Nicht unser Tag

Wirklich gar nicht.

Das Einzige, was mich in manchen Momenten trösten kann, ist die Gewißheit, die mißliche Lage später bloggend verarbeiten zu können. Der Trost war heute nötig, aber mal so richtig. Ich hänge jetzt auf dem Sofa in eine dicke Decke eingekuschelt, da der Gatte die Heizung noch nicht anzustellen gedenkt, das große Kind hat seine Pflichten von Katzenklo bis Spülmaschine bereits erledigt und loomt nun vor sich hin, das kleine Kind hat sich freiwillig bereit erklärt, das Bad zu putzen – ich habe das nicht weiter hinterfragt; zu erleichtert war ich, diese Arbeit abgeben zu dürfen, wohlwissend, dass ich da morgen noch mal hinterher gehen muss – und sobald ich wieder frisch bin, geht es ans Staubsaugen und Kochen. Nähen kann ich für heute knicken, dafür darf ich heute abend bügeln. Hurra, so hört der Tag doch wenigstens passend auf.

Alles begann damit, dass ich den Jungs versprach, mit ihnen in die Innenstadt zu fahren, wo sie nach noch mehr Looms zu suchen gedachten; ich wollte nach dem einzigen Kleidungsstück suchen, das ich seit Jahren kaufe und nicht selbst herstelle: Feinstrickrollis, bevorzugt in blau, grau, lila. Warme Handschuhe, ein paar Strümpfe, vielleicht ein schönes Buch und – so fällt es mir JETZT ein – drei Reißverschlüsse für die nächsten Röcke. DIE habe ich natürlich vergessen, das macht den Tag noch besser. Ab jetzt bin ich nicht mehr sicher, dass die Traumabewältigung per anekdotischer Bloggerei noch funktioniert …

Zwar hatte ich gesagt, ich führe nicht, sollte es regnen, aber da es nicht regnete, fuhren wir los, so gegen 9:15 – ich bin gerne deutlich vor 10:00 in der Stadt, um Parkhausplatzkämpfe zu vermeiden. Auf der Erich-Hoffmann-Straße – dem Einfallsweg in die Stadt aus unserem Bezirk heraus – standen wir dann: ja, ich hatte wohl gehört und gelesen, dort würden Straßenbauarbeiten durchgeführt, es aber verdrängt. Einspurig statt zweispurig, das macht was aus. Genau 20 min mehr. Als wir endlich durch waren, ging es erstaunlich flott über die Viktoriabrücke und selbst das Abbiegen in die Bornheimer Straße war problemlos. Das schien mir ein gutes Zeichen zu sein. Dachte ich noch 30 sec. Dann staute es sich und zwar richtig und ich wünschte wirklich, es wüßten mehr Kraftfahrzeugführer, dass man nicht in eine Kreuzung hineinfährt, egal, wie grün das eigene Ampellicht leuchtet. Pro Ampelschaltung kam ein Auto rüber. Da könnte ich wohl morden. Es scheint da eine nicht geringe Schnittmenge zwischen Kreuzungblockierer und Dienstwagen-Audis zu geben, aber meine Beobachtungen sind nicht gesichert. Und rein subjektiv.

Wie schön es ist, feststellen zu dürfen, dass auch die zweispurige Straße am Berliner Platz am Stadthaus nur einspurig ist – wer nicht aus Godesberg oder Beuel kommt, muss hier durch. Es scheint, in ganz Bonn wird gebaut und ein Durchkommen ist nicht mehr drin. Mittlerweile war es kurz vor 10:00; wir standen endlich in der Nähe der letzten Ampel vor dem bevorzugten Parkhaus, rollten schrittweise vor, als die Ampel auf Rot schaltete. Und unser Wagen ebenfalls. So ziemlich jede Warnleuchte unseres Armaturenbretts blinkte rot, rot, rot. Darunter eine Leuchte, die ich noch nie gesehen hatte – sie stellte sich als Motorstörungsleuchte heraus. Nicht gut, gar nicht gut. Alles an- und ausschalten, Gas geben, fluchen und aufs Lenkrad trommeln brachte gar nichts.

Das Wissen, hinter sich halb Bonn stehen zu haben, ist auch alles andere als entspannend. Warnblinker an, weiter Schlüssel drehen und noch mehr fluchen waren die einzigen Aktionen, zu denen ich mich fähig fühlte. Der erste Wagen lavierte sich mühsam links durch die Absperrungen hindurch – welch ein Glück, dass der Bagger weiter hinten stand und noch nicht bedient wurde. Die ersten drei Fahrer schauten immerhin leicht mitleidig herüber, ansonsten gab es vor allem blöde Blicke und Kopfgeschüttele. Weil ist ja klar: ich dachte, ich parke hier einfach mal und schau mir die Baustelle an. Machen wir ja alle mal gerne.

Nun gehöre ich ja zu der Minderheit derjenigen, die weder mit Handy noch Smartphone oder Tablet unterwegs sind. Eine sehr nette junge Frau tauchte rechts von uns am Bürgersteig auf und fragte, ob sie was tun könne, jemanden anrufen vielleicht. Wir überlegten hin und her, wer wohl der richtige Ansprechpartner sei und entschieden uns für die Polizei, die sich auch für zuständig empfand. Und jemanden vorbei schicken wollte. Diese gute Seele von junger Dame war es auch, die links von mir den LKW bzw. den dazugehörigen Fahrer bemerkte, der gerade dabei war, eine Absperrung zu entfernen, um an mir vorbei zu kommen, und hielt ihn auf. Ob man mich nicht ein wenig beiseite schieben könne – vielleicht hinter die Absperrung? Soweit hatte ich noch nicht gedacht, ich hatte nur krampfhaft überlegt, wie ich dem großen Sohn eine Möglichkeit zur Erleichterung seiner Blase verschaffen könne. Weil DAS musste ja nun auch noch sein.

Der nette Mann fand dies Ansinnen gerechtfertigt und schob uns nach links. Wo wir nun blinkend standen. Der Kleine saß weinend hinter mir (“Unser schöner Tag ist ganz kaputt und alle sind so gemein zu uns.”), der Große drohte, sich jeden Augenblick in die Hose zu machen; immerhin waren wir nun schon eine Stunde unterwegs. Das Problem lösten wir, als sich die Straßenbahn zwischen uns und die auf sie wartenden Passagiere schob, indem er die Tür öffnete und den Baustellenaushub nässte. Was nicht weiter auffiel, denn mittlerweile regnete es in Strömen und wir sahen durch unsere beschlagenen Fenster nicht mehr viel. Außer dem ersten, dem zweiten und dem dritten Streifenwagen, die ungerührt an uns vorbeifuhren. Alle zehn Minuten testete ich, ob der Wagen nicht doch wieder wollte. Wollte er nicht.

Um viertel vor zehn tauchte einer der Herren auf, die nun an der Baustelle zu baggern gedachten – zum Glück ein ausgeprochen humorvoller und netter Mann, der an mein Fenster mit den Worten trat, er habe da ein Problem. Ich versicherte ihm, das Gefühl kenne ich, ich habe auch eines. Es waren auch wieder zehn Minuten rum, so wagte ich einen erneuten Versuch, den Wagen zu starten. Und er lief, allerdings weiterhin mit Motorwarnzeichen.

Nun war ich mir nicht sicher: muss ich hier auf die Polizei warten? Mittlerweile waren 50 min vergangen und hatte zwei leicht erschöpfte Kinder im Wagen. Nun stand der nette Mensch noch neben mir, ich ließ den Wagen weitere 5 m nach vorne rollen, damit zumindest gearbeitet werden könnte und durfte mir dafür sein Telefon leihen, um dem Gatten Bescheid zu geben; er solle in der Nähe des Telefons bleiben, ich würde mich melden, sobald ich mehr wisse. In diesem Augenblick kam der nächste Streifenwagen und mein Helfer erbot sich, die Insassen auf mich aufmerksam zu machen, nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie nicht zu mir wollten.

Hahahaha, das war denn doch nicht die Erlösung. Wir wurden ignoriert, etwas Wichtigeres rief diese Streife herbei. Das war der Moment, in dem ich dachte, ich hätte mich nicht zur Seite schieben lassen, denn dann wäre schon längst jemand bei uns gewesen. Ich fuhr also los, mit Warnblinklicht und 20 km/h – fühlte sich und hörte sich nicht gut an. Im Geiste hatte ich mir eine Strecke zurecht gelegt, die zu einem Parkplatz führte, der auch von einem Abschleppdienst erreicht werden könnte – Parkhaus, so nah es lag, verbot sich von selbst. Die Strecke dorthin war so, dass man mich jederzeit problemlos würde überholen können. Nunja, fast, bis auf die Straßenbahn, auf deren Gleisen wir entlangtuckerten.

Wider Erwarten ging alles gut und so waren wir nach zwei Stunden endlich wieder raus aus der Karre. Erst beim Aussteigen bemerkte ich: spurlos geht das an der alten Frau auch nicht mehr vorüber, denn meine Kniee wackelten und zitterten ganz ordentlich.

Nun ging die Suche nach einer Telefonzelle los. Soetwas, die Älteren unter euch werden sich erinnern, gar es früher einmal: man öffnete ein Türchen, hob einen Hörer hoch, warf einige Münzen ein, wählte und konnte einem Menschen auf der anderen Seite das wirklich Wichtige erzählen. Wirklich wichtig deshalb, weil man in eine solche Zelle nur hinein ging, wenn es sich nicht vermeiden ließ – so richtig toll roch es dadrin nicht. Wir fragten verschiedene Menschen auf der Straße, aber alle schauten mich verdutzt an, überlegten zwar fleißig mit, aber niemand konnte sich erinnern, ein solches Gehäuse gesehen zu haben. Ich hätte auch nach der Tardis fragen können und hätte wohl mehr Erfolg gehabt.

Wir suchten und suchten – gefunden habe ich eine wo? Da, wo man mit Jungs von 8 und 10 Jahren unbedingt vorbei möchte: neben Frau Uhse und ihrem Angebot. Klar, ist ja auch unser Tag und während ich die letzten Münzen zusammenraffte, war ich aber auch gar nicht daran interessiert, albernes Gekichere und lautes Iiiiihhh-Bäääh-Geschrei zu tolerieren.

Der Gatte war zum Glück im Büro und nicht irgendwo sonst im Werk unterwegs. Ich weigerte mich strikt, den Versuch zu unternehmen, den Wagen nach Hause zu bringen und so meldete sich mein Held bei seinen Kollegen ab, schwang sich aufs Rad und verlegte seine Mittagspause auf halbzwölf vor. Und da er wirklich Hunger hatten, begaben wir uns erst einmal in einen kleinen Deli, der Flammkuchen anbot. Wir waren die ersten des Tages, die dieses Begehr äußerten. Es dauerte im Vergleich zu sonst erstaunlich lang, also wirklich sehr lang, richtig lang, bis die dünnen Teigfladen fertig werden wollte. Eines der drei liebenswürdigen Mädels, die dort belegten, buken und schöpften, kam zu uns mit dem Angebot, uns ein Brot zu bringen, um den ersten Hunger zu stillen, denn – beinahe hätte ich gesagt, natürlich – der Ofen mache nicht so recht mit …

Wie die drei Grazien es schafften, in dem mittlerweile immer voller werdenden Lädchen die Ruhe zu bewahren, ist mir ein Rätsel, aber es gelang ihnen. Und nachdem mein Flammkuchen kam, Tommys im Eimer landete, Lennys und der des Gatten nach einer halben Stunde, Tommys zweiter dann doch auch vor ihnen standen, kehrte das erste Mal so etwas wie Wärme, Entspannung und Zuversicht ein. Bis der Gatte mit einem Blick auf die Uhr aufsprang, sich von mir Autoschlüssel und Parkschein geben ließ und losflitzte. Ob er den Wagen heil aufs Firmengelände hat bringen können und ob der ADAC ihn sich besah – ihn, den Wagen, nicht ihn, den Gatten – ich weiß es noch nicht, denn erreichen kann ich ihn nicht – ihn, den Gatten, nicht ihn, den Wagen.

Nun hatte ich vor, den Jungs den Vormittag bzw. den Mittag doch noch schön zu machen und wanderte mit ihnen durch die volle Stadt auf der Suche nach dem perfekten Loom-Angebot. Wir liefen und liefen und liefen und irgendwann schmerzten meine Füße. Richtig gemein. Heute morgen dachte ich noch, so kalt wird es nicht, zieh doch einfach die Feinstrumpfhosen an – für zwei Stündchen geht das doch in den Stiefeln. In der Tat: für zwei Stündchen ging es. Für ausgewachsene vier Stunden aber überhaupt nicht: gibt es irgendjemanden, der mit diesen Strümpfen in Schuhen gehen kann, ohne dass es scheuert?

Dazu kamen dann noch so Kleinigkeiten wie Toiletten außer Betrieb, nicht funktionierende Fahrstühle, ein vor der Nase wegfahrender Bus, ein pöbelnder alter Mann und ein sich verabschiedender Regenschirm, als es wieder losgoß. Nun ist es halbfünf und ich wünschte fast, die Nacht bräche herein, damit dieser Tag ein Ende hat. Wirklich nicht unser Tag.

PS:
Stand gerade in der Küche und warf einen Blick auf die Terrasse – sah nicht gut aus. Zwei Amseln waren noch und wohl den ganzen Tag damit beschäftigt, Moos aus den Ritzen zu puhlen. Hübsch, wirklich hübsch. In der Küche stand ich, um mir entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten ein Mikrowellensüßsauerreisgericht zu bereiten, von wegen innerliches Frieren. Schmeckte ziemlich widerlich. Habe daraufhin mit Bügeln begonnen. Bügeleisen gab auf. Ja. So. Was kann ich sagen?

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5 thoughts on “Nicht unser Tag”

  • Mensch, das war ein ganz besch… Tag! Fühl Dich mal kräftig gedrückt. Sowas ist immer (mit Kindern noch mehr) blöd, leider durften wir solche “Ausflüge” auch schon mehrfach erleben, daher kann ich DIr sehr gut nachfühlen. Wünsche Dir das morgen alles viel besser wird, und die Erfahrung zeigt das solche Tage nicht hintereinander kommen! Und wenn Du morgen vielleicht arbeiten mußt (erinnere ich mich richtig?) dann kommen bestimmt nur die nettesten Menschen zu DIr!
    Liebe Grüße und schon mal ein schönes Wochenende, Nicole

  • ohoh, solche Tage kenne ich … da hilft nur ruhig auf der Couch sitzen und nichts anfassen (nicht mal ansehen 😉 ), sonst gehts kaputt! Liebe und mitfühlende Grüße, Zuzsa

  • Oh je, das hört sich nach einem echt besch… Tag an. Wenigstens seid ihr wieder gut nach Hause gekommen. Ich tröste mich dann immer damit, dass es nach so viel Minus wegen Ausgleich auch mal wieder Plus geben darf 🙂

    *wink*

  • und ich dachte mein Tag wäre bescheiden gewesen … Aber die Bilder rechts (Riviera! Sonne! ach ja … ) haben es gerade eben gerettet.

    Zumindest musst Du nicht bügeln wenn das Bügeleisen sein Dienst quitiert hat… Drücke Dich ganz warm. Morgen wird’s besser, bestimmt!
    LG
    J.

  • Den Tag musst du bitte ganz, ganz schnell vergessen!
    Ich wünsch dir auf jeden Fall für heute einen ruhigen wunderschönen Tag.
    Ganz liebe Grüße
    Arlett

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