Offiziell langweilig

Ja, ich bin absolut langweilig und vorhersehbar in meiner Kleiderwahl – zumindest dann, wenn ich mich auf das besinne, worin ich mich am wohlsten und schönsten und echtesten fühle. Kleine Versuche links und rechts davon und sommerliches Ausweichen auf 50er-inspirierte Schnitte wird es immer wieder geben, aber danach krabbele ich doch gar reumütig in meine Schnittkomfortzone zurück:

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Da die Stoffmenge begrenzt ist, modele ich mir zur Zeit zwei Schnitte zurecht, die meinem Beuteschema entsprechen: betonte Taille, mäßig weite Röcke, Raffungen und weiche Falten im Oberteil, kurze oder keine Ärmel. Danach soll noch ein ganz schlichtes Leinenkleid ohne jedes Tralala folgen.

Der Rock vom vorletzten Sonntag ist fertig, aber nicht vorzeigbar. Was nicht am Rock liegt, sondern daran, dass ich nach den letzten zehn Tagen schon wieder bei 60 kg gelandet bin und das dem Rock gar nicht gut steht. Disziplin muss Einzug halten, was aber – und ich bin da völlig unschuldig, höchstens leicht verführbar durch widrige Umstände! – seit Dienstag der letzten Woche so gar nicht ging.

Am Montag fuhren wir dank der Kinder und des im letzten Moment noch vollkommenen verwüsteten Haushaltes leicht verstimmt in die Eifel – wirklich und wahrhaftig spießig und erwachsen genug! – in einen Center Parc. Was sogar ganz nett hätte werden können: kurze Anreise, mehr oder weniger vertraute Umgebung, günstiger Preis dank kluger Planung, Schwimmbad, Tennis und Minigolf parat, zur Not ein Fernseher.

Ja …
Wie immer verfuhren wir uns irgendwo auf dem vorletzten Meter und kurvten durch die unterschiedlichsten Örtchen: Orte, die kurz vorm endgültigen Absterben standen und andere, die mit der neuesten Technik den Verkehr regelten (auf einer Strecke kürzer als der Schulweg unserer Kinder), durch Waldstücke, die mitten im Winter stecken geblieben schienen und andere, die fast schon so weit wie das kaum noch blühende Rheinland waren. Nun war es wohl in den meisten Teilen Deutschlands kühler geworden – hier wurde es recht bitterlich frisch mit gerade mal 13 Grad, grauem Himmel und fiesem Wind.
Auf der kurzen Erkundungstour durch den Park – also wirklich, wirklich kurz! – begann ich mit Ohrenschmerzen, die sich so heftig steigerten, dass ich den ersten Nachmittag mit Decke und Buch auf dem Sofa begann, während die Bande schwimmen ging. Meine Laune ging latent gen Null und ich befürchte, das war spürbar. Das Buffet, das ich eigenmächtig dazu gebucht hatte – ich wollte auch Urlaub und nicht kochen – war verblüffend gut verglichen mit vielen anderen, die man bis heute durchlitten hatte: alles war warm, nichts zerkocht, sogar vegetarisches ließ sich finden.

Meine ursprüngliche Planung, die Kinder in einem Zimmer zusammen schlafen zu lassen und dem Gatten und mir jeweils ein eigenes zu gönnen, was zwar störendes Schnarchen, nicht aber eheliche Gemeinsamkeiten verhindert hätte, wurde natürlich zunichte gemacht, da sofort nach dem Essen ein Streit losbrach, wer wo schlafen würde. Kurz: Lenny schlief bei mir, Tommy beim Gatten und so hatten wir und vor allem all die anderen Urlauber drumherum ihre Ruhe. War auch besser so, denn nachts um drei erwachte ich mit hohem Fieber, gemeinen Halsschmerzen und nun wirklich ganz schlechter Laune. Mehr oder weniger erschöpft schlief ich gegen fünf wieder ein und erwachte drei Stunden später erneut – juhu, ohne Halsschmerzen, aber – argh! mit einem steifen Nacken und knacks, einem sehr wehen Rücken. Fieber war auch wieder runter, immerhin das. Für keine 24 Stunden Urlaub aber schon eine reife Leistung. Meine Sehnsucht nach einer Wanne war riesig; sollte ich derlei Kurztrips noch einmal zu planen haben, dann nur mit Badewanne und Privatsauna, sicher ist sicher.

Zwei Wünsche hatte ich: endlich die Burg Eltz sehen – und wenn ich nun noch von meinen vorherigen zwei Versuchen, dieses Kleinod heimischer Architektur zu erreichen, zu erzählen begänne, dann würde all dies hier noch viel länger, als es geplant ist. Sollte hier aber akuter Bedarf an nacherzählter Schicksalsfügung bestehen, so bitte ich dieses zu vermelden. Außerdem wollte ich ein Minimuseum besuchen, das nur dienstags und donnerstags geöffnet haben würde. Danach könnten die Männer ihren Urlaub nach ihren Wünschen planen. Nach einigem Hin und Her saßen wir also am späten Vormittag im Auto (übrigens nach Verzehr der ersten Marzipancroissants …) und suchten den Weg zur Burg. Den wir fanden. Wir standen auf dem Parkplatz und ich entschied mich heroisch, wir würden zu Fuß den guten Kilometer gehen. Obwohl es wirklich bitterlich kalt war und mir Waldwege am Hang entlang nicht geheuer sind: ständiges darauf achten, dass keiner hinuntersegelt, das Beobachten heimtückischer Steine und Äste auf dem Weg und das flackernde Licht, das durch die noch wenigen Blätter schien – dazu der steife Nacken. Als wir endlich vor der Burgbrücke standen, fühlte ich mich alt. So richtig. Jammerig, durchgefroren, Ohren pfiffen wieder; ne, das war nicht mein Tag. Aber heiho: welch eine wunderschöne Burg und wie ungewöhnlich gelegen. Seit ich denken kann, konnte ich nie an Burgen oder Katzen vorbeigehen. Hat sich nicht geändert.

Wir bogen nun also auf die Brücke ein und ich sah – was sonst – Kopfsteinpflaster der gröbsten und unregelmäßigsten Art. Von Natur aus mit schwachen Gelenken ausgestattet, schoß mir durch den Kopf, dass ich auf derlei gerne umknicke und es klüger wäre, mich beim Gatten einzuhaken. Der schon einen Schritt vor mir stand. Ich griff nach seinem Ellebogen, sagte noch etwas wie ‘Oh, bleib mal …’, jaulte dann auf und konnte es nicht fassen: noch vor dem ersten Schritt auf die Brücke hat es mich gerissen. Ich stützte mich auf den Brückenrand, was Lenny dazu brachte, mich dort wegzerren zu wollen, aus Angst, ich könne hinunterstürzen. Aber hoch ging es nicht mehr. Den linken Fuß konnte ich vergessen. Vor einer großen Truppe fremder Leute zu heulen ist keine Erfahrung, die ich unbedingt mehr als dreimal im Leben machen mochte, aber es ließ sich nicht vermeiden. Der Gatte versuchte mich zu stützen, aber nichts ging. Ein anderer, sehr großer Mann stürzte auf uns zu und gemeinsam schleppten sie mich erst einmal über die Brücke, in der Hoffnung, eine kurze Rast in einem der Gasthöfe würde mich wieder herstellen. Leider waren beide nur über sehr enge und steile Treppen zu erreichen, so dass ich auf einem Steinmäuerchen so lange festfror, bis ich der Meinung war, ich könne es nun doch noch einmal versuchen.

Gut, nachdem das vierte öffentliche Tränenvergießen gelaufen war, kam es auf Nummer fünf auch nicht mehr an – das tat nicht nur weh, das war wirklich, wirklich gemein. Früher, vor den Kindern, hätte ich mir bereitwillig einreden lassen, ich sei einfach nur besonders fimschig und wehleidig. Aber seitdem – hallo, nein! Ich habe zwei Kinder im Rekordtempo und ohne Schmerzmittel auf die Welt gebracht – ich weiß, wann es mir wehtut. Und das war nun der Fall. Gleichzeitig stieg der Frust hoch: kann es sein, dass ich nun wirklich VOR dieser Burg saß und NICHT hineinkonnte? Ich fühlte mich, als sei ich vier Jahre alt und hätte gerne mit dem Fuß aufgestampft. Oder wenigstens heulend auf dem Boden herumgerollt. Innerlich tat ich es.

Es hatte alles keinen Sinn und so schleppte mich der Gatte mühsamst über die Brücke zurück und schickte Lenny vor, dem Fahrer des Shuttlebuses zu vermelden, er möge doch bitte warten. Wir kamen an und sahen: Bus voll. Der Fahrer beugte sich heraus und meinte, er sei aber ganz schnell wieder zurück, ob etwas geschehen sei und ob wir warten könnten. Natürlich, keine Frage. Was denn geschehen sei? Die Gattin habe sich den Fuß verdreht. Da sprangen im Bus vier Herren auf, die ganz offensichtlich ihre Maschinen am Parkplatz stehen hatten: schwere Lederkluft und wilde Abzeichen. Belgisch-flämisch durchmischt ließen sie nicht zu, ich solle warten, zogen mich und die Kinder hinein – “Bei uns kommen Frauen und Kinder immer zuerst, immer zuerst” – platzierten mich sorgsamst auf einen Sitz und erklärten meinem Mann, wie er sich in den nächsten zehn Wochen zu verhalten habe – “sonst ruft deine Frau uns an und wir kommen mit vierzig Mann!” Soll noch mal einer sagen, es gabe keine Kavaliere mehr! So nutzt auch das Böseste noch einer guten Erfahrung.

Wir fuhren also wieder zurück und hievten mich erstmal ins Bett. Wo ich den Nachmittag über alleine meine Zeit mit einem Buch verbrachte. Nix mit onlinesurfen oder so. Es pochte und tuckerte und pulste ohne Ende, und ich war böse, traurig, wütend, frustriert. Dann Humpeln zum Buffet und sich dort von der Familie bedienen lassen, was unter anderen Umständen schön gewesen wäre. Letzten Endes verbrachte ich 42 Stunden im Bett und verpasste den schönsten, wärmsten und sonnigsten Tag. Der Gatte immerhin besorgte mir eine Onlinekarte, so dass ich mir alles mögliche ansehen konnte (und irgendwie gab es natürlich überhaupt rein gar nichts schönes nirgendwo) und mich dazu verführte, ein Spiel mit 46 Leveln komplett durch zu spielen. Mit Bonusrunde! Herrje, ich war verzweifelt. Dazu gab es dann Marzipancroissant 2 und 3. Und abends Buffet mit Softeis 3 und Erdbeermousse 2.

Am Donnerstag humpelte ich dann wieder langsam und bedächtig umher, durfte auch endlich mit ins Schwimmbad und stärkte mich mit Croissant 4 und Eis 5 und 6. Sogar mein Minimuseum – das Nostalgikum – besuchten wir; nach der guten Stunde war ich allerdings ratschkapott und benötigte Corissant 5. Und noch das eine oder andere nervennährende Eis beim Buffet. Hmm, ich höre nun mit dem offiziellen Zählen auf, ich habe einfach keine Disziplin.

Ja, und am Freitag gegen mittag nach einem weiteren Schwimmbadbesuch ging es wieder nach Hause und ich hatte das dringende Bedürfnis nach Erholung: so elend und fertig bin ich noch nie nach Hause zurück gekehrt. Unsere Katzen waren nach anfänglicher Scheu und Meckerei selig wie nie und beäugen nun jeden unserer Schritt mit Argusaugen – gut fanden sie unser Fernsein nicht.

Nun könnte ich ja seit Freitag auf Marzipanentzug sein. Leider, leider hielt der Gatte es für eine gute Idee, mich zu Ostern mit einer Riesenpackung Marzipankartoffeln und gestern mit einem Marzipanhörnchen zu überraschen. Er wunderte sich gestern abend einmal kurz, wo ersteres wohl hingekommen sein mag – ich habe da eine Vorstellung, aber das kann eigentlich gar nicht sein …

Den heutigen Vormittag habe ich mit Haushalt bzw. Bootcamp verbracht: Treppe rauf, Treppe runter, zu Fuß zum Einkaufen, gleich noch Boden wischen und zwischendurch kochen und später noch ein bißchen Fitnesstraining, dazu kein einziges Stück Marzipan – wäre doch gelacht, wenn ich den Rock nicht bis Montag würde zeigen können. 😀



14 thoughts on “Offiziell langweilig”

  • Vergiss die Disziplin, das war Leben unter Extrembedingungen. Da braucht man schon ein bisschen Nervennahrung. Du kannst dich ja zuhause wieder kasteien. Und ich hab jetzt Appetit auf Marzipancroissants 😀

    • Appetit … ich finde, das ist ja ein sehr niedliches Wort, das meine Zustände in der Regel nicht beschreibt. Appetit habe ich ja grundsätzlich IMMER!
      Ich lebe halt immer noch in dem Wahn, 52 kg mühsam halten zu müssen und das ein kurzes Denken an irgendetwas essbares automatisch Monsterhunger sein müsse. 😀
      Ok, da will ich auch nicht wieder sein, dieses ständig schaufeln müssen, um nicht wieder irgendein Trampeltier zu einem besorgten “Hast du wieder abgenommen?” zu nötigen, aber du meine Güte: 13 oder 15 kleine Croissants und ein Kilo Marzipankartoffeln können doch nicht sooo wichtig sein??? Ach Mist, wem mache ich was vor? 😀

  • 52 kg????
    Du bist ja jeck…
    Ich wollte nie eine 6 vorne stehen haben, aber mittlerweile ist mir das wurscht, solange meine Kleider noch passen und es keine 7 wird.
    Also, raus aus dem Versteck mit den Marzipankartoffeln und rein in den Mund – mjamm! 🙂

    • 52 kg war bis zu meiner ersten Schwangerschaft mein Maximalgewicht, mehr ging einfach nicht. Und das war mit richtig viel Fresserei verbunden, das kann ich dir wohl sagen. Ich habe es gehasst.

      Die Zahl an sich ist mir schnuppe, dass ich gerade nichts anderes zum anziehen habe als eine weite Hose – das stört mich massiv.

  • Sorry aber ich musste doch lachen, so amüsant ist das geschrieben – obwohl Du so in der schönen Eifel leiden müsstest …. Ich hoffe Dein Fuß, Hals, Rücken sind jetzt in Ordnung?
    Da sind meine 13 Jahre Warterei auf Drachenfels wohl der der niedrigere Preis ;-).
    Gute Besserung

    Das neue Kleid wird bestimmt toll 🙂 (wie beneidenswert ist es wenn das was man mag und gerne trägt kompatibel mit der eigenen Figur ist …. obwohl, ich trage jetzt den schnurrenden Findus, der ist mit allem kompatibel)

    • Weiß ich das so genau? Wer weiß das schon 😀 Aber im Augenblick hadere ich nur, weil ich zwischen viel zu vielen Ideen hin und her schwanke und für den Stoff, den ich eigentlich verarbeiten wollte, doch noch mal was anderes brauche. Brrrrr …

      Aber auf den Drachenfels immerhin hatte ich es doch schon geschafft 😀 Und wenn man hinterher drüber lachen kann, dann hat es ja wenigstens was Gutes – das zweite ja schon!

  • Guten Morgen,
    ich kann dich so gut verstehen. Auch zwei Kilo können sehr lästig sein.
    Du schaffst das! Der Feind ist vertilgt, dein Rock ruft 😉
    Langweilig? Bitte was ist hier langweilig? Bei dir ist es toll, bewundernswert und liebenswert und es hat Stil … nämlich deinen 😉
    Einen schönen Tag
    Nina

    • Oh, ups, danke dir. Wenn ich hier so vor mich hin bastele, finde ich mich schon recht eingeschränkt in meinen Vorlieben. Aber dann wieder denke ich mir: ich mache es mir oft schon schwer genug, da muss ich nicht noch täglich originell sein.
      Und mich neu erfinden mag ich auch nicht 😀

  • Ach, Süße…. wohlfühlen ist am wichtigsten !!! Sei es bei der Kleidung, beim Nähen oder beim Gewicht. Wir machen uns doch alle schon genug Stress, da sollten wird solchen vermeiden. Gute Besserung.
    Liebe Grüße
    Janine

  • Oh Schatz! So ein Urlaubsdrama kann ausschließlich mit Marzipan ertragen werden. Da tut das mit den Kilos nix zur Sache. Wat mut dat mut.
    Trotzdem ich mitfühle konnte ich mir das Lächeln bei der Schilderung nicht verkneifen. Schön geschrieben, mal wieder.
    liebste Grüße
    Deine Sabine

    • Ich bin ja von Natur aus weder sehr mutig noch sehr zuversichtlich oder gar optimistisch. Ich bin auch nicht gerade das Gegenteil, aber wenn ich leide, dann richtig. Das einzig gute daran ist, dass ich manchmal währenddessen schon daran denke, wie lustig es auch wieder sein wird – später, wenn ich es einer guten Freundin erzähle.

      Ich wünschte nur, ich wäre schmerz- und peinlichkeitsunempfindlicher gewesen und hätte es gewagt, mich vor allen auf den Boden zu werden und auf selbigen heulend herum zu trommeln. Ob mir wohl jemand übers Haar gestrichen hätte und Schoki gekauft hätte? Oder hätte ich mich mit einem “Ähm, ja, da drüben ist dann die Kamera …” aus der Situation heraus retten müssen? Ach, einmal noch vier Jahr alt sein und den Frust rauslassen können … 😀

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