Mary Jane Baxter – Fräulein Vintage

Heute muss ich erst mal nörgeln: mittlerweile wird gegenüber in der 10. Woche das Haus weggebohrt und es ist laut, laut, laut. Heiß war es auch, soll es wohl auch wieder werden zum Wochenende hin. Die Streifenbluse quält mich: die Ärmelmanschette bzw. ihre drei Knöpfe habe ich 13 mal (!) angenäht und das nachdem ich zwei Knopflöcher zwar formschön eingenäht, aber leider statt an ein Manschettenteil auf zwei Teile zur gleichen Zeit …aufgefallen ist es mir erst, nachdem ich über eine Viertelstunde in sich steigernder Verzweiflung und Hysterie nach Teil zwei suchte. Trennen dauert viel länger als nähen, eine Weisheit, deren Wahrheit ich mir nicht ständig beweisen müsste.

Viel schlimmer noch aber ist, dass ein grob gehefteter Versuch von Manschette an Puffärmel und von Ärmel an Bluse (mit Riesenschleife nicht zu vergessen!) vor dem Spiegel vor allem eines klarstellte: so sehr die Idee auch 30er war, der Effekt ist 80er. Nicht gut, gar nicht gut. Ein weiterer Versuch ergab: kurzes, gepufftes Ärmelchen hingegen ruft 30er – und es ist nicht das erste Mal, dass die Abweichung vom Vintage-Original mehr Vintage ruft als eben das Original. Jetzt müsste ich mich nur noch dran geben und weiter nähen, aber, aber, aber Alltag und neue Pläne behindern mich dabei. Ich habe auch die Haut-Serie nicht vergessen, aber dafür muss ich geistig ganz fit sein, noch ein wenig Geduld.

Weil aber Nörgelei und Vertrösterei und Zögerei nicht für fröhlich-sonnig-gute Laune sorgen, habe ich heute ein wunderschönes Buch für euch, das genau das schafft: Laune, Laune, Laune.

Fräulein Vintage: Hinreißende Accessoires einfach selber nähen ist dank seiner Aufmachung wirklich hinreißend und ich musste der Versuchung widerstehen, jede einzelne Seite abzuknipsten.
Gut, wenn irgendwo Vintage in Kombination mit stricken oder nähen auf einem Buchtitel zu finden ist, dann widerstehe ich ja eh nicht. Das ist schon schief gegangen und die Enttäuschung unsagbar, bitterlich und niederschmetternd. Diesmal nicht, gar nicht.

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Nun muss ich ganz ehrlich sagen, dass das nicht ausschließlich an den enthaltenen Projekten (etwa 40) liegt, denn im Grunde bin ich keine Verziererin oder Broschenbastlerin. Die ganz besondere Freude besteht für mich im Layout, in der Zusammenstellung, in den Texten, in der Idee. Für mich zählen oft die kleinen Dinge und als ich das Buch aufschlug und die erste Seite für eine kleine Zeichnung reserviert war, habe ich mich – vielleicht übermäßig – gefreut; kann gar nicht sagen, weshalb, aber so war es.

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Das Buch beginnt mit einem Vorwort, das die Autorin dazu nutzt, sich durch ihre Idee vorzustellen und ihre Leserin davon zu überzeugen, dass mit etwas Mut und Neugierde auf Neues etwas Besonderes zu schaffen ist und dass Kreativität oft nur geweckt werden muss. Sie erzählt auf den nächsten Seiten, wo sich Ideen, Materialien und Zubehör finden lassen. Und – was ich besonders mag – sie macht Nähanfängerinnen Mut, zeigt, wie man mit wenigen Stichen Kaufkleidung zu einem ganz eigenen Teil verändern kann und nimmt sie dabei auch an die Hand: welche Grundausstattung benötigt wird, fehlt ebenso wenig wie eine kleine Nähfibel.

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Die Zeichnungen haben es mir besonders getan, sie finden sich zu Beginn jedes neuen Kapitels:

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Nun sind Flip-Flops beispielweise nicht meines und der Begriff ‘Vintage’ ist eher locker und weit gefasst: vieles erinnert an die Vierziger, manches an die Sechziger und auch ein bißchen Flower Power mischt mit hinein. Aber gerade diese bunte Mischung, die über meine eigenen Grenzen hinaus geht, sorgt bei mir für Freude – bei manchen Ideen muss ich schmunzeln, andere möchte ich sofort nacharbeiten und wiedere andere sehe ich zwar nicht an mir, sähe sie aber gerne an anderen.

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Die meisten Projekte werden über zwei oder drei Seiten vorgestellt und erklärt, die Bilder sind klar und gut erkennbar, die Erläuterung verständlich und an Tipps wird nicht gespart und für manche der Projekte gibt es auf den letzten Seiten Schablonen, die abkopiert werden können.
Sicherlich: Vintagepuristinnen werden mit diesem Buch nicht viel anfangen können, für andere aber, die auf der Suche nach Ideen sind, wie sich Kleidungsstücke verändern lassen können oder die die Idee der früheren Jahrzehnte – nämlich das Selbermachen – schätzen, ist dieses Buch vielleicht genauso Laune-machend wie für mich.

Fräulein Vintage: Hinreißende Accessoires einfach selber nähenist erschienen bei Edition Michael Fischer und kostet 19,90 €

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7 thoughts on “Mary Jane Baxter – Fräulein Vintage”

  • Sehr süß gemacht! ich kann leider auch schwer an schönen Illustrationen vorbeigehen, deshalb klicke ich lieber schnell weiter 😉 … Viele Grüße, Zuzsa

      • Definitiv! Bei Büchern finde ich es besonders toll, wenn man unter den Schutzumschlag lugt und dann ist in dem eigentlichen Hardcover-Umschlag noch ein Bildchen eingeprägt. … da verlier ich sofort mein Herz dran!

    • Oh, das hast du wunderbar formuliert, genau so geht es mir auch – es öffnet mir ganz neue Aussichten und die Freude beim Blättern überwiegt dann auch gerne den praktischen Nutzen.

  • Ich muß es jetzt mal loswerden: woher kommt eigentlich dieser Drang, daß
    ständig das “Fräulein” in irgendwelchen Blogs, Projekten,Büchern etc. vorkommt?
    Soll es Ironie sein ? Wünscht Frau sich das “Fräulein” zurück ? Soll es bedeuten. “ich bin soooo modern und hierzeitig, ich kann es mir daher erlauben, mich Fräulein
    zu nennen”, das klingt so niedlich” ? Meine Güte, ich wurde während meiner Ausbildung als 20jährige allen Ernstes gefragt, warum ich mit “Frau” angesprochen werden will.Und immer ,immer,immer wieder holte jemand folgendes Beispiel hervor: “also ich kannte mal eine Frau, die wollte noch mit 60 als Fräulein bezeichnet werden”. Anscheinend kennt jeder (Mann) zu diesem Thema ein 60jähriges Frollein.Ich finde es nicht besonders amüsant oder was auch immer.Auch wenn es jetzt Kritik hagelt (humorlos,kapier’s nicht ) das musste einfach mal’raus…..

    • Hmm, ich weiß nicht, ob ich da der richtige Ansprechpartner bin? Aber ich denke, die Antwort ist viel simpler: in Deutschland mangelt es nach wie vor auch an deutschen Autorinnen, die sich des Handarbeitsmarktes annehmen und so sind die meisten Bücher Übersetzungen britischer und amerikanischer Literatur. Das englische Miss ist nach wie vor im Gebrauch und es gilt auch als höflich, unbekannte Frauen mit Miss statt als Misses anzusprechen – das deutsche Frau/Fräulein-Problem gibt es einfach nicht. Und so wird die Miss sicherlich oft in Fräulein übersetzt.
      Und im Vintagebereich macht das ja auch klar Sinn: es ruft ja sofort das Bild einer jungen Frau verganger Jahrzehnte vor Augen.

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