Mein Stil?

Ein großes Thema, wenn es um die Findung des eigenen Stils geht, ist die Vereinbarkeit von Alltag, Vorstellung und Einkaufsmöglichkeit – selbst, wer näht und strickt, ist auf Schuhe, Wäsche, Strümpfe, den passenden Stoff, die richtige Wolle angewiesen. Und das will gefunden werden, was wir uns vorstellen. Dazu habt ihr schon Beispiele gegeben und diese Unmöglichkeit, warme, rote und schöne Stiefel (in einem einzigen Paar!) zu finden, oder der enge Zeitplan, dem man als pendelnde, berufstägige Mutter unterliegt, wirken sich negativ auf den gewünschten Stil aus. Geht auch mir so: da sind schöne Kleider und Röcke beendet und warten auf Ausgang, aber ein Paar Schuhe, die dazu passen und auf denen man seinem Alltag nachgehen kann, sind nicht aufzutreiben. Ohne Kompromisse geht es nicht, aber aus derlei Stolpersteinen kann sich wiederum etwas ganz Eigenes entwickeln.
Nun ist der eigene Stil ja nichts, was man am Reißbrett im stillen Kämmerlein entwickelt, um ihn dann am nächsten Tag mit einer Einkaufstour durch die einschlägigen Filialen umzusetzen. Den guten Stil mit seinen klassischen Versatzstücken kann man wohl planen, der eigene muss sich entwickeln – das kann dauern. Nun habt ihr euch darum Gedanken gemacht, wer ihr sein und was ihr braucht. Nun macht ihr euch Gedanken, wie ihr wahrgenommen werden wollt. Oder eben auch nicht. Wer gar nicht beachtet werden will, hat es schwer, denn ihr könnt nicht beeinflussen, was andere sehen und denken 🙂 Es gibt Dinge, die lassen sich nicht ändern – da sind wir wieder bei den grünkarierten Maiglöckchen. Trage ich rotes Lackleder, am besten noch in Form eines geschnürten engen Rockes, dann darf ich mich nicht beschweren, dass ich einer bestimmten Berufsgruppe zugeordnet werde. Laufe ich in Reithosen durch den Wald, wird jeder vermuten, ich käme aus dem Reitstall. Mit diesen Assoziationen könnt ihr spielen, ihr könnt euch dainter verstecken, ihr könnt sie enttäuschen. Macht euch nur klar, dass alles, was ihr tragt, von anderen eingeordnet werden wird. Will sagen: überlegt euch, wofür ihr nicht gehalten werden wollt 🙂

Der eigene Stil kann sich auch aus Fähigkeiten oder Unfähigkeiten entwickeln, aus Spaß am Experiment, aus Faulheit, aus Versehen: ich füge mich jetzt mal als Beispiel ein, bevor ich dazu komme, wie denn nun Figur, Aussehen, Alltag den eigenen Stil beeinflusse oder bestimmen. Mein Stil ist im Grunde immer der Gleiche gewesen, wenn er auch nicht immer sichtbar war. Immer schon hatte ich eine Vorliebe für das sehr Klassische, eine Neigung, einfach das zu tragen, was ich vorher als Guten Stil definiert hatte. Blöderweise sah vieles an mir nicht gut aus: weiße Blusen, schwarze Kleider? Gar nicht gut. Die Phase Anfang meiner Zwanziger, alles in Beige, Sand und Apricot zu haben (weil ich mir auf dem Kreuzfahrtschiff die Haare mit Henna hatte knallrot färben lassen – so kann eine spontane Idee den eigenen Stil massiv bestimmen oder verirren), war keine gute Phase: in nichts sehe ich so tot, so gesetzt, so spießig aus. Eine Schwangerschaft mit 12 Kleidungsstücken zu überstehen, von denen höchstens die Hälfte dem entsprach, was ich tragen mochte – uih, das wirkte sehr (ver)störend. Mit 30 Kilo mehr auf den Rippen ein halbes Jahr stillfreundlich gekleidet sein zu müssen: nicht die beste Zeit für einen guten Stil. Was immer mir in Woche 3 nach der Geburt passte, war zu groß in Woche 5. Ich griff eigentlich nur noch nach Kleidungsstücken, in die ich irgendwie passte. Von da aus in das übliche Mutti-Outfit von Jeans, Pulli und flachen Tretern war schon vorgegeben, nur dass in meinem Fall erst noch einmal der Griff zu den 12 Schwangerschaftsklamotten anstand – das Ganze noch einmal von vorne. Bis ich dann nach drei Jahren wieder in eine meiner Jeans passte und nicht in die des Gatten, war mir stiltechnisch gesehen alles egal.

Ich hatte den Großen gerade abgestillt, als ich wieder mit dem Stricken begann und mir auch ein paar luftig-weite Sommerröcke zulegte. Wie gesagt, dauerte diese Phase nicht lang an; 12 Wochen später war ich wieder schwanger und das Stricken lag vorerst erneut auf Eis. Aber nachdem Tommy abgestillt war, hing ich schnell wieder an der Nadel und im November 2007 entdeckte ich meine erste Strickanleitung aus den Dreißigern: Daliet (sind doch alle bei Ravelry hier, oder?)

Meine Haare waren dünner geworden, ich sah unglaublich fertig aus, hatte einige nicht so gute Friseurinnen erwischt und hing in den Seilen – Pony? Ich? Gruselig. Sogar abgeschnitten wurden sie, was ich sofort bereute, nachdem die Friseurin mir das Werk mit den Worten “Pfiffig, frech und witzig” präsentierte. Will ich witzig aussehen? Ich mag was Witziges sagen, aber das alle Welt in hilfloses Lachen ausbrechen soll, wenn ich auf die Straße trete … nein, das wäre mir nicht recht. Und pfiffig? Sollte dieses Wort nicht schon seit Jahren aus dem Wortschatz gestrichen sein? Pfiffig? Und frech? Freut sich die Verkäuferin, die ich um einen Umtausch bitte, wenn ich das auf freche Art tue? Und überhaupt passten diese kurzen Haare zu gar nichts, was ich trug; und noch weniger zu dem, was ich tragen wollte, hatte ich doch die Dreißiger in Form von Strickpullis für mich entdeckt. Schwerer Irrweg. (Das muss ich mir jetzt ganz deutlich sagen, bin gerade ganz unzufrieden mit meinen Haaren. Nicht kurz schneiden!!) Alles, was ich trug, wirkte auf einmal sportlich oder wie aus einem fremden Kleiderschrank entwendet. Ihr könnt nicht viel erkennen, aber als Impression:

Nachgeschnitten wurde nicht, so besserte sich die Optik bald:

Die Haare wuchsen auf Ohrlänge und mittlerweile strickte ich nur noch die kleinen Pullöverchen. Wahrscheinlich würden die meisten von euch sagen: ja, das ist dein Stil, daran erkenne ich dich, ganz deines: taillenkurz, kurze Ärmel, hochgeschlossen, körpernah, sehr Dreißiger/Vierziger. Wenn ich euch nun sage, wie das kam, dann werdet ihr verstehen, was ich mit Stil aus Faulheit heraus meinte 😉 Bis zu Daliet war ich eine der Strickerinnen, deren MP zwischen 16 und 22 Maschen liegt; in dieser Garnstärke befinden sich die meisten angebotenen Wollen heutzutage. Wenn ich auf eine Anleitung stieß, die bei 22 Maschen lag, wurde mir schon mulmig, das dauert ja soo lange. 24 Maschen waren schon eine Qual und nun 28? Da musste ich ganz schön schlucken und nach wie vor liegt meine Schmerzgrenze bei etwa 130 M/R.
Und dann noch lange Ärmel – da schrecken mich nicht die vielen Reihen bis nach oben, sondern die Langeweile beim Stricken eines nur minimal geformten ewigen Rechteckes (weshalb ich auch kaum Schals besitze). Ich brauche immer Abwechslung, muss schnell mit Dingen fertig werden können und so fühlte ich mich von all den kurzen Ärmelchen in Vintageanleitungen angesprochen. Meine durchschnittliche Fertigungszeit für einen Pulli lag damals bei etwa 8 Tagen und alles, was länger dauerte, langweilte mich schnell, wenn es nicht besonders viel bot an Muster oder Schnittführung. Dazu mag ich lange Ärmel an mir gar nicht, wenn etwas um mein Handgelenk herum liegt, werde ich wahnsinnig. Ärmel über dem Ellebogen sehen schnell durchgewetzt aus, es pillt dort schnell und stark – weshalb also das kostbare Material so unnütz quälen? Ich trage “meine kurzen Dinger” (Zitat Eva am Samstag 😉 ) eher zufällig und eher zufällig fand ich das, was zu mir passt, was mich widerspiegelt. Was genau das über mich sagt? Keine Ahnung. Spießige Tussi vielleicht?

Nun hatte ich eine Schublade voll von taillenkurzen Pullis und die Läden hingen immer noch voll von Hüfthosen und -röcken, die ich eh hasste, weil sie genau auf meiner breitesten Stelle saßen, da quetschten und ungünstig betonten. Das war nun sicher nicht mein Stil: Quetschhüften, zehn Zentimeter nackte Quellhaut und dann ein biederes Pullöverchen. Nächster Schritt: ich nähe mir einen schmalen Rock dazu. Pure Verzweiflung mit dem Nähen anzufangen. Egal, wie die Röcke auch verarbeitet waren oder wie sie saßen: es sah besser aus. Und auf einmal sah ich anders aus als alle anderen in meiner Umgebung. Turnschuhe oder flache Ballerinas dazu sahen gar nicht aus: so wuchsen mir Absätze. Dass diese nun auf manchmal 12 cm angewachsen sind, ist nicht ganz freiwillig: es gibt einfach keine Schuhe mehr, die bei 8 cm liegen; entweder dicke kurze Absätze, die mir gar nicht stehen oder aber Plateau und Riesenabsatz, die immerhin modern sind. Auch aus den Gegebenheiten entwickelt sich ein Stil …

Damit bin ich noch nicht am Ende, muss aber jetzt Kind zwei samt Freundin von der Schule holen, später noch Kind eins samt Freund – macht heute vier Kinder, zwei Geschwisterpaare in unserem Haus. Total entspannend! Da hilft nur stricken. Meine Nähpläne sind noch vorhanden, nur langweilen sie mich etwas und ärgern mich zu dem (blöder Mantel, blöder, blöder Mantel!). Die beiden Röcke, von denen ich vor ewigen Zeiten sprach, sind im übrigen fertig und tragbar. Die liebe Eva kann zum Faltenrock etwas sagen; ich zeige euch schnell den schmalen Rock – Quintessenz meines Stils? Habe ich einen? Welchen? Weiß ich selbst nicht 😉 Ich sehe nur, dass ich unglaublich alt, müde und fertig aussehe, der Rock aber nach schon zwei Tagen Haushalt und Autofahren sich anständig verhält, trotzdem der Wollstoff für einen Wollstoff arg knittrig ist. Mein Geschreibsel ist heute auch knittrig. Einfach nicht mein Tag heute, man sieht es deutlich:

Die neue Kamera und ich: so langsam wird es. Nur finde ich ihren Blitz gemein. Er ist hell, so hell, dass ich danach blind schwanke. Als beste Einstellung hat sich bei mir – wie peinlich ist das? – die Einstellung “Kinder und Tiere” erwiesen: mit Verwacklungsschutz und langer Belichtungsdauer, weil die lieben Kleinen ja nicht still halten können. Die letzten beiden Bilder sind versuchsweise mit “Portrait” aufgenommen und entsprechend unscharf. Es muss auch schmeichelhafter gehen, denn gar so glänzend-bleich und geisterhaft sehe ich zumindest am frühen Vormittag nicht aus … hoffe ich. Eva???

Diese Beiträge könnten dich interessieren:



9 thoughts on “Mein Stil?”

  • Nein, du siehst nicht geisterhaft bleich am frühen Vormittag aus – ich kann es bezeugen !!
    Und der Faltenrock sieht klasse aus an der Frau und in echt 🙂 Auch wenn Andrea meinte, das er vielleicht etwas spießig sein könnte … kommt immer darauf an, was man dazu trägt. Die “kleinen Dinger” nehmen die ganze Spießigkeit, die so ein Faltenrock schnell haben kann. Deinen Stil – wie könnte man ihn beschreiben … vielleicht einfach “Typisch Michou” ?! 🙂

  • Aber bin ich eben gar nicht – kurzhaarig. Auf einmal hält mir kein Herr mehr die Türe auf, sondern jeder Kerl klopft mir kumpelig aufs Rückgrat. Eigentlich “bin” ich ein kinnlanger Pagenkopf, aber das ist die Frisur, die Steve überhaupt gar nicht leiden kann …

  • ich kann Eva nur beipflichten – so geisterhaft und müde auszusehen wäre für mich ein Traum ;-). Ich kann verstehen was Du bezüglich der Haarlänge meinst. Ich mochte zwar die kurzen Haare an Dir sehr, aber nachdem ich Dich in “echt” getroffen habe finde ich dass die langen besser sind. Nicht im Sinne dass sie besser stehen (Du siehst in allen Haarlängen super aus – bis auf den Pony, aber ich bin eh ein großer Pony-Feind, vor allem auf mich bezogen), sondern das Gesamtbild ist mit längeren Haaren stimmiger.
    Ich versuche Deine übung auf mich zu “übersetzen” – macht sehr viel Spaß, aber viel weiter gekommen bin ich nicht … Vielleicht nach dem unbedingt stillosem Urlaub werde ich etwas mehr Klarheit bekommen (bin sehr Pfadfinder wenn es um packen geht, auch wenn ich nie ein Pafdfinder war – aber ich mag keine großen Koffer … ). Distanz kann hier nicht schaden… Übrigens – ich neige dazu jedes Jahr weniger Kleidungsstücke in Urlaub mitzunehmen, dafür wächst die Kosmetikausttatung ins unermessliche … (warum schreibe ich das nur?!)

    liebste Grüße

    PS das rote Oberteil mag ich furchtbar gerne und mit dem Rock sieht es hammermäßig aus

  • 😉 Sag es doch gerade heraus: ich bin halt eine pingelige Prinzessin, die überall noch eine Erbse findet – und kurze Haare lassen sich gar nicht vom Turm werfen …

    Klar muss deine Kosmetikasammlung wachsen: die Haut ist doch unser schönstes Kleid, lässt sich nicht flicken, nicht anpassen und nicht austauschen. Kann nur liebevoll gepflegt werden. Und wehe, irgendwer hört dabei auf die Tipps in der Brigitte!!!!

  • Also erstens hätte ich gedacht, dass Du schon immer diesen Stil hattest. Der scheint so mit Dir verbunden… Aber im Grunde ist es ja auch so, dass wir den Stil an sich schon in uns haben, ihn nur finden müssen 😉
    Jetzt wo ich das mit den Haaren gelesen habe, fällt es mir auf: früher waren die kürzer! Jeck! Ich kenne/lese Dich anscheinend erst seit mindestens “Mitte Hals”, aber auf den großen Bildern fiel mir jetzt auf, dass die ganz schön lang geworden sind. Und das steht Dir ausgezeichnet!

    Spannend finde ich zu lesen, wie Du durch die Kinder zu Deinem Stil gefunden hast. Zumindest verstehe ich das ein bisschen so, denn diese allumgreifende Veränderung im Leben schickt einen ja figurlich und persönlich ganz schön auf die Reise. Bei mir zeichnet sich das anscheinend auch ab: klar wird gerade alles praktischer und hohe Absätze oder Hemdblusenkleider (große Liebe) zu Kitten-Heels sind gerade nicht so richtig passend in der Aachen-und-sein-Kopfsteinpflaster oder der sie-beginnt-zu-krabbeln-Phase, aber ich finde mich in einer Art “Jack Wolfskin Abenteuer Chick” sehr gut wieder. Oder ist Tommy Hilfiger da der Vorreiter als Vertreter der amerikanisch-sportlichen Mode? Ich weiß es nicht und wie gesagt entdecke ich mich da gerade erst drin. Vorher war das immer ein No-Go, weil ich es für das Büro für unpassend hielt. Aber für die Rückkehr dahin im Februar finde ich sicher noch Varianten dieses Stils, die sich auch dort chick und weiblich in Szene setzen können.

    Ich bin gespannt auf die Fortsetzung. Gibt es eine? Wenn nicht, bin ich nur auf mich selbst gespannt. Denn zum Nachdenken komme ich ja jetzt und wenn der Stein einmal rollt…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Einverstanden

Please leave these two fields as-is:

Protected by Invisible Defender. Showed 403 to 531.571 bad guys.