Mg 11 – Krempelliese und endlich selbstgenäht

Die eine oder andere erinnert sich mit Schaudern – ich selbst auch – mit welchen Schwierigkeiten ich zu kämpfen hatte, bevor ich den simpelsten all meiner Mäntel konstruiert und genäht hatte. Diese Schwierigkeiten waren hausgemacht, saßen nur in meinem Kopf, der sich nicht an den Gedanken gewöhnen wollte, dass es auch einfach geht. Ganz, ganz einfach. Heute ist mir das verständlich, denn mein Wunsch, eigene Schnitt entwerfen zu können, entstand mit dem ersten Blick in Harriet Pepins “Modern Pattern Design” – und letztenendes habe ich es mir mit diesem Buch ein gutes Jahr später auch beigebracht. Was heißt: meine Ausbildung fand 1941 statt. Figurbetont, mit Abnähern, die an die unvorstellbarsten Ecken geschoben und in unglaubliche Raffungen und Falten aufgelöst werden, mit Schrägschnitt, unterschiedlichen Fadenläufen und möglichst mit einer Passform, die sich auch in der Bewegung kaum auflöst.

Nun könnte man meinen, wenn man gleich mit solchen Raffinessen beginnt, dann sollte einem alles Einfachere leicht fallen. Vielleicht liegt es nur an mir und ich bin im Simplen mies und im Schwierigen zumindest besser. Aber ich glaube, auch andere haben das erlebt: mein erstes Kleidungsstück, das nach einen Reißverschluss verlangte, erhielt einen unsichtbaren. Einfach, weil das auf dem Umschlag stand und ich natürlich keinen Schritt von der Anleitung abwich. Es war eine Tortur, aber irgendwann war er drin und ich der Meinung, so sei das halt mit Reißverschlüssen. Einen nach dem anderen nähte ich ein, mehr oder weniger gut, aber zunehmend leichter und sicherer. Bis irgendwann einmal eine zu mir meinte: “Was soll denn die Qual, als Anfängerin könntest du doch viel besser normale Reißverschlüsse verwenden?”

Ähm, wie … normale? Es gibt noch andere? Und siehe da, im nächsten Projekt wurden solche verlangt, ganz ohne Spezialfüßchen. Hach, hatte ich es mir unnötig schwergemacht? Um das folgende Elend abzukürzen: ich kann die angeblich viel einfacheren normalen RVs bis heute nicht einnähen. Und sie gefallen mir auch nicht, das macht es unproblematisch. Nahtfeine sind deutlich unkomplizierter, schneller und schöner zu verwenden und wie immer beim Nähen wähle ich den leichten Weg.

Ähnlich ging es mir mit dem Kochen: als Schlüsselkind großgeworden, war ich daran gewöhnt, mir mittags erst das Essen des gestrigen Abends aufzuwärmen, es irgendwann auch zu strecken, zu verändern und etwas neues dazu zu geben. Ich fing an zu experimentieren und bekam mit acht ein Kochbuch für Kinder, aus dem ich mit Wonne für meinen kleinen Bruder und mich kochte, wenn unsere Eltern abends einmal aus waren. Der Navajo-Eintopf ist bis heute unvergessen, jagte jedem Erwachsenen einen Schauder über den Rücken und schmeckt heute meinen Jungs und mir (der Gatte schaudert …). Meine ersten eigenen Gerichte waren also Eintöpfe, chinesische Pfannenrührereien und Aufläufe. Wie sollte es anders sein: es dauerte zwei Jahrzehnte, bevor ich in der Lage war, etwas angeblich simples wie krosse Bratkartoffeln (bis heute Glückssache) oder ein nicht zerlaufenes Spiegelei hinzubekommen.

In meiner ersten Stelle wäre mir das beinahe zum Verhängnis geworden – als ob diese Chefin nicht schon Schicksal genug gewesen wäre. Ich musste das Modellieren von Fingernägeln erlernen, was mir nicht sonderlich gefiel; ich fand diese Krallen albern. Nun war besagte Chefin eine wirkliche Könnerin und ihre Nägel samt und sonders edel und perfekt. Dennoch – das war nicht meines, aber da musste ich durch. Ich bekam die simpelsten Hände mit perfekten Nagelbetten, deren Nägel einfach nur zu dünn waren. Ich übte und entwickelte sogar Spaß daran, aber so schnell ich auch wurde und so gut sie auch aussahen: meine Nägel hatten eine Halbwertzeit von anderthalb Wochen. Zum Verzweifeln. Bis eines Tages eine der Problemkundinnen mit abgebissenen Krallennägeln (der Horror für meine Chefin) und Arthritis als Notfall in den Laden schneite – samstags, wenn meine Chefin mich alleine ließ in einer menschenverlassenen Gegend und einem abgeschlossenen Fernsprechapparat, damit ich nicht rund um den Globus telefonieren würde. Dazu könnte ich jetzt zur Schwangeren überleiten, aber das ist eine andere Geschichte. Nun saß sie da, mit einem großen Empfang am Abend (Bundeshauptstadt, man erinnert sich ungern) und einer komplett ruinierten Hand, die sie keinem Kanzler entgegenstrecken wollte. Chefin nicht erreichbar, also tun wir unser bestes. Entweder ich sah in dieser Hand einen Sinn oder ich kann nur kompliziert, aber diese Nägel waren wunderschön und sie hielten. Hielten noch, als sie vier Wochen später wieder kam. Zwei Monate danach hatte meine Chefin noch mehr Freizeit und ich alle Problemfälle. Hätte ich dort auch nur einigermaßen anständig verdient und sie sich ein wenig netter verhalten, dann wäre ich niemals auf dem Sowjetdampfer gelandet …

Gut, nun wollte ich am Freitag also eine ganz schlichte, bereits angepasste Hose nähen; das ging schief und ich war gefrustet wie schon ewig nicht mehr. Auf FB jammerte ich vor mich hin, bekam Ermutigung und Klapse und von Svea handfeste Tipps für Modelle, die sie sich für mich vorstellen könnte (und dazu eine Unterhaltung, die ich sehr anregend fand und zu der ich noch ein paar Überlegungen habe …). Und so riß ich mich zusammen, schnappte mir eine der beiden COS-Blusen, weit mit Kimonoärmeln ohne jedes Tamtam, und malte ihre Umrisse ab. Daraus sollte ein Kleid mit leichter Eiform und zwei Kellerfalten werden, ähnlich, wie Svea mir eines zeigte.

Gestern dann wagte ich mich ran und schnitt mutig zu. Und Mut brauchte ich, denn der Schnitt sah aus, wie ihn ein Kind zeichnen würde. Das Ergebnis: der Gatte ist in der Lage, sogar in diesem weiten Büßerhemd Sexiness zu sehen – und wir wissen, wie ich dazu stehe, der große Sohn ist ehrlich und findet es seltsam und der kleine findet es ziemlich schön, aber lustig von der Seite. Ich finde es vor allem unglaublich bequem und eine Mischung zwischen angezogen und sehr luftig; gewöhnungsbedürftig ist für mich weiterhin das Freilegen meiner Beine. Ich glaube, ich könnte 150 kg wiegen und hätte noch immer keine Waden …

 

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Die Küche, trotz ihrer scheinbar antifeministischen Ausstrahlung, hat für den Moment gewonnen: das sehr kühle Licht hier steht mir deutlich besser als die sehr warmgefärbte Umgebung des Wohnzimmers. Schummeln mit meinen eigenen Farben tun sie beide.

 

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Ja, die Balance stimmt nicht ganz, aber bei einem sehr grob von einem Kaufshirt abgenommenen Schnitt sehe ich das entspannt und eigentlich gefällt mir die lustige Silhouette auch. Mit ein wenig Glück nähe ich heute nachmittag ein weiteres Leinenkleid – entweder ohne die Kellerfalten oder eines, das die Kellerfalten zum kompletten Aufspringen zwingt und nach unten hin enger wird. Beides will ich ausprobieren.

 

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Und weshalb Krempelliese? Weil mir die unvergleichliche Ute aus meinen Norderneyertagen das Krempeln injiziert hat. Ich hatte sie schon oft hier erwähnt, weil nichts und niemand so prägend war wie diese tolle Frau. Sie war diejenige, die im Sommer die Jil Sander-Boutique der Insel betreute und sicherlich rührt auch daher meine neue Liebe zu COS (ja, jetzt dürft ihr mich schlagen, ich erwähne es nicht mehr wieder!). Sie zog mich an und zog mich um. Und ich kann gar nicht zählen, wie oft ich im ersten Jahr mit Blick auf das von ihr ausgesuchte Kleidungsstück mich ablehnend äußerte. Nicht, dass sie das interessierte; sie zog es mir dennoch über. Oft genug stand ich vor dem Spiegel und meckerte weiter, weil es einfach öde und langweilig und irgendwie zu weit, zu lang, zu kurz, zu irgendwas war. Nichts, was Ute nicht mit einer geschickten Krempelei, Knoterei oder Zieherei hätte beheben können. Dieses Kleid da oben ohne gekrempelte Ärmel … Büßerhemd trifft es schon. In meiner Wahrnehmung sind es die hochgeschlagenen Ärmel, die erst ein Kleid aus dem Säckchen machen. So klug bin ich mittlerweile, dass ich manche Sachen von vorneherein so konstruiere, dass das Krempeln möglich (oder nötig?) ist.

Hach, ein langer Beitrag mit wenig Inhalt, ich befürchte, ich kann das Kochen nicht länger herauszögern und das ist feministisch-emanzipatorischer als gedacht: ich bin eine fimschige Vegetarierin mit hohen Ansprüchen und dazu sehr lustbestimmt beim Essen – die Vorstellung, diese Arbeit aus der Hand geben und mich mit dem zufrieden geben zu müssen, was andere mir hinstellen: da schaudere jetzt ich. Es lebe der Navajo-Eintopf!

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10 thoughts on “Mg 11 – Krempelliese und endlich selbstgenäht”

    • Am Nachmittag hatte ich dann schon wieder Leggings und Pulli an: zum Einen, weil es ungemütlich wurde und ich kuscheln wollte und zum Anderen, damit ich brav meinen Sport absolvieren würde 😀
      Gleich mache ich mich an den nächsten Zuschnitt, aber wer weiß, wann ich zum Tragen kommen werde, grau wie es gerade ist 🙁

  • Ich finde, dieser Stil steht dir auch sehr gut! Ich war von deinen Vintage- Sachen so was von begeistert, aber muss zugeben, du siehst nicht nur in Bleistiftröcken gut aus. Die Farbe ist wunderschön, duck egg blue? Ich lese deinen Blog sehr gerne und bin gespannt auf weitere Projekte von deiner Hand.
    Viele Grüße von Aud aus Norwegen

    • Ich danke dir sehr und auch dafür, dass du eigentlich die Erste bist, die beides mag – entweder ich höre, endlich ist der alte Kram weg oder ich erfahre, dass das sehr sehr traurig sei 😀
      Ja, es ist ein duck egg, ein klein wenig gräulicher noch als auf dem Bild. Meine absolute Lieblingsfarbe und es ist noch genug für ein Oberteil da. Besser geht es doch nicht, oder?

  • Quote: Hätte ich dort auch nur einigermaßen anständig verdient und sie sich ein wenig netter verhalten, dann wäre ich niemals auf dem Sowjetdampfer gelandet …

    Die Geschichte mit dem Sowjetdampfer würde mich ja jetzt schon sehr interessieren 😉

    • Das habe ich doch schon einmal gehört vor zwei Tagen und ich war mich sicher, ich hatte das hier ausführlich erzählt – aber ich kan nichts finden. Zu seltsam … da könnte ich wohl ruhig was draus machen, oder?

  • Hach, du siehst rank und schlank in diesem Kleid aus – gefällt mir sehr gut! Und weckt meinen Neid auf grosse Frauen… so lange schöne Beine kommen immer gut.

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