Luxus

Was ist Luxus? Konkret: was bedeutet Luxus für mich? Mit Juwelen, Yachten und Villen könnte man mir keine Freude bereiten und tote Tiere kommen mir weder auf den Teller noch über meine Schultern. Wie wohl für jede Rund-um-die-Uhr-Hausfrauenmama ist der größte Luxus natürlich Zeit OHNE Bügelwäsche und Herzenskinder – und wenn möglich wird diese Zeit ausgefüllt mit einem Erfolgserlebnis. Die Möglichkeit, tagsüber nähen und stricken zu können – wenn auch weniger ausgeprägt als außer-Haus-Vollzeitbeschäftigte annehmen mögen – ist sicherlich schon Luxus. Stünde mir nicht immer meine Belohnungsattitüde im Weg, wäre ich auf dem Gebiet produktiver. Aber immer, immer muss mir ein “Schnell noch eben…” dazwischen kommen. Schnell noch eben die Wäsche einwerfen, schnell noch eben die Küche aufräumen, schnell noch eben den Boden putzen – und während ich bei dieser Schnell-Aufgabe bin, sehe ich schon das nächste, nämlich ein “Wo ich schon dabei bin …”. Wo ich schon dabei bin, kann ich noch schnell die trockene Wäsche mit hochnehmen. Ich kann sie noch mal schnell falten. Die Kühlschranktür könnte von Pfotenabdrücken befreit werden und wo ich schon dabei bin, kann ich noch schnell eben den Kühlschrank ausräumen, abtauen, sauber machen. Und wo ich schon den Käse in der Hand habe, könnte ich noch ein Kartoffelgratin … und so weiter und immer so fort. Und wenn ich all das mal schnell eben erledigt habe, dann kann ich auch viel entspannter nähen. Entspannter, weil ich keine Zeit für wichtigeres wegnehme. Seltsam nur, dass es nun Zeit ist, die Kinder abzuholen, etwas zu Essen zu kochen und Hausaufgaben nach zu sehen. Danach könnte ich loslegen, wenn nicht die Waschmaschine durchs ganze Haus nach mir riefe. Nur noch schnell eben die Wäsche und dann, dann geht es los. Leider kommt dann noch schnell mein Nachmittagstief vorbei und wir legen uns gemeinsam aufs Sofa – nur mal schnell eben. Die Stunde, die dann vor dem Kochen des Abendessens frei ist, ist irgendwie viel kürzer als morgens noch gedacht … aber es gibt ja auch die Tage, an denen alles erledigt ist und ich die Brut mal ein wenig hungern lasse bzw. großzügig den Fernseher anmache und die Süßigkeiten raushole. Als Rabenmutter liebt mich die Nachkommenschaft besonders.

Aber mein größter materieller Luxus wird mir erst seit etwa ein oder zwei Monaten zu teil: ich nähe Kleidung, die ich nicht dringend benötige, die aber die Lücken im Kleiderschrank auffüllt, die zuvor gar nicht sichtbar waren. Ich habe zwei warme Mäntel, von denen der eine zwar sehr schlampig genäht ist (war der erste Mantel überhaupt, er hatte keinen Futterschnitt und ich habe es ohne jede Hilfe selbst versucht) und der andere nicht nur gekauft, sondern mittlerweile auch etwas knapp ist – aber sie reichen locker aus, um mich durch den Winter zu bringen. Nun habe ich zwei weitere, die meine Luxusbedürfnisse abdecken: einen für schmale und einen für ausgestellte Röcke. Und beide in Blautönen und damit doch nahe dran am MUSS!

Viel ausgeprägter ist der Luxus, wenn es um Röcke geht: ich besitze enge und schmale und ausgestellte und weite Röcke in grau und blau und rot. Reicht locker aus. Aber immer wieder ziehe ich einen Pulli aus der Strickschublade und denke so bei mir: “Ach, der sähe ja noch besser aus mit einem in der und der Farbe und dieser oder jener Form … hmmm, sollte man mal machen.” Dabei blieb es oft. Und obwohl ich im Laufe des Jahres viel Selbstgemachtes ausgemistet habe: es ist genug da. Und hier fängt der Spaß erst richtig an: Nähen an sich ist ja nicht nur ein Hobby, das Spaß macht und einen fordert, nein, es entstehen verwertbare Gegenstände. Also Kleidung. Und zwar, was immer ich will. Nun gibt es eben drei rote Röcke in minimal unterschiedlichen Weiten und nur feinen Nuancen. Es gibt die gleiche Form in Wolle und Baumwolle. Es fehlen noch immer Varianten: wie wäre es mit einem roten Faltenrock? Oder einem blauen Glockenrock für den Winter? Und welche Formen lassen sich noch entwickeln? Mir bereitet es ein Riesenvergnügen, die Röcke farblich sortiert in den Schrank zu hängen und dabei nach Nuancen zu suchen, die noch fehlen. Das ist Luxus!

Weniger luxuriös geht es nach wie vor im Blusenbereich zu – Blusen, selbst konstruiert, tragbar: Null. Hosen, selbst konstruiert, tragbar: Null. Letzteres liegt allerdings daran, dass ich zwar gerne ans Hosenthema mal wieder ranmöchte, aber gerade viel zu viel Spaß an all dem anderen Gezeugs habe. Und Blusen unterliegen wohl der sich selbst erfüllenden Vorhersage: wäre ich eine Bluse, würde ich auch nichts werden wollen, wenn mir von Anfang mißtrauisch ins Knopfloch geblinzelt würde. OK, die nächste wird was. Ja!

Im Zuge meiner Luxusnäherei ist gestern ein blauer Wollrock mit Seitenfalte oder Wickeleffekt fertig geworden – den brauchte ich dringend. Leider bin ich zeitgleich auch mit diversen Spekulatiusschachteln, Schokotafeln und Lakritztüten ebenso fertig geworden: obwohl der Gegner gnadenlos vernichtet wurde, bin ich nicht sicher, ob er den Kampf nicht doch gewonnen hat: der Rock (und alle anderen auch) sitzen seltsam spack am Bauch … dagegen sollte ich eine Runde Bodenwischen einlegen. Ich bemühe mich sehr, Hausarbeit positiv zu betrachten.

Was das Üben des Frisieren des neuen Schnittes des Haupthaares anbelangt: ich sollte weiterüben 😉 Als ich heute vormittag die Heizwickler auswickelte und meine Haare entwickelte, war da ganz schön viel Haar. Das Fahren von zehn Fingern durch selbiges versetzte mich in die Zwanziger zurück: ich war Clara Bow. Nach ein paar gutgemeinten, aber unnachgiebigen Strichen mit der Borstenbürste ähnelte ich eher meiner Mutter in den 1980ern. Nun ja, das lernt sich schon noch.

Diese Beiträge könnten dich interessieren:



7 thoughts on “Luxus”

  • Wunderschön geschrieben – mir geht es da wie dir: Ich empfinde Luxus auch so für mich.
    Und wenn ich sehe & höre, wie viel Geld meine Freundinnen für Kaufkleidung ausgeben, dann fühle ich mich sogar privilegiert und bin stolz darauf, dass ich mir so vieles von dem, was ich gern tragen möchte, selbst nähen kann (wenn ich mal wieder Zeit hätte …).
    Liebe Grüße, Bettina

  • Bettina, schreib mir doch mal, wie es sonst so bei euch läuft – geht es dir gut oder ist manchmal Land unter? Ich vermisse ja deine Kleiderkreationen 🙂

  • hm, diese Belohnungsattitüde kenne ich von irgendwohin (obwohl letztens habe ich geschafft sie abzulegen, trotz der dreckigen Böden, Berge Wäsche usw – Müdigkeit hat manchmal gute Seiten).
    Dein Kleiderschrank sieht sehr malerisch aus :-).

    und Dein neuer Rock ist wieder sehr gelungen, es macht wirklich viel Spaß bei Dir vorbeizuschauen!
    Grüße
    Joanna

  • Das hast Du ja wieder mal klasse geschrieben. Du könntest eine Kolumne schreiben in irgendeiner Zeitung, also ich würde es lesen 😉 Außerdem hast Du meine Bewunderung dafür, wie schön Du alles sortiert hast in Deinem Kleiderschrank. Ich schätze von meinem wird es im Leben kein Foto geben.
    Liebe Grüße
    Tina

  • Ohhhh! Michou!……..!
    Das “schnell-noch-eben”-Phänomen ist nicht den Hausfrauen vorbehalten, das kriegt man als außer-Haus-Beschäftigte mindestens genauso hin. Wenn man zuhause ist und denkt, man könnte endlich mal….. Der Haushalt schreit dann noch viel dringlicher, denn er wird niemals, niemals so ordentlich aussehen wie bei Dir….
    Wunderbarer Rock und tolle Figur, und die Frisur ist auch nicht schlecht, Deine Rocksammlung beneide ich, aber zeig Dich doch mal in einer Galerie von roten Röcken.
    Fröhliche Weihnachten, guten Rutsch und Grüße aus dem Sommer!

  • Du schreibst mir aus dem Herzen. Das “mal-eben-schnell-noch”-Phänomen kenne ich nur zu genau. Und dann wundert man sich, wie wenig man an einem Tag schafft. ich arbeite ja Teilzeit-außer-Haus und habe immer das Gefühl, dass ich zu Hause echt unproduktiv bin. Manchmal bin ich dann so frustriert, das ich abends eine Liste aufstelle, was ich eigentlich an diesem Tag gemacht habe, und wenn es ganz schlimm ist, schreibe ich die aufgewendete Zeit dazu, damit ich am Ende wenigstens weiß. wo der Tag geblieben ist. (Besonders, wenn ich mir den Tag vorgeplant hatte und unvorhergesehene Ereignisse ein rasches Umschalten auf Plan B oder C nötig machen.) Dein Rock gefällt mir übrigens sehr.
    Liebe Grüße, Mirabell

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Einverstanden

Please leave these two fields as-is:

Protected by Invisible Defender. Showed 403 to 537.395 bad guys.