Macht, die Gier nach ihr und was es mit Frauen zu tun hat

magieDieses Jahr 2016 ist nach 2012, 13, 14, 15 nur die logische Steigerung an Miesheit – persönlich wie weltpolitisch. Sicherlich, immer wieder sind kleine Höhepunkte und Erfolge eingebaut, aber insgesamt … die letzten 14 Monate haben mich dahin gebracht, Nachrichten so gut es geht zu meiden und mich mit Schönem zu beschäftigen. Eine kleine, leider durchlässige Schutzschicht, die oberflächlich ist und bleibt. Oberflächen habe ich schätzen gelernt.

Aber von Zeit zu Zeit bricht es aus mir heraus: der Frust, die Sorge, der Ärger, eben all der angestaute Gefühls- und Gedankenwirrwarr und seit dem Tode meines Vaters schreibe ich alles heraus, quellend-blind, nur grob an einem Ziel orientiert. Und so sitze ich hier im Bett, die Heizdecke unter, den Hund neben mir – dass er darauf besteht, nachts in meinem Zimmer zu schlafen, werte ich als einen Höhepunkt; sind es doch die kleinen Dinge, die zählen – so also sitze ich hier und ärgere mich doch mal wieder.

Und was ist es, was mich aufbringt? Natürlich ist es das Gemisch aus AfD und Minderheitengegröle, aus Terror und Krieg und Gefahr, aus Trump und Petry, aus Polen und Ungarn und Sachsen und … ach, allem eigentlich. Aber auch etwas viel – für mich zumindest – persönlicherem, dass zwar nicht unbemerkt ist, aber auch nicht wirklich für ein gemeinsames Aufstehen der Klugen und Gerechten aller Länder sorgt, denn es geht um Frauen. Also nur um Frauen. Also eigentlich betrifft es doch kaum jemanden. Und diese dumme Blindheit regt mich in meiner Feministinnenseele auf wie selten etwas zuvor nach meiner kampfeslustigen Jugendzeit als rote Emma.

Da gibt es nun also immer mal wieder eine sogenannte Burkadebatte, die keinesfalls ernsthaft und klug geführt wird: während die einen vor Panik kreischen, wir würden morgen früh schon islamisiert, lachen die anderen und führen Vergleiche zwischen Nonnen und Kopftuchmädchen an oder regen sich lieber über das rigide Schönheitsideal der westlichen Welt auf, das Frauen zu Objekten mache. Feministinnen gar weigern sich, die Idee hinter Burka und Kopftuch zu erkennen und reden lieber über die Freiheit, die jede Frau haben solle, sich so zu kleiden, wie sie möge. Erst gestern fiel mir dazu der immerhin schon sechs Jahre alte Grundsatztext von terre des femmes in die Hände – und erst da fiel mir auf, wie sehr mir eine differenzierte, aber bedingungslos feministische Sichtweise fehlte in allem, was geschrieben oder per Bildchen mitgeteilt wird. Vielleicht eine feministische Sichtweise Frauen meines Alters, die ja in ihrer Jugend doch deutlicher die Probleme beim Patriarchat suchten und fanden. Heute ist man um nicht nur im Privaten um beste Beziehungen zum anderen Geschlecht bemüht (und ich liebe Männer sehr, das hinderte mich nur nie, Handlungsweisen und Meinungen zu verurteilen, die dem Machterhalt nutzen sollten), was vielleicht erklärt, warum sowohl bei Burka- wie auch Prostitutionsdebatten eine dem Patriarchat nutzende Argumentation verlautbart wird. In beiden Fällen wird nämlich von Frauen gesprochen, die doch bitte tun sollen dürfen, was sie tun wollen – obwohl der Prozentsatz der Frauen, die sich komplett oder teilweise verschleiern oder sich von Freiern für Geld erniedrigen lassen wollen, erwiesenermaßen gering ist. Die freiwillige Variante ist eher ein romantisches Märchen, das männlichem Wunschdenken entspringt. Und wir folgen dem brav, so dass Fundamentalisten, islamisch wie evangelikal, rechts wie ultrarechts, Freier und Zuhälter im Grunde innerhalb ihres eigenen Wirkungsbereiches tun und lassen können, was sie mögen – denn die Frau hat sich doch freiwillig für dieses Leben entschieden; im übrigen lesen sich Aussagen in einschlägigen Foren sehr ähnlich: ob es fundamentalistische Ehemänner oder demokratische Freier sind, immer sind sie sich einig in ihrem naturgegebenem Recht, von Frauen das zu bekommen, was sie wollen und dafür mit Hass und Hohn zu danken. Was übrigens weniger Sex denn viel mehr Macht ist.

Sicherlich trägt zu meinem unpopulärem Standpunkt bei, dass für mich diese Frauen eben nicht unbekannte Andere sind, denen ich mit herablassender Toleranz begegne und ihnen Entscheidungen gestatte, die für mich selbst nie in Frage kämen. Nein, ich habe Freundinnen gehabt, die aus der Türkei, aus Afghanistan, Persien, Tunesien und dem Libanon stammten und die alle irgendwann einmal erleben mussten, wie über sie bestimmt und geherrscht wurde – einige trugen Kopftuch, die meisten waren ganz und gar dagegen. Und Gespräche mit den ausnahmslos klugen, warmherzigen, bedingungslos offenen Kopftuchträgerinnen über das Kopftuch endeten an dem Punkt, an dem sie klar sagten: “Ja, das Tuch ist dafür da, damit ich Männer nicht errege, sie nicht ablenke, sie nicht in Versuchung führe. Man hat mir beigebracht, dass ich damit gottgefällig bin und meine Religion ist mir wichtig. Ab hier kann ich mir keine weiterführenden Gedanken machen, weil das alles ins Wanken brächte …” Dass es auch ganz ohne gut ginge, ja, das wurde angedeutet, aber eben so sagten sie, dass der Druck der Menschen um sie herum nicht gering sei. Damit war selten Ehemann oder Vater gemeint, sondern die Gemeinschaft, in der sie sich befanden – auch weil zu wenige Deutsche hier sich gleichberechtigt mit ihnen befreunden …

Auch die andere Seite, nämlich die Damen des horizontalen Gewerbes, habe ich kennen gelernt. Sehr, sehr viele sogar, wenn es mir anfangs mit 19 auch nicht so bewußt war, bis meine Lieblingskundin, Gattin des Saunaclubbesitzers, aus dessem Angestelltenpool viele meiner seltsam jungen, naiven Kundinnen stammten – ich hatte daran echt zu knabbern. Später auf der Farm traf ich öfter auf die hochpreisigen Escorts, von denen es eine sogar zu einem kleinen Vermögen gebracht hatte. Diese Frauen gehörten sicher nicht zu den dazu gezwungenen, sollten also von Männern, die nur reden wollten oder einsam seien, von Pretty Woman oder weiblicher Machtausübung erzählen können. Das taten sie nicht. Manchmal sprudelten Geschichten hervor, die auf mich ähnlich schockierend wirkten wie die Geburtsberichte der jungen Mütter – und glaubt mir, in einer Kabine hört man alles, was ihr euch vorstellen könnt. Dabei noch nicht mal Mitte 20 zu sein, macht es nicht leichter.

Wie nun auch immer, hier wollte ich gar nicht so genau hin, aber diese Erlebnisse haben in den letzten Jahrzehnten dafür gesorgt, dass ich Debatten zu Kopftuch und Prostitution verfolge. Und mich aufrege  wie eben sonst selten. Die Burka zu verbieten ist für mich zwar auch ultima ratio – einfach, weil ich mich mit Verboten schwer tue, aber im Gegensatz zum Burka- (Tschador, Niqab, tralala)-Gebot richtet sich dieses Verbot nicht gegen die Frau, sondern ist ein Zeichen an die Weltgemeinschaft, Frauen als selbstbestimmte, respekterwartende Menschen zu behandeln, die nicht verantwortlich für die Taten irgendeines Mannes ihnen gegenüber sind. Und Zeichen setzen wir schon selten genug. Wo bleibt unsere Unterstützung für die wirklich mutigen Frauen im Iran oder nun aktuell auch in Saudi-Arabien, die sich gegen ihre Unterdrückung wehren? Nein, wir machen weiterhin gute Geschäfte, denn es sind ja “nur” Frauen und was gehen uns deren Sitten und Kultur an? Da schwingt natürlich auch wieder ein “Wir sind ja zum Glück besser und weiter” mit – wenn ich aber meine Geschäftspartner als ebenso gebildetete und mündige Weltenbürger ansähe, dann würde ich vielleicht auch mal sagen, dass mir ihre Menschenrechtsverletzungen mißfallen und ich lieber von weiteren Geschäften absähe.

In Polen gehen tausende Frauen auf die Straße, weil ein eh schon unglaublich rigides Abtreibungsrecht verschärft werden soll. Ja, das hören wir in den Nachrichten und wir empören uns auch ein bißchen, aber hat es etwas mit uns zu tun? Ja, verdammt noch mal, wenn uns der feministische Gedanke ernst ist. Denn es ist so einfach, das haben wir schon bei den Sufragetten gelernt: wenn du Macht willst, richtig fett Macht, die deinen tendenziell sadistisch-faschistischen Ideen nützen kann, dann musst du Menschen kontrollieren. Viele Menschen. Und ein ganz einfacher Weg, die Hälfte eines Volkes zu entmündigen, ist der Weg über die Sexualität der Frau. Egal, ob mit Schleier oder Abtreibungs-/Verhütungsgesetzen. Wenn Frauen wieder fürchten müssen, mit einem Kind alleine dazustehen und das als Schande und Unehre begriffen wird, so dass für Frau und Kind sogar Gefahr für Leib und Leben entstehen können, dann werden Frauen sehr vorsichtig. Und schon hat man auch die Kontrolle über Männer, denen der Zugang zu Sex (der nach Meinung vieler Männer so nötig wie essen, trinken und atmen ist und daher von Frauen bewilligt zu werden hat) erschwert oder versperrt wird. Da wachsen dann Jungs heran, die nicht wissen, wie man mit Mädchen redet, weil Mädchen Angst haben, mit Jungs zu reden, denn dann redet auf einmal jeder über sie und ihre Zukunft wird ungewiß. Wenn dann wieder Väter entscheiden, wen und wann ihre Tochter heiratet, so entbrennt unter Männern ein Wettbewerb um die Ressource Frau – vor allem, wenn manche Männer mehrere Frauen haben dürfen. Und schon habe ich auch unter Männern Unsicherheit und Angst gesät, die ich nutzen kann.

Sicher, das ist eine verkürzte Sichtweise und nicht der einzige Weg, aber eben ein sehr guter. In sämtlichen autoritären Gesellschaften und Diktaturen, egal ob pseudo-religiös oder faschistisch, war einer der ersten Schritte, Frauen vom öffentlichen Leben und wichtigen Entscheidungen auszuschließen. Ein probates Mittel ist dabei immer Mutterschaft – die, ob wir wollen oder nicht, in den meisten von uns etwas ändert; vom heftig-lästigen Wochenfluß bis hin zur Sorge um die Kinder. Ob ich einen Jungfrauenkult schaffe oder aber die Frau in ihrer Weiblichkeit und Mutterschaft erhöhe und sie von moralischen Schranken befreie (im Dritten Reich beispielsweise war uneheliche Mutterschaft kein Makel), immer geht es um Kontrolle über den weiblichen Körper und um – ja eigentlich eine Gehirnwäsche. Da sind wir nach Jahrtausenden so weit gekommen, dass wir in manchen Dingen und Ideen weit hinter die alten Ägypter zurückfallen. Noch immer müssen wir darüber reden, dass jeder Mensch das Recht haben sollte, sein Leben – vermutlich das einzige – so zu leben, wie er es für richtig hält. Ein Gesetz bräuchte die Menschheit, ein einziges: Tu was du magst, solange du keinem anderen damit schadest.

Noch einmal kurz zurück zur Burka: die Idee dahinter ist eine zutiefst frauenfeindliche, die langsam ausgerottet gehört. Dass immer mehr Frauen sich verschleiern, das darf uns Angst machen, so wie uns die immer größer werdende Anzahl an Rechtsradikalen Angst machen kann und muss. Muslime, die eine Verschleierung von ihren Frauen verlangen, tun das aus fundamentalistischen Gründen. Weder religiösen Fundamentalisten noch erzkonservativen Rassisten ist es dabei um Seelenheil oder Landeswohl zu tun, immer ist es der blanke Egoismus, der treibend ist. Mache ich andere schlechter, so bin ich besser. Nehme ich anderen etwas weg, so habe ich mehr. Flöße ich ihnen Angst ein, bedrohe ich sie, so vergrößert sich meine Macht weiter. Und immer geht es zu Beginn gegen die Frauen. Wie lange es wohl dauern wird, bis in der Türkei das Kopftuch wieder Pflicht wird? Und das wir uns nicht falsch verstehen: eine Frau, die Hijab oder Tschador trägt, ist damit weder dumm noch fanatisch, weder Putzfrau noch Terroristin! Wir sollten alle in der Lage sein, zwischen Trägerin und bedeutungsschwerem Kleidungsstück zu unterscheiden.

Wahrscheinlich träume ich heute nacht wieder diese seltsame, mir so fremde Esoterikgeschichte, in der eine weibliche Armee von der Großen Göttin ausgesandt wird, um mit Magie und Mut Rache zu üben an allen, die schlecht sind. Sie sehen aus wie Catwoman oder wie Feen, nutzen Internet und Zaubersprüche, der Nebel wabert über ehemals trockenen Wüsten, die Geschichte geht rückwärts und jeder Fehler wird beseitigt. Vier- oder fünfmal habe ich diese Mär in wilden Farben geträumt; jedes Mal wachte ich auf, weil all die Abenteuer zu aufregend und anstrengend waren und dann sitze ich im Dunkeln und denke, schön wäre es ja schon …

 

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3 thoughts on “Macht, die Gier nach ihr und was es mit Frauen zu tun hat”

  • Ich danke dir für diesen Text.
    Aber mir ist etwas aufgefallen, was ich in dieser Form so oft in Medien oder Artikeln oder Meinungen finde, und was mich ärgert. Das Gleichsetzen von dem islamistisch-fundamentalistischen Frauenbild mit dem fundamentalistisch-evangelikalen Frauenbild.
    Genauer, die Beschreibung dessen, was eine Frau tun und lassen darf.
    Solche Suren wie

    „Die Männer stehen über (qauwāmūn ʿalā) den Frauen, weil Gott sie (von Natur aus vor diesen) ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen (als Morgengabe für die Frauen?) gemacht haben. Und die rechtschaffenen Frauen sind (Gott) demütig ergeben und geben acht auf das, was (den Außenstehenden) verborgen ist, weil Gott (darauf) acht gibt (d.h. weil Gott darum besorgt ist, dass es nicht an die Öffentlichkeit kommt). Und wenn ihr fürchtet, dass (irgendwelche) Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie (wa-dribū-hunna)! Wenn Sie euch (daraufhin wieder) gehorchen, dann unternehmt (weiter) nichts gegen sie! Gott ist erhaben und groß.“

    werden auf eine Stufe gestellt mit Bibelversen wie

    18 Ihr Weiber, seid euren Männern unterwürfig, wie es sich geziemt in dem Herrn. 19 Ihr Männer, liebet eure Weiber und seid nicht bitter gegen sie.

    Es ist doch ein elementarer Unterschied, ob Gott der Frau etwas befiehlt, und es liegt in ihrem Gewissens-Glaubens-whatever-Ermessen, ob sie gehorcht oder nicht, oder ob dem Man befohlen wird, etwas von der Frau einzufordern, sie zu zwingen, sie zu unterdrücken.
    Ich in unserm christlich-abendländischen Kultur darf mich völlig frei entscheiden, ob ich mich unterordnen will oder eben nicht! Im islamistischen Umfeld scheint das wohl anders zu sein. (Ich habe mich noch nie mit einer Burkaträgerin unterhalten, aber ich glaube dir deine Erzählungen)
    Ich finde das eine nicht zulässige Relativierung.

    Ich wollte auch noch was über die Gleichsetzung der Burka mit Abtreibungsverbot schreiben, aber ich merke gerade, wie ich die Formulierung einfach nicht so hin bekomme, dass das gesagt ist, worauf es mir ankommt. Bevor Missverständnisse entstehen, lass ich es erstmal.

    Trotzdem hab ich deine Gedanken sehr gerne gelesen, danke nochmal!
    LG

  • Auch wenn ich recht wenig zum Thema lese, doch zwischen all den Disskussionen nach Silvesternacht – Alice Schwarzer hat Recht, mit Ihrer Analyse der Ursachen. Und zu Prostitution auch.
    Was in meinem Land passiert erschreckt mich auch – der Rückzieher gestern in Sejm war ja mit Androhung einer “besseren” Lösung verbunden, so wie ich die PiS kenne, wird sie nur aus Sicht der kirchlichen Hierarchen besser …

    Angeblich – zumindest in der Vergangenheit – als ich noch Zeit hatte mich für noch weitere Vergangenheit zu interessieren – die Zeit der Großen Göttin war die friedlichste in der Geschichte der Menschheit….

    • Vieles, was Schwarzer zum Islam sagt, ist mir zu einseitig, aber bestimmte Strukturen sind natürlich vorhanden und eine klare Ausrichtung auf ein Patriarchat macht Probleme, wenn sie hier hinein gebracht werden.

      Die Große Göttin ist ja feministisches Urgestein – da MUSS alles besser gewesen sein 😀 Hey, Beltane für alle hilft immer.

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