Knittaxen!

Ha, ja, ich weiß, dass jetzt sicher die Eine oder die Andere erwartet, wenigstens einen fertigen Pullover zu sehen. Tut mir leid, das Leben will einfach nie so wie ich. Nachdem ich am Donnerstag das Rückenteil zeigte, machte ich mich auch fleißig an das Vorderteil. Ich war in Reihe 110, als die alte Dame M2 rheumatisch stöhnte und sich nicht mehr gleitend fortbewegen mochte. Zumindest nicht von links nach rechts – ruckel ruckel ruckel zockel stopp. Zwar mit einem unguten Gefühl, aber es half ja nichts, setzte ich blanke Gewalt ein, um den Schlitten von seiner Position hinweg zu bringen. Ich nahm an, ich habe den Faden zu straff gespannt. Damit das zu verstehen ist, muss man wissen, dass man bei der Knittax M 2 den Faden jeweils in Laufrichtung des Schlittens über die Arbeitsnadeln halten muss – und da die Maschine nicht sehr schwer ist und der Schlitten nicht mehr so leicht läuft wie vielleicht im Jahre 1957, muss man zumindest meine M2 festhalten. Also rechte Hand führt den Schlitten von rechts nach links, linke Hand hält den Faden locker und die linke Seite der Maschine und andersherum. Dabei kann es natürlich passieren, dass man dem Faden nicht genügend Freiheit lässt, um eingezogen und gewickelt zu werden – dann meckert der Schlitten und der Oberarmmuskel.
Und weil ich dachte, das wäre mein Fehler gewesen, lief ich noch einmal von rechts nach links und siehe da: alles fein. Glücklich-entspannt legte ich den Faden erneut über die Nadeln und wollte nach rechts zurück – stotter stotter stotter. Hmmmm … ich habe es, ich muss es zugeben, noch weitere 12 Reihen versucht und erzwungen. Doch ich habe einsehen müssen: da stimmt was nicht! Also das Gestrick abwerfen und ribbeln – die Tortur, 120 Minimaschen zu fangen und auf nicht kooperative Nadeln zu hängen, habe ich mir erspart.

So weit war ich – und das tat schon weh … aber wenn man erst mal ribbelt, macht es auch Spaß 😀

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Stattdessen habe ich Schraubenzieher, Pinsel, Baumwolltuch und Maschinenöl ausgebreitet und die alte Dame aufgeschraubt und gereinigt und geölt und poliert. Die Staubausbeute war gering, nicht mehr als zwei stecknadelköpfchengroße Bällchen kamen zusammen. Es gab auch keine Rostflecken oder stumpfe Stellen, eine wirklich gepflegte alte Dame ist sie. Drei Stunden etwa bis weit nach Mitternacht habe ich an ihr gebastelt und eine kurze Probereihe lief wunderbar. Ich bin noch nicht sicher, ob es nun endgültig gut ist oder ob sie alle 300 Maschen aufzugeben gedenkt. Ich glaube aber, dass sie wirklich gut gepflegt war, selten genutzt wurde und dass sich nun nach all den Jahren im Dornröschenschlaf erst durch das erneute Arbeiten die Staubflusen hochgewirbelt haben und die eine oder andere nicht so gleitfähige Nadel ans Licht drängte.

Am Freitag dann hatte ich erst einen besonders lieben Gast im Studio und als ich nachmittags nach Hause kam, war die zweite Dame aus dem Hause Knittax eingetroffen – die Automatic. Die erst einmal ausgepackt und begutachtet werden wollte. Obwohl knapp 10 Jahre jünger deutlich schlechter aussehend. Was aber auch an dem wahrscheinlich einmal weißen Gehäuse und den Metallbeschlägen liegt – die M2 wirkt deutlich eleganter und zeitloser. Also gleich aufschrauben und reinigen und ölen. Was deutlich weniger leicht ging. Ein erster Versuch mit dem Schlitten ergab sehr schnell: von links nach rechts einwandfrei, von rechts nach links hingegen werden Maschen nicht gestrickt, sondern abgeworfen. Bis spät in die Nacht – schon wieder – schraubte ich und baute ich, vermutend, ich habe beim Zusammenbau einen Fehler begangen (hatte ich nicht, ich bin so unglaublich begabt 😛 ). Durch ständiges Neuanschlagen und Abstricken konnte ich am frühen Samstagmorgen (nach einigen wenigen Stunden Schlaf) zumindest sicher sagen, WO der Fehler liegen musste: am Schlitten und das mit genauer Position. Aber weiter sah ich nichts, erbat Hilfe vom Gatten und verschwand unter die Dusche. Nach 20 Minuten kam ich runter und fand Vater und Sohn beim Maumauspiel – hatte ich nicht einen klaren Auftrag erteilt? Hatte ich und siehe da: sie strickte. In der Tat hatte ich die Position des Fehlers auf den Millimeter genau richtig erkannt, nur den Millimeter, den ein Fadenheberdreiecksbiegehebeding zu weit nach unten stand, den hatte ich nach stundenlangem Draufstarren nicht erkannt. Der Gatte bog mit männlicher Kraft alles zurecht und das Ding lief.

Bevor ich nun wirklich testen konnte, durfte ich mich im Studio ausruhen gehen und als ich heimkam, durfte ich kochen. Für Samstag hatte ich genug von jeder Art Handarbeit. Sonntag dann wollte ich das Patentstrickzusatzgerät für die Automatic testen und stellte fest, dass sich beide Maschine in einigem voneinander unterscheiden – die Automatic will deutlich mehr können als die M2. Leider fehlen zwei wichtige Teile und so wird das erst mal noch nichts. Die sogenannten Abstreifer fehlen und wenn mir jemand in Besitz einer Knittax Automatic sagen kann, ob die mehr tun als nur die benachbarten Platinen anheben, dann kann ich eine Lösung finden. Die Platinen in die richtige Position bringen, ließe sich mit etwas Bastelei sicher hinbekommen.

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Die Automatic mit PAM und beiden Schlitten, die fürs Rippenstricken miteinander verbunden werden. Sie hat zudem einen Garnführer und kann theoretisch ohne händisches Auflegen des Fadens arbeiten – ich habe das einige Reihen getestet und das ging bald doppelt so schnell im Vergleich zur M2. Allerdings vergaß ich im Rausche der Geschwindigkeit, immer wieder zu kontrollieren, ob der Faden auch richtig gelegt wurde und zack – auf einmal gab es ein Riesenloch, weil Nadeln ohne Faden die Maschen abwerfen …

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Die M2 mit PSG und den Schlitten, die beim Rippenstricken nacheinander über die Nadeln geführt werden. Führt man versehentlich den Hauptschlitten zuerst, dann adios Maschachos! Dauert alles etwas länger als mit der Automatic (zumal die ja noch keine Rippen stricken kann, hahaha), gibt aber auch deutlich mehr Kontrolle über die Arbeit.

Was kann ich nach der ersten Woche mit meinem Handstrickhilfsapparat sagen? Für mich war es eine gute Entscheidung und auch bewußt eine Entscheidung gegen eine “echte” Strickmaschine, die auf Knopfdruck mehr kann. Denn ich stricke gerne und gut mit der Hand und möchte keine Maschine, die mir Arbeit abnimmt, die ich selbst nicht kann – und ich habe mich in einigen Maschinenstrickforen umgetan und erstaunt gelernt, dass ein sehr großer Teil gar nicht mit der Hand stricken kann – sondern ich möchte eine Möglichkeit, mir langweilige Arbeiten zu erleichtern und damit ist das hakelige Wort Handstrickhilfsapparat auch ein sehr treffendes. Bei der Knittax halte ich doch für besser, wenn die Benutzerin handstrickend einigermaßen firm ist und das auch gerne tut. Was ich selbst nicht stricken könnte, möchte ich nicht von einer Maschine erledigt bekommen; für mich fühlt sich das nicht richtig an, egal, wie toll das Ergebnis ist. Und schaue ich mich in meinem Hobbybereich um, so passt das auch: ich mache alles gerne selbst, suche mir Erleichterung, wo ich selbst zu gelangweilt oder zu ungenau bin und behalte vor allem die Kontrolle in der eigenen Hand.

Wer das genauso sieht und will, der kann ich vor allem die M2 nur ans Herz legen (und ich werde sie doch nicht verkaufen 🙂 ) Oder noch ein besseres Beispiel: wer wie ich mal einen Fiat Panda hatte – mit Rolldach und Campingsitzen und dem größten Kofferraum der Welt! – und immer noch gerne an ihn zurück denkt, der wird die M2 dolle liebhaben! Gerät mit Charakter, so ist das halt.

Ah, aber bevor ich ende und mich wieder in die Küche zu begeben habe (und was war ich heute schon fleißig, dafür habe ich mir was verdient, wenn mir nur mal jemand etwas zukommen ließe 🙂 ), will ich beweisen, dass auch noch handgestrickt wird. Der gelbe Lochmusterpulli und ich – wir kämpfen und er behauptet ständig, dass er gar nicht zu mir passe. Bin geneigt, ihm zu glauben und zu ribbeln. Was ich doch eher selten tue, wenn zwei Teile nahezu beendet sind. Und weil ich ihn nicht gleich morden wollte, habe ich, wie das jede anständige Strickerin tut, erstmal was anderes angeschlagen:

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Das mit Abstand anstrengendste Ajourmuster, das ich jemals gestrickt habe. Der Rapport von 14 Reihen und 16 Maschen ist der erste, den ich nicht auswendig kann, da sich das Muster und die Richtung der Ab- und Zunahmen oft ändert. Ich bin immer schon froh, wenn ich erkennen kann, in welcher Reihe ich bin. Dazu habe ich nur eine ungefähre Ahnung, an welcher Stelle in Höhe oder Breite ich gerade bin und befürchte auch einen Wollengpass. Das Muster zieht sich vor allem in der Länge so dermaßen zusammen, wie ich es noch nie erlebt habe. Allerdings finde ich es so traumhaft schön, dass ich in den nächsten Tagen unbedingt weiter kämpfen sollte.

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So langsam macht sich hier Freizeitstreß bemerkbar: den Schnitt für das rote Kleid und auch den für das 30er-Kleid (bald mal mehr dazu) wollte ich noch anpassen (zwei dumme kleine Fehler, eine Sache von Minuten – aber das seit Tagen), da war ein Mantel, den ich konstruieren wollte und Massen von Stoffen, die nach Blusen, Kleidern und Röcken schreien, Blusengrundschnitt erstellen steht auch ganz vorne und endlich an die 20er und Wollvorräte auf ihre Tauglichkeit hinsichtlich Knittax oder Hand durchforsten und mal wieder Sauna und eine Behandlung für mich und und und …

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7 thoughts on “Knittaxen!”

  • Nur der Vollständigkeit halber: Also ich bewege meinen Schlitten auch per Hand und habe kein selbst strickendes Gerät (abgesehen vom Elektrikschlitten für die Bündchen).

    Übrigens muss man nicht immer ribbeln – man kann auch wieder einhängen, das dauert zwar und ist manchmal mit dem Mitzählen etwas schwierig, aber durchaus machbar 😉

    • 😀 Ja, das hatte ich bei dir herausgelesen, aber vielleicht ahnst du, was ich meine? Sonst nachher mal chatten 😀

      Das mit dem neu Aufhängen hatte ich kurz versucht, aber sobald ich mehr als 10 Maschen auf den Nadeln hatte, kam ich an die 11. kaum noch ran und als sie endlich drauf war, habe ich bemerkt, dass dich dafür die Nadeln 1-4 zurückgeschubst hatte und die Maschen wieder unten lagen. da stellte ich fest: nicht mit mir! Wenn ich nur zwei Stunden brauche, wieder an diesen Punkt zu kommen, aber drei, um wieder aufzuhängen, dann weiß ich, was ich tue – ich lade den Frosch ein 😀

      Elektrikschlitten – was tut denn der? Rennt der einfach los ohne dich?

      • Ja, dem sage ich auch per Lochkarte welches Muster ich will und dann rattert der selbst los und strickt vor sich hin. Da gebe ich dann die Reihen ein und er zählt runter – ich mach’ da mal einen Beitrag zu, aber im Moment schlummert das Maschinchen. Ich muss mir was nähen 😀

  • Das Muster ist wirklich wunderschön! (Den Rest deines Beitrags konnte ich leider nicht lesen, weil ich mir die ganze Zeit selber laut vorsagen musste: “Ich brauche keine Strickmaschine! Ich brauche keine Strickmaschine! …” 😉 ) Viele liebe Grüße, Zuzsa

  • Schönes Muster! Bezüglich Handstrickhilfsapparat habe ich die gleiche Meinung – daher habe ich mich auch bewußt für ein Gerät entschieden mit dem man selber strickt. Es haben mir mehrere Leute empfohlen ich solle mir doch eine Brother holen die das alles selber macht, die Empisal sähe ja schon recht alt aus. Naja, das Plastik ist vergilbt aber es ist Hand-Arbeit.
    Liebe Grüße
    Nicole

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