tägliche Hölle ohne Übertreibung, aber wir finden noch was für dich!

      • tscha, 90%Baumwolle und 10% Wolle (oder auch 10% Kaschmir) gehen nicht, daher bin ich wohl Obermimose … Alpaka geht, aber nur Baby und in Lace-Gewicht, dann schwebt es eher über der Haut, damit kann ich leben, aber nicht zu oft.
        Dünne Baumwolle mit Polytieren ist nicht leicht zu bekommen. Hm, Zwiebelmethode also ;-), sieht aber nicht immer gut aus. Es ist echt ärgerlich, sehr sehr sehr.

        Das Buch welches Du präsentiert hast finde ich immer noch verlockend – eigentlich kaufe ich Strickbücher meist wegen Bilder, nicht wegen Infos (sehr eingebildet bin …).

        Auf das Treffen warte ich ungeduldig geduldig. Dieses Jahr kann noch was werden, Treffen mit Dir, neue Platte von Bowie, vielleicht gibt es sogar Sommer?!
        😉
        LG

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