Lob der Freundin

Oden, schlechte Reime, Pamphlete, Tiraden und Ansprachen habe ich hier veröffentlicht. Wie wäre es nun mit einem Loblied auf die Freundin in nicht gereimter Form (also eine Ode pro Jahr ist ausreichend. Sagen meine Nerven.)?

Heute morgen, nachdem Tommy und ich den Großen namens Lenny im Soccercamp abgesetzt hatten, kamen wir auf die Idee, gemeinsam in die Innenstadt zu brausen und dort nach einem feinen Frühstück nach Büchern (das Kind) und nach Arbeitskleidstoff (ich) uns umzuschauen. Das mit dem Brausen wurde ausgebremst, denn kurz vor 10:00 und drumherum ist die Zufahrtsstraße komplett dicht. Also zockelten wir eben und hatten dann den Eindruck, uns ein besonders feines Frühstück verdient zu haben – für die Bonnerinnen unter euch: First Flush Tearoom wurde vom Kinde gewünscht. Immer eine gute Entscheidung.
Da saßen wir nun draußen auf dem Marktplatz und ließen es uns gut gehen. Und als wir dort so saßen und genossen, fiel mir auf, dass heute offenbar ein Freundinnentag sein muss: um uns herum saßen sechs Freundinnenpaare unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Alters. Allen war gemeinsam, dass sie sich nicht erst seit gestern kannten; es lag eine jahrelang gewachsene Vertrautheit in der Atmosphäre, die mit Händen zu greifen war. Außerdem fing mein Ohr das eine oder andere der Unterhaltungen um uns herum auf: ganz viel “Weißt du noch?” umschwebte mich. Ich schaute mir alle ganz genau an.

Da war das Paar Mitte/Ende Fünfzig, das vielleicht zeitgleich im Krankenhaus auf der Entbindungsstation lag: die Eine, die immer schon sehr auf sich hielt und die Andere, die immer schon einen Hang zu zu eng und zu kurz und zu luftig hatte. Beide jubelten laut auf, als sie einander ansichtig wurden und je länger sie miteinander sprachen, umso jünger und lebhafter schienen sie zu werden. Schräg gegenüber saßen zwei Freundinnen Mitte Vierzig nebeneinander und teilten sich ein Frühstück. Beide wirkten ein wenig mißmutig, das mag das wichtigste verbindende Element zwischen beiden zu sein. Aber wenn sie sich ansahen, dann schlug es Funken und für Sekunden wirkten beide gelöst und gelassen – vermutlich durchleben beide gerade eine miese Zeit und sind froh, sie mit der anderen durchstehen zu können.
Hinter mir saßen zwei Rheinländerinnen durch und durch: lauter Singsang mit “Isch han jesaht, hä hätt jesaht, isch han jemähnt, ha hätt dann …” trällerte an mein Ohr – ein Blick beim Verlassen hinter mich verriet mir: die 60 liegt sicher schon hinter ihnen und eine gemeinsame Schulzeit schon dazu. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Eine vom Teller der Anderen nahm und diese ihr die Hand auf den Unterarm legte, berührte mich. Am Lokal vorbei ging ein Freundinnenpaar, die die 80 längst überschritten hatten: Arm in Arm, jede mit Stock, langsam und vorsichtig, aber erzählend und lachend und um sich schauend, als ob man zu zweit eben alles genießen könne.
Dann waren im Lokal daneben zwei Freundinnen um die 20, die ebenfalls Arm in Arm kamen, einander Bilder und Nachrichten auf ihren Mobilfunkgeräten zeigten und dann über ihre Schulzeit sprachen – ihre Grundschulzeit. Wer die Pubertät gemeinsam übersteht, der übersteht wohl fast alles. Auch wenn man sich vielleicht einmal jahrelang aus den Augen verlieren mag. Weil Eine heiratet und die Andere nicht. Weil Kinder kommen, der Job einen in Anspruch nimmt, weil man sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Aber trifft man sich dann wieder, so erweist sich vielleicht, weshalb diese Frau eine so enge Freundin war und wieder sein wird.

Meine drei wichtigsten Vertrauten kennen mich seit 41, 35 und – ganz frisch sozusagen – 9 Jahren. Und es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass man sich mit so tollen Frauen versteht. Habe ich beispielsweise einen – wie ich befürchte – zu boshaften Gedanken im Kopf, so fühle ich mich sofort erleichtert, wenn Freundin eins diesen noch vor mir ausspricht und ihn gar toppt. Ein Beispiel war der Herr Verteidigungsminister, der solch ein Pech mit seiner Doktorarbeit hatte. Angeblich war ja ganz Deutschland so enttäuscht und entsetzt, da er doch so beliebt, so jung und dynamisch wirkte. Gut, ich persönlich kannte und kenne niemanden, der das wirklich dachte, aber ich treibe mich auch in finsteren, staatsfremden Gefilden umher. Da saßen wir beide so beim Frühstück wie die Damen heute und kamen darauf und sagten beide absolut zeitgleich: “Ich fand immer, das ist ein pomadiger Schmierlappen …” Auch ihre Vorliebe für altmodische Ausdrücke, gewundene Sätze und die Abneigung gegen alberne Worthülsen und Anglizismen macht mich immer glücklich und so kommt es oft vor, dass wir wiederum einander zeitgleich loben: “Hach, das war aber ein schönes Wort, schön, schön!”
Sowas entsteht, wenn man vier Jahre alt ist und einander nur sehen kann, wenn man hoch genug schaukelt, um über zwei Hecken ins übernächste Gartengrundstück schauen zu können.

Schön auch, wenn man bei einem einwöchigen Besuch des Schullandheimes in Niederzissen die Nachbarklasse dabei hat und dann immer wieder mit einem Mädchen dieser Klasse zufällig auf enge Wege gerät. Wie schön, dann am ersten Tag im Gymnasium zu sehen: die kenne ich schon! Von ihrer Mutter gerne als Gigigänschen bezeichnet habe ich unendlich gute Erinnerungen an Nachmittage in ihrem Zimmer. Und besonders erinnere ich mich daran, dass ihre Mutter einmal herein kam – im übrigen von Kopf bis Fuß Dame ausstrahlend und dabei maßgeblich an meiner Ausbildung zur Hardcorefeministin beteiligt – etwas fragte, uns kurz und intensiv ansah und uns mitteilte, dass diese Zeit jetzt sehr wichtig sei: Jetzt findet man die Freunde fürs Leben und wir wären auf einem guten Weg. Nun hat uns Zeit und Leben zweimal getrennt und wir haben uns doch wiedergefunden – sie ist eine der wichtigsten Menschen für mich bei all meinen Entscheidungen.

Aber ganz ohne kindliche Hilfe ging es auch bei mir nicht ab: Mit Lenny habe ich es geschafft, zumindest für ein halbes Jahr einen PEKiP-Kurs zu ergattern. Da saß ich nun noch alleine mit dem Meinigen, der schon eifrig krabbelnd unterwegs war und eine Frau mit Sohn kommt rein, die mir mit ihren dunklen Augen sofort sympathisch ist. Sie schaut mich an, sie schaut Lenny an und fragt vorsichtig, ob das wohl der falsche Kurs sei – meiner würde ja schon krabbeln… zum Glück war sie richtig und Lenny einfach nur frühzeitig auf der Flucht aus seinem Elternhaus. Zwei Wochen später trafen wir uns zum ersten Mal und obwohl wir es mit dem Treffen nicht so oft schaffen wie gewünscht, wissen wir doch: die Andere wird immer da sein, egal was geschieht. Und in diesen 9 Jahren ist so vieles geschehen, was eine Freundschaft belasten kann und dennoch haben wir es geschafft.

Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr Freundinnen, mit denen ihr auch in 30 Jahren noch zum Frühstücken gehen werdet? Die eure Schwächen und Ängste kennen dürfen, die ihr zureden dürft und denen ihr jederzeit zuhören werdet?



9 thoughts on “Lob der Freundin”

  • und morgen fahre ich zu meiner allerältesten Freundin-kennen uns seit der ersten Klasse-haben im gleichen Jahr geheiratet-immer um ein Jahr versetzt Kinder bekommen (sie nur die Hälfte)-sie hat durch unsere Umzüge immer wieder neue Ecken Deutschlands kennengelernt und ich wußte immer wo sie war (5 km neben unserem Heimatort)-wir haben so ziemlich alle Phasen eines Frauenlebens bisher zusammen durchlebt/gelitten und rfeuen uns irgendwann mal mit Gehwägelchen gemeinsam unsere Runden zu machen…
    solch eine 53 Jahre alte Freundschaft ist ein Geschenk!
    Grüße von Ute!

  • wenn Dein Kind sich am Mittwoch für Midi entschieden hätte dann … 😉
    Ich habe mir eine Freundin von meinem Mann ausgeliehen (und mit der habe ich am letzten Juli Tag im Midi gefrühstückt) – und überhaupt viele gute Bekannte auch. Denn es ist etwas traurig und schwierig wenn man als ausgesprochen unsozialer (im Sinne von “nicht leicht Kontakte knüpfend”) Mensch emigriert. Da ist es ganz schön wenn frau einen sozialen Mennschen mit recht großem – und gepflegtem – Freundeskreis heiratet.
    Meinen Freundinen – überschaubarer Kreis aber sehr eng – konnte ich nicht aus Polen mitnehmen – und so hat die Entfernung die Freundschaften aufs Eis gelegt. Es ist sehr traurig, wenn eben die Zeit nicht für Briefe reicht, wenn die Telefonate zu teuer werden, wenn die Umzüge irgendwann dazu führen dass man sich aus den Augen verliert … Ich hoffe wenn die Kinder größer werden finden wir uns wieder – denn jedes mal wenn wir uns treffen ist der Funke da (nur eben das letzte Treffen liegt mehr als 5 Jahre zurück) …
    Es gibt aber – Gott sei dank – neue Freundchaften, auch wenn sie nicht so intensiv sind und sein können (denn, wie gesagt, ich bin schon ziemlich unsozial im Sinne von … siehe oben)
    LG nach Bonn
    J.

    • Das wäre für mich auch der Hauptgrund gegen eine Auswanderung, egal wohin: ich möchte keine missen. Es mag neue Freundinnen geben, es mag ähnlich gut werden – aber gemeinsame Erinnerungen lassen sich nicht aus der Kiste holen 🙁

      • ich musste lernen das anders zu sehen und es war nicht leicht. Tatsache aber ist auch dass man sogar in einem Ort lebend es nicht unbedingt schafft sich öfter als alle paar Monate zu sehen.
        Ausserdem – meine Mutter und Ihre beste Freundin (sie kennen sich bestimmt mehr als 55 Jahre) weit ausseinander wohnen und dennoch blieb die Freundchaft bestehen. Man muss sich nur mehr Mühe geben … und zusammen frühstücken geht leider auch nicht (vielleicht sollte ich das mal mit Skype probieren? ugh!)

  • Was für ein schöner Artikel 🙂 Ja, ich habe Freundinnen, mit denen ich in 30 Jahren noch zum Frühstück gehen werde. Meine längste Freundin kenne ich seit dem Kindergarten – seit nunmehr fast 25 Jahren. Meine beste Freundin kenne ich seit wir 12 sind und auch im Studium habe ich noch die ein oder andere langjährige Freundin “aufgegabelt”.

    Übrigens bin ich am selben Tag gegen 10 über den Marktplatz geschlendert, weil ich noch zur Post musste – da haben wir uns aber knapp verpasst, oder?

  • Wunderschöner Post !!! Superschön wie Du beobachtet , gehört und geschrieben hast . Freundinnen sind Qualität ( nicht Quantität , wie heut manchmal missgedeutet wird ) . Ich hab drei und schätze mich glücklich . Die ” dienstälteste ” kenne ich seit ca .36 Jahren – keine Sandkastenfreundin – Du weisst , wie alt ich bin
    LG Dodo

    • Ein wahres Wort – Qualität! Mir sind Menschen, die überall nur Freunde, Freunde, Freund haben, äußerst suspekt. Bekannte ja, Freunde? Da gehört mehr zu, als von jemanden den kompletten Namen zu kennen 😛
      Wenn ich nachts um 3:00 Rat und Hilfe und Trost bräuchte, dann käme nur eine Freundin in Betracht.

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