Lee Hollahan – Mein ganz persönliches Schnittmuster

Ich stehe bei einigen ja im Verdacht, jeden und jede zum Stricken überreden zu wollen. Manche gehen noch einen Schnitt weiter und vermuten, ich wolle gar jede Hobbyschneiderin dazu bekommen, sich ihre Schnitte selbst anfertigen zu müssen. Das ist selbstverständlich nicht richtig. Ich widerspreche diesen Gerüchten mit Nachdruck. Entschieden!
Richtig ist viel mehr, dass ich jeder zutraue, sich zu einem Rock auch einen Pullover stricken zu können. Und es stimmt: ich wünschte mir mehr Bloggerinnen, die sich zumindest von Zeit zu Zeit mit Schnittkonstruktion oder doch mit der Abwandlung von Schnitten beschäftigen würden. Aus rein egoistischen Gründen, denn je mehr sich damit auskennen, umso mehr gibt es, die ich um Rat und Hilfe angehen könnte…
Da ich grundsätzlich von mir ausgehe, könnte ich mir vorstellen, dass viele sich nur nicht rantrauen. Rantrauen an die Schnittanpassung, an die größere Änderung, an das Neuzeichnen, an die Konstruktion. Sicherlich: im Selbermachen von A-Z liegt nicht immer die Lösung für jedes Problem, es kann im Gegenteil viele Neue schaffen – vor sich hinfluchende Mütter, wutentbrannte Lebensgefährtinnen, weinende Freundinnen, alles ist möglich. Wenn es aber nur die Unsicherheit vor dem Neuen ist oder übergroßer Respekt vor der Arbeit der Schnittmacher von Burda bis Vogue – dann habe ich eine Empfehlung.

Vor drei oder vier Jahren, als wir Urlaub in Cornwall machten und ich von einem Buchladen zum nächsten rannte auf der Suche nach passender Literatur im Bereich Knitting/Sewing/Fashion, fiel mir das englische Original von Lee Hollahan ‘How to use, adapt and design sewing patterns’ in die Hände. Eigentlich fiel es dem Gatten auf und stolz wie der Held von Troja zeigte er es mir. Gekauft habe ich es damals nicht – aus den oben genannten Gründen. Wie man ein Schnittmuster verwendet, wußte ich, wie man es ändert, ahnte ich, traute mich aber oft nicht und die Vorstellung, etwas zu verändern oder zu entwerfen, erschien mir weit hergeholt. Lasst mich sagen: wie albern, denn ein paar Monate später stürzte ich mich in das Abenteuer Schnitterstellung doch hinein.

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Im letzten Jahr erschien das Buch auf deutsch – für mich nun zu spät, aber ich wünschte, ich hätte es vor drei Jahren zur Hand gehabt. Ich finde es ideal, um ein komplettes Bild zu erhalten:

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Wie die meisten Bücher beginnt es mit einer Auflistung der benötigten Handwerkszeuge, die die Hobbyschneiderin benötigt. Im zweiten Kapitel geht es um fertige Schnittmuster: welche Firmen es gibt, zwischen welchen Größen ich wählen kann, welche Schnittformen zu meiner Körperform am besten passen, wie ich richtig Maß nehme und wie ich anhand meiner Maße den richtigen Schnitt finde, welche Hinweise ich auf Umschlag und Schnitt erhalte und was sie bedeuten. Auch Design- und Bequemlichkeitszugaben werden angesprochen – gerade bei den amerikanischen Big Four immer wieder ein Thema, das für Verwirrung sorgt.
Von da aus geht es logisch weiter zur Vorbereitung des Stoffes, Fadenlauf, Aufstecken des Schnittes, markieren und kopieren und Zuschnitt. Im Grunde enthält dieses zweite Kapitel vieles, was auch das auf dem deutschen Markt bekannteste Nähbuch von Burda enthält – für mich allerdings sowohl in einer optisch wie auch sprachlich verständlicheren und schöneren Form – moderner, klarer, offener.

Das dritte Kapitel behandelt die einfacheren Änderungen des kommerziellen Schnittmusters: Kürzen oder Verlängern, Änderungen rund um die Brust und um die Taille – Änderungen also, die die meisten von uns vornehmen müssen und an die sich viele doch nicht herantrauen. Die Anleitungen dazu sind reich und klar bebildert, mögliche Schwierigkeiten erwähnt und alles ist so ausführlich und verständlich erklärt, dass sich auch noch Zögernde gut heranwagen können. Und allein für die ersten drei Kapitel würde ich das Buch auch einer Nähanfängerin empfehlen, da sie hier das Wichtigste (und etwas mehr!) lernt.

Sobald man etwas weiter ist, die ersten Kleider und Röcken und Hosen und Blusen genäht und getragen sind, darf man sich ganz entspannt den weiteren Kapiteln zu wenden: es geht nun um das Entwerfen eigener Schnittmuster. Klar ist: es geht hier nicht um das Erlernen komplexer Konstruktionsmethoden, um die ideale Platzierung von Nähten und Verzierungen. Es geht um das, was jede von euch leicht bewältigen kann und ihr vielleicht so viel Spaß macht, dass sie sich danach noch weiter wagen mag.

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Erklärt wird, was ein Grundschnitt ist und woher man ihn bekommt – im Anhang sind für die Größen 34-46 solch verkleinerte Grundschnitte auf Karo aufgezeichnet, die auf 5x5cm Karopapier übertragen werden können, auch das ist wieder genau beschrieben und erklärt. Davon ausgehend wird ein Probemodell genäht und angepaßt. Die weiterführenden Schnittänderungen, die dazu nötig sind, sind natürlich auch gezeigt. Wenn all das erledigt ist, kann man sich dem Entwerfen bzw. den ersten Grundlagen zu wenden: dem Verlegen von Abnähern, dem Einfügen von Teilungsnähten, Weitenzugaben, Krägen und Taschen. Ein guter Einstieg in das Thema Konstruktion ist gegeben und vor allem wird die Leserin so selbstverständlich an der Hand genommen, dass Unsicherheiten oder Angst vor der eigenen Traute nicht aufkommen können.

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Im letzten Kapitel werden noch Nähtechniken vorgestellt: von der Französischen Naht bis zum Kleidfüttern ist alles wichtige dabei, gut erklärt, mit Zeichnungen versehen. Auf etwa 140 Seiten ein kleines Platzwunder eigentlich. Von mir bekommt es eine Rundumempfehlung für alle, die mehr wollen, als einen Schnitt auspacken, ausschneiden und nachnähen.

Mein ganz persönliches Schnittmuster: Schritt für Schritt zur perfekten Passform ist erschienen im Frechverlag und kostet 19,99.

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10 thoughts on “Lee Hollahan – Mein ganz persönliches Schnittmuster”

  • Naja, so einen leichten unterschwelligen Druck hast du schon ausgeübt. ; )
    Aber ich bestätige hiermit, Schnittkonstruktion ist kein Buch mit sieben Siegeln und mit etwas Ruhe und Geduld machbar.
    Liebe Grüße
    Arlett

    PS: Habe mir auch gerade Lesefutter zu diesem Thema zur Ansicht bestellt.

  • Mit dem Schnitte machen bzw. anpassen ist es wie mit Allem: es ist eigentlich ganz einfach … wenn man’s kann. Eigentlich! Allerdings hört man auch die erfahrene Schneiderin bisweilen laut und vernehmlich fluchen 😉 …

    Das Schwierigste ist leider, sich selbst zu vermessen und abzustecken. Ob Du auch dafür eine Lösung in Deiner Schatztruhe hast? Einen kleinen Flaschengeist vielleicht, der dienstbar um einen herumwuselt, wenn man ihn braucht, präzise und kompetent natürlich, um danach wieder, zufrieden eingekorkt, platz- und energiesparend auf seinen nächsten Einsatz zu warten? Dir wäre der Dank vieler alleinstehender Schneiderleins gewiss!

    Viele Grüße
    Ursula

    • Wahrscheinlich würden den nicht nur die alleinstehen Schneiderdamen haben wollen – welcher Mann ist schon zu derlei zu gebrauchen? Meiner hat mich zweimal ausführlich vermessen und wie soll ich sagen: eine Grenzerfahrung … als Ingenieur empfand er mich als zu vermessendes Objekt höchst ungenügend, da es keine klar definierten Messpunkte und zu erwartende Ergebnisse gab. Schöner fühlte ich mich danach auch nicht gerade.

      Letzten Endes geben die Maße nur eine ungefähre Ahnung: wichtig ist eine möglichst hohe Annäherung und dann ein Probemodell aus einem Stoff, der formtreu bleibt – wo es nicht passt, war die Messung falsch 😉

  • Grenzerfahrung … hihi. Offenbar bist Du nicht mit einem Vermessungsingenieur verheiratet, da gibt es nämlich nicht notwendigerweise vordefinierte Messpunkte.

    Dein letzter Satz trifft es genau. Womit wir aber wieder beim Flaschengeist wären, um das Probemodell aus festem Stoff abzustecken 😉 …

    Viele Grüße
    Ursula

  • Hörst Du mich bis nach Bonn lachen? “für alle, die mehr wollen, als einen Schnitt aus­packen, aus­schneiden und nachnähen.” Oh, wie gerne würde ich das können! Ich muss (!) anpassen und verändern ohne Ende. Die Amerikaner habe ich aus diesem Grund erstmal ganz nach hinten ins Regal verbannt.
    Ich bin Dir sehr dankbar für diesen Buchtip, denn ich glaube, das ist das Buch, das ich brauche. Nicht zu theoretisch und abgehoben. Über die Idee mit dem Grundschnitt, den man dann auf andere Schnittmuster anwenden kann, denke ich schon länger nach.

    LG Luzie

  • Würdest Du einen Kurs geben, ich würde ihn sofort belegen.
    Nicht, weil ich es muss, sondern interessehalber (und eigentlich bin ich ja auch ein bißchen faul…)
    Ich überlege schon eine Weile, ob ich das Buch brauchen könnte…

  • Vielen Dank für die Buchvorstellung. Seit neusten gehe ich zu einem Nähtreff und die anderen sind noch ziemliche Neulinge. Da hilft das Buch sicher den Schnitt anzupassen, wer hat den schon eine Idealfigur. Für die meisten ist der Grund selbst zu nähen das die Klamotten endlich mal gut passen.
    Gurß Ursula

  • das buch hab ich auch.und ich würde zu gern es los werden!!!
    gekauft,weil ich darauf vetraut habe, es sei sehr gut.
    vermutlich war das ein anfänger,bei dem ich das gelesen habe.
    das buch bietet mir leider gar nichts.
    war absoluter fehltkauf:-(

    • Nein, für dich ist das Buch auch nichts – ich finde, es ist ein gutes Buch für diejenigen, die sich nicht so recht weiter trauen, sich zu wenig zutrauen: es ist eines der wenigen deutschsprachigen Bücher, das die Grenze zwischen reinem Nähen und Schnitte ändern überschreitet. Ich sehe es in den Händen einer Anfängerin, die die ersten Kleidungsstücke bewältigt hat 🙂

  • Boom! Jetzt weiß ich, was mir meine Schwiegermutter zum Geburtstag schenken kann 😀
    Ich finde Schnittkonstruktion echt spannend – und auch die Gradierung. Da hätt ich gern ein bißchen Literatur zu. Also freu ich mich total über Deine Buchvorstellung, Danke!

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