Männer und Frauen im Bücherschrank

Ich bin gar nicht sicher, ob ich als Leserin von den Frau-Mann-Debatten im Literaturbetrieb etwas mitbekommen hätte; Feuilleton und zeitgenössische Romane haben mich noch nie sonderlich interessiert, Buchblogs habe ich auch nie verfolgt und so sonst hätte ich davon hören sollen?

Jetzt – als Schreibende – aber bekomme ich es mit, weil unter den ebenfalls schreibenden FB-Freundinnen (weiblichen wie männlichen) immer mal wieder Links herumgereicht werden – meist heißt es im Kommentarbereich, das sei Blödsinn ebenso wie das versuchte Gendern der Sprache. Letzters wollen die einen es aus sprachlichen Reinheitsgründen nicht (erklären das auch gerne mal mit Anglizismen und umgangssprachlichen Ausdrücken, was ich dann doch witzig finde), die anderen behaupten, sie hätten das gar nicht nötig, es sei doch klar, dass der Koch auch eine Köchin sein könne, weil der Koch per se ja gar nicht männlich sei. Nun gut, da will ich nun gar nicht hin, das ist mir zu müßig. Nur so viel: Ich habe mich schon als kleines Mädchen vor über vierzig Jahren nie angesprochen gefühlt, wenn von dem Schüler , dem Racker oder dem Leser die Rede war. Sowieso sollte ich hier gar nicht so lange schreiben, ich habe nämlich viel zu viel anderes zu schreiben.

Also: Es ist nun einmal so, dass Männer die Bevorzugten sind, wo es um Anerkennung, Literaturpreise, Aufmerksamkeit, Verträge und was immer sonst irgendwie mit einem möglichen monetären Vorteil zusammenhängt. Ob es der Literaturkanon ist, die Schullektüre oder die Besprechungen in Zeitungen, ob es gut dotierte Verlagschefsessel sind oder der Kritikerjob – Männer gelten per se als die Geeigneteren. Weshalb wir uns allesamt durch Homo Faber quälen mussten …

Egal, weiter. Es wird dann unter solchen Links gerne kommentiert, dass es vollkommen unwichtig sei, ob es Mann oder Frau sei, die irgendein Buch geschrieben haben, darauf würde man nicht achten bei der Auswahl. Und dass man ja beides im Schrank habe. Neben allen Tassen, vermute ich. Und ich habe auch beides im Schrank. Wobei es da ganz gar nicht gerecht zu geht, sondern nach Leistung – was die Männer klar benachteiligt. Diese Leistung bewerteich natürlich ganz und gar subjektiv. Ohne auch nur objektiv sein zu wollen. Weshalb ich darüber jetzt einfach mal etwas erzählen will. Also, über das, was in meinen Regalen so steht.

Da stehen vor allem Klassiker, Krimis, Komisches und Handarbeitsliteratur. Das sind – letzteres nur in Maßen – auch die Genres, die mich selbst schreibend geprägt haben. Wollen mir mal genauer hinsehen und fangen mit der Klassik an:

 

 

Es ist wohl hinlänglich bekannt, dass über die Jahrhunderte hinweg die lesende und dann auch noch schreibende Frau nicht sonderlich beliebt war; man vermutete, sie wolle am Ende gar selber denken und vergesse über all diesen unweiblichen Tätigkeiten die Sorge um Mann, Kind, Haushalt. Außerdem befürchtete man die Auflösung des ohnehin nicht geeigneten Hirns und ein Verrutschen der Gebärmutter. Der Horror schlechthin. Und obwohl dieser Unterdrückung wegen nur wenige Frauen zur Feder griffen und Männer daher rein durch Masse dominieren, gilt die männliche klassische Autorin auch heute noch als die wichtigere, begabtere. Weil: Sonst gäbe es ja nicht so viel mehr von ihnen, oder? Höhöhö.

In meinem Klassikregal steht es zwischen Männern und Frauen etwa 50:50. Was gar nicht so leicht zu erreichen war! Und zwar von beiden Seiten aus: Zu wenige Autorinnen und zu wenige männliche Schreiberinnen, die nicht wie Macho hoch zehn die Zeilen runterrissen.

Die männlichen Autorinnen, die ich mag, waren hingegen in der Lage , zwar ihre männliche Sicht auf die Dinge zu verwenden, aber Frauen entweder mit einem liebenden Auge oder aber einem verstehenden Geist zu beschreiben. Bis auf Goethe, der konnte das nicht, dessen Frauengestalten neigen sehr dazu, seine eigene Ansicht herauszuposaunen – besonders fiel mir das in den Wahlverwandtschaften auf: Herrliches Thema, wunderbare Sprache, logischer Plot – aber wie er Frauen hat reden und handeln lassen … Nä, der würde heute auch heulen, dass er seit #metoo ja gar nix mehr darf. Das hatte Schiller besser drauf, das mit dem Verständnis für weibliche Verhaltensweisen. Vor allem aber verstanden sich Henry Fielding, Thomas Hardy und Henry James (wenn auch gerne höchst tragisch) darauf. Und natürlich Theodor Fontane, der wohl in jedem seiner Romane ganz und gar auf seiten der Damen war. Und von diesen vier Herren habe ich dann auch so ziemlich alles im Schrank stehen.

Dem gegenüber stehen die Autorinnen – die ohne Y-Chromosom. Von denen gibt es nicht so arg viele, aber dafür haben sie die Werke verfasst, die ich mehr als ein oder zwei Mal gelesen habe: Jane  Austen natürlich, Ann Radcliffe, George Sand, die Brontes, Elizabeth Gaskell, Fanny Lewald. Vor allem George Sand war fleißig und so kommt das Gleichgewicht zustande.

Dann kommen die modernen Klassiker, das ist für mich alles zwischen Fontane und Erster Weltkrieg. Thomas Mann ist reichlich vertreten und hält für mich den einsamen Rekord zwischen Romanen, die ich liebe, und Romanen, die mir echt zu dämlich sind. Die Buddenbrooks und Felix Krull: Yay! Der Zauberberg und Lotte in Weimar: Hä? Äh, nein. Wobei der Zauberg mir im ersten Drittel sehr gut gefällt, aber dann … Naja.

Lieber ist mir da eigentlich Somerset Maugham, der eine enorme Bandbreite zwischen komisch, tragisch, spannend und unterhaltsam aufweist und auch von der Kurzgeschichte bis zum dicken Wälzer alles mitbringt. Der Mann wusste über Jane Austen nur kluges und reizendes zu sagen und so freue ich mich über seine Romane ganz besonders. Dagegen behauptet sich auf weiblicher Seite Elizabeth von Arnim, die fast vollständig in meinem Regal steht. Auch hier erreichen wir etwa eine Gleichverteilung männlich-weiblich und sollte ich endlich einmal dazu kommen, Colette zu lesen, dann könnte es in diesem Bereich zugunsten der Damen kippen. Allerdings mag ich hier einen männlichen Autoren gesondert erwähnen, denn wenn Männer einfühlsam und sonnig schreiben können, dann rührt mich das doch immer besonders: Der große Meaulnes von Alain-Fournier ist für mich, wie es die Bilder von August Macke sind – wunderschön, etwas melancholisch und von jungen Männern geschaffen, die vielleicht eine bessere Welt hätten formen können, wären sie nicht schon so jung gestorben: Beide fielen bereits im September 1914 und das ist für mich mit beider Werk untrennbar verbunden.

Ich schweife ab. Nun gut, das kennen die treuesten Blogleserinnen bereits von mir und ihr habt immer behauptet, mein Mäandern zu lieben. Nun bitte.

 

 

Wir kommen zu den Krimis. Nehmen wir mal den Agentenroman mit dazu, sonst wird es traurig. Da steht vor allem Agatha Christie. Kommt man nicht drum rum. Es steht nicht ein Edgar Wallace da, war mir immer zu bäh. Von Jakob Arjouni gibt es den ersten Kayankaya. War fein irgendwie, hat mich aber nie dazu bewegt, weitere Bände lesen zu wollen. Ich müsste noch einmal hineinschauen, um zu wissen, warum. Ansonsten zermartere ich mir gerade das Hirn, ob irgendeine männliche Autorin außer Eric Ambler in diesem Schrank steht. Vielleicht mit einem Einzelband. Aber wann immer ich einen Krimi von männlicher Hand anfing, war ich ziemlich schnell entnervt von den Stereotypen und den kreischenden Frauen, die ständig in ihre anatomischen Bestandteile zerlegt wurden: Entweder vom Mörder – der irgendwie nichts dafür konnte, hätte die dumme Kuh halt nicht einen anderen Kerl besser gefunden, ne? – oder vom Kommissar oder sonst einem tollen Hecht, der sie auf Bauch, Beine, Po und Busen reduziert. Außerdem kommt es mir zu oft vor, dass ich denke: Hallo? Welche Frau würde dies oder das gesagt oder getan haben? Dazu ist der männliche Held selten so, dass ich den in meiner Nähe würde dulden wollen.

Im Krimifeld also siegen die Damen haushoch und das war nie davon abhängig, dass ich unbedingt Bücher von Frauen kaufen wollte. Es ergab sich mit der Erfahrung und heute ist es halt ganz gemein von mir, aber ich versuche männliche Krimiautorinnen nur höchst selten noch. Obwohl es bestimmt einige gibt, die es können. Da interessiert mich dann halt oft das Sujet nicht. Das tut es aber bei Autorinnen wie Christe, Josephine Tey, Patricia Wentworth, Margery Allingham, Mary Roberts Rineheart – die alle dem Golden Age of Crime zugehören – oder aber Magdalen Nabb, Liaty Pisani, Charlotte McLeod, Phoebe Atwood Taylor, M.C. Beaton, Anne Perry, Patricia Highsmith, Donna Leon und Elizabeth George: Von cosy crime über Historisches zu Humorigen und Zeitgenössischem vertreten sie alle verschiedene Stilrichtungen.

Beim Komischen, Humorvollen, dem Lakonischen und Alltäglichen finden sich dann wieder einige besondere männliche Autorinnen: Erich Kästner und Kurt Tucholsky. Lasse ich nix drauf kommen. Aber da gibt es dann auch Vicki Baum, Irmgard Keun und viele englische Autorinnen der 20er und 30er, die mich genauso mitnehmen, und geht es dann wirklich ins Modernere, dann sind es Muriel Spark oder Celia Fremlin, die jeweils ein ganzes Fach für sich beanspruchen.

 

 

Und dann gibt es noch die Biographien – da sind Frauen viel interessanter für mich. Oder Chicklit, die ich ausschließlich auf Englisch lese, da klingt sie besser. Und die Nähliteratur, die eben auch fast ausschließlich von Frauen stammt. Für mich ist es also längst normal, an männlichen Autorinnen in den Auslagen vorbeizuschauen, was total unfair ist. Aber hey, immer dann, wenn ich eine Ausnahme gemacht habe, wurde ich enttäuscht. Und das wollen wir doch auch nicht, oder?

Na, und weil ich gerade Bilder von meinem frisch aufgeräumten Zimmer und den restlichen Buchregalen gemacht habe, kommen nun noch Fotos der Sparten Recherche, Ungelesen, Strick-und Nähbücher:

 

 

Und bei euch? Mehr Frauen oder mehr Männer im Regal?

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2 thoughts on “Männer und Frauen im Bücherschrank”

  • Schwierige Frage. Meine Lieblingsautorin ist weiblich – Diana Gabaldon. Als Jugendliche waren da mal Liese Gast, Else Ury, dann Karl May , Michael Ende und später Birgit Vanderbeke, auch Vicki Baum, Henning Mankell. Helen DeWitt, der letzte Samurai – habe ich mehrfach gelesen und war einst No.1, ich befürchte aber mit Kindern jetzt die Zeit dafür vorbei. Die Beste Liebesgeschichte von allen: Han Suyin, Alle Herrlichkeit auf Erden. Hinsichtlich der Verteilung der gelesenen Bücher auf beiderlei Geschlechter ist sehr schwierig, weil ich ein großer Bücherei-fan bin, aber bei DEN Büchern (die einen prägen, die man nicht Vergisst) überwiegen die weiblichen Autorinnen. Meine Bücherregale sind übervoll – ich kaufe nur noch Näh- und Strickbücher.
    LG
    Martina

  • Prosa – es überwiegen Männer, eindeutig. Nicht dass ich je darauf achtete, hat sich so ergeben – auch weil es einfacher war, vermute ich.
    Lyrik – hier sind Frauen in Mehrzahl (gemeinsamer Nenner für beide Geschlechter – ich vertrage Lyrik nur in meiner Muttersprache und in geringen Dosen, den Lieblings-Dichterinnen und -Dichtern vorbehalten, daher ist da kaum Zuwach zu erwarten).
    Was für mich spannend wäre – ob sich diese Bücher aus meinen Regalen heutzutage in meinen Augen behaupten würden? Sie sind alle vor vielen Jahren gelesen und wieder vergessen worden … Oder gehören zu Kategorie “wollte ich schon immer Lesen” … Grundsätzlich habe ich davon (Bücher) nicht genug … aber auch nicht genug Zeit.
    Die zuletzt gekauften Bücher waren allesamt von Frauen geschrieben worden, aber wieder – nicht deshalb gekauft, sondern das Thema war mir wichtig. Sie haben mich nicht enttäuscht, eigentlich wäre nur konsequent öfter solche Experimente zu wagen, denn vorsichtig wie ich bin bleibe ich doch bei Klassik (obwohl der Begriff ja je nach Kulturkreis und Alter völlig andere Bücher umfasst).
    Lieblingsbücher – da sind wieder beide Geschlechter vertreten, Astrid Lindgren, Lucy Maud Montgomery, Tove Janssen. Andersen für immer und ewig. Leider Tolkien (fürchterliches Frauenbild) aber auch sein viel moderner Freund C.S. Lewis. Alles mehr oder weniger Kinderbücher. Was auch immer das über mich verrät ;-).

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