Ode an die ‘Stille Leserin’

Heute morgen, ich erwachte hold und frisch aus engelsgleichem Schlaf, wehte ein Gedanke um mein Haupt, noch bevor ich frohgemut die Füße aus dem Bett schwang, meinen Morgengruß trällerte und mich an meinem Spiegelbild entzückte. Er musste demnach wichtig sein. In den letzten Tagen nämlich – wir alterten gemeinsam mehr oder weniger lustig vor uns hin – verblüffte mich die hohe Anzahl der mir bislang unbekannten Leserinnen, die aus ihrer Stille heraus traten, um sich zu Wort zu melden. Als nun vor ein paar Stunden eine nun nicht mehr stille Veronika genau und eben diesen Gedanken in ihrem Kommentar aussprach, nahm ich das als Zeichen – da muss eine Huldigung her.

Nun war es heute morgen also – um bei der Wahrheit zu bleiben – so, wie es immer ist: eine der Katzen, sie wechseln sich da ab, weckte mich um halbvier, in dem sie sich dicht vor mein Gesicht setzte, mich ein wenig ansabberte und eine ihrer Pfoten so an mein Augenlid schob, dass ich nicht anders konnte, als wach (=nicht mehr tief schlafend) zu werden und sie anzublicken.
Sie gab sich überrascht und erfreut: ‘Na, wo wir beide gerade wach sidn und keiner Zeit für uns hat, wie wäre es da mit einer Schmusestunde?’
Sie schnurrte, so laut es ging, kuschelte sich zwischen Ohr und Schulter zurecht, griff mit zwei Pfoten nach meiner Hand und zog sie auf ihren Bauch. Pflichtschuldigst kraulte ich ein paar Sekunden, doch bevor ich ins Traumreich zurücksinken konnte, stupste sie mich an. Ich kraulte, wollte wieder einschlafen und so ging es bestimmt eine halbe Stunde lang weiter: sie stupste, ich kraulte, sie stupste, ich kraulte. Ich war schlicht zu müde, um sie aus dem Zimmer zu werfen. Um sechs kam Katze zwei, die hinein wollte. Und maunzte. Und kratzte. Und jaulte. Nummer eins wollte nun hinaus. Also wankte ich zur Türe und ließ hinein und hinaus. Legte mich wieder hin. Es maunzte und kratzte erneut: Nummer eins wollte wieder rein. Beide Katzen saßen erwartungsvoll auf meinem Bauch. Ich dämmerte vor mich hin. Um sieben klingelte der Wecker und da stand in Leuchtlettern vor mir geschrieben: Ode an die stille Leserin … nun bitte, ich bin noch immer müde-lich und gebe mein Bestes, denn:

Ich freue mich über jeden Kommentar, weil die allermeisten mich zum Lachen bringen, mich trösten, mir raten, mich loben, mir weiterhelfen, mich auf den Boden holen oder fliegen lassen.
Besonders spannend aber ist es, wenn es persönlich wird, wenn jemand mit den Worten beginnt: “Ich lese ja schon länger (oder kürzer) deinen Blog und mag dieses oder jenes, aber heute wollte ich doch auch einmal etwas dazu sagen und zwar …”
Auf einmal ist da eine Frau, die nicht mehr nur eine statistische Besucherin ist, sondern eine, die mir etwas zu sagen hat, die etwas mit mir teilt und die ich mir nun irgendwie vorstellen kann. Die mir beim nächsten Beitrag über die Schulter schaut. Auf die ich mich freue. Es ist zweierlei, wenn ich einerseits immer behaupte, da draußen gibt es so viele tolle Frauen (wenn sie es nur immer mal alle wüßten 🙂 ) und etwas ganz anderes, wenn es mir auch bewiesen wird. Schön ist dabei natürlich auch, wenn ich merke, ich stehe mit meinen Gedanken, mit meiner Wut oder Trauer, mit meinen Ängsten, Unsicherheiten oder Albernheiten, meinem Können oder meinem Unvermögen nicht alleine da – was ich so vor mich hingeschrieben habe, hat eine andere in genau dem richtigen Moment an der richtigen Stelle gut getan, sie angeregt, sie amüsiert: was auch immer – sie hat mir geantwortet und mir eine Freude bereitet. Ist das nicht schön? Das Problem, das ich jetzt habe: eine Ode ist ja nicht einfach ein Lobeswort, ein Liebesbrief oder ein Limmerick – es ist ein edles und erhabenes Heldenlied. Ich kann nicht einfach loslegen und wild drauf los reimen – also beispielsweise so was wie:

Liebe stille Leserin,
nun stell einmal den Besen hin
und komm an meine Seite hin,
damit ich nicht allein bin.

Sag mir ein Wort
an diesem Ort
ganz leis’ ins Ohr –
ich beug’ mich vor.

Dann dank’ ich dir
und sage mir
wie fein es ist,
dass du hier bist.

Ja, ne, so geht das nicht – das Reimen habe ich wegen massiver Unbegabung schon zu jungen Jahren aufgegeben, besser war das. Besser bleibt das auch so.
Gut, eine Ode – eine wirklich blöde Idee, das. Heroisches geht mir eher nicht von der Hand oder über die Lippen. Hätte ich nicht aufwachen können und an ein ‘Hallo an alle da draußen!’ denken können? Nun, es stand ja nirgendwo, diese Ode müsse heute, hier und jetzt, geschrieben werden – also: ich arbeite daran und so in ein oder zwei Jahrzehnten werde ich so weit sein. Soll ja auch ein Werk für die Ewigkeit werden. Homer und so.
Heute sage ich einfach einmal Danke. Und weil ich dabei bin, Danke auch an alle anderen, die ganz und gar nicht still sind und waren – einen bekannten Namen zu lesen, eine Schreibe zu erkennen, ein Grinsen zu sehen und den Tonfall zu hören, weil man die Person dahinter einfach schon richtig gut kennt, macht nicht weniger glücklich.

Blumen_70004_SCplusV2

So, bevor wir hier ganz rührselig werden, hole ich meine Stricknadeln raus, fernsehe noch ein Stündchen etwas Anspruchsloses und bereite gedanklich die nächste Buchvorstellung vor. Wenn ich gerade mal so blogfleißig bin, dann muss ich das auch nutzen.



11 thoughts on “Ode an die ‘Stille Leserin’”

  • Hach, schön!!! Ich wünschte, ich hätte nicht nur mehr Leser sondern auch mehr Kommentatorinnen, denn ohne Kommentare werden die Selbstgespräche öde und posten macht mit viel mehr Spaß!
    LG, Sabine

  • ebenfalls “katzen geweckt” ist es doch ganz wunderbar, den tag mit aufgehender sonne, heißem kaffee und einen so schön geschriebenen text lesend zu beginnen 🙂
    lg anja

  • Guten Morgen und danke…… ich war bis vor kurzem auch eine Deiner “Stillen”.

    Ich wünsche Dir einen wundervollen Tag.
    LG Janine
    PS Du bist gut erzogen oder ? Die meisten Katzen haben es schwer gutes Personal zu finden. Hihi, bei uns wohnt ein Hund, der manchmal genauso denkt.

  • Also, bei mir hat es geklappt, Du hast mich gelockt. Ich lese immer gern bei Dir, Du schreibst nicht nur schön über meine größte Leidenschaft, dem Nähen, sondern zeigst eben auch Einblicke in Dein Denken, Deine Gefühlswelt. Das mag ich gern, das macht einen Blog für mich lesenswert.
    Früher habe ich viel viel mehr kommentiert bei anderen, aber leider handhaben es halt viele so, das sie nie, aber auch wirklich nie antworten, und das macht mir keinen Spaß.
    Nun wünsche ich Dir einen schönen Tag, Deine, heute mal “unstille” Leserin!

  • Mußte heute morgen schon herzlich lachen wegen der Katze die um halbvier Dir liebevoll die Augen öffnet. Unsere hat leider eher die Angewohnheit mir morgens zu unchristlicher Zeit in die nackte Fußfessel zu beißen um mir unmissverständlich klar zu machen dat se jetzt gerne wat im Napf hätte. (Notiz an mich: der nächste Mitbewohner wird mit Sicherheit nen Kater 😉

    Grüßle Steffi

  • Ich fühl mich jetzt als bisher stille Leserin einfach auch angesprochen – und genau solche Posts von Dir, so liebevoll amüsant und treffend (jaja, die Samtpfoten 🙂 ), sind es, warum ich Deinen Blog und fast alle Blogs Eurer kleinen feinen Näh-Clique schon so lang verfolge und ganz bestimmt nicht mehr dauernd still bin.

    Du und die anderen Damen sind mittlerweile fixer Bestandteil meiner Abendlektüre und ich freue mich jeden Tag auf’s Stöbern in Euren Blogs 🙂
    Viele liebe Grüße aus Österreich
    Andrea (nukimama)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Einverstanden

Please leave these two fields as-is:

Protected by Invisible Defender. Showed 403 to 545.326 bad guys.