Mysterien der Schnittkonstruktion – Taille suchen und finden

Wir können gerne als erstes festhalten: ich bin seltsam. Denn vielleicht ist es ein Problem, dass nur ich habe: ich kann meine Taille – vor allem im Rückenbereich – nicht finden. Jajaja, jetzt kommt mir nicht mit dem Gummiband um die Taille und seitlichen Turnübungen; das haben wir (ich und der/die jeweilige Messer/in) schon hinter uns. Da mein Gewebe wirklich sehr weich ist, schnürt auch das zartest gebundene Band ein und verfälscht damit meine Hüftmaße. Abrer das ist ein ander Ding und wird sofort gestrichen und vergessen. Taille also!

Seit ich nähe, habe ich fast immer Probleme am Rücken; auf allen Bildern und meist auch in der Realität scheint er zu lang zu sein. Da wird dann gemessen, gezuppelt, gesteckt, geschnitten ohne jedes Ende. Ist er erst einen Zentimeter zu lang, so ändere ich ihn zögerlich und entferne ihm einen halben Zentimeter. Mißt dann der gleiche Messer – meist der Ingenieursgatte und damit der Genauigkeit verpflichtet – nach, so wird behauptet, nun fehlte mindestens ein halber Zentimeter. Wo doch wenigstens noch ein halber zuviel sein sollte. Das auf und ab in meinen Seitenlinien und Rückenlängen über die letzten Jahre ist so, dass es einem beim Hinschauen schwindelig wird. Und immer, immer ist es verkehrt. Halt, nein, es gibt ein Kleid, bei dem es perfekt saß. Natürlich habe ich mir das Maß abgenommen – hat auch nichts genutzt.

Nun habe ich ja zugelegt und zwar in Zentimetern so, dass eine erneute (kurzes, genervtes Aufjaulen) nötig wurde: mehr Oberweite, mehr Hüftweite, mehr Bauch. Das habe ich grob in den Schnitt übertragen und ein Probemodell genäht. Dummerweise habe ich gestern weder Zeit noch Lust noch überhaupt die Idee gehabt, das zu knipsen. Von vorne saß es gut und meine Vermutung, mehr Armlochbreite zu benötigen, war korrekt (1:0 für mich). Auch die Mehrweite von zwei Zentimetern rundum am Oberteil – korrekt (2:0).

Hinten schob sich das Oberteil wie üblich zusammen und legte sich unfreundlich um jede Gewebewelle – hmmm. Nun hatte ich noch niemals einen geraden Rock an ein Oberteil genäht und es war gut, dass ich das endlich mal tat: ein Teil des Problems lag in meinen breiten und hohen Hüften, die gerne mehr Stoff hätten (schon wieder, noch mehr Jaulen). Aber auch die Seitenlinie und die Rückenlänge dürften, glaubte ich dem umgelegten Gürtel, kürzer sein. Also Rock und Oberteil abtrennen, die Seitennaht öffnen und auch hier 2 cm zugeben – machte mit dem schmäleren Abnäher 3 cm rundum. Neue Taillenlinie markieren, zusammensteppen, anprobieren – deutliche Verbesserung (3:0)

Aber der Rücken warf Falten und es ist nicht leicht, zwischen meinen ausgeprägten Rückenfalten (:-( ) und denen des Stoffes zu unterscheiden – perfekte Glätte ist ohne Mieder nicht drin. Auch zur Brust zog sich von der Seitennaht noch immer eine leichte Spannungsfalte. Was folgt, war akrobatisch: ich habe den Rücken um einen Zentimeter abgesteckt und diese Steckerei nach vorne zum Brustpunkt ins Nichts auslaufen lassen. Fühlte sich, nachdem ich mich erholt hatte, sehr gut an – ungewohnt fest und stützend.

Der Blick in den Spiegel – 4:0! Gar nicht schlecht. Ich warf mir erneut den Gürtel um und jubelte: er saß haargenau auf der Taillennaht. Der Rock könnte sogar noch mehr Spiel bekommen und die Abnäher wieder etwas länger werden. Aber das war doch der richtige Weg, obwohl meine Gürteltaille deutlich höher saß als meine gefühlte.

Heute morgen dann sprang ich in das Kleid mitsamt seinen Nadeln – sie pieksen, aber ich weigere mich, das als 4:1 zu werten. Und sah in den Spiegel … ähm … hä? Der Rock saß nun recht locker, aber durchaus angenehm, es zeigte sich hinten eine leichte Zugfalte zur Hüfte hin, aber ignorierbar. Alles saß ganz gut eigentlich, aber etwas war anders: also noch mal den Gürtel drüber und Wunder über Wunder: meine Gürteltaille stimmt morgens mit meiner gefühlten überein und die Taillennaht sitzt etwa einen Zentimeter darüber.

Weshalb nun erzähle ich das in epischer Breite? Damit ich es mir merke! Meist habe ich nur vormittags die Zeit zum Messen, konstruieren und zuschneiden. Genäht wird meist gegen abend hin und bei der ersten Anprobe dann kann ich nur noch Frust entwickeln. Hängt natürlich auch noch von Monatszyklus, Marzipanzufuhr und Meckerbereitschaft ab. Also ein Spiel, das ich nur verlieren kann, wenn ich es so spiele.

Was also tun? In einem meiner viel zu vielen Bücher zum Thema – Schnittentwicklung von Dennic Chunman – wird dem angehenden Designer geraten, bei Kleidern die Taille immer um einen Zentimeter zu erhöhen, damit das Kleid möglichst vielen Kundinnen passt: eine zu lange Taille wird mehr Schwierigkeiten bereiten, als eine, die zu hoch sitzt. Heißt für mich: die Taille bleibt jetzt da oben und heute nachmittag beginne ich damit, den Papierschnitt anzupassen und möglichst bis Sonntag noch einmal zu nähen. Ab dann darf es dann bitte endlich ans Feine gehen …

Und weil Bildchen ja ganz wichtig sind, gibt es welche von heute morgen: ohne Gürtel, aber rundum abgesteckt.

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Was sich da so unterhalb der Stecknadeln noch krüselt … das bin ich. Ohne operative Maßnahmen lässt sich das nicht in den Griff bekommen und – Wunder über Wunder – derlei lehne ich ab. Und irgendwann muss das ja mal losgehen, die Sache mit dem sichtbaren Altern. Und da sehe ich es nur selten 😀

Dazu verschmälerte Rückenabnäher an Rock und Oberteil – korrekt (3:0).

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17 thoughts on “Mysterien der Schnittkonstruktion – Taille suchen und finden”

  • Wow, das sitzt ja toll! Was für rasante Kurven!

    Ich stimme mit dem Buch überein und setze die Taille im Zweifel auch lieber höher, denn Querfalten im Rücken durch zuviel Länge sind gar nicht schön.

    Wie aufregend was du jetzt mit dem neuen Grundschnitt anstellt. Mit etwas mehr Halsausschnitt wäre es direkt ein irres Bombshell-Kleid. Oder du machst es in schwarz mit kleinem weissen Kragen. Dann bist du bei den nächsten Hausaufgaben die unerbittliche Gouvernante. 😉

    • Wie immer, wenn ich auf dich hoffe, tauchst du auch gleich auf – da fühle ich mich gleich viel sicherer. Ich hoffe ja zu sehr, dass wir nochmal eine Chance haben, uns zu treffen und ich kann dir nur raten, dir dann tausend Hautfragen zu überlegen, weil andersherum ich dich entsetzlich ausquetschen wollen würde …

      Also Taille auf Abendhöhe setzen, Änderungen einnehmen, vielleicht das Armloch noch was tiefer, Rockabnäher hinten anpassen, ev. noch einen Tick mehr Weite in das hintere Rockteil und dann weitersehen.

      Kurven – naja, aber so ungleichmäßig. Bei diesem Teil wird so sehr deutlich, wie gerade und schmal mein Oberkörper ist 😀

  • Das sieht gut aus!!
    Auf die Morgen/Abendsache hätte man kommen können. Manchmal ist die Lösung einfach zu simpel.
    Ich bin gespannt wie weit du am Sonntag bist.
    Liebe Grüße
    Arlett

  • Eine Taille, die über den Tag wandert ?? Du kommst auf Sachen 😀 Also bei dem Kleid sitzt sie … das heisst, du darfst es immer nur zur gleichen Tageszeit tragen 😀 😀

  • Ich habe mich diese Woche auch endlich, endlich mal an meinen neuen Grundschnitt gesetzt.

    Bei mir lag das Problem des faltigen Rücken übrigens daran, dass meine Hüftweite nicht dort war, wo ich sie brauchte. Am Ende habe ich an der Seitennaht jede Menge weggenommen und in der hinteren Mitte dazugegeben. Beim nächsten Mal muss ich dann noch Weite unterhalb der Abnäherenden dazugeben, d.h. ich werde Teilungsnähte konstruieren müssen.

    Liebe Grüsse Lucia

    • Ja, diese Vermutung hatte ich dann ja auch und habe insgesamt 3 cm zugegeben: einmal gleichmäßig über die Seitennaht und dann über die schmäleren Abnäher. Das hatte ich als erstes gemacht, bevor ich die Rückenlänge gekürzt hatte. Glaube auch, dass das ein entscheidender Faktor war. Mal sehen, was der nächste Versuch zeigt …

  • ich schweige voll Bewunderung – für so viel Wissen und für das Ergebnis (ja ich weiß, wäre auch für mich höchste Zeit den Grundschitt in Angriff zu nehmen, ich schiebe es aber lieber auf bis zu Rente … :-S)
    Das mit der Taille werde ich mir aber merken (das frisch genähte Kleid hat auch zu langen Rücken … und Vorderteil … obwohl ich ein Testmodell angefertigt hatte um das zu vermeiden, heul)

  • Das sieht super aus und sitzt jetzt schon (was man auf den Bildern sieht) perfekt! Bin gamz ehrfürchtig vor Deinem Können was das Schnitte konstruieren angeht – was ich mir derzeit gar nicht zutrauen würde. Das die Taille lieber höher angesetzt wird ist auf jeden Fall ein Aspekt den ich mir merken werde. Drücke Dir die Daumen das auch weitere Änderungen gut klappen!
    Liebe Grüße
    Nicole

  • Beim Lesen Deines Textes frage ich mich grade, ob Du manchmal ‘Kaufkleidung’ trägst? Bei der Akribie mit der Du einen Schnitt zur Vollendung bringst, kann ein fertiges Teil doch nie und nimmer Deinen Ansprüchen genügen…
    LG Elke

    • Ich habe das letzte Mal etwas anderes als Wäsche gekauft – Moment, lass mich denken und rechnen – vor bestimmt drei oder vier Jahren. Und habe es dann wieder umgetauscht …

      Das passt ja auch hinten und vorne nicht, wortwörtlich: zu kurz, zu eng, zu weit, zu tief, zu flach – alles auf einmal und überall 😀 Aber wenn ich es schon selber mache, dann möchte ich doch gerne an den Punkt kommen, wo es dann besser passt. Und von da aus geht man doch automatisch noch ein Schrittchen weiter und weiter. Leider immer am Abhang entlang 😀

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