Krittelliese, alte oder: Neues Sommerkleid

Während der letzten drei oder vier Wochen, ich weiß es nicht mehr, habe ich an zwei Sommerkleidern gesessen. Die Idee war: ärmellos, Bateau-Ausschnitt, enges Oberteil, dazu einmal einen leicht ausgestellten Rock mit jeweils vier Falten vorne und hinten und einmal ein enger Rock mit Gehschlitz und ganz leichter Tulpenform und eingelegten Falten an der Taille vorne. So weit, so gut.

Ich habe zu diesem Zwecke und Behufe meine – ich geh’ mal schnell zählen, Moment… – 17 (!ups! – sooo viele?? Will aber noch mehr, mehr, mehr …!!!) Schnittkonstruktionsbücher gewälzt, um passendes zu finden. Wie beispielsweise dieses hier

aus diesem Buch

Vor ich glaube zwei Jahren hatte ich graues Faltenkleid nach einer Burda genäht und das saß leider hinten und vorne nicht. Wahrscheinlich spukte diese graue Kleid noch in mir herum, auf jeden Fall habe ich bei Karstadt einen graumelierten Baumwollbatist für 1,50/m mitgenommen – für das Kleid mit dem Faltenrock. Erst beim Zuschnitt Tage später fiel mir auf, WIE transparent der Stoff wirklich ist. Glück war, dass ich drei Meter mitgenommen hatt. Pech ist, dass ich nicht gerne füttere, die doppelte Arbeit damit hatte und dann feststellen durfte/musste/sollte, dass besagter Batist ein gemeines Stück ist. Ich habe mit den zartesten, rundesten, feinsten Nadeln genäht, die man sich vorstellen konnte – vollkommen gleichgültig war es ihm, dem Biest: es zogen sich Fäden von hier nach dort, es franste bei jeder Bewegung, jede Naht kräuselte sich. So viel habe ich noch gebügelt. Schlimmer aber noch: erst beim Zusammennähen fiel mir auf, dass ich schief geschnitten hatte. Also richtig schief. Immer wieder einmal gab es einen Zentimeter zu viel, einen zu wenig. Futter und Oberteil unterschieden sich massiv – wie gesagt, habe ich erst beim Zusammennähen bemerkt. Das frustrierte mich nicht nur und brachte mich dazu, mich für hoffnungslos und unbegabt zu halten (dazu gehört ja bei mir nicht viel…), es ärgerte mich auch so sehr, dass ich erst einmal alles in die Ecke schleuderte und dann den Reststoff hervor kramte. Ich erinnerte mich, dass beim Stofflegen das gewebte Muster manchmal wellig wirkte – und beim nochmaligen Betrachten konnte ich schön sehen, dass immer wieder einmal alle 30 cm der Stoff verzogen war. Sich aber dennoch glatt legen ließ, keine Falten schlug oder sich sonstwie bemerkbar machte. Beim Bügeln nun aber zog sich alles wieder glatt. Es war also eine elende Bastelei.

Auch am Schnitt würde ich jetzt etwas ändern: die Falten beginnen erst in Bauchhöhe, darüber werden die ursprünglichen Abnäher bzw. die Faltentiefe weggeschnitten, so dass weniger Stoff an der Taille sich versammelt. Das würde ich nun lieber in Kauf nehmen, denn die Falten neigen trotz Absteppens dazu, nach unten wegzusinken – ich kann es nicht besser erklären; wer schon einmal solche Falten genäht hat, kann es sich aber vorstellen.

Dann stellte sich heraus, dass das Rockteil in der Taille zu weit war und eingehalten werden musste – was der Batist auch nicht mag. Der Rücken ist etwas zu kurz, so dass die Stoffmenge, die ich an der oberen Hüfte brauche, sich kurz unterhalb der Taille versammelt und dort Falten wirft. Auch nicht schön. Ebenfalls nicht schön, dass der Batist sich selbst nicht leiden mag und immer wieder an sich herauf- und herunterkrabbelt. Mecker, mecker, mecker. Ach, und an Taille und Hüfte zugenommen habe ich in der letzten Woche ebenfalls und dafür etwas an den Waden verloren, was der Paßform (und meiner gerade neugefundenen Attitüde der Toleranz mir gegenüber) nicht weiter hilft. Grummel, groll und geifer! Ja, und nicht zu vergessen den zu engen Träger, durch den ich Oberteil und Futter wenden und ziehen wollte – musste noch einmal aufgetrennt und nach außen weiter gemacht werden, was nun für eine seltsame Form und ein leichtes Zusammenkrümeln sorgt. Nörgel, nörgel, nörgel.

ABER:
Ich mag das Kleid doch, irgendwie. Es ist so schön leicht, die Form des Rockes ist ganz hübsch (nicht perfekt, aber doch nett und netter als auf diesen Bildern, über die ich noch länger nörgeln könnte…) und das Oberteil sitzt gut. Auch am Rücken, was man nur nicht mehr sehen kann, weil mein Bindegewebe mit jedem BH kämpft: diese Gummibänder schneiden dermaßen ein, selbst dann noch, wenn der BH viel zu weit sitzt (was ja dann gar nichts mehr nützt) dass sich jeder Stoff in diesen Sog mit hineinwirft. Ohne BH sitzt alles glatt. Hinten. Vorne eher nicht …

Die Nähte an den abgesteppten Falten wellen sich, lässt sich nicht bügeln, ließ sich nicht verhindern. Der rechte Träger ist zu breit und wird nach innen gefältelt. Oberteil sitzt trotz verschnittenen Futters aber ziemlich glatt.

Die oberste Falte würde ich nun entgegen der Anleitung weiter nach außen setzen und auch weiter ausstellen.

Die Nähte kräuseln sich am RV noch stärker, was vor allem an der Webkante liegt, die viel straffer gewebt ist, die ich aber nicht abschneiden mochte, weil der Stoff das Einnähen nie ohne komplettes Wegfransen überlebt hätte. Und der Rücken ist definitiv nicht zu lang, sonder hier ist das Futter zu weit und der BH – tja, siehe oben. Alt werden ist auch nichts …
Die Falten rutschen nach unten. Wären sie am Taillenbund fixiert, wäre das schöner. Und auch weiter außen wäre besser. Mal sehen, ob ich die Energie aufbringe, den Schnitt zu ändern, will ihn ja für ein weiteres Kleid nutzen. Aber mein Verbrauch an Seidenpapier ist enorm.

Ich befürchte, ich muss meinen Rockgrundschnitt auch noch einmal neu aufstellen: Sobald ich einen Rock ab dem breitesten Hüftpunkt ein- oder ausstelle, bildet sich dort eine Falte – eine Zuvielfalte. Wobei das ein grundsätzliches Problem bei mir ist: sobald ich mit Mehrweite arbeiten will, damit alles schön glatt fällt, entstehen überall diese nach innen sinkenden Falten, Löcher oder bei festem Stoff abstehende Öhrchen. Und ich spreche hier von der normalen Zugabe. Aber Schluß jetzt, hier beginnt schon der Frust über Kleid 2: Oberteil sitzt perfekt, aber der Rock… hier sollte ja vorne richtig sichtbare Weite rein, aber was passiert: die Weite rutscht in das schmal geschnittene Rückteil. Vorne spannt alles und die Falten werden aufgezerrt, hinten hängen die Abnäher wie traurige Tüten an mir herunter. Wie auch die ganze hintere Partie. DAS kann ich noch gar nicht verstehen und weiß auch noch nicht, was ich tun soll. Naja, jetzt werde ich erst einmal das graue Kleidchen aus- und etwas Wärmeres anziehen 😉



6 thoughts on “Krittelliese, alte oder: Neues Sommerkleid”

  • Hallo Michou, das grau sieht sehr edel aus! Deine Beschreibung des Stoffes hört sich so an, als sei das eher die B-Ware, die Du da erwischt hast. Gib Batist nochmal eine Chance, wenn es eine gute Qualität ist, ist das ein toller Stoff, finde ich :-). Bzgl Deines Rockschnitts: Ich besitze auch einen Rockgrundschnitt, aber bei jedem neuen Rock ist ein Feintuning notwendig. Anderer Stoff = anderes Verhalten. Vielleicht liegst Du mit den Maßen Deines Grundschnitt gar nicht so falsch? Beste Grüße Anke

  • Hallo Anke,

    das ist mir Sicherheit B-Ware – der Ballen dürfte ganz hübsch verzogen sein und es ist ein kleiner Anteil Poly mit dabei. Aber ich finde Batist immer etwas schwierig: entweder er näht sich super, knittert aber sehr starkt. Oder er knittert weniger und näht sich nicht. Oder das Muster will ein Kleid werden, ist aber zu durchsichtig – und Batist mit etwas anderem als sich selbst füttern fände ich sehr schade.

    Was den Rockgrundschnitt anbelangt: ich hadere immer wieder mit dem Übergang Taille-hohe Hüfte. Entweder es sitzt an der Hüfte gut, kräuselt sich dann aber an der Taille oder aber die Taille sitzt glatt und dann spannt es an der Hüfte – und dann schiebt sich alles hoch. Der Übergang ist halt sehr kurz und das gibt es schnell mal komische Kurven … und was kann ich sagen: das nervt. Und seid ich das mit der Schulter und dem Armausschnitt auch endlich hinbekommen habe (Ärmel ist noch eine andere Sache, fluch!), meine ich ich müsste auch jede andere Zone in den Griff bekommen können. Würde helfen, äße ich nich anfallsartig so wahnsinnig viel Süßkram … tüdelüüü!

  • Bin ja kein Profi, aber faellt ‘dies’ vielleicht unter die Rubrik ‘Stoffempfehlung fuer diesen Schnitt ….’ ?
    D.h., jeweilige Schnittmuster-Erfinder haben vermutlich auch ihre (schlechten) Erfahrungen gemacht/sammeln lassen?

    Ich lure nach weiteren Kommentaren der Fachkundigeren hierzu; der Schnitt an sich waere ja wirlich huebsch!

    Liebe Gruesse,
    Gerlinde

    Happy Fluchen dann zumindest! 😉

  • Ich habe nur sehr wenige Teile, die nicht gefüttert sind. So verschieden können Ansprüche sein.

    Was dein Problem mit der hohen Hüfte angeht, überleg ich mal. Meine Chefin hatte damit auch immer Probleme und ich meine mich zu erinnern, dass es da irgendeinen “Trick” gab.

    Ansonsten ein sehr edles Kleid. Besonders mag ich den hochgeschlossenen U-Boot-Ausschnitt.

    LG Lucia

  • Ich habe mir gestern mal die Zeit genommen und meine sämtlichen Unterlagen durchforstet. Natürlich hab ich nichts speziell für “hohe Hüften” gefunden 🙄

    Der einzigste Tip, der mir jetzt so spontan einfallen würde, wäre, die Mehrweite nicht auf einen, sondern auf zwei Abnäher zu verteilen.
    Also zB keinen 3cm tiefen Abnäher zu nähen, der dann eben 14cm lang ist, sondern lieber 2 Abnäher, die nur 10cm lang sind und eine Tiefe von 1,5cm haben. (ein kurzer Abnäher mit viel Tiefe wird immer die Tendenz haben “tütig” zu wirken)

    Ansonsten wäre noch interessant zu überprüfen ob dein Rockschnitt in der richtigen Balance ist. Das könnte auch eine Ursache für Passformprobleme sein.

    Ich wünsch dir eine angenehme Woche.

  • Hallo Lucia,

    ich habe hinten schon zwei Abnäher und beide sitzen normalerweise gut – habe ich ja auch lange dran herum gebastelt 😉 Aber bei diesen Schnitt ist offenbar alles daneben gegangen und nun schaue ich morgen mal in aller Ruhe, was sich da tun lässt.

    Vielen lieben Dank für deine Mühe, das ist ja so entzückend!!! Weiß ich doch schon mal, dass ich grundsätzlich auf dem richtigen Weg bin, jubel 🙂

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